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salin, geschichte der volkswirtschaftslehre (2007, reprint von 1929)

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THÔNG TIN TÀI LIỆU

Thông tin cơ bản

Tiêu đề Geschichte der volkswirtschaftslehre
Tác giả Edgar Salin
Trường học Springer
Chuyên ngành Volkswirtschaftslehre
Thể loại Reprint
Năm xuất bản 2007
Thành phố Berlin
Định dạng
Số trang 120
Dung lượng 4,66 MB

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Nội dung

Ist PLATONS Wesen als Staatsbildner, als Gesetzgeber und als Erzieher, ist PLATONS Leistung als Staatsgriindung und als Menschenformung zutiefst zu fassen — die dialektisehe Philosophie

Trang 2

Meilensteine der Nationalokonomie

Trang 3

Meilensteine der Nationalokonomie

F A Hayek (Hrsg.) • Beitrage zur Geldtheorie

XVI, 511 Seiten 2007 (Reprint von 1933) ISBN 978-3-540-72211-3

F Machlup • Fuhrer durch die Krisenpolitik

XX, 232 Seiten 2007 (Reprint von 1934) ISBN 978-3-540-72261-8

0 Morgenstern • Die Grenzen der Wirtschaftspolitik

XII, 136 Seiten 2007 (Reprint von 1934) ISBN 978-3-540-72117-8

E Salin • Geschichte der Volkswirtschaftslehre

XII, 106 Seiten 2007 (Reprint von 1929) ISBN 978-3-540-72259-5

G Schmolders • Finanzpolitik

XVI, 520 Seiten 2007 (Reprint von 1970) ISBN 978-3-540-72213-7

W Sombart • Die Ordnung des Wirtschaftslebens

XII, 65 Seiten 2007 (Reprint von 1927) ISBN 978-3-540-72253-3

F W Taylor, A Wallichs • Die Betriebsleitung insbesondere

der Werkstatten

X, 158 Seiten 2007 (Reprint von 1919) ISBN 978-3-540-72147-5

Trang 5

Enzyklopadie derRechts- und Staatswissenschaft

ISBN 978-3-540-72259-5 Springer Berlin Heidelberg New York

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nation alb ibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet iiber http://dnb.d-nb.de abrufbar

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© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2007

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Herstellung: LE-TEX Jelonek, Schmidt & Vockler GbR, Leipzig

Umschlaggestaltung: WMX Design GmbH, Heidelberg

Trang 6

E N Z Y K L O P A D I E DER RECHTS- UND STAATSWISSENSCHAFT

Trang 9

Vorwort

Die ,,Geschichte der Volkswirtschaftslehre", deren erste Auflage ausgangs des Jahres 1923 herauskam, ersoheint nunmehr in jener Gestalt, die ihrem Stoff und ihrem Sinn entspricht DaB diese Neugestaltung nicht eine neue Anschauung, sondern nur eine neue Formung des ehedem mehr als bekannt vorausgesetzten denn in Wort und Bild vermittelten Stoffes bringt, bedarf kaum besonderer Be-tonung und Begriindung Manches MiBverstandnis, das der fruheren, durch auBere Griinde raumlich beschrankten Fassung widerfuhr, mag hierdurch ausgeschlossen sein Soweit aber der Kampf nicht dem Inhalt der Schrift, sondern der Haltung des Verfassers gait, vertrauen wir, daB unter der Jugend das neuerwachte Wissen

um den erzieherischen Sinn aller bleibenden Geschichtschreibung den Wahn getilgt hat: eine ,,wertfreie" Standpunktlosigkeit allein sei wissenschaftlich, und ein vor-siehtiges Herumgehen um jedes Urteil nach dem beriihmten Muster von ,,Einer-seits" und „Andererseits" sei nicht nur der zulassige, ja der einzige Weg gerechter Wurdigung, sondern auch das beste Mittel zur Aufhellung der echten Grofie von Menschen und Werken der Vergangenhcit

DaB die geschichtliche Forschung unvoreingenommen und voraussetzungslos

an den Stoff herantreten muB, daB aber die geschichtliche Darstellung des schaftlichen Herzens und der formkraftigen Hand nicht entraten kann — des zum Zeichen sei diese zweite Auflage der Erinnerung an zwei grofie deutsche Gelehrte gewidmet, denen Kampf ein Element des gesamten Daseins und des wissenschaft-lichen Lebens gewesen ist:

leiden-ALFEED V DOMASZEWSKI

(1856—1927) Erforscher von Religion und Heerwesen des alten Rom

GBOKG V BELOW

(1858—1927) Erforscher von Stadt und Staat des deutschen Mittelalters

Trang 11

Vorgeschichte

I Athen

Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft ist eine Ersoheinung, die ausschieBlich

der europaisch-amerikanischen Modernc angehort Ihre Geschichte beginnt mit

dem Erwaohen des individualistischen Geistes, mit der Entstehung nationaler

Territorien und Reiche und mit dem Sieg des rationalen Kapitalismus iiber das

traditionale Wirtschaftshandeln des Mittelalters Ihre geistige und politische

Be-deutung wird enden an dem Tag, da diese sehon ermattenden Kriifte den Kampf

aufgeben gegeniiber neu-aufkommenden oder alt-erstarkenden Bindungcn

religios-universaler Herkunft

Bei solch bewuBtem Ernstnehmen des geschichtlichen Inhalts des Begriffes

Volkswirtschaftslehre, bei seiner Deckung mit ihrer Erscheinungsform in den

letzten vier Jahrhunderten, ist es notwcndig, alio friiherenWirtsohaftsbetrachtungen

als Vorgeschichte aufzufassen Jedoch ist zu betonen, daB sie zwar Vorformen der

Volkswirtschaftslehre sind, daB sie aber in einer Geschichte der allgemeinen

Wirtschaftslehre vollen Anspruch auf gleichartigo und gleichwcrtige, wenn nicht

gar hoherwertige Berucksichtigung geltend machen miifiten Denn nur modcrner

Fortschrittswahn konnte glauben, die Erkenntnisse heutigor Wissenschaft seien

dem antiken wie dem mittelalterlichen Menschen unerreichbar geblieben, und in

der kapitalistischen Wirtsohaft und Wirtschaftslehre offenbare sich der allgemcine

Eortschritt der Jahrhunderte und die besondere Uberlegenheit der Gegenwart Was

sich tatsachlich vollzogen hat, ist — abgesehen von der Veranderung der

Wirt-schaftsformen und der hierduroh bedingten Veranderung des Lehrinhalts — ein

Wandcl in der Einstellung dos Menschen zur Wirtsohaft und zur Wissenschaft

Alios antike Leben und also auoh die griechisch-romische Wirtsohaft ist in der

Polis gebunden, empfangt von ihr sein Gesetz und zielt auf die Erhohung ihres

Daseins ab; alles christliche Leben und also auch die christliche Wirtsohaft ist

Vorbereitung und Dienst am Reiche Gottes, besitzt in der Sittenlehro dos

Testa-mentes und der Vater seine Ordnung und erhalt Sinn und Ziel nur durch die Einf iigung

in den iiberwolbenden Dom von Religion und Kirohe; das moderne Leben und also

die moderne Wirtsohaft tritt mit dem Anspruch eigenen, natiirliohen Gesetzcs

und eigenen, individuellen Wertcs auf, gibt jedem Sonderwesen das Reoht

bc-sonderer Entwioklung und sieht in dor rationalen Verstandlichkeit und

Zweck-maBigkeit den hoohsten, oft den einzigen MaBstab menschlicher Ordnung

Dem-entsprechend ist die Wirtschaftslehre der Antike wie des Mittelalters nach

Her-kunft und Ziel meta-okonomisch, sie bedeutet und bezweokt Einordnung der

Wirt-sohaft in das hohere Gesamt dort des politisohen, hier des religiosen Lebens, dort

der vollkommenen Form des Diesseits, hier der richtenden Macht des Jenseits

Nur die moderne Wirtschaftslehre ist Lehre von der autonomen, der selbstandigen

Wirtsohaft, nur sie ist daher Wissenschaft modernen Sinnes, voraussetzungslose,

das heiBt: staatlich und religios nicht gebundene Wissenschaft

Hatte das Wort ,,politisch" nicht liingst seine allgemeine, mit dem

Polis-Ursprung nicht mehr verbundene Bedeutung, so ware „politische Wirtschaftslehre"

der geeignete Begriff, um die antike Form von der religiosen oder ethischen

Trang 12

E s ist ein Zeichen b e g i n n e n d e r Auflosung d e r Polis als v e r p f l i c h t e n d e r L e b e n s einheit, w e n n a u c h n u r diese M e t a - O k o n o m i k sich als n o t w e n d i g erweist H O M E R

u n d H E S I O D , selbst SOLON u n d die V o r s o k r a t i k spiegeln i n Vers u n d S p r u c h die W i r t schaft i h r e r Zeit, d i e M i i h e n u n d die E r f o l g e d e s L a n d b a u s , d a s W i r k e n u n d die L e i -

-s t u n g e n de-s H a n d w e r k -s , die Gefahren v o n Schiffahrt u n d H a n d e l w i d e r ; d o c h

n u r s e l t e n u n d v o n F e m e k l i n g t selbst i n w i r r e n L a u f t e n d e r G e d a n k e a n , daB i n

d e r W i r t s c h a f t K r a f t e beschlossen liegen, die d e r g e b a n d i g t e n Gemessonhcit u n d

d e r s t r e n g e n F o r m hellenischen L e b e n s gefahrlich w e r d e n k o n n e n E i n s a m s t e h t SOLONS S p r u c h , daB ,,koine Grenze d e s R e i e h t u m s s i c h t b a r d e n M e n s c h e n g e s e t z t " ist, a m Beginn des z a u b e r h a f t e n Aufschwungs d e r a t h e n i s c h e n M a c h t — seinem

J n h a l t n a e h ein Beweis, daB sich m i t d e r A u s d e h n u n g des H a n d e l s d e m E i n s i c h t i g e n sogleich die Gefahr d e r C h r e m a t i s t i k , des Gelderworbs m i t seinem D r a n g n a c h

i m m e r m e h r Geld zeigt — in seiner Vereinzelung j e d o c h ein deutliches Zeichen, daB A t h e n n o c h lange die K r a f t besitzt, d e r Gefahr zu begegnen Selbst als A R I S T O -

T E L E S , i n dessen W e r k u n s d e r S p r u c h b e w a h r t ist, in d e r Zeit des N i e d e r g a n g s d e r Polis die SoLONischen W o r t e wiedor anfiihrt, k a n n or es n o c h t u n , u m sie zu b c -fehden u n d u m m i t N a c h d r u c k zu erkliiren, daB w a h r e r R e i c h t u m sein MaB b e -

s i t z t ; d e n n w a h r e r R e i c h t u m b e s t e h t n i c h t in G e l d v e r m o g e n , s o n d e r n in den fur

H a u s u n d S t a a t b e n o t i g t e n G e r a t e n

W i e d a s einige Grieehenland d e n Sieg e r r i n g t iiber die U b e r m a c h t des persischen GroBkonigs, j e d o c h im B r u d e r z w i s t v o n S p a r t a u n d A t h e n Glanz u n d R t i h m d e r adligen Zeit zu G r a b e g e t r a g e n wird, so b e w a h r t a u c h die i n n e r e O r d n u n g d e r Polis

i h r e v e r b i n d e n d e geistige K r a f t n u r so l a n g e , als die v e r s c h i e d e n e n G r u p p e n d e r

B u r g e r , u n b e k i i m m e r t u m sozialen R a n g , u m wirtschaftliches V e r m o g c n u n d u m

P a r t e i s t e l h m g des E i n z e l n e n , b e r e i t sind, in der S t u n d e d e r Gefahr einig zu ihrer

H e i m a t P o l i s zu s t c h e n D e r a r t h a b e n K I M O N u n d seine F r e u n d e n o c h das p e r i kleische A t h e n b e s c h u t z t u n d g e r e t t e t ; d o c h i n d e n W i r r e n , die auf d e n T o d d e s

-P E R I K L E S folgten, t r a t d e r Biirgersinn zuriick h i n t e r d e m -P a r t e i s i i m , w a r d e r a t t i s c h e

D e m o k r a t d e m V e r t r e t e r d e r a t t i s c h e n A r i s t o k r a t i e n i c h t m i n d e r F e i n d als d e m

S p a r t a n e r , s t a n d d e r a t t i s c h e A r m c n i c h t m i n d e r gehassig gegen d e n heimischen

R e i o h e n als gegen d e n Gegner v o r d e n T o r e n , v e r s a n k d e r G l a u b e a n die Polis

u n d i h r e G o t t e r v o r d e m Zweifel a n U r s p r u n g u n d R e c h t d e r b e s t e h e n d e n u n d aller

O r d n u n g

I n diesem K a m p f gegen d e n N o m o s , gegen B r a u c h u n d Gesetz, s a m m e l t e n sich die Gegner u m j e n e M a c h t , d e r e n V e r k i i n d u n g n o c h oftmals in d e r Geschichte

d a s Zeichen z u m A u f s t a n d gegen die G o t t e r , gegen S t a a t , R e c h t , E i g e n t u m g e b e n

sollte, um die M a c h t d e r (pvatg, der N a t u r Bei der E n t g o t t e r u n g , d e r E n t z a u b e

-rvmg des N o m o s , die n u n a n h e b t , ist sic es, die v o m S t a r k e n z u r V e r f e c h t u n g seines

S o n d e r a n s p r u c h s angerufen wird wie v o m S c h w a c h e n , v o m D i c h t e r d e r S p a t z e i t wie v o m S o p h i s t e n d e r F r i i h e ; wer i m m e r m e i n t e , daB er zu k u r z g e k o m m e n sei bei der Verteilung d e r politischen R e c h t e oder der irdischen Giiter, findet in ihr die K r a f t , u m d e m N o m o s die Gefolgschaft zu verweigern u n d die a l t e n Ehrbegriffe aufzulosen M a c h t ist R e c h t , dies e r k l a r e n j e t z t die A t h e n e r des T h u k y d i d e s d e n Meliern als , , n a t u r g e b o r e n e N o t w e n d i g k e i t " (V 105) u n d m e i n e n d a m i t n i c h t m e h r jene gottliche M a c h t des N o m o s , v o n d e r einst P i n d a r sang, s o n d e r n i h r e s e h r

Trang 13

Athen 3

menschliche, sehr vergangliche Flottenvormacht „Die Gesetze sind eine Schopfung der schwachen Menschen und der Masse" — dieseMeinung gibt Mr KALLIKLBS die Grundlage, dem Gesetzesrecht als dem Reeht der Masse das Naturrecht als das Reeht des Starken entgegenzustellen (Gorgias 483Bff.) Ein Mensch halt es dann am niitzliclisten und besten mit der Gerechtigkeit, verkundet ANTIPHON, ,,wenn er vor Zeugen die Nomoi, die Staatsgesetze, hoch halt, allein aber und ohne Zeugen die der Natur"; denn ,,die Gesetze des Staates beruhen auf Willkiir, die der Natur auf Notwendigkeit", ,,die des Staates sind gemacht" (wortlich: durch Ubereinkunft zustandegekommen), „nieht gewaohsen, die der Natur gewaehsen, nieht gemacht"

Nur dann ermiBt man ganz die gewaltige Wirkung, die vom Auftreten des SOKBATBS ausgeht, nur dann erfafit man das PLATONische Werk in der Notwendig-keit seiner strengen Form und harten Zucht, wenn man dieses Zeithintergrunds sophistischer Auflosung eingedenk bleibt DaB er das hohe Reeht staatlieher Vater-satzung verfocht gegen den willkurlichen MachtmiBbrauch von hemmungslosen Eigenbrotlern und gegen den verderblichen Einflufi staatzersetzender Gedanken, daB er nieht neue Gotter lehrte, sondern in gottloser Zeit das Bild der alten Gotter mit neuem Sinn und Leben fiillte — dies allein macht SOKEATBS zum Feind, zum Opfer und zum Uberwinder ichsiichtiger Oligarohen und habsiichtiger Massen, und gleiches Wissen, gleicher Glauben und gleiche Gegnerschaft macht auch des groBen, gestaltungsmachtigen Jungers Werk, macht PLATOMS Politeia zu Ausdruck und Gehiiuse zugleieh uralten Brauchs und neugesetzten Reehtes, zu Bild und Bibel zugleieh des neuen und des ewigen Staates

Angesichts dieser Tatsachen fruchtet es wenig, die Frage aufzuwerfen, ob nieht vom Boden des antiken Naturrechts aus aueh eine autonome Wirtsehaftslehre moglich gewesen ware Wer die Starke der antiken Gesinnung selbst bei staat-leugnenden Sophisten und Kynikern erkennt, wird unter Griechen sogar die blofie Moglichkeit verneinen Doch jedenfalls ist und bleibt einzig wichtig der unmiB-verstandliche Sachverhalt, daB eben nur die politisch-philosophischc Wirtsehafts-lehre tatsachlich zur Ausbildung gelangte — sofern man iiberhaupt den Nieder-schlag der PLATONischen Wirtschaftsauffassung im zweiten Buch der Politeia und ausfiihrlicher in der Spatschrift, den Nomoi, als Wirtsehaftslehre kennzeiohnen will, obwohl ihr Sinn nieht Wirtsehafts-, sondern Staats- und Menschenlehre ist Dieser Unterschied von antiker und moderner Auffassung wird besonders deutlich

in der verschiedenen Behandlung der Arbeitsteilung

Dieser Vorgang, dessen Erkenntnis zwei Jahrtausende spater dazu diente, die tlberlegenheit der kapitalistischen iiber die handwerkliche Arbeitsweise aufzu-zeigen, wird in der Moderno im wesentlichen auf seine technische Bedeutung hin betrachtet — sowohl die Arbeitszerlegung SMiTHens wie die Arbeitsvereinigxmg, die FEIEDEICH LIST hinzufiigt, meint einen mechanisohen Vorgang innerhalb des Arbeitsprozesses und wertet ihn vor allem unter dem Gesiehtspunkt der hierdurch ermogliehten Steigerung der Warenmenge Demgegeniiber erkliirt selbst XBNOPHON, bei dem gewiB niemand ein Vorwiegen metaphysischer oder auoh nur philosophi-soher Absichten argwohnen wird, (in der Kyropaidie) es nur darum fur vorteilhaft, wenn nieht jeder alles, sondern der Einzelne eine bestimmte Ware herstellt: weil

so die Warengiite erhoht wird (VIII 2, 5) Und PLATON kennt nieht nur diesen Gesiehtspunkt, daB ,,der Einzelne sohoneres Werk verriehtet, wenn er nur cine Kunst, als wenn er vide Kiinste ausiibt", sondern er nennt auch mit Nachdruek den tiefsten Grund, der in organischen Zeiten zur Sonderung den Anlafi gibt: der Baumeister tritt neben den Werker, der Bauer tritt neben den Handler, weil sie von Natur verschiedene Anlagen haben ,,Reichlicher wird alles und schoner und leiehter", sagt SOKBATES, ,,wenn Einer Eines gemaB der Natur und im rechten Augenblick verriehtet und von Allem Andern sich fernhalt" (Pol 370) Wahrend

1*

Trang 14

4 Vorgeschiohte

also in der Maschinenzeit k a u m eine menschliohe Riicksicht g e l t c n d g e m a c h t

wer-d e n k a n n , s o n wer-d c r n einzig wer-d a s Mehr a n W a r e n , wer-die „ P r o wer-d u k t i v i t a t " , wer-d e n Ausschlag

g i b t , ist es hier i n d e r A n t i k e n i e h t eine m e c h a n i s c h e A r b e i t s - , s o n d e r n eine nisehe Berufsteilung, d e r e n menschlicher U r s p r u n g u n d d e r e n s t a a t l i e h e B e d e u t u n g gelehrt wird

orga-I n gleicher Weise ist P L A T O N S Geldlehre v o n aller G e l d t h e o r i e zutiefst sohieden W e d e r , , N o m i n a l i s t " n o c h „ M e t a l l i s t " ist er gewesen, d e n n was k i i m m e r t

ge-d e n S t a a t s m a n n in k l e i n e m , selbstgeniigenge-dem Herrschaftsbereich ge-d e r K a m p f

d e r abgezogenen M e i n u n g e n u n d die n u r r a t i o n a l e E r k l a r u n g ganzheitlieher W e l t

-z u s a m m e n h a n g e ? W a s er b r a u c h t , sind K e n n t n i s s e u n d E i n s i c h t e n — u n d diese wie j e n e h a t P L A T O N allerdings i n einem MaB besessen u n d v e r m i t t e l t , d a s d a s beschcidene Teilwissen d e r r e i n e n Wirtschaftswissenschafter s p a t e r e r J a h r h u n d e r t e woit iiberragt W o d e r Berufsgelehrte h c u t e m i t Miihe sich einen b e s c h r a n k t o n (jberbliok iiber die vielgestaltige W i r t s c h a f t seiner Zeit e r a r b e i t e t , d a besitzt d e r Mensch des kleineren Lebenskreises, d e r Mensch der Polis wie d e r m i t t e l a l t e r l i c h e n

S t a d t , d e r B u r g e r wie d e r P o l i t i k e r , der P r i e s t e r wie d e r Monch, ein reicheres, im

L e b e n des Tages erworbenes u n d oft b e w a h r t e s Wissen, u n d all sein W e r k e n t h a l t

v o n dieser, m i t A n s c h a u u n g g e s a t t i g t e n , i i b e r k o m m e n e n u n d erfahrenen, lebendigen

K e n n t n i s einen in seiner Breito u n d seiner Tiefe oft e r s t a u n l i c h e n Niederschlag

So sind P L A T O N S N o m o i eine n o c h k a u m g e n u t z t e F u n d g r u b e fiir j e d e n , der die Widerspiegelung friiherer landlicher, fruherer gewerblioher u n d friiherer R e c h t s -

v e r h a l t n i s s e in i h n e n aufzuspuren weiB; so geben die in all seinen W e r k e n

begeg-n e begeg-n d e begeg-n Gleichbegeg-nisse v o m S t e u e r m a begeg-n begeg-n , v o m A r z t , v o m W e b e r w i c h t i g s t e begeg-n sehluB iiber die W i r t s c h a f t s f c r m e n des ganzon J a h r h u n d c r t s ; so ist seine Schil-

Auf-d e r u n g in Auf-d e r Politeia v o m Aufbau Auf-d e r S t a Auf-d t , v o n Auf-d e r E n t s t e h u n g Auf-des H a n Auf-d e l s

u n d d e r K r a m o r e i , v o m A u f k o m m e n der M a r k t e , von d e r E n t w i c k l u n g des Gcldes aufschlufireieh n i e h t n u r fiir einzelne F r a g e n t a t s a c h l i c h e r G e s t a l t u n g , s o n d e r n

a u c h fiir die „soziologischen" L e h r e n d e r Sophistik Doeh i m m e r w i e d e r : P L A T O N selbst ist n i e h t S t a a t s l e h r e r , s o n d e r n S t a a t s g r i i n d e r , u n d d a r u m ist a u c h seine

W i r t s c h a f t s , , l e h r e " nie r a t i o n a l e Theorie, s o n d e r n e n t w e d e r politische u n d

in diesem Sinn teleologisehe L e h r e oder — zumeist — die allgemeine, lehrmaBige

P a s s mig einer zugleieh r a t i o n a l v e r s t e h b a r e n u n d sinnlich w a h r n e h m b a r e n E r

-k e n n t n i s W e n n die tiefste Wiirdigung, die P L A T O N S W e s e n gefunden h a t , v o n

i h m r i i h m t ,,die heilige Soheu, w o m i t er sich d e r N a t u r n a h e r t , die Vorsicht, w o m i t

er sie gleichsam n u r u m t a s t e t " u n d d o c h ,,welch ein A u f m e r k e n , welch ein

Auf-p a s s e n a u f j e d e B e d i n g u n g , u n t e r welcher eine E r s c h e i n u n g zu b e o b a c h t e n i s t " ,

so miissen die GoETHEschen W o r t e a u c h b e i m Verstiindnis der PLATONischen W i r t schaftsauffassung wegweisend sein: Alle wirtschaftlichen AuBerungen PLATONS sind d u r c h t r i i n k t v o n griindlicher K e n n t n i s d e r t a t s a c h l i c h e n Vorgange in Geschichte

-u n d U m w e l t , sie zeigen d e n Meister gedanklicher Verkniipf-ung -u n d Besonder-ung, doch sie gehoren n i e h t zu j e n e n m o d e r n e n , , i s m e n " u n d , , T h e o r i e n " , v o n d e n e n wieder G O E T H E sagt, daB sie ,,keinen a n d e r n Zweek zu h a b e n scheinon, als die

P h a n o m e n e beiseite zu b r i n g e n " , s o n d e r n sie s i n d e c h t e Theoria, e c h t e schau D a r u m e n t h a l t der S t a a t s b a u in sich u n d d a r u m ist aus P L A T O N ZU e n t -

weiter-so sehr e n t s c h e i d e n wie V e r s t a n d u n d U b e r z e u g u n g Dies gilt fiir die allgemeine

L e h r e v o n Vor-rang u n d Vor-sein des G a n z e n vor d e n Teilen n i e h t m i n d e r wie fiir die eine besondere L e h r e , daB die teilhafte W i r t s c h a f t n u r die B e d e u t u n g ernes Mittels fiir S t a a t u n d Mensch besitzt DaB die W i r t s c h a f t in l a n g e n L a u f t e n d e r

Trang 15

Athen 5 Geschiohte Selbstzweok war, ist infolgedessen kein Einwand, und daB sie Selbst-zweok werden kann, ware auoli von PLATON nie bestritten worden; doch lage fur ihn hierin ein Abfall von der Norm besohlossen, und weder als ,,Theorie" nooh als

„Hypothese", sondern nur als Entartung galte fiir seine staatliche Metaokonomik jede Auffassung, die der Wirtsohaft mehr als eine dienende Aufgabe im Lebens-gesamt zuweist In kleinem Teilgebiet trifft dies auoh fiir die PLATONische Geld-lehre zu Wenn PLATON aussprieht, daB zugleioh mit dem Markt des Tausches wegen die Miinze ,,als Zeichen" entsteht, so ist das weder ein Grund fiir noch gegen stoffwertloses Geld; aber wenn beliauptet wird, daB der Stoffwert zum Wesen des Geldes gehort, in diesem Augenblick ist die PLATONische Wesensdexitung auf-gegeben und zugleioh die bei PLATON zugrundeliegende Erkenntnis verlassen, daB das Geld Schopfung, Ausdruck und Mittel der politischen Gemeinsehaft ist Ist PLATONS Wesen als Staatsbildner, als Gesetzgeber und als Erzieher, ist PLATONS Leistung als Staatsgriindung und als Menschenformung zutiefst zu fassen

— die dialektisehe Philosophie ist nur der neue, ciner spaten Zeit gemaBe Weg zum Wesen, nicht die Erfullung, nicht der Lebensinhalt selbst —, so ist ABISTO-TBLBS als der groBe Baumeister zu wiirdigen, der in den gleiohen Jahrzehnten, wo die griechische Form endgiiltig zerbrioht, wo der griechisohe Raum zur weiteren, dock diinneren Welt des Alexanderreichs gedehnt wird, noch einmal die ganzen Stoffe und Bildcr, die ganzen Gedankcn und Pormen von mehr als zwei Jahr-hunderten in seinem Werk zusammenzufiigen und sie naeh seiner strengen philoso-phischen Methode zu seheiden wie zu binden, zu sichten wie zu ordnen trachtet Nicht nur das Erlahmen des politischen Willens, sondern auch die Uberfulle des nun herandrangenden Stoffes hat indessen zur Polge, daB nicht mehr mit gleichem Gelingen wie in der Politeia Geschichte und Politik, Recht und Wirtsohaft in das neue Werk, den neuen Staatsbau eingeschmolzen werden GewiB mag der Wille zur Erneuerung der Polis in ABISTOTELES als athenisohem Metoken von Anbeginn

an schwaoher gewesen sein als in PLATON, dem Angehorigen des altesten sohen Geschlechtes; indessen hatte nicht der forschende Sinn fiir die Einzelheiten des Lebens von Mensoh und Staat, von Tier und Pflanze in dem Lehrer des groBen Makedonenkonigs an Kraft gewonnen und lage nicht in seiner unsterblichen An-schauung der Entelechie die Notwendigkeit vergleiohender Betraohtung aller Ent-wioklungsformen besohlossen, so hatten nicht zwei Jahrtausende in der ,,Politik" nur das grundlegende Werk vergleichender Staats- und Wirtschaftslehre erblicken

ABiSTOTELischc Politik cinen besten Staat zu finden, viclleicht zu griinden strebt,

so bleibt die Tatsache bestehen, daB trotz der politischen Absicht des werkes hier in erheblichem Umfang der politische und wirtsohaftliohe Tatsachen-stoff als solcher gegeben wird und hier zuerst eine Art von wirtschaftstheoretischem Denken begegnet

Gesamt-Wir betonen: eine Art von wirtschaftstheoretischem Denken, um damit zum Ausdruck zu bringen, daB auch ARISTOTELES keine moderne, ,,autonome" Theorie entwickelt, und daB niohts falscher ist als dieAuffassung, die ihnzum Vatermodcrner ,,Dogmen" stempelt Was ABISTOTOLES gibt, laBt sich nach Herkunft und Absicht dreifach bestimmen: Er vcrmittelt zunachst eincn gewissen Uberbliok iiber das uns verlorene, anscheinend sehr reichhaltige Schrifttum der Zeit, indem er, meist ohne Namensnennung, andere Ansiohten anfiihrt und sioh mit ihnon auseinander-setzt; er bringt sodann eine groBe Zahl eigener Beobachtungen, teils indem er einzeln von ihnen berichtet, teils indem er allgemoine Erfahrungssiitze aus ihnen ableitet; und er gibt schlieBlich auf der Grundlage dieses Wissens- und Erfahrungs-

1

Vgl hiorzu wie zum ganzen Abschnitt des Verfassers ,,Platon und die griechische Utopie",

Trang 16

6 Vorgeschiohte

stoffes seine eigne L e h r e v o n d e r W i r t s c h a f t , n i e h t als L e h r e v o n d e r W i r t s c h a f t ,,an s i c h " , s o n d e r n als L e h r e v o n d e r richtigen W i r t s c h a f t im w a h r e n S t a a t Z u m ersten u n d zweiten B e s t a n d t e i l seines W e r k e s gehoren die m e i s t e n L e h r e n , die h e u t e

u n t e r seinom N a m e n gehen, so ein g u t S t u c k der sog AmsTOTELischen Geldlehre Beispielsweise ist es n i c h t erst A K I S T O T B L E S , d e r lehrt, daB d a s Geld n u r d u r c h d e n

N o m o s , n u r d u r c h die S a t z u n g gelte u n d n i c h t d u r c h die P h y s i s , n i c h t v o n N a t u r W e r t

h a b e , s o n d e r n e s i s t die M e i n u n g a n d e r e r , die er m i t d i e s e n b e r u h m t e n W o r t e n der

,,Pol i t i k " wiedergibt (1257b) A u c h in d e r NiKOMACuischen E t h i k (1133a) wird die A b

-l e i t u n g des griochischen W o r t e s , , N o m i s m a " (Ge-ld) i n einem T o n v o r g e t r a g e n , der k e i n e n Zweifel dariiber laBt, daB es eine d e m Griechen l a n g v e r t r a u t e Auf-fassung i s t : das Geld t r a g e d a r u m d e n N a m e n , , N o m i s m a " , ,,weil es n i c h t v o n N a t u r ist, s o n d e r n d u r c h d e n N o m o s , u n d weil es bei u n s s t e h t , es zu veriindern u n d es

u n b r a u c h b a r zu m a e h e n " ( = aufier U m l a u t zu setzen?) I m Z u s a m m e n h a n g der

„ P o l i t i k " ist wichtig n u r die d a r a n gekniipfte F o l g e r u n g — sie allein wird d a h e r

a u c h ausdrucklich als richtig g e k e n n z e i c h n e t : daB R e i c h t u m n i c h t d a s gleiche sei wie Chrematistik, wie Geldorwerb u n d Gcldbesitz ,,Gelderwerb ist e t w a s a n d e r e s als n a t u r g e m a B e r R e i c h t u m " , — d a s allein ist ARiSTOTEiisehe L e h r e , u n d d i e , , C h r e m a -

t i s t i k " h a t d a h e r fur i h n wesentlich als Storenfried d e r Okonomik, d e r natiirlichen

W i r t s c h a f t ihre B e d e u t u n g I n s o w e i t er also t h e o r e t i s i e r t u n d selbst d o r t , wo er

d a s Z a u b e r w o r t dos a c h t z e h n t c n J a h r h u n d e r t s : , , n a t u r l i c h " , ,,naturgemafi",

ver-w e n d e t , gilt i h m als natiirlich gerade n i c h t die r a t i o n a l e — u n d gar u n b e s c h r a n k t e !

— Erwerbswirtschaft, s o n d e r n im Gegenteil die t r a d i t i o n a l e , b e g r e n z t e H a u s w i r t schaft

-M a n wiirde d a s Gewicht dieser S a t z e u n g e h u h r l i c h u n d zu U n r e c h t v e r r i n g e r n ,

n a h m e m a n sie als A u s d r u c k ciner verhaltnismaBigen P r i m i t i v i t a t der griechischen Wirtschaftsvcrhaltnisse Die hellenische W i r t s c h a f t d e r Bliite- u n d S p a t z e i t w a r einc h o c h e n t w i c k e l t e Verkehrswirtschaft — A B I S T O T E L E S h a t n i c m a l s die A u g e n

d a v o r verschlossen, daB er selbst m i t t e n d a r i n s t a n d in ciner c h r e m a t i s t i s c h e n

E p o c h e , daB d e r W u n s c h n a c h M e h r u n g des Besitzes u n d n a c h Steigerung des Wohllebens n i c h t wenige P o l i t e n v e r a n l a B t e , alle i h r e K r a f t e in d e n Dienst des Gelderwerbs zu stellen A b e r wo d e r m o d e r n e Wissenschafter die F o l g e r u n g zoge, daB es eine reine, d h c h r e m a t i s t i s c h e Theorie als O b e r b a u dieser sich a u s b r e i t e n d e n

W i r t s c h a f t a u s z u b i l d c n gelte, h a t d e r a n t i k e P h i l o s o p h als £woy JIOMUXOV, als

s t a a t l i c h e r Mensch, als Poliswesen n u r festzustellen, daB hier ein widernattirlicher

G e b r a u c h d e r menschlichen F a h i g k e i t e n s t a t t f i n d e t , u n d seine eigentliche gabe b e s t e h t d a r i n , dieser E n t a r t u n g gegeniiber d a s r e c h t e MaB wieder z u r G e l t u n g

Auf-zu bringen Schuld ist a n der c h r e m a t i s t i s c h e n Denkweisc, l e h r t d a h e r der S t a g i r i t e , ,,daB die Menschen sich n u r m i t d e m L e b e n beschaftigen, n i c h t m i t d e m schonen

L e b e n " U n d er e r i n n e r t sie a n den h e h r e n Sinn d e r T u g e n d e n , m i t d e n e n sie

be-g a b t s i n d : ,,Die Tapferkeit ist n i c h t d a z u da, S c h a t z e zu h a u f e n , s o n d e r n M u t zu verlcihen; n o c h soil dies die F e l d h e r r n k u n s t oder die H e i l k u n s t , s o n d e r n die eine soil d e n Sicg, die a n d e r e G e s u n d h e i t b r i n g e n " (1258a)

Die B e d e u t u n g d e r W a r e wie des Geldes liegt fur diese politische B e t r a c h t u n g

d a r i n , daB sie sowohl eine okonomische wie eine c h r e m a t i s t i s c h e V e r w e n d u n g lassen, u n d zwar die W a r e eine okonomische V e r w e n d u n g in d o p p e l t e r R i e h t u n g : ,,Von j e d e m G u t gibt es zweierlei G e b r a u c h , d e r eine ist d e m D i n g eigentiim-lich, der a n d e r e n i c h t - e i g e n t u m l i c h , beispielsweise bei einem S c h u h d o r t d a s An-ziehen, hier der T a u s c h h a n d e l " (1257 a ) Diese S a t z e e n t h a l t e n n i c h t , wie m a n falschlich d a r a u s gelesen h a t , eine S c h e i d u n g v o n Gebrauchs- u n d T a u s c h w e r t

zu-— diese s u b j e k t i v e n K a t e g o r i e n sind d e r A n t i k e fremd zu-—, wohl a b e r stellen sie die d o p p e l t e , objektive V e r w e n d u n g s f a h i g k e i t d e r Giiter fest, u n d dies i n n e r h a l b

d e r Okonomik D e n n der T a u s c h a n sich ist n o c h n i c h t wider-okonomisch,

viel-m e h r ist ein A u s t a u s c h v o n G e b r a u c h s g e g e n s t a n d e n ,,weder gegen die N a t u r noch

Trang 17

Athen 7

eine Art von Chrematistik" Erst wenn das Geld dazwischen tritt und nicht nur die Tauschvermittlung ubernimmt, sondern auch dem Versuch, ,,einen groBtmog-lichen Gewinn im Warenumsohlag zu erzielen", seine Unterstutzung leiht, erst dann ubertritt der Handel die natiirlichen Schranken Dementsprechend ist auch nicht der Erwerb als solcher wider die Natur, sondern der Erwerb des Haus-vorstandes aus dem Verkauf von Pflanzen und Tieren ist naturgemaB, notwendig und loblich, die Erwerbskunst des Handlers dagegen, der nicht selbst Waren er-zeugt und nur aus dem Umsatz Nutzen erzielt, erfahrt ,,berechtigten Tadel" Aus dieser Auffassung, daB em rechtmaBiger Gewinn im Handel nur moglich ist, wenn und weil eine Vergutung fiir den schopferischen Anteil der Natur gezahlt wird, entspringt dann die besondere Verfemung des Zinsnehmens, aus der das mittel-alterliche Zinsverbot eine so starke und starre Stiitze gewann; sie grundet weder

in einer grundsatzlichen Geld-, noch Handel-, noch Kapitalfeindschaft, sondern

in einer logisch unanfechtbaren, theoretischen Erwagung Sobald der Vordersatz, daB nur Handelsgewinn aus der Natur, aus dem unmittelbaren Verkauf der Natur -erzeugnisse gerecht ist, einmal Annahme gefunden hat, so mufi erstens jeder Gewinn aus bloBem Umschlag verpont sein, da er nur als Bereicherung ,,aus andern Men-schen", aus den Kaufern moglich ist, und zweitens muB der Gewinn aus dem Geld-handel, das Zinsnehmen als doppelt abscheulich empfunden werden, da nicht nur ein allgemeiner chrematistischer MiBbrauch vorliegt, sondern da auch gegen den eigentlichen Sinn des Geldes, gegen seine Vermittlungsaufgabe gefrevelt wird: ,,um des Tausches willen ward das Geld geschaffen; der Zins aber vermehrt es

Daher hat er auch seinen Namen roxog ( = Junges = Wurf) bekommen; denn die

Brut ist den Eltern ahnlich, der Zins-Wurf aber stammt als Geld vom Gelde" (1258b)

In diesen Betrachtungen ist auch des AEISTOTELES Grundansioht iiber die okonomische Funktion des Geldes bereits enthalten; doch ist in einer Hinsicht noch eine Erganzung notig AEISTOTELES — hier wie stets in geringerem MaB als PLATON das Wesen der Erscheinung, in starkerem MaB ihr Werden zu erfassen bedacht — hat zugleich mit der Funktions- eine Entstehungslehre entwickelt, deren Nachwirken wiederum bis in die jiingste Zeit verfolgbar ist Der Philosoph sagt nichts von einem religiosen Ursprung des Geldes, sondern er denkt es bei der Ausdehnung des Wirtschaftsverkehrs entstanden, derart, daB ein Stoff, der selbst mitzlich, selbst ein Gebrauchsgegenstand und besonders handlich war, im Tausch wechselseitig gegeben und genommen wurde, so Eisen, Silber u dgl m „Zunachst bestimmte man ihn einfach nach GroBe und Gewicht; schlieBlich driickte man

noch einen Stcmpel (yaqaxxrjQ) auf, um sich das Wiigcn zu ersparen; denn der

Stempel (die Priigung) wurde als Zeichen der Quantitiit gesetzt" (1257 a)

Es ware wenig angebracht, mit diesen Ausfiihrungen zu rechten, weil sie lich nicht ganz zutreffen (die ersten uns bekannten Siegel sichern die Qualitat, nicht die Quantitat des Geldstoffs, und ob das Geld bei alien Volkern im Wirtschafts-verkehr und nicht bei einzelnen im Kult entstand, ist zumindest zweifelhaft), und ebensowenig ist es sinnvoll, besonderen Nachdruck darauf zu legen, daB A E I -STOTELES schon den ,,pensatorischen" Gebrauch des Geldes von den spateren Eor-men unterschied AEISTOTELES selbst hatte auf die Richtigkeit seiner Begriffe und Scheidungen gewiB am wenigsten Gewicht gelegt — sie war ihm selbstver-stiindlich, war nur der teils logische, teils sozio-logische Ausdruck seiner umfassen-den Kenntnis der Tatsachenwelt, des praktischen Lebens, von dem alle griechische Theorie ihren Ausgang nimmt Wichtig dagegen ist wieder der meta-okonomische Erfolg: daB diese Geldauffassung den Geldgebrauoh gemaB der Natur, welcher nur im Tauschverkehr stattfindet, von dem chrematistischen Geldgebrauoh zu scheiden erlaubt, der auf Vermehrung des Geldbesitzes abzielt Und wichtig ist vor allem, daB die Bedeutung des Geldes sich nicht erschopft in seiner okonomischen,

Trang 18

geschicht-8 Vorgeschichte

s o n d e r n daB fur A E I S T O T E L E S als Grieohen im V o r d e r g r u n d s t e h t seine s t a a t l i c h e

u n d gesellsohaftliche F u n k t i o n Als Teilstiick d e r L e h r e v o n d e r Gerechtigkeit findet sieh d a h e r i n der NiKOMACHischen E t h i k die Geldlehre, u n d d a s Geld als M i t t e

u n d MaB h a t die Aufgabe, i m A u s t a u s c h j e d e m d a s Seine z u k o m m e n zu lassen

u n d so die Gemeinschaft zu verwirklichen ,,Ohne T a u s c h w a r e keine Gemeinschaft,

u n d o h n e Gleiehheit kern T a u s c h , u n d o h n c meBbare VerhaltnismaBigkeit keine Gleiehheit" ( 1 1 3 3 b ) DaB ein A u s t a u s e h i i b e r h a u p t z u s t a n d e k o m m t u n d eino Tauschgemeinsehaft D a u e r h a t , des U r s a c h e ist „ d e r Bedarf, d e r alles z u s a m m e n -

h a l t " , u n d d a s Geld h a t hierbei n i c h t n u r die wichtige Rolle des Ausgleiehs im Augenblick, s o n d e r n es d i e n t d e m W a r e n v e r k a u f e r , d e r g e r a d e kein Bedurfnis h a t , ,,als B i i r g e " , daB er im Bedarfsfalle sioh die b e n o t i g t e W a r e k a u f e n k a n n

, , T a u s c h " , , , G e l d " , , , B e d u r f n i s " — wiehtige Begriffe aller Wirtschaftslehre sind also schon hicr v o r h a n d e n Doch i m m e r w i e d e r : d e r U n t e r s e h i e d in der Ge-samtaui'fassung zwischen dieser griechischen u n d aller m o d e r n e n Okonomik k a n n

gar n i c h t groB g e n u g g e s e h e n w e r d e n GewiB, die %gda, d e r Bedarf, d a s Bedurfnis,

a m r i c h t i g s t e n w o h l : ,,die N o t " ist, wie schon bei D E M O K R I T u n d PLATOST, SO a u c h bci A E I S T O T E L E S i n ihrer b i n d c n d e n u n d m e s s e n d e n K r a f t b e t o n t ; a b e r w e d e r liegt hierin ein P r c i s b e s t i m m u n g s g r u n d wie fur die S p a t - S c h o l a s t i k , n o c h g a r , , d e r " P r e i s b e s t i m n m n g s g r u n d wie fiir einzelne m o d e r n e L e h r e n GewiB, die

B e d e u t u n g des Geldes als T a u s c h m i t t e l wird e r k a n n t ; a b e r seine groBte

Wichtig-k e i t liegt g e r a d e n i c h t d a r i n , daB es d e n T a u s c h v o n W a r e n oder g a r v o n

w e n n eine Gleichung aufgestellt wird, daB ,,wie d e r B a u e r z u m Schuster, so d a s

W e r k des S c h u s t e r s sich z u m W e r k des B a u e r n v e r h a l t " ( 1 1 3 3 a ) M i t h i n : bis i n die P r e i s b e s t i m m u n g hinein s e t z t sieh die Verschicdenheit d e r menschlichen A r t u n g

d u r c h , u n d wie n a c h d e r p l a t o n i s c h e n L e h r e im S t a a t n u r die g e o m c t r i s c h e , n i c h t die a r i t h m e t i s c h e Gleiehheit einen j e d e n gereoht n a c h Anlage u n d V e r d i e n s t

e i n o r d n e t u n d h e r a n z i e h t , so gilt n a c h d e r L e h r e des A E I S T O T E L E S auch i n d e r

W i r t s c h a f t d e r S a t z , daB koine m e c h a n i s c h e Gleiehheit, s o n d e r n n u r ein E n t g o l t naoh d e m V e r h a l t n i s v o n P e r s o n u n d L e i s t u n g die Gerechtigkeit, die r e c h t e O r d n u n g

v e r w i r k l i c h t

W i e a u s d e r T a t s a e h e , daB eine eingehende U n t e r s u o h u n g d e r w i c h t i g s t e n

S t a a t e n u n d ihrer Verfassungsentwicklung die ompirische G r u n d l a g e d e r A R I S T O TEiischcn S t a a t s l e h r e d a r b o t , die F u l l e des Vergleiehsstoffes der , , P o l i t i k " sich er-

-k l a r t u n d zugleich a u c h i h r e s t a r -k c W i r -k u n g in dieser R i c h t u n g , i h r AnstoB auf die A u s d e h n u n g geschichtlicher F o r s c h u n g u n d s t a a t s t h e o r e t i s c h e r E r o r t c r u n g , ganz ebenso h a b e n i h r e wirtschafts- u n d gesellschaftsvergleichenden Teile i n n e r h a l b

u n d auBerhalb des P e r i p a t o s z u r Nachfolge a n g e r e g t A u c h h i e r ist freilich A E I STOTELES, v o n dessen AuBerungen n o c h die vergleichonde W i r t s c h a f t s b e t r a c h t u n g des 18 u n d 19 J a h r h u n d e r t s i h r e n A u s g a n g n i m m t , n i c h t d e r Begriinder, s o n d e r n

-n u r der V e r m i t t l e r — V e r g l e i o h e a-nzustelle-n lag v o -n je i-n d e r me-nschliche-n N a t u r ,

u n d alle Reisebeschroibung u n d alle erreiste Gesehichte, so die Odyssee, so H E R O D O T ,

a r b e i t e t typisohe Volks, Verfassungs, Wirtschaftsformen h e r a u s A u c h eine R e i h e n folge der T y p e n festzulegen ist a l t e r B r a u c h d e r S a n g e r u n d d e r D i c h t e r — z u e r s t begegnet die m y t h i s c h e Eolge d e r W e l t z e i t a l t e r , v o m goldenen a b s i n k e n d bis z u r jeweiligen, arbeit- u n d leidvollen G e g e n w a r t —, d a n n w e r d e n geschichtliche Ziige

-in das W e r d e b i l d verfloohten, u n d schon die Sophistik b e g i n n t die l e t z t e n m y t h i s c h e n Zeichen zu entfernen u n d ein t r a g e n d e s Gerust d e r Aufeinanderfolge v o n W i r t s c h a f t s -

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Athen 9 und Kulturstufen zu entwickeln (PBOTAGOBAS, HIPPIAS) Bei PLATON, in der Politeia wie in den Nomoi, wird die sohon farb- und bildlos gewordeno Lehre znm letztenmal in neuem Mythos dichterisch bedeutungsvoll verkiindet, urn dann bei ARISTOTELES ihre bleibende, stoffliobe, erdschwere Form zu erhalten Nun wird klar geschieden zwischen natiirliohen und widernatiirlichen (in heutigem Begriff: zivilisatorischen) Wirtschaftsfornien, wild dem Leben der Nomaden, der Rauber, der Fischer und Jager die seBhafte Tauschgemcinschaft gegeniibergestellt, wird gezeigt, wie den verschiedenen Lebensformen eine verschiedene Form und Bedeu-tung des Geldes entsprielit, wird das andere Wesen der Geld nur als Mittel verwen-denden Wirtschaft und der chrematistischen, der Geldkapital anhaufenden Wirt-schaft aufgewiesen ABISTOTELES' Schuler DIKAIABCH hat, sofern wir die kargen Reste riohtig deuten, diese Arbeit des Meisters naeh zwei Seiten hin fortgesetzt: Die Lehre der Wirtschaftsformen hat er wieder strenger stufenmafiig gegliedert, derart, daB nun die Reihc vom Nomaden zum Hirten, vom Hirten zum Bauern, vom Bauern zum Stadter als allgemeiner und notwendiger Gang der geschichtlichen Entwieklung ersoheint; sodann hat er im Bios Hellados die Verfassungs- und Wirt-schaftslehre erganzt durch eine Kulturlehre oder richtiger durch cine Schilderung der grieehisohen Lebensformen

Es kann kein Zweifel sein, daB ahnlich wie DIKAIABCH so auoh noch andere Sclriiler oder Enkelsehiiler des ABISTOTELBS an den vonihm gesammelten Stoffen und den vonihm gesetzten Begriff en der Wirtschaf tslehre weiterarbeiteten Die Schrift ,,Okonomik", eine Kegel- und Beispielsammlung, die unter dem eigenen Namen des Stagiriten ging und darum erhalten wurde, die heute — auf der Grundlage eines alten Zeugnisses— gelegentlieh dem THEOPHRAST zugeschrieben wird, obschon sie bestenfalls einen der kleinsten, der namenlosen Folger zum Verfasser hat, ist ein spreehendes, wenn auch unerfreuliehes Beispiel soleher Leistung eines Aristoteles-Epigonen Der Umfang dieses abgeleiteten Sehrifttums ist reeht be-trachtlich gewesen, wie es denn iiberhaupt Wirtsehaftssehriften der Griechen des

5 und zumal des 4 Jahrhunderts in groBer Zahl gegeben hat DaB diese aus XENOPHON, AEISTOTELBS, VABBO feststehende Tatsache lange verkannt wurde, liegt an der falschen Ausdeutung eines riohtigen Sachverhaltes: Die Vorstelhmg der Antike, die unsore deutschen Klassiker sehufen, hat mit bcrcchtigtem Naohdruek

an der Einsioht festgehalten, daB den Hellenen wie den Romern die Wirtschaft weder ,,das Leben" noch ,,das Schicksal", sondern cin dicnendcs Organ des Staatcs war Allein nur miBverstandener Klassizismus konnte hieraus schlieBen, die Wirt-schaft sei also zu unwichtig und bcdeutungslos zur Herausbildung einer eigenen Problematik und eines eigenen Sehrifttums gewesen Der gegenteilige SchluB ware riehtiger: da die Wirtschaft die Wichtigkeit eines unentbehrlichen Mittels fur den Staat besaB, muBte es Schriften geben, in denen die bestc Wirtschaftstechnik gelehrt, in denen eine Kunstlehre der Wirtschaft niedergelegt wurde DaB diese ganzen Biieher fiir uns verloren sind, griindet wieder ausschlieBlich darin, daB beim Zusammenbruch erst Griechenlands und dann der ganzen antiken Welt Wichtigcres, Einzigartigeres zu retten war als solcho wicdcrholbaren Erzeugnisse technischer

WTissenschaft

Welche Fragen in jenem Wirtschaftsschrifttum in den Vordergrund geriickt waren, das abseits der Philosophenschulen entstand, laBt sich angesichts des bruch-stuckhaften Charakters der Uberlieferung nicht mit Sicherheit sagen Mchts ist erhalten iiber Angelcgenheiten des Gewerbes; dennoch ist es wenig wahrscheinlich, daB es keine Schriften iiber Haridwerksregelung und vor allem iiber Handwerks-forderung gegeben hat, angesichts der iiberragenden Bcdcutung, die schon seit dem

6 Jahrhundert die Ausfuhr von Gewerbserzeugnissen fiir Athen gewann Auch von Arbeiten zur Geldlehre ist keine vorhanden; doch wurde schon erwahnt, daB ABISTOTELES ohne Namensnennung cine Rcihc verschiedener Ansichten iiber das

Trang 20

10 Vorgeschichte

Geldwesen anfiihrt, die gewiB n u r z u m k l e i n s t e n Teil i m P e r i p a t o s selbst i h m

ent-g e ent-g c n t r a t e n , d e r e n U r s p r u n ent-g v i e l m e h r in der Sophistik zu v e r m u t e n ist N u r hier

k a n n die M e i n u n g v e r t r e t e n w o r d e n sein, d e r naturgemiifle u n d d e r c h r e m a t i s t i s c h e

E r w e r b sei ein u n d dasselbe (1257a), u n d a u c h die weite V e r b r e i t u n g (1256b) des Begriffs C h r e m a t i s t i k w i r d auf sophistische L e h r e r zuriickgefuhrt w e r d e n miissen E b e n s o , w e n n n a c h A E I S T O T B L B S ,,die E i n e n " R e i c h t u m gleich d e r Menge des Geldes setzen, , , A n d e r e " zwisohen n a t i i r l i c h e m u n d c h r e m a t i s t i s c h e m Reich-

t u m seheiden ( 1 2 5 7 B ) , so s i n d m i n d e s t e n s ,,die E i n e n " in d e r Sophistik zu s u c h e n : die Mehrzahl dor Sophisten k a m aus d e r griechischen D i a s p o r a , wo die verpflich-

t e n d e K r a f t des Polis-Lebens n i e m a l s gleiche S t a r k e wie in d e n H e i m a t s t i i d t e n besafi u n d wo z u d e m die D u r c h s e t z u n g m i t a s i a t i s c h e n E l e m e n t e n u n d asiatisehen

F o r m e n , m i t persischen u n d syrisehen, m i t a g y p t i s c h e n u n d k a r t h a g i s c h e n W i r t schaftsbrauchen u n d Wirtsehaftszielen so weit v o r a n g e s c h r i t t e n war, daB hier chrematistische E r w e r b s w i r t s c h a f t als natiirliche W i r t s c h a f t erscheinen u n d ver-fochten werden k o n n t e ; z u d e m m o c h t e die sophistische E r e u d e a m zersetzenden Spiel m i t d e n n e u e n t w i c k e l t e n logischen M i t t e l n , m o c h t e die sophistische F e r t i g -

-k e i t ,,xov fjxxoo Xoyov KQtixxm noielv", die s c h w a c h e r e Sache zur s t a r -k e r e n zu

m a c h e n (PROTAGORAS), die Auflosung d e r politischen F o r m u n d Zielsetzung gerade

a u c h i n n e r h a l b der W i r t s c h a f t als v e r l o c k e n d empfinden Ob u n d wie weit sie bei u n t e r d e n S t a d t b i i r g e r n Gefolgschaft f a n d e n , wissen wir n i c h t , doch a n Vor-

hier-s t a n d n i hier-s fur i h r e L e h r e n h a t ehier-s gewiB n i c h t gefehlt D e n n die A t h e n e r , die n i c h t n u r

a m g r o b e n W i t z , s o n d e r n a u c h a m f e i n e n S p o t t derARiSTOPHANischenKomodiensich erfreuten, die i n d e n E k k l e s i a z u s e n die V e r h o h n u n g aller k o m m u n i s t i s c h e n U t o p i e n ,

im P l u t o s die S a t i r e auf d e n b e g i n n e n d e n T a n z u m den n e u e n G o t t des R e i c h t u m s erfaBten — diesen A t h e n e r n m u B t e n die B e w e g u n g e n u n d F o r d e r u n g e n , die hier

a m P r a n g e r d e r K o m o d i e s t a n d e n , v o n H a u s u n d M a r k t h e r l a n g b e k a n n t sein,

w e n n sie den viberlegenen H u m o r des groBen politischen D i c h t e r s wiirdigen sollten

U n d wie die T a t s a c h e der K o m o d i e als Ganzes, so zeigen einzelne Verse u n d W o r t e

im besonderen, welch tiefen Blick fur die politischen u n d wirtschaftlichen

s a m m e n h a n g e d e r D i c h t e r besaB u n d welch reifes V e r s t a n d n i s er bei seinen

Zu-h o r e r n v o r a u s s e t z e n durfte Bestes Zeugnis sind die Verse der , , F r o s c Zu-h e " (720

bis 726), in d e n e n der Chor k l a g t , daB die E d e l n , die xakoi xayadvi, vor d e n

Schur-ken ins Hintertreffen g e r a t e n , ganz g e n a u so wie d a s n e u e u n t e r w e r t i g e Goldgeld die a l t e , vollgepragte Silbermunzc, die bei alien Grieehen u n d B a r b a r e n in G e l t u n g

s t a n d , a u s A t h e n v e r d r a n g t h a b e D a s ist zwar keineswegs, wie m a n g l a u b t e , eine fruhe E n t d e c k u n g des sog GRESHAMschen Gesetzes, daB schlechtes Geld d a s

g u t e v e r t r e i b e ; noch ferner als d e n P h i l o s o p h e n lag A K I S T O P H A N E S die Aufstellung eines allgemeinen Wirtschaftsgesetzes, im Gegenteil — die Verse h a b e n ihre Wir-

k u n g u n d i h r c n Sinn j a d a d u r c h , daB in d e m g e k e n n z e i c h n e t c n S a c h v o r h a l t keine

n o t w e n d i g e Verkniipfung, s o n d e r n die Folge einer t a d e l n s w e r t e n , a n d e r b a r e n H a n d lungsweise gesehen wird A b e r w e n n die Wirtschaftswissenschaft wie alle Thcorie

-m i t der B e o b a c h t u n g a n h e b t , so ist hier allerdings ein erster u n d wichtiger S c h r i t t

d e r Geldlehre g e t a n

N e b e n d e n Geldfragen sind es die F r a g e n des A g r a r w e s e n s u n d der politik gewesen, die v o n einem reichen S c h r i f t t u m b e h a n d e l t w u r d e n A B I S T O T B L B S verweist auf C H A R E S a u s P a r o s u n d A P O L L O D O R a u s L e m n o s , die iiber G e t r e i d e b a u

Agrar-u n d O b s t z Agrar-u o h t geschrieben h a t t e n — d e r R o m e r V A R R O k e n n t v o n diesen beiden

n u r noch C H A R E S , n e n n t a b e r dafiir n o c h 50 a n d e r e Verfasser v o n Agrarschriften i n griechischer S p r a c h e , die in augusteischer Zeit n o c h e r h a l t e n w a r e n u n d als R a t g e b e r

g a l t e n Von diesem g a n z e n S c h r i f t t u m ist n i c h t s bis auf u n s g e k o m m e n , m i t

Aus-n a h m e des XBNOPHONtischeAus-n OikoAus-nomikos, e i Aus-n e m Dialog, der — bezeichAus-neAus-nder-weiso v o n A R I S T O T E L B S g a r n i c h t g e n a n n t — wahrscheinlich h i n t e r a n d e r e n Agrar-schriften a n saehlichem Gehalt eher z u r u c k s t a n d , d e r a b e r wegen seines a n m u t i g e n

Trang 21

bezeichnender-Athen 11 Plaudertones das Wohlgefalien asthetischer Beurteilererregte, von CICERO ins Latei-nische iibersetzt und wie andero Werke XENOPHONS als Stilmuster vor der all-gemeinen Vernichtung bewahrt wurde Tatsachlich hat XENOPHON im Oikono-mikos ein anmutiges Genrebildchen geschaffen, das — wahrend es wohl seine eigene treffliche Gattin zu vorherrlichen bestimmt ist — das Muster eines gut-biirgerlichen Bauernlebens vor Augen fiihrt Gutbiirgerliehes Bauernleben — das zeigt den Grand der ernsten Wirkung wie den Grad der unfreiwilligen Komik:

Es ist das Ideal der mittleren und unteren Klassen, das XENOPHON hier wie meist

zu zeichnen weiB — nach dem guten Vater-Konig der Kyropaidie ist es hier das gute Ehegespons, dessen Leben in friedlicher Ruhe und segensreicher Ordnung auf besoheidenem, doch eignem Grund und Boden er erklart Kultur- und wirt-sohaftsgeschichtlich ist das Zwiegesprach infolgedessen als Ganzes sehr bedeutsam; fur die eigentliche Agrarlehre dagegen lafit sich wenig daraus entnehmen, aufier einigen Anweisungen fiir die geregelte Feldbestellung mit alien Vor- und Nach-arbeiten, fiir die Auswahl des Bodens, das Umarbeiten der Brache, die Bestimmung dor Saatzeit, des Erntens, des Dreschens und kurzen Anleitungen fiir den Wein-und Obstbau Aber selbst wenn, wie zu vermuten steht, der Dialog mehr philosophischen Unterhaltungs- als praktischen Lehrzweek verfolgt, und wenn infolgedessen sich aus den romischen Agrarsohriftstellern mehr als aus XENOPHON iiber Inhalt und Wert der griechischen Vorbilder entnehmen lafit, so ist der Art naeh die gesamte grieehisehe Agrarlehre doch von der XENOPHONtiscben gewifi nicht unterschieden; es ist eine Fertigkeits- oder Kunstlehre unter vorwiegend hauswirtschaftlichem Gesichtspunkt, anscheinend starker fiir den Kleinbauern als fiir den Grundherrn bestimmt, ein Kompendium der hiiuslichen und landlichen Wirtsehaftstechnik der Zeit Dabei sehlieBt das Vorwiegen der hauswirtschaft-lichen Ziele die Erzeugung fiir den Markt weder theoretisch noeh praktisch aus; wenn ABISTOTELES jenen Erwerb durchaus gebilligt hatte, der Erzeugnisse der eigenen Soholle bestmoglich zu verwerten strebt, so ist es nur folgerichtig, wenn dann als Aufgabe der praktischen Erwerbskunst erscheint: Erfahrungen zxi ver-mitteln, z B wie man Pferde oder Binder oder Schafe oder sonstiges Vieh am besten kauft und verkauft, welche von ihnen und wie und wo sie den meisten Ge-winn abwerfen, ,,da ja das Vieh je nach dem Boden verschieden gedeiht" (1258b) — DaB die praktische Wirtschaft sich nicht streng an solche Regeln gehalten und die Grenze zwischen dem zulassigen und dem chrematistischen Erwerb gern iiber-schritten hat, miiBten wir annehmen, auch wenn kein besonderes Zeugnis dariiber vorlage; denn dor ganze Eifer der Philosophen ware gegenstandslos, wenn er nur gegen feindliche Gedankengespinste und nicht gegen ihre beginnende Umsetzung

in die Tat sich richtete Allein der Oikonomikos liefert noch den schlagenden, wenn auch kaum mehr bedurften Beweis durch den Bericht des Hauptunterredners, sein Vater habe haufig schlecht bebaute Grundstiicke gekauft, sie so weit verbessert, bis sie das Mehrfache wert waren, und sie dann weiter verkauft — alles aus Liebe zum Landbau Worauf der XENOPHONtische SOKBATES ihm mit iiberwaltigender Ironie erwidert: also sei der Vater seiner Natur nach cbenso ein Liebhaber des Land-baus wie die Kaufleute Liebhaber des Getreides; denn auch diese kaufen ja das Getreide dort, wo es am wohlfeilsten, und verkaufen es dort, wo der hochste Preis

zu erzielen sei — alles aus Liebe zum Getreide (Oik 20)

Ware es noch notig, die RoDBEBTr/s-BucHERsche Auffassung, die die gesamte Antike als hauswirtschaftlich geordnet annahm, im einzelnen zu widerlegen, so miifiten dioso sokratischen Satze ausreichen, um ihre vollige Haltlosigkeit darzutun Doch auf der andern Seite verkenne man auch nicht, wie sehr selbst in dieser Zeit der Auflosung sich grieehisehe Wirtschaft und grieehisehe Stellung zur Wirtschaft vom ,,Kapitalismus" spaterer Zeiten unterscheidet: einen ,,Chrematismus" als Wirtschaftssystem hat es nie gegeben — das Einzige, was geschieht, ist ein Vor-

Trang 22

12 Vorgeschichte

d r i n g e n eines chrematistischen Wirtscliafts s t i l e s i n einzelnen Wirtschaf tszweigen,

u n d zwar i n erster Linie i m H a n d e l , i n zweiter Linie i n d e r L a n d w i r t s c h a f t , dagegen

i i b e r h a u p t n i c h t oder n u r i n v e r s c h w i n d e n d e m U m f a n g i m Gewerbe U n d a u c h

d a n n n o c h b l e i b t n i c h t n u r die T a t s a c h e b e s t e h e n , daB d e r Vollgrieehe sich v o n den sinnbildliehen c h r e m a t i s t i s c h e n Gewerben fernhiilt, daB er d a s bankmaBige Leih-

u n d W e c h s l e r w e s e n , j a alien berufsmaBigen H a n d e l d e n H a n d e n v o n F r e m d biirtigen u n d Metoken iiberlaBt, s o n d e r n i n u n v e r m i n d e r t e r K r a f t gilt a u c h d a s

-U r t e i l weiter, das die berufenen H i i t e r menschlicher Z u c h t u n d s t a a t l i e h e n E i n k l a n g s , die D i c h t e r u n d die P h i l o s o p h c n , i n W o r t u n d Bild u n d L e b e n v e r k i i n d e t b a t t e n : J)a m i t d e m s t r e n g e n F u g d e r Polis C h r e m a t i s t i k u n v e r e i n b a r i s t , i s t a u c h eine Wissensoliaft d e r C h r e m a t i s t i k sinnlos u n d schadlich A n d e r s als d e r m o d e r n e Mensch, d e r als Forscher a u e h d a s F r e m d e , Giftige, Lebenswidrige so lange u n t e r -sucht, bis e r i h m selbst verfiillt, w a h r t sieh so d e r H e l l e n e bis zuletzt die K r a f t , d i e falsehen P r o p h e t e n u n d die t r i i g e n d e n Weisheitslehrer s a m t i h r e n G l a u b e n s s a t z e n

u n d Wissensspriichen a u s d e n M a u e r n d e r Polis hinauszuweisen

Quellcn1

: Die gesamte erhaltene Literatur, von den Historikern vor allem THUKYDIDES

und XENOPHON, von den Philosophen PLATON und ARISTOTELES, von den Dichtern PHANES, von den Sophisten ANTIPHON

ARISTO-S c h r i f t e n1: HII/DEBRAND, Xenophontis et Aristotelis de occonomia publica doctrinae illustratae, Marburg 1845; PLENGE, Stammformen der vergleichenden Wirtschaftstheorie, Essen 1921; ROSCHER, Dissertatio prima de doctrinae oeeonomico-politicae apud Graecos primordiis, Leipzig 1866, u a.; SALIN, O C und Aufgabcn der Wirtschaftsgeschichte, Schmollers Jahrbuch, 1921; SOUCHON, Les theories economiquesj dans la Greee antique, Paris 1898;

L v STEIN, Pie staatswisscnschaftliche Theorie der Grioehen vor Aristoteles und Platon und ihr Verhaltnis zu dem Leben der Gesellschaft, Zeitselrr f d ges Staatsw 1853; AMIIIEAE, Staats- und Wirtschaftslehre im Altertum Hdw d St.4— In der Frage der griechischen Wirt-schaftsform fehlt eine abschlieBende Pehandl ung Einstweilen steht der unhaltbaren Portschritts-konstruktion BTJOHEES (vgl ,,Entstehung der Volkswirtschaft" und ,,Beitrage zur Wirtschafts-geschichte") die kaum weniger angreifbare Modernisierung der Antike durch EDUARD MEYER (vgl Kleine Schriften S 79ff u a.) und BELOCH (Griechische Geschichte u a.) gegeniiber Fiir Teilgebictc ist zu nennen: SELTMAKN, Athens, its history and coinage before the persian invasion, Cambridge 1924; FRANCOTTE, L'industrie dans la Grece antique, Bruxelles 1900/01; und, nach hundert Jahren noch nicht ersetzt, BOCKHS grundlegendes Werk: Pie Staatshaus-haltung der Athener, dessen erste Auflage Berlin 1817 erschien

I I Rom

H a t t e n die wirtsohaftlichen Verhaltnisse wissensohaft- u n d s y s t e m b i l d e n d e

K r a f t , wiiren die geistigen Gebilde n u r d e r U b e r b a u einer m a t e r i e l l e n E n t w i o k l u n g , odcr w a r e n sie a u e h n u r n o t w e n d i g einer b e s t i m m t e n wirtsohaftlichen oder gesell-schaftlichen L a g e z u g e o r d n e t , so h a t t e R o m z u m S t i i t z p u n k t einer a n t i k e n W i r t -schaftslehre werden miissen I n d e n J a h r h u n d e r t e n , die die romische Bliite b e -zeichncn, g a i t n u r n o c h wenig d e r aristotelisoh-griechische G r u n d s a t z , daB die

A u t a r k i e d a s eingeborene Ziel (telog) d e r Polis sei Mit der N i e d e r r i n g u n g K a r t h a

-gos, m i t d e r E i n b e z i c h u n g Gricehcnlands u n d S p a n i e n s , m i t d e r U n t e r w e r f u n g Mazedoniens, Klein- u n d Mittelasiens d e h n t e sich die romische Polis z u r W e l t Von CASAB bis zu T B A J A N i s t d a s I m p e r i u m R o m a n u m i n solchem G r a d e W e l t -wirtschaft gewesen — die g e s a m t e b e k a n n t e W e l t als einheitliches Gebiet z u s a m m e n -gefaBt u n t e r einheitlicher L e i t u n g — wie keine E p o c h e vor- u n d n a c h h e r ; eine ausgebildete Geld- u n d K r e d i t w i r t s c h a f t ersetzte w e i t h i n die a l t e n n a t u r a l e n u n d lokalen F o r m e n , u n d alle aufieren, ,,soziologischen" V o r b e d i n g u n g e n einer wissen-schaftlichen Okonomik w a r e n i n u b e r r e i c b e m MaBe v o r h a n d e n Dennooh fehlt

1 Hier wie im folgenden sind nur die wichtigsten Quellen und Schriften genannt Auf die Auseinandersetzung mit gegenteiligen Ansichten ist im allgemeinen verzichtet, da das Quellen-studium, zu dem die gesamte Abhandlung hinfuhren mochte, einen besseren Prilf stein darstellt als alle emsigen Gange durch ein abgeleitetes Schrifttum

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12 Vorgeschichte

d r i n g e n eines chrematistischen Wirtscliafts s t i l e s i n einzelnen Wirtschaf tszweigen,

u n d zwar i n erster Linie i m H a n d e l , i n zweiter Linie i n d e r L a n d w i r t s c h a f t , dagegen

i i b e r h a u p t n i c h t oder n u r i n v e r s c h w i n d e n d e m U m f a n g i m Gewerbe U n d a u c h

d a n n n o c h b l e i b t n i c h t n u r die T a t s a c h e b e s t e h e n , daB d e r Vollgrieehe sich v o n den sinnbildliehen c h r e m a t i s t i s c h e n Gewerben fernhiilt, daB er d a s bankmaBige Leih-

u n d W e c h s l e r w e s e n , j a alien berufsmaBigen H a n d e l d e n H a n d e n v o n F r e m d biirtigen u n d Metoken iiberlaBt, s o n d e r n i n u n v e r m i n d e r t e r K r a f t gilt a u c h d a s

-U r t e i l weiter, das die berufenen H i i t e r menschlicher Z u c h t u n d s t a a t l i e h e n E i n k l a n g s , die D i c h t e r u n d die P h i l o s o p h c n , i n W o r t u n d Bild u n d L e b e n v e r k i i n d e t b a t t e n : J)a m i t d e m s t r e n g e n F u g d e r Polis C h r e m a t i s t i k u n v e r e i n b a r i s t , i s t a u c h eine Wissensoliaft d e r C h r e m a t i s t i k sinnlos u n d schadlich A n d e r s als d e r m o d e r n e Mensch, d e r als Forscher a u e h d a s F r e m d e , Giftige, Lebenswidrige so lange u n t e r -sucht, bis e r i h m selbst verfiillt, w a h r t sieh so d e r H e l l e n e bis zuletzt die K r a f t , d i e falsehen P r o p h e t e n u n d die t r i i g e n d e n Weisheitslehrer s a m t i h r e n G l a u b e n s s a t z e n

u n d Wissensspriichen a u s d e n M a u e r n d e r Polis hinauszuweisen

Quellcn1

: Die gesamte erhaltene Literatur, von den Historikern vor allem THUKYDIDES

und XENOPHON, von den Philosophen PLATON und ARISTOTELES, von den Dichtern PHANES, von den Sophisten ANTIPHON

ARISTO-S c h r i f t e n1: HII/DEBRAND, Xenophontis et Aristotelis de occonomia publica doctrinae illustratae, Marburg 1845; PLENGE, Stammformen der vergleichenden Wirtschaftstheorie, Essen 1921; ROSCHER, Dissertatio prima de doctrinae oeeonomico-politicae apud Graecos primordiis, Leipzig 1866, u a.; SALIN, O C und Aufgabcn der Wirtschaftsgeschichte, Schmollers Jahrbuch, 1921; SOUCHON, Les theories economiquesj dans la Greee antique, Paris 1898;

L v STEIN, Pie staatswisscnschaftliche Theorie der Grioehen vor Aristoteles und Platon und ihr Verhaltnis zu dem Leben der Gesellschaft, Zeitselrr f d ges Staatsw 1853; AMIIIEAE, Staats- und Wirtschaftslehre im Altertum Hdw d St.4— In der Frage der griechischen Wirt-schaftsform fehlt eine abschlieBende Pehandl ung Einstweilen steht der unhaltbaren Portschritts-konstruktion BTJOHEES (vgl ,,Entstehung der Volkswirtschaft" und ,,Beitrage zur Wirtschafts-geschichte") die kaum weniger angreifbare Modernisierung der Antike durch EDUARD MEYER (vgl Kleine Schriften S 79ff u a.) und BELOCH (Griechische Geschichte u a.) gegeniiber Fiir Teilgebictc ist zu nennen: SELTMAKN, Athens, its history and coinage before the persian invasion, Cambridge 1924; FRANCOTTE, L'industrie dans la Grece antique, Bruxelles 1900/01; und, nach hundert Jahren noch nicht ersetzt, BOCKHS grundlegendes Werk: Pie Staatshaus-haltung der Athener, dessen erste Auflage Berlin 1817 erschien

I I Rom

H a t t e n die wirtsohaftlichen Verhaltnisse wissensohaft- u n d s y s t e m b i l d e n d e

K r a f t , wiiren die geistigen Gebilde n u r d e r U b e r b a u einer m a t e r i e l l e n E n t w i o k l u n g , odcr w a r e n sie a u e h n u r n o t w e n d i g einer b e s t i m m t e n wirtsohaftlichen oder gesell-schaftlichen L a g e z u g e o r d n e t , so h a t t e R o m z u m S t i i t z p u n k t einer a n t i k e n W i r t -schaftslehre werden miissen I n d e n J a h r h u n d e r t e n , die die romische Bliite b e -zeichncn, g a i t n u r n o c h wenig d e r aristotelisoh-griechische G r u n d s a t z , daB die

A u t a r k i e d a s eingeborene Ziel (telog) d e r Polis sei Mit der N i e d e r r i n g u n g K a r t h a

-gos, m i t d e r E i n b e z i c h u n g Gricehcnlands u n d S p a n i e n s , m i t d e r U n t e r w e r f u n g Mazedoniens, Klein- u n d Mittelasiens d e h n t e sich die romische Polis z u r W e l t Von CASAB bis zu T B A J A N i s t d a s I m p e r i u m R o m a n u m i n solchem G r a d e W e l t -wirtschaft gewesen — die g e s a m t e b e k a n n t e W e l t als einheitliches Gebiet z u s a m m e n -gefaBt u n t e r einheitlicher L e i t u n g — wie keine E p o c h e vor- u n d n a c h h e r ; eine ausgebildete Geld- u n d K r e d i t w i r t s c h a f t ersetzte w e i t h i n die a l t e n n a t u r a l e n u n d lokalen F o r m e n , u n d alle aufieren, ,,soziologischen" V o r b e d i n g u n g e n einer wissen-schaftlichen Okonomik w a r e n i n u b e r r e i c b e m MaBe v o r h a n d e n Dennooh fehlt

1 Hier wie im folgenden sind nur die wichtigsten Quellen und Schriften genannt Auf die Auseinandersetzung mit gegenteiligen Ansichten ist im allgemeinen verzichtet, da das Quellen-studium, zu dem die gesamte Abhandlung hinfuhren mochte, einen besseren Prilf stein darstellt als alle emsigen Gange durch ein abgeleitetes Schrifttum

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Rom 13

n i c h t n u r eine eigene romische Lehro, s o n d e r n sohon ein g u t Teil d e r griechischen Uberlieferung scheint verschollen EinzelneStelleninCiCEBOsSehrift „ D e r e p u b l i c a "

k o n n t e n die V e r m u t u n g n a h e l e g e n , daB ein handelspolitisches S c h r i f t t u m b e s t a n d

— wahrscheinlicher ist, daB die a n englisehe P o l i t i k g e m a h n e n d e MaBregel, don unterworf e n e n Volkern d e n A n b a u romischer Eigenerzeugnisse zu v e r b i e t c n , i n rein politisoher E r w a g u n g wurzelt, o h n e R u c k h a l t a n einer wirtschaftlielien Theorie

D a s e n t s p r a c h e der g e s a m t o n A r t u n g r o m i s e h e n W e s e n s , d a s sicb i n T a t u n d Gesetz auBert u n d d a s W o r t seltener besinnlich als anfeuernd, seltener wissenschaftlich als politisoh einstellt u n d n u t z t So ist d e n n a u c h n o t w e n d i g zwar die romische A n -

s e h a u u n g v o n d e r Wirtsohaft niedergelegt im Corpus J u r i s , a b e r eine lehre e n t h a l t d a s Corpus sowenig wie eine R e e h t s l o h r e — eine romische W i r t -schaftstheorie g i b t es n i c h t

Wirtschafts-A h n l i c h wie die Wirtschafts-AuBerungen P L Wirtschafts-A T O N S u n d Wirtschafts-A E I S T O T B L B S ' , so ist auoh die im Corpus kodifizierte A n s c h a u u n g1 wichtig geworden d u r c h ihre W i r k u n g ; d e n n d a

d a s M i t t e l a l t e r die romische L e x w e i t g e h e n d als das verpflichtendc N a t u r g e s e t z

b e t r a c h t e t e , ist i n d e m Augenblick, d a wieder geldwirtschaftliche F o r m e n sich

d u r c h s e t z t e n , das romische R e c h t die Quelle u n d die L e h r e d e r n e u e n R e c h t e worden W c n n die griechischc Philosophie i m m e r einen im a l t e n Sinn ,,politischen", auf die U n t e r o r d n u n g u n t e r d a s Ganze g e r i c h t e t e n Wesenszug t r u g , i h r e Aufgabe dor B i n d u n g u n d E i n u n g d u r c h S t a r k u n g der a l t e n u n d S e t z u n g n e u e r Gemein-schaft zu losen s u c h t e , so h a t d a s romisohe R e c h t das gleiche s t a a t l i c h e Ziel m i t

ge-d e n entgegengesetzten, einer spiiten Zeit gemaBen Mitteln zu erreichen g e t r a c h t e t :

in d e r u n s iiberkommeneii F o r m geschaffen n i c h t auf d e r Stufe n a t u r h a f t e n

S t a m m e s w a c h s t u m s , sondorn z u r B e w a l t i g u n g gold-, u n d das heiBt i m m e r : dualwirtschaftlicher Verhaltnisse h a t es iiberall m i t d e m V e r t r a g s r e c h t die Vertrags-lehre v e r b r e i t e t , die rechtliche B e d e u t u n g des I n d i v i d u u m s gesichert, die U n v e r l e t z -lichkeit des P r i v a t e i g e n t u m s verbiirgt u n d so in alien individualistischen Zeiten die rechtliche F o r m u n d d e n sachlichen I n h a l t der Wirtsohaft m i t b e s t i m m t

indivi-Auf e i n e m Teilgebiet freilich h a b e n a u d i die R o m e r die T r a d i t i o n der Griechen

a u f g e n o m m e n : die A g r a r l e h r e — fur u n s zu k l e i n e m Teil e r h a l t e n i n d e r S a m m l u n g

d e r „ S o r i p t o r e s rei r u s t i c a e " — ist auf der G r u n d l a g e d e r griechischen Sohriften fortentwickelt w o r d e n Mehr als 50 griechische Agrarschriftsteller h a t , wie e r w a h n t , noch V A E E O g e k a n n t (Rer R u s t I I ) — d e r a l t e r e C A T O , S A S E B N A V a t e r u n d Sohn,

V A E E O , HYGIN", C O E N E L I U S C E L S U S , C O L U M E L L A , P A L L A D I U S , u m n u r die

be-Itannteren zu n e n n e n , h a b e n i n R o m ihre L e h r e n fortgesponnen W a s sie tcchnisch

b i e t e n , ist im einzelnen h e u t e n u r n o c h fur d e n A g r a r h i s t o r i k e r v o n I n t e r e s s e Allgemein v o n B e d e u t u n g a b e r bleibt, wie i n der geschichtlichen Aufeinanderfolge der Schriften u n d Schriftstellcr doch ein Bild des g e s a m t o n Wirtschaftsverlaufs sieh a b z e i c h n e t CATO, dor l e t z t e V c r t r e t e r des a l t e n , b a u c r l i c h e n R o m e r t u m s , der m a h n e n d e F e i n d des n e u a u f k o m m e n d e n Geldhandels, stellt i n seiner Apotheose des L a n d l e b e n s eine R a n g o r d n u n g d e r B o d e n auf, die a n die Spitze den W e i n b e r g stellt, d a n n den b e w a s s e r t e n G a r t e n , zu d r i t t d a s W e i d i c h t , als vierten d e n Oliven-

h a i n , als fiinften das W e i d e l a n d , als sechsten das G e t r e i d e l a n d , zuletzt die

verschie-d e n e n W a l verschie-d a r t e n (De agri c u l t u r a , I , 7): verschie-d a s kleine Giitchen, spiiter S e h n s u c h t der romisehen D i c h t e r , erscheint hier n o c h als wirkliche L c b e n s g r u n d l a g e der

1

Eine grundliohe Untersuchung der Wirtsehaftsanschauung des Corpus Juris fehlt

v SCHEEL, Die wirtschaftlielien Grundbegriffe im Corpus Juris Civilis, Jahrb f Nat u Stat., 1866; BRUDER, Zur okonomisoben Charakteristik des romisehen Eeohts, Zeitschr f d ges Staatsw., 1876/77, und OEKTMANN, DieVolkswirtschaftslehre des Corpus iuris civilis, Berlin 1891, sind veraltet STotwendig ist eine Arbeit von historisch-philologischer Seite, die die historischen iSchichten zu trennen versteht (Bine Vorarbeit leisten die ,,Studien zur Geschichte der Geld-lehre" von CONSTAHTIN MILLER, Stuttgart 1925, die fiir Griecheniand und die Patristik vollig unzulanglich sind, jedoeh in,,Goldwert und Geldbegriff im romisehen Recht" einen griindlichen Einblick geben.)

Trang 25

14 Vorgesohiohte

Politiker u n d der P o l i t i k ; d a s W e i d e l a n d ist n o c h , das G e t r e i d e l a n d schon o h n e groBe

B e d e u t u n g N i c h t zwei J a h r h u n d e r t e s p a t e r priift VAKRO im a u g u s t e i s c h e n R o m (37 v Chr.) die R i o h t i g k e i t d e r CAionischen S c h e i d u n g u n d m e i n t , sich i h r anschlie-Ben zu k o n n e n bis auf einen P u n k t : a n die S p i t z e i s t d a s g u t e W e i d e l a n d zu stellen (Rer R u s t 1 7) N a c h i h m COLUMELLA, d e r Zeitgenosse S E N E C A S , muB schon die

m a h l i c h e n Zersetzung d e r H a u s w i r t s c h a f t , oder gar, es spiele sich die g a n z e U m w a n d

-l u n g i n n e r h a -l b einer hauswirtschaft-lichen Verfassung a b , , H a u s w i r t s c h a f t " h a t

es freilich w a h r e n d d e r ganzen a n t i k e n Geschichte gegeben, u n d i h r U m f a n g u n d ihre B e d e u t u n g w a r g e r a d e i n d e r a u s g e h e n d e n A n t i k e groBer als e t w a i n d e n J a h r -

h u n d e r t c n des F r u h k a p i t a l i s m u s ; z u m a l in d e n groBen D o m a n i e n d e r K a i s e r z e i t

u n d insbesondere in d e n P r o v i n z e n g a b es Gebiete v o n b e t r a c h t l i c h e r GroBe, die

n i c h t fur d e n M a r k t wirtschafteten, die i h r e g e s a m t e landwirtschaftliche u n d werbliche E r z e u g u n g auf die F a m i l i e des H e r r n m i t all seinen Angehorigen, F r e i -gelassenen u n d Sklaven a b s t e l l t e n u n d die v e r s c h i e d e n e n Erzeugnisse n a c h be-

ge-s t i m m t e n D u r c h ge-s c h n i t t ge-s t a x e n a n e i n a n d e r maBen — d a ge-s b e r i i h m t e Preige-sgege-setz des D I O C L E T I A N h a t (nach einer e i n l e u c h t e n d e n V e r m u t u n g v DOMASZEWSKIS) solche D o m a n i a l o r d n u n g e n als G r u n d l a g e b e n u t z t I n d e s s e n : w a r e solche h a u s -wirtschaftliche Verfassung k e n n z e i c h n e n d fiir die g e s a m t e W i r t s c h a f t d e r Zeit oder a u c h n u r fiir i h r e n iiberwiegenden Teil, so hiitte n i e m a l s d a s I m p e r i u m als Wirtschaftseinheit e n t s t e h e n u n d sich b e h a u p t e n , n i e m a l s die W e l t s t a d t R o m

m i t den H u n d e r t t a u s e n d e n ihrer B e v o l k e r u n g u n d i h r e m gigantischen bedarf a n N a h r u n g s m i t t e l n , K o l o n i a l p r o d u k t e n , Gewerbserzeugnissen sich ent-wickeln u n d sich versorgen k o n n e n Schon die H e r r s c h a f t R o m s zur Zeit der

ZuschuB-R e p u b l i k , m i n d e s t e n s seit d e m zweiten P u n i s e h e n K r i e g , ist d e n n a u c h i n s t a r k s t e m MaB verkehrswirtschaftlich d u r c h g e b i l d e t u n d weist i n alien Teilen eine b e t r a c h t -liche E r z e u g u n g fiir d e n M a r k t auf A u c h CATOS E i n s t e l l u n g zur W i r t s c h a f t wird vollkommeii m i B v e r s t a n d c n , w e n n m a n eine Eeindschaft gegen alien E r w e r b a u s ihr h e r a u s l i e s t W a s er b e k a m p f t , ist der G e l d h a n d e l , d a s Z i n s n e h m e n — gegen Zinsen ausleihen, W u c h e r t r e i b e n i s t i h m schlimmcr als D i e b s t a h l , so wie a u c h die

a l t e n Gesetze d e n W u c h e r e r d o p p e l t so h a r t als den D i e b bestraft h a t t e n (Praef.)

A b e r Gewinn a u s d e m Verkauf v o n Bodenerzeugnissen ist i h m n i c h t n u r n i c h t

v e r d a m m e n s w e r t , s o n d e r n sein ganzes B u c h l e i n i s t eine S a m m l u n g v o n

Anweis u n g e n z u r n u t z b r i n g e n d e n L a n d w i r t Anweis c h a f t alAnweis G r u n d l a g e n u t z b r i n g e n d e r M a r k t

-v e r w o r t u n g Dieser E r w e r b ist eben, so wie A E I S T O T B L E S d a r g e l e g t h a t , fiir d e n

a n t i k e n Menschen n a t u r l i c h u n d r e c h t m a B i g , n i c h t c h r e m a t i s t i s c h — u n d er w a r fiir d e n R o m e r senatorischen S t a n d e s u m so m e h r g e b o t e n , als die L e x Claudia v o n

218 i h m jede gewerbliche B e t a t i g u n g u n t e r s a g t e A g r a r w i r t s c h a f t ist d e r a n s t a n digste u n d sicherste E r w e r b , s a g t C A T O E r w e r b , groBtmoglicher Gelderwerb

-d u r c h m a r k t m a B i g e n A b s a t z — -d a s ist -d a s Ziel -der r o m i s c h e n G u t s w i r t s c h a f t , muB ihr Ziel sein, d e n n n u r so k a n n d e r G u t s h e r r in d e r L a g e b l e i b e n , seine g a n z e

T a t i g k e i t in stolzer Bescheidenheit, o h n e Vergiitung, u n b e s t e c h l i c h d e n S t a a t s aufgaben zu w i d m e n , wie es die Legende u n d die Geschichte v o n d e n groBen R o m e r n der R e p u b l i k b e r i c h t e t D a r u m a u c h j e n e n i i c h t e r n e R e c h e n h a f t i g k e i t d e r CATO-nischen Agrarlehre, die m a n als h a r t h e r z i g u n d u n m e n s c h l i c h gescholten h a t : der G u t s h e r r erzielt einen u m so h o h e r e n E r t r a g , je niedriger er die E r z e u g u n g s -

-k o s t e n h a l t ; einer i h r e r B e s t a n d t e i l e ist t e u e r , u n d a n i h m w i r d d a h e r g e s p a r t :

a m K a p i t a l a u f w a n d ; einer ist billig, u n d er wird s t a r k g e n u t z t u n d a u s g e n u t z t : die

S k l a v e n a r b e i t

Trang 26

Rom — Das katholisohe Europa (Mittelalter) 15

Diese E i n s t e l l u n g z u r L a n d w i r t s c h a f t — n i c h t die sagenhafte , , H a u s w i r t s c h a f t " , die a u c h fur CATO n i c h t b e s t a n d — h a t fur V A R E O u n d sohon v o r V A R R O , schon

in d e r Zeit d e r a u s g e h e n d e n R e p u b l i k sich g e a n d c r t Vor d e n S c h a t z e n , d i e a u s

d e n asiatisohen K r i e g e n u n d a u s d e r H e r r s c h a f t iiber die n e u e n , auBeritaliscben

P r o v i n z e n n a c h R o m flieBen, v e r s c h w i n d e t die B e d e u t u n g d e r Einkiinfte a u s d e r italisohen B o d e n w i r t s c h a f t D e s V A R E O Schrift i s t n i c h t m e h r a n einen b e i sena-

t o r i s c h e m R a n g doch b a u e r l i c h e n G u t s h e r r n g e r i c h t e t , d e r selbst sein G u t m i t

d e m Ziel groBtmoglichen E r t r a g s bowirtschaftet, s o n d e r n a n einen s t a d t i s c h e n

A r i s t o k r a t e n , fiir d e n d e r italische G r u n d b e s i t z zwar standesgemaBe Verpflichtung ist, fiir d e n jedoch wirtschaftlich die G m n d r e n t e n u r geringe B e d e u t u n g n e b e n den sonstigen E i n k o m m e n s m o g l i c h k e i t e n b e s i t z t S t a r k e r als b e i V A R R O ist d a n n bei COLUMELLA d e r fiir d a s I m p e r i u m , fiir d e n L a n d b a u , z u l e t z t fiir d e n Besitzer selbst i m m e r bedrohlicher w e r d e n d e C h a r a k t e r d e r sozialen E n t w i c k l u n g s p i i r b a r : noch i m m e r gilt gewerbliche Bctiitigung, gilt Schiffahrt u n d H a n d e l als n i c h t a n -gemessen fiir die regierenden S c h i c h t e n ; so b l e i b t L a n d k a u f die einzige K a p i t a l -anlage, die Latifundien vergroBern sich, e h e d e m m i t B a u e r n s t e l l e n d i c h t besie-

d e l t e Gebiote worden e n t v o l k e r t A b e r d i e G r u n d b e s i t z c r in d e r Zeit d e s P r i n z i p a t s

u n d v e r s t a r k t des D o m i n a t s h a t t e n , selbst w e n n sie noch d e n B o d e n als E r w e r b s quelle n u t z e n wollten, n i c h t m e h r die Moglichkeiten d e r catonisohen Zeit bcsessen; seit d e r P a x A u g u s t a , seit d e r Reichsgriindung u n d -begrenzung k o m m e n n u r

-n o c h we-nig -neue S k l a v e -n i -n s L a -n d , die Billigkeit d e r A r b e i t s k r a f t h a t aufgehort

D a r u m wird es notig, alle i n t e n s i v e n K u l t u r e n aufzugeben, d a r u m freie oder h a l b freie A r b e i t h e r a n z u z i e h e n A n Stelle d e r a l t e n G u t s w i r t s e h a f t t r i t t d e r K o l o n a t COLUMELLA h a t wie m a n c h e BuBprediger d e r K a i s e r z e i t g e m e i n t , d u r c h moralische

-u n d philosophische E r m a h n -u n g e n d e n La-uf d e r E n t w i c k l -u n g a -u f h a l t e n , d a s R a d

d e r Geschichte zuriickdrehen zu k S n n e n A b e r wo d i e Gesetze des A U G U S T U S

v e r s a g t h a t t e n , d a d u r f t e n die W o r t e d e r R h e t o r e n n i c h t auf Erfolg hoffen M i t

d e m U n t e r g a n g R o m s w a r d a u c h d a s Schicksal dieser e r s t e n W e l t w i r t s c h a f t b e siegelt Mit d e m Z u r i i c k t r e t e n d e r Geld- u n d K r e d i t w i r t s c h a f t a b e r u n d m i t d e m

-N e u e r s t a r k e n d e r n a t u r a l w i r t s c h a f t l i c h e n O r d n u n g , m i t d e r R e a g r a r i s i e r u n g d e r ganzen O k u m e n e v e r s c h w a n d fiir J a h r h u n d e r t e j c d e r G r u n d u n d j e d e r Sinn einer auBertechnischen Wirtschaf tsleh re

Q u e l l e n : Vgl Text, dazu HOBAZ, VEEGIL, PLINIUS

S c h r i f t e n : Eine Wirtschaftsgeschiohte der romischen Republik fehlt Fiir die zeit von grundlegender Bedeutung: ROSTOVTZEFF, The social and economic history of the Roman Empire, Oxford 1926 — Zur romischen Agrargeschichte sind die bekannten Schriften

Kaiser-von GTJMMEKUS, MAX WEBEK, ROSTOWZEW (Kolonat) zu vergleichen Zur Agrarlchre G CARL,

Die Agrarlehre Columellas Vicrtelj f Soz u W Gesch Bd X I X

I I I D a s k a t h o l i s c h o E u r o p a ( M i t t e l a l t e r ) Auch E u r o p a s wieder landlicher C h a r a k t e r v o m d r i t t e n nachchristlichen J a h r -

h u n d e r t a n b e d e u t e t n i c h t ein Aufhoren d e r Geldwirtschaft, n i c h t e i n m a l ein liches Verschwinden des G e l d h a n d e l s Sowenig in d e r K u n s t plotzlioh a n e i n e m Tage d i e r o m a n i s c h e Zeit e n d e t u n d die gotische b e g i n n t , sowenig k e n n t d i e W i r t -schaft eine plotzliche u n d restlose Ablosung einer Wirtschaftsform d u r c h d i e a n d e r e Zwar die besondere einheitliche O r d n u n g des Wirtschaftslebens, die wir n a c h SOMBARTS Vorgang W i r t s c h a f t s s y s t e m n e n n e n , ist ein einmaliges geschichtliohcs Gebilde u n d also d e m geschichtlichen W e r d e n u n d Vergehen unterworfen Doch keine O r d n u n g , d i e wir sehen, ist d a d u r c h gekennzeichnet, daB ein oinziger W i r t -schaf tsgeist u n d ein einziger Wirtschaftsstil b e s t e h t , s o n d e r n n u r d a d u r c h , daB ein b e s t i m m t e r Geist u n d Stil die Vorherrschaft besitzt Auch in k r e d i t w i r t s c h a f t -

Trang 27

ganz-Rom — Das katholisohe Europa (Mittelalter) 15

Diese E i n s t e l l u n g z u r L a n d w i r t s c h a f t — n i c h t die sagenhafte , , H a u s w i r t s c h a f t " , die a u c h fur CATO n i c h t b e s t a n d — h a t fur V A R E O u n d sohon v o r V A R R O , schon

in d e r Zeit d e r a u s g e h e n d e n R e p u b l i k sich g e a n d c r t Vor d e n S c h a t z e n , d i e a u s

d e n asiatisohen K r i e g e n u n d a u s d e r H e r r s c h a f t iiber die n e u e n , auBeritaliscben

P r o v i n z e n n a c h R o m flieBen, v e r s c h w i n d e t die B e d e u t u n g d e r Einkiinfte a u s d e r italisohen B o d e n w i r t s c h a f t D e s V A R E O Schrift i s t n i c h t m e h r a n einen b e i sena-

t o r i s c h e m R a n g doch b a u e r l i c h e n G u t s h e r r n g e r i c h t e t , d e r selbst sein G u t m i t

d e m Ziel groBtmoglichen E r t r a g s bowirtschaftet, s o n d e r n a n einen s t a d t i s c h e n

A r i s t o k r a t e n , fiir d e n d e r italische G r u n d b e s i t z zwar standesgemaBe Verpflichtung ist, fiir d e n jedoch wirtschaftlich die G m n d r e n t e n u r geringe B e d e u t u n g n e b e n den sonstigen E i n k o m m e n s m o g l i c h k e i t e n b e s i t z t S t a r k e r als b e i V A R R O ist d a n n bei COLUMELLA d e r fiir d a s I m p e r i u m , fiir d e n L a n d b a u , z u l e t z t fiir d e n Besitzer selbst i m m e r bedrohlicher w e r d e n d e C h a r a k t e r d e r sozialen E n t w i c k l u n g s p i i r b a r : noch i m m e r gilt gewerbliche Bctiitigung, gilt Schiffahrt u n d H a n d e l als n i c h t a n -gemessen fiir die regierenden S c h i c h t e n ; so b l e i b t L a n d k a u f die einzige K a p i t a l -anlage, die Latifundien vergroBern sich, e h e d e m m i t B a u e r n s t e l l e n d i c h t besie-

d e l t e Gebiote worden e n t v o l k e r t A b e r d i e G r u n d b e s i t z c r in d e r Zeit d e s P r i n z i p a t s

u n d v e r s t a r k t des D o m i n a t s h a t t e n , selbst w e n n sie noch d e n B o d e n als E r w e r b s quelle n u t z e n wollten, n i c h t m e h r die Moglichkeiten d e r catonisohen Zeit bcsessen; seit d e r P a x A u g u s t a , seit d e r Reichsgriindung u n d -begrenzung k o m m e n n u r

-n o c h we-nig -neue S k l a v e -n i -n s L a -n d , die Billigkeit d e r A r b e i t s k r a f t h a t aufgehort

D a r u m wird es notig, alle i n t e n s i v e n K u l t u r e n aufzugeben, d a r u m freie oder h a l b freie A r b e i t h e r a n z u z i e h e n A n Stelle d e r a l t e n G u t s w i r t s e h a f t t r i t t d e r K o l o n a t COLUMELLA h a t wie m a n c h e BuBprediger d e r K a i s e r z e i t g e m e i n t , d u r c h moralische

-u n d philosophische E r m a h n -u n g e n d e n La-uf d e r E n t w i c k l -u n g a -u f h a l t e n , d a s R a d

d e r Geschichte zuriickdrehen zu k S n n e n A b e r wo d i e Gesetze des A U G U S T U S

v e r s a g t h a t t e n , d a d u r f t e n die W o r t e d e r R h e t o r e n n i c h t auf Erfolg hoffen M i t

d e m U n t e r g a n g R o m s w a r d a u c h d a s Schicksal dieser e r s t e n W e l t w i r t s c h a f t b e siegelt Mit d e m Z u r i i c k t r e t e n d e r Geld- u n d K r e d i t w i r t s c h a f t a b e r u n d m i t d e m

-N e u e r s t a r k e n d e r n a t u r a l w i r t s c h a f t l i c h e n O r d n u n g , m i t d e r R e a g r a r i s i e r u n g d e r ganzen O k u m e n e v e r s c h w a n d fiir J a h r h u n d e r t e j c d e r G r u n d u n d j e d e r Sinn einer auBertechnischen Wirtschaf tsleh re

Q u e l l e n : Vgl Text, dazu HOBAZ, VEEGIL, PLINIUS

S c h r i f t e n : Eine Wirtschaftsgeschiohte der romischen Republik fehlt Fiir die zeit von grundlegender Bedeutung: ROSTOVTZEFF, The social and economic history of the Roman Empire, Oxford 1926 — Zur romischen Agrargeschichte sind die bekannten Schriften

Kaiser-von GTJMMEKUS, MAX WEBEK, ROSTOWZEW (Kolonat) zu vergleichen Zur Agrarlchre G CARL,

Die Agrarlehre Columellas Vicrtelj f Soz u W Gesch Bd X I X

I I I D a s k a t h o l i s c h o E u r o p a ( M i t t e l a l t e r ) Auch E u r o p a s wieder landlicher C h a r a k t e r v o m d r i t t e n nachchristlichen J a h r -

h u n d e r t a n b e d e u t e t n i c h t ein Aufhoren d e r Geldwirtschaft, n i c h t e i n m a l ein liches Verschwinden des G e l d h a n d e l s Sowenig in d e r K u n s t plotzlioh a n e i n e m Tage d i e r o m a n i s c h e Zeit e n d e t u n d die gotische b e g i n n t , sowenig k e n n t d i e W i r t -schaft eine plotzliche u n d restlose Ablosung einer Wirtschaftsform d u r c h d i e a n d e r e Zwar die besondere einheitliche O r d n u n g des Wirtschaftslebens, die wir n a c h SOMBARTS Vorgang W i r t s c h a f t s s y s t e m n e n n e n , ist ein einmaliges geschichtliohcs Gebilde u n d also d e m geschichtlichen W e r d e n u n d Vergehen unterworfen Doch keine O r d n u n g , d i e wir sehen, ist d a d u r c h gekennzeichnet, daB ein oinziger W i r t -schaf tsgeist u n d ein einziger Wirtschaftsstil b e s t e h t , s o n d e r n n u r d a d u r c h , daB ein b e s t i m m t e r Geist u n d Stil die Vorherrschaft besitzt Auch in k r e d i t w i r t s c h a f t -

Trang 28

ganz-16 Vorgeschichte

lich geordneten Zeiten gibt es noch naturalwirtschaftliche Gehiiuse — auch wenn die kapitalistische Unternchmung iiberwiegt, hort das Handwerk nicht auf —, auch wenn die Volkerwanderung sich iiber Europa ergiefit und die schon langst begonnene Riiokbildung der ohreraatistisohen Wirtschaft beschleunigt und neue agrare Wirtschafts- und Herrschaftsformen festigt, bleibt in einzelnen Gebieten der chrematistisehe Wirtschaftsstil am Leben Neben den Uberresten und Ur-kunden sind gcrade diejenigen Gesetze, die man nur um ihrer Kapitalfeindschaft willen anfuhrt, Zeichen der nicht erstorbenen Chrematistik Weder hatte das Konzil von Nicaea im Jahre 325 ein Zinsverbot fiir Kleriker aussprechen miissen, noeh hatte KARL DER GROSSE sich veranlaBt gesehen, es auf die Laien auszudehnen, hatte es nicht Geldhandel und Geldleihe in betrachtlichem Umfang gegoben

Es ist also wieder nicht in den wirtschaftlichen Tatsachen und gewifi nicht in ihnen allein begriindet, wenn die friihchristliche Zeit sich durch fast volliges Fehlen wirtschaftlichcr Lehrcn auszeichnet, wenn weder bei den groBcn griechischen Kirchenvatern, bci CLEMENS etwa oder ORIGENES, noch bei den Lateinern, bei TERTULLIAN oder CYPRIAN, AMBROSIUS oder AUGUSTINITS, wenn weder in ihren dogmatischen Schriften noch in ihren Briefen auch nur der leiseste Ansatz zu einer katholischen Wirtschaftslehre enthalten ist Auch nicht in einer Unkenntnis der wirtschaftlichen Tatsachen ist der Grund zu suchen — bekanntlich gehorte ein groBer Teil gerade der ersten Christen dem einfachen Volk an, und mancher der Apostel und der Vater hat zeitlebens als Handwerker sein tagliches Brot ver-dient Indessen was sollte eine Wirtschaftslehre unter Menschen und in Jahr-hunderten, denen das Diesseits nicht anders Geltung hatte denn als Vorstufe zum Jenseits, denen die politische, die rechtliche und zunial die wirtschaftliche Ordnung

der Welt daher als gleichgiiltige und voriibergehende Fiigung orschien 1

Jedoch sowenig die Wirtschaft aus sich heraus einen bestimmten Geist und eine regelnde Lehre erzeugt, sowenig bleibt der Sinn ernes Werkes, das Wesen

deren Leben in der neuen Verkorperung des alten Geistes und im Kampf fiir seine Reinheit sich erfiillt Auch das Christentum hat nicht „von selbst" ein Jahr-tausend hindurch im wesentlichen seine Jenseitsrichtung bewahrt, sondcrn es ist eine der groBten Leistungen seiner berufenen Fiihrer in dieser Zeit, daB sie die Kraft besaBen, in der groBen Masse den Menschen das Vertrauen auf Jesu Wiederkehr und auf den verheiBenen Aion wach zu erhalten und in diesem Glauben ihre niemals ganz versunkenen begehrlichen Wiinsche nach einer Besserstellung

im Diesseits zu erstieken Die Schwere und die Wucht dieser selten gewiirdigten stung tritt deutlich zutage nicht erst im Gegensatz zur Neuzeit, wo mit Reformation und Kapitalismus das Individuum und das Diesseits fiber die erlahmende Macht des katholischen Giaubens den Sieg davontragen, sondern starker noch in dem Kampf, den von Anbegimi an das geistig-geistliche Christentum gegen seine welt-lichen Bekenner fiihrte Vergosse man nicht, daB Jesu Botschaft sich in erster Linie an die Miihseligen und Beladenen, an die Parias der alten Ordnung wandte

Lei-— was lag nahcr, als daB sie, die schon des Lebenden Einzug in Jerusalem zu einer Art von Aufstand gegen die irdische Macht der Romer ausgestalteten, nach seinem Tod in dem an sie ergangenen Ruf ein Zeichen zugleich ihrer besonderen Auserwahlt-heit und auf der anderen Seite einer ewigen Verdammung der Besitzenden und Wohl-habenden erblickten? Schon im Evangelium selbst wird diese Moglichkeit zu friiher und gefahrvoller Wirklichkeit Bei MATTHAETJS wendet sich Jesu Bergpredigt

an ,,die Armen im Geiste" und verheiBt ihnen das Himmelreich (5, 3) — aber schon bei LTJKAS sind es die im Besitz Armen, die jetzt Hungernden, denen sein Wort

1

Uber Wesen und Werden von Idee und Form des christlichen Keiches vom Evangelium

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Das katholische Europa (Mittelalter) 17 gilt, und der Seligsprechung der Armen folgt ein Wehruf iiber die Reichen, deren

Fiille in Not verkehrt werden wird (6,20—21, 24—25) In der Apokalypse, im

JAKOBUS-, im TiMOTiiBusbrief, also in kanonischen Schriften, — nicht anders im

HirtendesHERMAS, der lange kanonisches Ansehen genoB, ist dieses ,,Ressentiment"

gegen die Reichen bereits ins Riesenhafte gewachsen — die ganze Geschichte kennt

keinen wilderen Ausbruch als das haBerfullte Frohlocken des JAKOBUsbriefes iiber

den siohoren Untergang der Besitzenden am kunftigen Schlachttag

Wenn es trotzdem mehr als ein Jahrtausend hindurch weder zu sozialistisehcn

noch zu — im lieutigen Verstand — kommunistischen Bewegungen auf christlichem

Boden gekommen ist, so muB noben der kraftvermittelnden Erwartung der nahen

Endzeit, neben der Maoht von Christi Liebesgebot und neben Vorbild und Lehre

der apostolischen und der Kirchenvater noch eine Tatsache in ihrer bindenden

Be-deutung erkannt werden, deren mifiverstandene Auslegung in spiiteren

Jahrhunder-ten diesseitig-wirtschaftliche Stromungen zu stiitzen und zu rechtfertigen diente:

das Gemeinschaftsleben der Urchristen, zumal der Gemeinde der ,,Heiligen", der

,,Armen" zu Jerusalem LUKAS zeichnet in der Apostelgescbichte (2, 42ff.; 4, 32ff.)

jenes fromme Bild, das von nun an in alien monchischen und alien tauferischen

Be-wegungen seine fiihrende und veriiihrende Macht erwies, jene friedliche Schilderung

eines Gemeinschaftsdaseins, bei dem alle Glaubigen zusammen lebten und alles

gemeinsam hatten, die Giiter und Besitzungen verkauften und sie austeilten unter

alle, so einer ihrer bedurfte

Es sind Zweifel laut geworden, ob diese Darstellung des LUKAS treu den

ge-schichtlichen Vorgang wiedergibt, oder ob es sich hier um eine evangelische

Aus-schmuckung handelt, geboren aus dem Wunsch des Verfassers, das Ideal der

Ge-meinschaft des PLATONischen Staates, das die antike Welt noch immer hochhielt,

im christlichen Leben verwirklicht zu zeigen Wir halten unsrerseits die

geschicht-liche Deutung fiir richtig, wobei freilich zu erinnern ist, daB die ganzen Evangelien

und auch die Apostelgcschichte ,,heilige Geschichte" in jenem Sinn sind, der

Wirk-lichkeit und Mythus und Lcgendo zur Einheit verschmilzt — einer Einheit, die

auch fremde Bilder sich anverwandelt und die also hier auch PLATOirisches Gut

auf-genommen haben mag Indessen, ob nun die Erzahlung des LUKAS von PLATON

abhangt oder nicht — so ist fur unseren Zusammenhang allein die Tatsache

wesent-lich, daB bei dieser, unseres Erachtens viel zu grob gedachten, Verbindung doch

richtig die Zusammengehorigkeit des PLATONischen und des christlichen

,,Kommunis-mus", verglichen mit allem modernen Kommunismus, erkannt ist

Schon von PYTHAGORAS wird das Wort berichtet, daB „den Freunden alles

ge-meinsam" sei, und in PLATONS Politeia ist diese Gemeinsamkeit zum

auszeichnen-den Merkmal eines Teiles der herrschenauszeichnen-den Kaste geworauszeichnen-den Sie ist indessen weder

hier noch dort dasjenige Zeichen, in desscn Namen sich die Gemeinschaft bildet,

erhalt und erneuert Die Gemeinschaft der Pythagoraer und der Platoniker ist

ihrem Wesen nach ein geistig-leiblich-staatlicher Bund, so wie das Christentum ein

seelisch-kirchlicher Bund, sie ist und bedeutet in der Antike eine politische, im

Christentum eine religiose Einung, die so umfassend und so ausschlieBend ist, daB

sie mit dem ganzen Leben ihrer Glieder auch den unwichtigsten Teil, die bare

Voraussetzung dieses Lebens: Hab und Gut gemeinsam nennt und nutzt Es

ist eine Frage der Begriffswahl, ob man diese letzte Tatsache wichtig genug nimmt,

um ihretwegen aueh vom Kommunismus der Politeia und des Urchristentums

zu sprechen Ohne Bedenken kann dies nur dann geschehen, wenn klar bewuBt

bleibt, daB nur in einer Verneinung der politische, der religiose und dor moderne,

der wirtsehaftliche Kommunismus einander gleichen: nur das Fehlen von

Sonder-eigentum haben sie gemeinsam Im iibrigen sind sie nicht nur ihrem tiefsten Wesen

nach voneinander geschieden, sondern auch rein wirtschaftlich nehmen der politische

und der religiose Kommunismus eine Sonderstellung ein Weder PLATOK noch das

Trang 30

18 Vorgosohichte

U r c h r i s t e n t u m k e n n e n einen K o m m u n i s m u s der E r z e u g u n g , s o n d e r n bier wie d o r t

h a n d e l t es sioh urn einen K o m m u n i s m u s des Verzehrs, d e r ermoglicht wird d u r c h groBe, v o n fruher h e r b e s t e h e n d e u n d zur V e r t e i l u n g g e l a n g e n d e G u t e r v o r r a t e oder d u r c h d a u e r n d e v o n n i c h t - k o m m u n i s t i s c h e n Schichten n e u e r a r b e i t e t e u n d gespendete B e i t r a g e H i e r m i t h a n g t ein weiterer U n t e r s c h i e d aufs engste z u s a m m e n Der politische u n d d e r religiose ist ein K o m m u n i s m u s des Gebens, der wirtschaft-liche ein K o m m u n i s m u s des N e h m e n s — j e n e r f u 8 t auf d e r Wesenlosigkeit, die fur d e n B e s i t z e n d e n d e r Besitz angesichts des g o t t l i c h e n Zieles d e r Gemeinschaft

a n n i m m t , dieser auf d e r Wesenhaftigkeit, die d a s , , R e s s e n t i m e n t " des Besitzlosen

d e m Besitz z u s c h r e i b t

DaB bei solch religioser Verwurzelung u n d A u s r i e h t u n g selbst des lichsten Bildes des U r e h r i s t e n t u m s keine ohristliehe W i r t s e h a f t s l e h r e moglich w a r ,

wirtschaft-k a n n n u n n i c h t m e h r w u n d e r n e h m e n Viel e h e r m i i B t e m a n s t a u n e n , d a B es u b e r h a u p t gnostisehe S e k t e n g a b , die aus d e r Gleichheit aller Menschen v o r G o t t d i e F o l g e r u n g einer Gleichheit vor u n d u n t e r d e n Menschen zogen; d e n n d a dieser religiose

K o m m u n i s m u s d e r U r g e m e i n d e n u r d e n Verzehr erfaBte, war er in dieser F o r m i m m e r

n u r v o n einem B u n d e durchzufiihren, d e r v o n einer n i c h t - k o m m u n i s t i s c h e n Masse gestiitzt u n d u n t e r h a l t e n w u r d e , w a r er eine Lebensmoglichkeit fur die Heiligen

zu J e r u s a l e m , d e n e n PATJLTJS die K o l l e k t e n der g a n z e n Christenheit i i b e r b r a c h t e , oder fur einzclne Orden oder fur d e n K l e r u s , n i e m a l s a b e r fur die G e s a m t h e i t d e r Glaubigen W a s dieser Menge wirtschaftlich u n d sozial zu sagen war, d a s ist m i t

d e n W o r t e n des PATJLTJS: ,,ein j e d e r bleibe i n d e m S t a n d , d a r i n n e n er geboren i s t " , erschopfend z u m A u s d r u c k g e b r a c h t — vor G o t t h a t t e j e d e r Glaubige gleiches Ansehen u n d gleiche Geltung, u n d u n t e r den Menschen w a r j e d e r Glaubige ein B r u d e r

in Christo, einerlei, ob er reich oder a r m , ob er H e r r oder Sklave war D a r u m h a t atich d a s fruhe C h r i s t e n t u m sich n i e m a l s gegen die Sklaverei g e w a n d t , u n d es ist

m e h r eine Folge des g c m e i n s a m e n G o t t e s d i e n s t e s u n d der sozialen H e r k u n f t u n d Stellung d e r moisten Glaubigen als eine Folge ausdriicklicher L e h r e , w e n n sich zeitweise eine H e r a b m i n d e r u n g der sozialen U n t e r s c h i e d e u n d d a u e r n d eine H o h e r -

s c h a t z u n g d e r A r b e i t d u r c h s e t z t — d e r A r b e i t , die fiir die A n t i k e i m m e r m i t d e r Vorstellung v o n Miihe u n d SchweiB v e r b u n d e n u n d d a r u m d e m E d e l n umziemlich gewesen w a r u n d die n u n n a c h d e r christlichen U m w e r t u n g d e r W e r t e l a n g s a m

in die Rolle des wertschaffenden, j a des a d e l n d e n F a k t o r s hineinwiichst

D a wohl d a s E v a n g e l i u m , doch weder die K i r c h e n o c h Z a h l u n d A r t der bigen noch I n h a l t u n d F o r m d e r Wirtschaf t d u r c h all die christlichen J a h r h u n d e r t e

Glau-u n v e r a n d e r t blieb, w a r freilich a Glau-u c h die K i r c h e v o n Zeit zGlau-u Zeit genotigt, zGlau-u d e n wechselnden E r s c h e i n u n g e n des Tages Stellung zu n e h m e n W e n n sie es a b e r t a t ,

so k o n n t c bei d e m n o t w e n d i g e n F e h l e n einer Wirtsehaftslehre j e d e s o l c h e A u B e r u n g

n u r als zeitliehe A b l e i t u n g aus d e m ewigen Sittengesetz gogeben w e r d e n , u n d i h r e geschichtliche Folge g e h o r t i n eine D a r s t e l h m g d e r p r a k t i s c h e n Sitten-, n i c h t d e r

p r a k t i s c h e n Wirtsehaftslehre Doch sei ein Beispiel des Beginnes gegeben, d a s die ganze A r t des Vorgehens deutlich zeigt u n d d a s zugleich d a r a n e r i n n e m m a g , welch ungeniitzte Fiille k u l t u r - u n d wirtschaftsgeschichtlichen Stoffes in den Schriften d e r

K i r c h e n v a t e r n o c h d e r ErschlieBung h a r r t

Als die Z a h l der Christen i m 2 J a h r h u n d e r t so s t a r k a n w u c h s , daB ganze Dorfer

u n d ganze L a n d s t r i c h e sich z u m n e u e n G l a u b e n b e k a n n t e n , u n d als gleichzeitig zwar n i c h t d e r G l a u b e a n die W i e d e r k u n f t Christi, jedooh die Hoffnung des leben-den Geschlechtes, sie n o c h m i t eigenen A u g e n zu schauen, schwacher w u r d e , w a r die Aufgabe, sich in der W e l t einzurichten, dringlicher u n d u n e n t z i e h b a r e r als i n der Zeit d e r Apostel Seinen , , S t a n d " aufzugeben oder g a r es fiir christlich zu h a l t e n , einen , , n i e d e r e n " S t a n d g e w a l t s a m zu a n d e r n , k a m a u c h j e t z t n i c h t in F r a g e ; in-dessen muBte eine E n t s c h e i d u n g dariiber getroffen w e r d e n , ob wirklich jeder Beruf dem Christen wohl a n s t c h c A b e r m a l s sei der Gegensatz b e t o n t : n i c h t dies w a r

Trang 31

Das katholische Europa (Mittelalter) 19 die Frage, wie man wirtschaftlich oder technisch zweckmaBig verfahre — das katholische Christentum hatte und hat hierzu im letzten nichts anderes zu sageri, als daB jedes Verfahren unzulassig ist, das gegen die Gebote der Bibel und der Kirche verstoBt Indessen je weitere Gebiete die Theologie ergriff, je mehr der kasuistisehe Verstand sieh der Liebesgebote bemachtigte, um so weniger geniigte die allgemeine Anweisung, 11m so mehr suehten die Vertreter der Kirche durch vorgeschobeno Zaune jede Ubertretung zu hindern und suehten die Glaubigen fur ihre taglichen Handlungen durch die Zustimmung ihrer Lehrer und Bischofe sich die Gewissens-ruhe zu sichern Dieser doppelten Not entstammen die ersten groBen kasuistischen Schriften der Christenhcit, ihnen voran die Abhandlungen des TBETULLIAN uber die Idolatrie, den Gotzendienst TEBTULLIAN greift bewuBt in Beruf und Wirtschaft ein, doch weder um sie ,,antik" zu gestalten, noch um sie „modern" zu erklaren, sondern um sie ,,religios" zu werten, die gebilligten Teile weiter zu gestatton, die verworfenen zu verbieten Dabei wird nicht nur die Astrologie und das profane Lehramt als unstatthaft (9f.), sondern der gesamte Handel als bedenklich, der Handel

in Weihrauch und anderen Spezereien als widerchristlich erklart, da sie f iir heidnische Gotteropfer gebraucht werden konnen (llf.) TERTULLIAN kennt die Wirtschaft seiner Zeit aufs genaueste, wirtscliaftliche Bilder dienen ihm zur Verdeutlichung seelischer und geistlicher Vorgange; so vergleicht er in der Schrift ,,Uber die BuBe" den Sunder, der ohne BuBe Vergebung erwartet, einem Menschen, „der die Hand nach der Ware ausstreckt, ohne den Preis zu bezahlen", so begriindet er seine Erwartung, daB gewiBlich Gott die BuBe priifen wird, mit der Erwagung, ,,daB schon der gewohnliche Verkaufer die Miinze erst priift, ob sie nicht beschnitten, nicht abgogriffen, nicht falsch sei" (6) Wenn dennoch seine strenge Harte gegen-iiber einzelnen Berufen Platz greift, so ist ihre Grundlage offenbar nicht Unkenntnis, sondern Gleichgultigkeit gegeniiber den unausbleiblichen wirtschaftlichen Folgen: die glaubige Gesinnung hat gelernt, ,,nicht einmal das Leben zu achten, viel weniger also den Lebensunterhalt" (12)

Allein selbst Fragen dieser Art sind vom 5 Jahrhundert an nur seltcn noch von praktischer und also auoh nur selten von theologischer Bedeutung Je mehr die romische Welt im ganzen den christlichen Glauben annahm, um so starker vollzog sich auch die Christianisierung der einzelnen Berufe 'Nachdem der Weih-rauch nicht mehr in heidnischen Tempeln, sondern in christlichen Kirchen dampfte, war der noch cben verbotcne Handel nun Gott wohlgefallig, und auBor dem Geld-handel gab es kein Gebiet der Wirtschaft mehr, bei dem schon die Betatigung als solche, nicht erst die Gesinnung und die Form der Betatigung aus der neuen Gemeinschaft ausschloB

Europas stete Riickbildung zu landlicheren Formen, die Allmacht heroischen Geistes unter den neuen Herrschervolkern der Germanen und Franko-Romanen, die Ausbildung eines auf innerer Bindung fest gegriindeten Feudalismus haben dann noch das Ihre getan, um der Kirche jahrhundertelang die Notwendigkeit der Stellungnahme zur Wirtschaft zu ersparen Wahrcnd der tjbergang der Staats-gewalt in christliche Hand schon im 4 Jahrhundert die Frage nach dem Wesen des christlichen Staates und dem Muster des christlichen Herrschers brennend werden lieB und des AUGUSTTNTTS gewaltige Schopfung der Civitas Dei schon zu Beginn der mittleren Zeit die bis zu THOMAS hin allgiiltige, die menschliche und die staatliche, die theologische und die philosophische Antwort bot, neigte das Mittelalter sich bereits dem Ende entgegen, als auch die Wirtschaft, sich neu ent-faltend, dazu zwang, sie als Grenzgebiet in die Gotteslehre einzubeziehen

jugendlich-Erst als nach der Wende zum 11 Jahrhundert zugleich der wissenschaftliche Sinn in den mannbar werdenden Volkern sich wieder regte, als die Kreuzziige antike und arabische Geistigkeit, morgenlandische Wirtschaft und byzantinisches Gold vermittelten, als im agraren Europa die Stadte sich neu entwickelten, das

2*

Trang 32

20 Vorgeschichte

Geld wieder allgemein z u m Bindeglied des Verkehrs, d a n n z u r Grundlage u n d z u m Mittel m e r k a n t i l e n R e i o h t u m s w u r d e , muBte a u c h die K i r c h e i m R a h m e n d e r

p r a k t i s c h e n Moraltheologie S t e l l u n g n e h m e n zu d e n n e u e n T a t s a c h e n d e r W i r t schaft Sie t a t es in wechselnder F o r m u n d S t r e n g e , u n d d e r Versuch, eine einheit-liche L i m e historischer E n t w i c k l u n g in ihrer L e h r e festzustellen1, ist d a h e r ebenso

-u n d a -u s gleichen Griinden z -u m Scheitern v e r -u r t e i l t , als wollte m a n i n d e r b a -u e n d e n

u n d bildonden K u n s t in einer Zeit d e r handwerklichen B a u h i i t t e n m i t ortlicher

B i n d u n g u n d E n t f a l t u n g das reiche N e b e n e i n a n d e r in ein einreihiges N a c h e i n a n d e r auflosen A b e r Eines ist doch d e n groBen Scholastikern u n d K a n o n i s t e n , v o n

ALBEKTTTS M A G N U S u n d T H O M A S V O N A Q U I N 2 bis zu B U E I D A N U S u n d H E I N R I C H

VON L A N G E N S T E I N , alien g e m e i n s a m : a u c h sie fragen n i c h t n a e h d e m i n n e r e n setz, d e r i n n e r e n O r d n u n g d e r W i r t s e h a f t — die eigentiimliche F r a g e d e r m o d e r n e n Volkswirtsohaftslelire, ihrer Meinung n a c h voraussetzungslos, i n W a h r h e i t auf

Ge-d e n G l a u b e n Ge-d e r O b j e k t i v i t a t u n Ge-d A u t o n o m i e gegriinGe-det —, s o n Ge-d e r n sie fragen

n a c h der V e r e i n b a r k e i t wirklicher T a t b e s t a n d e m i t d e r L e h r e , wie sie Bibel, K i r c h e n

-v a t e r u n d ARiSTOTELische Philosophie -v e r m i t t e l n — sie stellen eine theologische

F r a g e u n d geben eine theologische A n t w o r t

W i c h t i g s t e Hilfe h a t hierbei die Wirtschaftslehre geleistet, die A B I S T O T E L E S

in der NiKOMACHischen E t h i k u n d d e r P o l i t i k e n t w i c k e l t h a t t e W i e s t a r k d e r U n t e r schied w a r zwischcn seiner ,,politischen" u n d d e r eigenen religiosen A u s r i c h t u n g , das b r a u c h t e u n d k o n n t e d e r Scholastik n i c h t z u m BewuBtsein k o m m e n , d a i h r

-n i c h t -n u r ,,dcr P h i l o s o p h " als allgemei-ne A u t o r i t a t i-n h o c h s t e m A -n s e h e -n s t a -n d , sondern d a sie a u c h m i t R e c h t seine besondere Wirtschaftslehre i n einem wesent-lichen P u n k t , d e r m e t a - o k o n o m i s c h e n H a l t u n g , als v e r w a n d t empfinden muBte und sohlieBlich d a sie zeitlich sich vor die gleiche Aufgabe d e r Stoff-Sichtung u n d

- O r d n u n g wie A B I S T O T E L E S gestellt sah W e n n es fur die g e s a m t e Gcistesgeschichte

n a c h P L A T O N u n d A B I S T O T E L E S gilt, dafi die W e l t ,,genotigt war, sich E i n e m oder

d e m A n d e r n h i n z u g e b e n , E i n e n oder d e n A n d e r n als Meister, L e h r e r , Fiihrer

an-z u e r k e n n e n " ( G O E T H E ) , SO b e d c u t e t die Scholastik das ausgesprochene E n d e d e r platonischen Zeit des C h r i s t e n t u m e s u n d d e n Beginn j e n e r aristotelischen E n d z e i t ,

in d e r n e b e n u n d vor den h y m n i s c h e n Sang u n d die m y s t i s c h e S c h a u als n e u e

L e i s t u n g der begrifflichen S o n d e r u n g u n d Z u s a m m e n f a s s u n g die s y s t e m a t i s e h e

E l e m e n t d e r Theodice, d a s auf d e n verschiedensten Gebieten sich bis zur jiingeren historischen Schule d e r D e u t s c h e n als w i r k s a m erwiesen h a t T r o t z des gleichen

W o r t e s ist es eine a n d e r e als die griechische , , G e r e c h t i g k e i t " , u m die es sich i n all diesen J a b r h u n d e r t e n d e r N e u z e i t h a n d e l t Die griechische Dikaiosyne ist eine zugleich menschliche u n d s t a a t l i c h e T u c h t , die sich als MaB, als O r d n u n g , als E i n -

k l a n g der K r a f t e ausweist — ein VerstoB gegen sie wird d a h e r u n m i t t e l b a r im Zerbrechen der F o r m oder im Verfall d e r E i n h e i t s i c h t b a r , in sinnlichen T a t s a c h e n

1

Dies ist der historische Irrtum des in Sachkenntnis und Sachfiille unerreichten Werkes von ENDEMANH, Studien in der Romanisch-Kanonistischen Wirtsehafts- nnd Rechtslehre, Jena 1874—83 (Vgl auch vom gleichen Verfasser: Die nationalokonomischen Grundsatze der kanonistischen Lehre, Jena 1863.)

2

Aus der Summa Theologia des THOMAS kommt fur die Wirtschaftslehre vor allem H a Ilae

in Betracht (In der neuen Ausgabe LEOS XIII Bd VHIff.) Daneben einige Stellen der Schrift ,,De regimine principum" I, 1 bis II, 4, die im ganzen fur seine Staatsauffassung wichtiger ist als fur seine Wirtschaftsanschauung

Trang 33

Das katholische Europa (Mittelalter) 2 1 also, die keine Sophistik und keine Kasuistik auf die Dauer leugnen oder auch nur umdeuten kann Die Scholastik iibernimmt diese objektive Gereehtigkeit der Alten — die thoraistisohe Scheidung einer iustitia distributiva und einer iustitia eommutativa stammt aus ARISTOTELES und entsprieht vollkommen seiner Schei-dung —, jedochtritthierzu die ohristliche Gereehtigkeit als innermenschlichoTugend, iiber deren Bestohen keine iiufiere Ordnung etwas besagt, sondern nur die gottliche Entscheidung, zu deren Dolmetsch sieh Priester und Theologen bestellt wissen Gerade hierduroh wird die Gereehtigkeit zu einer Erage des Verkiindens und Glau-bens, und es hangt ebenso sehr von der personlichen Starke dieser Deuter des Gotteswortes wie von der katholischen Gesinnung der Glaubigen ab, wieweit der vertretende Spruch der Kirohe Geltung findet Dabei konnte es nicht ausbleiben, daB die besondere, zeitliche Lehre oder, rich-tiger, die besondere Auslegung um so mehr umkampft wurde, je mehr sie ,,irdisehe", politisohe wie wirtschaftliche Be-lange beruhrte: Gebote der ethischen Gesinnung konnte man, selbst wenn man sie nicht befolgte, schweigend bestehen lasson — Gebote der ethischen Handlung da-gegen konnten zu storend fiir das pcrsonliche Auftreten und zu hinderlich fur die Entwicklung der neuen ,,Geschaftsmoral" werden, als daB man nicht immer wieder hatte trachten sollen, fiir die sich wandelnde Wirtschaft eine Rechtfertigung durch neue Auslegung der gleichbleibenden religiosen Grundlehren zu erhalten Darum die immer wieder erneuten Versuche, die Kirehe zunachst zu einer Festlegung, dann zu einer Anderang ihrer Ansichten iiber das Eigentum, fiber den Preis, iiber den Zins zu bringen Diese Versuche waren vergeblich, solange das Papsttum die voile Strenge fruhchristlicher Zeiten auch gegen den Ansturm der neuen Wirt-schaftskrafte aufrecht erhielt Aber wenn noeh Papst ALEXANDER I I I das Zins-verbot als rechtsverbindlich fiir die weltliche Gesetzgcbung, wenn noch im Jahre

1311 das Konzil zu Vienne jede entgegengesetzte weltliche Gesetzgebung als null und nichtig erklarte, so lieB sich die Tatsache der neuen Wirtschaft durch solche Porderungen und Verfiigungen nicht aus der Welt schaffen, und wenn die Kirehe sich nicht ihres ganzen Einflusses auf das praktische Handeln begeben wollte und auf der anderen Seite doch auch nicht diese sprengenden Krafte als gottlich oder gottgefallig zu sanktionieren vermochte, so blieb ihr nichts anderes iibrig als der zunachst erfolgreiche, auf die Dauer fiir sie selbst lebensgefahrliche Versuch, in voller Kenntnis der neuen Eormen sie in ihren Bereich einzubeziehen und sie von der Gesinnungsseite her zu entgiften Es kam hinzu, daB die Kirehe, die das ,,ora e t

l a b o r a " predigte, nicht wohl gegen die neue Arbeitsamkeit, gegen die neue samkeit in Gewerbe und Handel feindlich auftreten konnte, und auch die Tatsache, daB sie selbst in starkem Umfange wirtschaftliche Giiter besaB und wirtschaftliche Ziele verfolgte, konnte nicht ohne EinfluB auf ihre Stellungnahme bleiben Wie sollte sie alien Zins verbieten, wenn der Bodenzins fiir sie die einzige Moglichkeit darstellte, um ihre riesigen Landereien nutzbringend zu verwenden? Und wenn der Bodenzins auch als ,,natiirlich" zu rechtfertigen war, da hier die Natur einen zusatzlichen Ertrag gab, wie wollte sie es verhindern, daB nicht mit der Zeit auch der Kapitalzins gleiche Anerkennung verlangte, zumal wenn er in einer Einkleidung gefordert und gezahlt wurde, die ihn als Bodenzins erscheinen lieB? Ecrner: wenn man den MeBwechsel zulieB, weil hier ein Transport des Geldes unterstellt u.id fiir diesen eine Vergtitung beansprucht werden konnte, wie wollte man dann auf die Dauer die anderen Formen der neuen Geldwirtschaft verfemen? An dem Wort des LuKAS-Evangeliums: ,,mutuum date, nihil inde sperantes" war freilich nicht

Reg-zu riitteln — aber war es nieht eine Erage der Auslegung, was unter ,,mutuum"

zu verstehen sei? So wurde der Reihe nach das damnum emergens, das lucrum cessans, das periculum sortis, der Rentkauf als zulassig erklart und derart eine Reihe von Wirtschaftsformen gebilligt, die dem Bediirfnis der Wirtschaft nach Kredit entgegenkamen Wahrend die reine Geldleihe gegen Zins weiter verpont

Trang 34

22 Vorgeschichte

blieb, lieB man derart den Konsumtivkredit seinen Anwendungsbereich erweitern bis in sehr „produktive" Gebiete hinein, ohne daB man gezwungen gewesen ware, die strengen Grundsatze der Kirehenvater ausgesprochenermaBen zu verleugnen oder den tragfahigen Boden der ARiSTOTELES-undCiCEBO-Exegese zu verlassen Es ist eine Leistung, deren machtigem AusmaB man nur dann gerecht wird, wenn die Tatsache vor Augen bleibt, daB hierdurch der religiose Kern bis in entlegenste AuBengebiete des Lebens hinein nicht nur einen im GroBen richtunggebenden, sondern auch einen im einzelnen formbestimmenden EinfluB beansprucht und aus-iibt Indessen wie stets die Herrschaft iiber einen weiten Raum mit einer Schwachung der Mitte verbunden ist, so hat auch die Scholastik, die groBe Hiiterin der kirch-lichen Tradition, die Hohe katholischer Philosophie und die Vollendung und weiteste Dehnung ihres geistigen Gebaudes, gerade in ihrer Weite und ihrem Reichtum die Keime aufgenommen, an denen beim Erlahmen der religiosen Bindung das ganze geistige Gefiige stirbt: indem sie neue Provinzen der Theologie unterwirft, schafft sie fur spatere Jahrhunderte die selbstherrlichen Gebiete selbstandiger Wissen-schaften

Zwei Erscheinungsformen der europaischen wie aller zivilisierten Wirtschaft waren es, angesichts deren die Frage nach der Gereehtigkeit, nach ihrer Begriindung auf gottliches Gebot oder naturliches Recht besonders brennend wurde und bis zur Gegenwart, durch alle kapitalistisohen Jahrhunderte hindurch, in wechseln-der Fassung von qualender Bedeutung blieb: das Eigentum und der Preis Fur den Kommunismus des Gebens war das Eigentum eine gleichgultige Angelegen-heit, die nur dadureh wesentlich werden konnte, daB ihr die Freude des Sich-EntauBerns, des Schenkens verdankt ward Nun aber war das Eigentum wieder verfestigt, war untronnbarer Bestandteil der neuen Wirtsehaftsordnung, und wenn dicse von Gott war, war es dann nicht auch das Eigentum? ,,Propriotas posses-sionum," antwortet THOMAS, ,,non est contra ius naturale, sed iure naturali super-additur per adinventionem rationis humanae." Mit andern Worten: Das Eigen-tum ist zwar nicht gcgen das Naturrecht, aber es ist doch auch nicht von ihm ge-fordert, sondern es ist eine mit ihm vereinbarte Hinzufugung derMenschen Damit ist nach dem Willen des THOMAS fur das Fundament der Wirtschaft zwar noch die gottliche Sanktion versagt, aber fur die Folgezeit wichtiger wurde, daB es iiberhaupt

in Beziehung gesetzt ist zur hoheren Ordnung; denn so ist die wichtigste und schwierigste Stufe der Rechtfertigung iiberwunden, wenn auch der Schritt noch groB ist bis zu einer Auf fassung, die jeden Angriff auf das Eigentum als VerstoB gegen den gottlichen Willen hinstellt

Wichtiger noch als die Eigentumslehre war fur die Jahrhunderte des den Mittelalters — und durch ihre Nachwirkungen auch fiir die sogenannte Neuzeit — die Preislehre der Scholastik, die Lehre vom iustum pretium, dem gerechten Preis, die zwar zunachst untcr Berufung auf AxiGUSTiif vorgetragen wurde, jedoch inhalt-lich sehr schnell iiber die allgemein gehaltene Anweisung des groBen Kirchen-vaters hinauswuohs ATJGVJSTIN hatte dem Satz, daB jeder tcuer verkauf en und billig kaufen wolle, das Beispiel eines Mannes entgegengehalten, der, als ihm eine wert-volle Handschrift von einem des Wertes unkundigen Verkaufer billig angeboten

sieht in dieser Lehre ein allgemein verbindliches Gebot, doch bleibt sie nicht bei der ethischen Regel stehen, sondern sucht genau zu bestimmen, welcher Preis denn gerecht ist Wahrend die zur Beurteilung des Handels im AnschluB an AEISTO-TELES entwickelte scholastische Scheidung der Wirtschaftsarten sich in vollem Umfang innerhalb der Ethik halten konnte — die artes possessivae unterscheiden sich von den artes pecuniativae nicht durch ihren Inhalt, sondern durch ihr Ziel,

1

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Das katholische Europa (Mittelalter) 23

jene die Dienerinnen der menschlichen Wohlfahrt, diese die Sklavinnen eines winnstrebens ohne Sinn und Grenzen —, wahrenddessen setzt die Antwort auf diese Frage nach dem gerechten Preis nun sehon eine genaue Beobaohtung der tatsach-lichen Wirtschaftsvorgange voraus; denn wenn noch so sehr die ethische Beein-flussung, die ethische Festsetzung der Preise hochstes Ziel war, so konnte man sich doch dem Sachverhalt nicht verschlieBen, daB Preise GeldgroBen sind, bei denen der Zusammenhang mit einer bestimmten Leistung auf der einen, mit dem kon-kreten Bedarf und der Schatzung einer Kauferschicht auf der andern Seite beruek-sichtigt werden muBte Alle ,,modernen" Preiserklarungsgriinde werden nun ent-deckt: die indigentia, der Bedarf, das Bediirfnis ist von ALBEETUS an Gemeingut

wich-tige Unterscheidung zwischen einer indigentia communis, dem Allgemeinbedarf, und den indigentiae particulares, den Einzelbediirfnissen, die in bestimmten Fallen den gesellschaftlichen Preis zu andern vermogen Die Bedeutung der Erzeugungs-kosten einschlieBlich des Arbeitslohnes (jedoch selbstverstandlich ausschlieBlich jeder Kapitalvergutung, dem dritten Kostenfaktor der Moderne) ist zuerst von THOMAS betont — raritas, die Seltenheit, als Preisvoraussetzung und periculum, die Gefahr,

(1380—1444) herausgearbeitet Bei all dieser Auflosung des einzelnen Preises aber wird festgehalten: daB der ,,gerechte" Preis nicht aus seinen Elementen er-klart, sondern nur unter Wiirdigung der wirtschaftlichen und sozialen Gesamtlage ermittelt werden kann, wodurch bewuBt ein betrachtlicher Spielraum fiir Preis-schwankungen gelassen wird

Von einer grundsatzlichen Wirtschaftsfeindschaft oder auch nur von einer sachlichen Wirtschaftsfremdheit der Scholastik zu sprechen ist also um nichts richtiger als die gleiche Behauptung gegeniiber den antiken Philisophen Feind ist die Scholastik als Hiiterin der christlichen Tradition nur dem Erwerben um des Erwerbes willen — aber wie sollte sie denn den widerchristlichen Erwerb von einer christlichen Wirtschaftsgesinnung trennen, wenn ihr die Wirtschaft als solche fremd war? Leichter konnte heute in einer Zeit, da die echte Glaubigkeit unter den Menschen aller Bekenntnisse selten geworden ist, ein Prediger von Dingen des iiuBeren Lebens fehlerhaft reden, ohne dadurch sein Ansehen zu vermindern, als dies im 14 und 15 Jahrhundert moglich war, wo Haus und Kirche, Leben und Glauben sich in einer heute kaum mehr vorstellbaren Weise durchdrangen BuB-prediger mochten dann die ganze Wirtschaftswelt als Machwerk des Teufels ver-dammen, und auch die reichen Handelsherren von Florenz waren bereit, zu Zeiten diese Stimmen anzuhoren Solange aber nicht eine allgemeine Verfemung der neuen Wirtschaft statt hatte, ware jeder der Lacherlichkeit verfallen, der Regeln ver-kundet und Anweisungen aufgestellt hatte, die widersinnig und praktisch undurch-fiihrbar waren Enthielt eine Summa iiberhaupt Wirtschaftsrecht, so durfte dieses nicht weniger sachverstandig sein, als fiir jeden anderen Teil der Summa von alters her Pflicht und Brauch war, und verkiindete einer der groBen Scholastiker in seinen Predigten den italienischen Burgern iiberhaupt Wirtschaftslehren, so durften diese nicht hinter dem sonstigen Stand der praktischen Theologie zuriiokbleiben Wer diesen so naheliegenden und doch gemeinhin noch immer verkannten Sachverhalt erfassen will, der greife zu den Predigten des BBENAEDIN von Siena und frage sich,

tat-ob wohl die Zeitgenossen des JAOOPO DBLLA QUBECIA, des Mitbegriinders der groBen Bildhauerkunst der Renaissance, einen Franziskaner nicht nur einmal, sondern durch Jahre hindurch immer wieder angehort und seine Predigten verbreitet

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24 Vorgesohiohte

unci d e r N a c h w e l t a u f b e w a h r t h i i t t e n , w a r e n seine vielen, aufeinanderfolgenden

P r e d i g t e n iiber Wirtsohaftsfragen wirklichkeitsfremd oder g a r wirtschaftsfeind wesen U n d d e r greife vor allem z u r S u m m a m a i o r1 des A N T O N I N U S v o n Florenz u n d vergegenwartige sieh, daB dieser groBe Kirchenfiirst — 1389 ge-boren, 1446 Erzbischof, 1459 g e s t o r b e n — i n d e n J a h r z e h n t e n der groBten poli-tischen M a c h t u n d groBten wirtschaftliehen Bliite v o n Florenz gelebt h a t , daB

ge-d a s Florenz ge-der fruhen R e n a i s s a n c e , ge-d a s F l o r e n z ge-des COSIMO M E D I C I , ge-der

d e r k a t h o l i s c h e n W e l t

H a t t e T H O M A S 150 J a h r e zuvor i n vergleichsweise n a h e m AnschluB a n

A U G U S T I N in d e r A u f r e c h t e r h a l t u n g des standesgemaBen U n t e r h a l t s ein Anzeichen gcrechter Preisstellung erblicken k o n n e n , so ist n u n n a c h d e m Aufstieg v o n

H a n d w e r k s u n d H a n d e l s g e s c h l e c h t e r n zu n e u e m R e i c h t u m u n d z u r h e r r s c h e n

d e n M a c h t i m S t a a t e keine Wirtschaftslehre m e h r moglich, die j e d e V e r a n d e

r u n g d e r W i r t s c h a f t leugnet Mit m o d e r n e n Begriffen g e s a g t : W a r die W i r t schaftslehre des T H O M A S wie das Wirtsehaftsleben seiner Zeit vorwiegend „ s t a -

-t i s e h " , so w a r es die Aufgabe von B E B N A B D I N u n d A N T O N I N , d e r , , D y n a m i k " des

K a p i t a l i s m u s R a u m zu sohaffen Sie t u n es, i n d e m sie eine Eigenschaft des

n e u e n U n t e r n e h m e r s , die , , i n d u s t r i a " , den Eifer, d e n FleiB, die schopferische Tiitigkeit als P r e i s b e s t a n d t e i l der W a r e a n e r k e n n e n , u n d i n d e m sie sogar d e r

i n d u s t r i a des K a u f m a n n s ein R e c h t zur A u s n u t z u n g v o n Preis- u n d

Geldschwank u n g e n zubilligen A N T O N I N v o r m a g es u m so leichter, als schon seine W e r t lehre einen s u b j e k t i v e n F a k t o r e n t h a l t ; er sieht, daB N u t z l i c h k e i t u n d Selten-

-h e i t , beides o b j e k t i v e Eigensc-haften, zur W e r t b e s t i m m u n g n i c -h t ausreic-hen, daB vielmehr die complacibilitas, die S c h a t z b a r k e i t2, noch v o n preisbestimmendeim EinfluB i s t ; diese h a t z u r Folge, daB d e r gerechte Preis n i c h t z a h l e n m a B i g fest-gelegt w e r d e n k a n n , s o n d e r n daB ein gewisser S p i e l r a u m fiir Beriioksichtigung der U n t e r s c h i e d e v o n P e r s o n , Zeit u n d O r t gelassen w e r d e n muB A N T O N I N

k e n n t d a h e r drei G r a d e des g e r e c h t e n Preises, i n n e r h a l b d e r e r n u n der dividuelle v o m gesellschaftlichen, d e r M a r k t - v o m natiirlichen oder n o r m a l e n Preis a b w e i c h e n k a n n

in-Dieser Preislehre e n t s p r i c h t a n U m f a s s u n g u n d B e d e u t u n g des F l o r e n t i n e r s

L e h r e v o n K a p i t a l u n d L o h n Auf i h r e einzelne D a r l e g u n g k a n n hier v e r z i c h t e t werden, d a v o r allem darauf a n k a m zu zeigen, n i c h t n u r w a s alles hier g e l e h r t wird,

s o n d e r n wie es g e l e h r t w i r d : GroBte W i r t s c h a f t s k e n n t n i s b l e i b t d o c h im R a h m e n des religiosen Sollens, die W i r t s c h a f t b i l d e t n i c h t ein S y s t e m fiir sich, s o n d e r n b l e i b t ein Teil d e r theologisohen S u m m a D a r u m war es ein grotesker I r r t u m , w e n n d e r Sozia-lismus zeitweise fiir seine A r b e i t s w e r t l e h r e sich auf die Scholastik berufen wollte —

1 In der zweibandigen StraBburger Ausgabe von 1496, die uns allein zur Verfugung stand, ist von besonderer Bedeutung fiir die Wirtschaftswissenschaft: Pars I I Titulus 1 ,,De avaritia" (darin cap 6 ,,De usura", 8 ,,De venditione ad terminum", 16 ,,De fraude in emptione", 17 „De fraude in negociatione") und Titulus 2 ,,Dc restitutionibus"

3 Wir iibersetzen „Sehatzbarkeit", um zum Ausdruck zu bringen, daB der objektive rakter der Scholastik stark genug ist, um selbst die als subjektiv erkannton, verschiedenen Sohatzungen der Individuen doch in ihrer Moglichkeit als objektive Eigenschaft des Gutes

Cha-zu fassen

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Das katholische Europa (Mittelalter) 25 THOMAS und die gesamte Scholastik sieht in der Albeit zwar eincn, doch niemals

„den" Preisbostimmungsgrund, und gar die These, nur die Lange der Axbeitszeit, nicht die Giite der Arbeitsleistung sei als „Arbeit" zu verstehen, ware nicht einmal eine Denkmoglichkeit fiir den doctor angelicus gewesen Nicht minder irrig ware

es, wollte die subjektive Wertlehre in ANTONIN ihren Schutzherrn sehen — fiir

ANTONIN, den Berater des grofien COSIMO und Ordensbruder des FRA ANGELICO

konnten die subjektiven Faktoren nur verandernde Einflusse in einem festen, objektiven System sein Aber wie in einer langen Entwicklung mancher Keim sich anders entfaltet, als der Samann angenommen hatte, so mag auch ANTONIN zum unmittelbaren Ahnherrn einer Lehre geworden sein, die in ihrer losgelosten, rein-subjektiven Form seiner eigenen gegensatzlich war: die Annahme eines fran-zosischen Forsehers ist nicht von der Hand zu weisen, daB GALIANI, der Abbe, und TURGOT, der Schiller des Seminars von Saint Sulpice und einstmalige Prior

an der Sorbonne, bei ANTONIN die Anregung zu ihren ,,modernen", psychologischen Wertlehren fanden

Nach der Lehre vom Eigentum und vom gerechten Preis bedarf eines kurzen Hinweises noch die scholastische Geldlehre, die an praktischer Bedeutung wie

in der Antike so auch jetzt im Vordergrund stand In einer Zeit, in der miinzerei selbst den Regierungen nicht fremd war, in der die Einziehung und Neu-ausgabe des Geldes, der Munzverruf ein gebrauchliches und eintragliches Mittel staatlicher und bischoflicher Finanzpolitik darstellte, muBte nicht nur aus der ABiSTOTELES-Exegese, sondern aus der taglichen Erfahrung die Frage nach dem Ursprung und dem Wert des Geldes sich erheben Die Anwort des THOMAS, der die Entstehung des Geldes aus einer Art von Ubereinkunft erklarte und seine Gel-tung ausschlieBlich auf die ,,staatliche Proklamation" (G F KNAPPS Begriff) zuruckfiihrte, befriedigte zumal in Frankreich, wo PBXLIPP DER SCHONE durch dauernde Miinzverschlechterungen das Land an den Rand des Abgrunds brachte, weder das Volk noch die berufenen Ausleger des ARISTOTELES — man konnte sich keinen ,,valor impositus", keinen ,,proklamatorischen" Geldwert mehr denken, dem nicht ein ,,valor intrinsecus", ein stofflicher Geldwert, entsprach So kam BURIDANUS dazu, die Bedeutung des Geldes als Tausch- und Zahlungsmittel genauer

Falsch-zu untersuchen, so suchte er die Miinzverschlechterung als einen unerlaubten VerstoB gegen das Wesen, die Idee des Geldes zu entlarven, und so gab er in der Frage des Wortes die fiir die Zeit des Wahrungsverfalls einleuchtendero, metalli-stische Antwort, daB der Wert des Geldes aus dem Geldstoff stamme; so ward das ,,GRESHAMsche" Gesetz wiedergefunden, die Verdrangung des guten Geldes durch das schlechte wieder beobachtet Als NICOLAS ORESME, Bischof von Lisicux, in der Mitte des 14 Jahrhunderts sich diese neu aufgetauchten Einsichten zu oigen machte, gab er, fiir alle Folgezeit bedeutsam, ihnen dadurch groBeres Gewicht und verstarkte Wirkung, daB er zuerst die Geldfragen in eignem Rahmen und eigner Schrift behandelte Wirtschaftliches Wissen hatten die Fxihrer der Schola-stik in nicht geringerem MaB besessen als er, an Selbstiindigkeit der wissenschaft-lichen Erkenntnis stand er hintcr alien zuriick Aber indem er die Schrift ,,Trac-

und veroffentlichte, t a t er den ersten Schritt zur Loslosung der Okonomik aus dem bergenden, aber auch einengenden Gehause der systematischen Theologie, Ethik und Politik — nicht der ,,groBte scholastische Volkswirt", wohl aber sympto-matisch wichtig als technischer Wegbereiter von der religiosen Wirtschaftslehre der Scholastik zur ersten Form der autonomen Wirtschaftslehre, dem Schrifttum des Merkantilismus

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Neudruck des lateinischen Textes und einer alten franzosisohen Ubertragung (zusammen mit dem Traktat des COPEKNICFS „Monete eudende ratio") durch M L WOLOWSKI Paris 1864

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26 Vorgesehichte

Q u o l l e n : Die Quellen sind von hier an so reichlich, daB auf ihre Sonderaufzahhmg zichtet werden muB Die wichtigsten Namen werden jeweils im Text genannt, die wichtigsten Werke in den Anmerkungen — Ein Vorzeichnis s a m t l i c h e r Sehriften eines Verfassers findet der Leser in den bekannten Handbiichern (Handworterbuch der Staatswissenschaften4; PAL-GRAVES Dictionary usw.)

ver-S e h r i f t e n : ENDEMANN, O C ; PUNK, tjber die okonomischen Ansehaunngen der alterlichen Theologen, Zeitschr f d ges Staatsw 1869; FUNIC, Gesehichte des kirehlichen Zinsverbotes, 1876; SCHNEIDER, Neue Theorie iiber das kirchliohe Zinsverbot, Vierteljahrsehr f Sozial- u Wirtschaftsgesch 1907; GIERKE, Das deutsche Genossenschaftsrecht, 4 Bde., Berlin 1868—1913; SCHREIBER, Die volkswirtschaftlichen Ansehauungen der Soholastik seit Thomas von Aquin, Jena 1913; ASHLEY, An introduction to English Economic History and Theory, 1888f£.; iibersetzt von R OPPENHEIM unter dem Titel ,,Englisehe Wirtschaftsgeschichte", Leipzig 1896 — Das wiehtigste franzosische Werk: BRANTS, Les theories economiques aux

mittel-X I I I ' et mittel-XIV ° siecles, 1895 — Die Brauchbarkeit nahezu aller hier genannten Sehriften wird eingeschrankt durch die infolge ihrer Entstehungszeit unvermeidliche Nichtkenntnis der neueren wirtschaftsgeschichtlichen Begriffe und Probleme; dies gilt auch fiir die Arbeit von ILGNER iiber ANTONIN von Florcnz Die Beziehung der Scholastik zum Kapitalismus ist auBer in SOMBARTS ,,Bourgeois", dessen neunzehntes Kapitel das Beste iiber den ganzen Fragenkreis enthalt, ernsthaft untersueht nur in der kleinen Studie von F KELLER, Unternehmung und Mehrwert, Paderborn 1912 Dringend erforderlich ware und reichen Ertrag fiir die Gesehichte der Wirtschaft und der Wirtschaftswissenschaft versprache eine Arbeit, die, verwandt dem be-riihmten Aufsatz von MAX WEBER, die Frage „Katholische Ethik und Geist des Kapitalismus" behandelte

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Greschichte

I Die merkantilistische Okonomik: politische Wissenschaft

Nicht zufallig hat THOMAS VON AQUINO (1225—1274) in politischcn und schaftlichen Fragen die groBte Weite aller Soliolastik erreicht, nicht zufallig gerade OEESMB (1323—1382) den entscheidenden Schnitt zwisohen Okonomik und Theologie vollzogen: der Aquinate hatte in Neapel in der Herrschaft des groBten Fiirsten seines Jahrhunderts, des zweiten FBIEDRICH, die fur den Augenblick noeh unter-legenen, in ihrer Bedeutung aber unverkennbaren Krafte und Machte der an-brechenden neuen Zeit am Werk erlebt, der gelehrte Bischof entstammte dem Land, das zuerst den Siegeszug des neuen nationalen oder richtiger: territorialen Gcdan-kons sah und das sich stark genug fuhlte, um mit weltlicher Gewalt das Obcrhaupt der Kirche gefangen zu setzen Wenn in anderen Zeiten die Wirtschaftswissen-schaft der Wirtschaftspolitik den Weg wies — fur die ganzen Jahrhunderte des Friihkapitalismus gilt, daB das Leben dem Wissen die Fragen stellt, und daB kaum ein einziger weiterfiihrender wissensehaftlieher Sehritt dem Willen zur Er-kenntnis und der StoBkraft des Gedankens, sondern ein jeder der Notwendigkeit, neue Lebenstatsachen zu meistern, seinen AnstoB verdankt Was hierbei die Merkantilisten von den Scholastikern zutiefst scheidet, ist nicht nur das sehon genannte auBere Zeichen: der Verzieht auf den Einbau des neuen Gebiets in das groBe System der katholischen Theologie, sondern mehr noeh die Anderung der Gesamthaltung zur Welt, woraus dann jener Sachverhalt sich als notwendige Folge ergibt und eine innere und auBere Wandlung der Fragestellung hervorgeht Nicht mehr Rechtfertigung, sondern Erforschung der Tatsachen, nicht mehr Apologie, sondern Analyse sind nun Ziel und Mittel der Darstellung Wo die Scholastik sich gemuht hatte, ethisch den erlaubten vom unerlaubten Reichtum zu scheiden, suchen die Merkantilisten nach dem technisch tauglichsten Mittel, den Reichtum jedweder Art zu fordern; wo die Scholastik das Zinsnehmen als Ganzes ethisch

wirt-in Frage gestellt und nur gezwungen ewirt-inen Tatsachenkreis nach dem andern dem Zins geoffnet hatte, beschaftigt die nachsten Jahrhunderte nur das Problem, ob hoher oder niederer Zins, obrigkeitliche oder freie Regelung dem Wohlstand eines Landes am besten dient — der Reichtum ist wie der Zins ein als gegeben hingenom-mener, ein unbezweifelter, vorausgesetzter Tatbestand, der als solcher fur den Merkantilisten keiner weiteren Rechtfertigung bedarf

Dahcr hebt nun die Zeit der autonomen Wirtschaftslehre an — einer Lehre, die wedcr von der Polis noeh von einem Gott, noeh, ihrem Willen und ihrem Wahn nach, von irgendeincr andern auBerwirtschaftlichen Wesenheit sich MaB und Grenze vorschreiben laBt, — einer Lehre, die von der Uberzeugung getragen ist, daB es versteh- und deutbare, allgemein vorhandene und "iiberall sich durchsetzende Zu-sammenhange des wirtschaftlichen Lebens gibt, die zugleich die Norm oder — eine spatere Auffassung — die ,,Natur"ordnung oder auch die ,,ewige" Ordnung der Wirtschaft darstellen und die infolgedessen auch fur alle Wirtschaftspolitik zugleich die unabanderlichen Gesetze und die uniiberschreitbaren Grenzen enthalten und festlegen Diese Wirtschaftslehre ist darum, selbst wo sie noeh im Rahmen der

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2 8 Geschichte

Moraltheologie oder der E t h i k oder d e r P o l i t i k schriftlich odcr miindlich a b g e h a n d e l t wird — was bis ins 19 J a h r h u n d e r t h i n e i n geschieht —, in d o p p e l t e r R i c h t u n g

a u t o n o m : sie ist es formal, als Wissenschaft, insofern sie losgelost ist v o n den

m e t a o k o n o m i s c h e n B i n d u n g e n d e r seholastischen S y s t e m e , u n d sie ist es m a t e r i a l , als Auffassung d e r W i r t s c h a f t , insofern als die Wirtsoliaft zuseliends ihres Mittel-

c h a r a k t e r s e n t k l e i d e t u n d losgelost z u n a c h s t als Sclbstzweck g e d a c h t , s p a t e r als Selbstzweck gesetzt wird Diese E n t w i o k l u n g gelit i m einzelnen in verschiedensten

F o r m e n u n d olme P l o t z l i c h k e i t v o r sich — die Linie, die v o n B O D I N U S ZU A D A M

S M I T H verlauft, zeigt viele U n t e r b r e c h u n g e n , Abweiohungen, R u c k s c h i a g e Doch laBt sich allgemein dies sagen, daB bis e t w a 1688 d e r M e r k a n t i l i s m u s aller L a n d e r

t r o t z d e r Loslosung v o n d e r Theologie n o c h die E i n b e t t u n g d e r W i r t s c h a f t in einen staatlich-soziologischen Lebenskreis als n i c h t n u r p r a k t i s c h e T a t s a c h e , s o n d e r n

-of T r a d e "2 v o n einer wirtschaftspolitischen T a t s a c h e , d e m V e r h a l t n i s H o l l a n d s zu

E n g l a n d seinen Ausgang, u n d auf d e m K o n t i n e n t begegnet sogar gelegentlich noch

d a s religiose E l e m e n t als wichtiger B e s t a n d t e i l : in einer Zeit, wo in d e n westlichen

S t a a t e n l a n g s t die , , N a t u r o r d n u n g " , d a s N a t u r r e c h t die geistige H e r r s c h a f t

an-g e t r e t e n h a t , erscheinen die b e d e u t e n d e n s t a t i s t i s c h e n U n t e r s u c h u n an-g e n des J O H A N N

P E T E R SITSSMILCH u n t e r d e m Titol ,,Die g o t t l i c h e O r d n u n g i n den V e r a n d e r u n g e n des menschlichen G e s c h l e c b t s "3 u n d die E i n l e i t u n g des theologischen S t a t i s t i k e r s ,

d e r als e r s t e r d a s „ G e s e t z d e r grofien Z a h l " b e o b a c h t e t h a t , b r i n g t B e t r a c h t u n g e n , ,,worin die B e v o l k e r u n g des E r d b o d e n s a u s d e r mosaischen Geschichte als eine Absicht des Schopfers erwiesen" Dies l e t z t e Vorgehen ist einc A u s n a h m e , d a s erste, politische j e d o c h b i l d e t die R e g e l u n d d e u t e t aufs glucklichste den Gegen-satz n a c h vor- u n d r i i c k w a r t s a n : Ziel ist n i c h t m e h r wie zwei J a h r h u n d e r t e v o r h e r

d e r k a t h o l i s c h e D o m , Ziel ist n o c h n i c h t wie zwei J a h r h u n d e r t e n a c h h e r die duelle Gluckseligkeit — d e r B a u geschieht v o n einem Ganzen h e r u n d auf ein Ganzes h i n , a b e r dies n e u e Ganze ist n i c h t m e h r die katholische O k u m e n e , s o n d e r n die n e u e p a r t i k u l a r e E i n h e i t des n a t i o n a l e n S t a a t e s Gegeniiber d e r Scholastik wie gegeniiber d e r englischen K l a s s i k w i r d d a h e r I n h a l t u n d Ziel dieser m e r k a n -tilistischen T r a k t a t e — u n d eine Wissenschaft der T r a k t a t e , n i c h t d e r S y s t e m e ist d e r M e r k a n t i l i s m u s — a m besten als n a t i o n a l e Okonomie g e k e n n z e i c h n e t —

indivi-n a t i o indivi-n a l e Okoindivi-nomie d u r c h a u s i indivi-n dem Siindivi-nindivi-ne wie F B I E D R I O H L I S T sie v e r s t a indivi-n d u indivi-n d wie m e h r als zwei J a h r h u n d e r t e v o r i h m d e r F r a n z o s e A N T O Y N E B E M O N T C H E E T I E N

d a s W o r t ,,politische O k o n o m i e " p r a g t e4, i n einem Sinn, der ,,den R u h m , die grofierung u n d d i e B e r e i c h e r u n g d e r S t a a t e n " als selbstverstandliches, e r s t e s Z i e l aller S t a a t s k u n s t e r a c h t e t

Ver-Die Meister d e r d e u t s c h e n Geschichtsschreibung u n d die e r s t e n historiker aller L a n d e r h a b e n die Folge politischer Gesohehnisse u n d die F u l l e

Wirtschafts-1 Veroffentlicht durch Mxras Sohn im Jahre 1664 Eine — schlechte — deutscho tragung gibt BIACH unter dem Titel ,,Englands Schatz durch den AuBenhandel", Wien 1911

Ngày đăng: 05/06/2014, 12:53

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