1. Trang chủ
  2. » Kinh Doanh - Tiếp Thị

alter, ist das herrlich! albtraum rente. eine analyse und auswege aus der armutsfalle (2007)

226 645 0

Đang tải... (xem toàn văn)

Tài liệu hạn chế xem trước, để xem đầy đủ mời bạn chọn Tải xuống

THÔNG TIN TÀI LIỆU

Thông tin cơ bản

Tiêu đề Alter, ist das herrlich! Albtraum Rente. Eine Analyse und Auswege aus der Armutsfalle
Tác giả Jỹrgen Hauser
Người hướng dẫn Guido Notthoff
Trường học Springer Science+Business Media
Chuyên ngành Economics, Social Policy
Thể loại book
Năm xuất bản 2007
Thành phố Wiesbaden
Định dạng
Số trang 226
Dung lượng 2,1 MB

Các công cụ chuyển đổi và chỉnh sửa cho tài liệu này

Nội dung

Nach neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind im Jahr 2005 exakt 144.815 Deutsche ausgewandert, sei es, weil ihr Unternehmen sie für einige Jahre ins Ausland geschickt hat oder we

Trang 2

Alter, ist das herrlich!

Trang 4

1 Auflage 2007

Alle Rechte vorbehalten

© Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr Th Gabler | GWV Fachverlage GmbH,

Wiesbaden 2007

Lektorat: Guido Notthoff

Der Gabler Verlag ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media www.gabler.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich schützt Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urhe- berrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elek- tronischen Systemen.

ge-Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften Umschlaggestaltung: Nina Faber de.sign, Wiesbaden

Druck und buchbinderische Verarbeitung: Wilhelm & Adam, Heusenstamm

Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier

Printed in Germany

ISBN 978-3-8349-0528-4

über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

Trang 5

Einleitung 7

1 Deutschland – der Status quo 15

1.1 Deutschland? Und tschüss! 181.2 Hurra: Vollbeschäftigung! _ 30

2 Die demografische Alterung _ 47

2.1 Sinkende Geburtenraten – Warum eigentlich? 502.2 Karriere! Kinder, Küche? 59

3 Im Greisenland _ 79

3.1 Ist das greislich! _ 793.2 Junge, komm bald wieder … _ 823.3 Know-how-Verlust durch unstrukturierte Wissensweitergabe 833.4 Ältere verdienen mehr, leisten aber weniger als Jüngere _ 883.5 Katastrophe Pflegefall 903.6 Potenziale der „Generation Senior“ 93

4 Die Phantasie des Norbert Blüm: Die Rente ist sicher! _111

4.1 Staatliche Zwangsveranstaltung Deutsche Rentenversicherung: ein mieses Geschäft _ 1134.2 Ursachen _ 128

5 Versorgungslücken _ 141

5.1 Man kann gar nicht genug tun!81 _ 1415.2 Versorgungslücken schließen 1445.3 Der Treppenwitz: Staatskurse zur Privatrente! 146

Trang 6

6 Auswege aus der Rentenfalle 149

6.1 Lösungen – nicht ganz ernst gemeint 1496.2 Anhebung des Renteneintrittsalters 1576.3 Her mit den Einwanderern! 1576.4 Probate Lösungen _163

7 Nieder mit dem finanziellen Analphabetismus! _165

7.1 Rente und Versorgung 1667.2 Alterseinkünftegesetz – Neue Spielregeln beim Finanzamt _1707.3 Finanzieller Fünfklang – eine Sinfonie des Sparens _1747.4 Produkte – Wege zum Ziel _1817.5 Ihr Finanzplan – Klarheit und Wahrheit – viel Spaß! 196

Nachwort _205 Herzlichen Dank _215 Quellenverzeichnis _217 Der Autor _223 Stichwortverzeichnis 225

Trang 7

Soziale Eislandschaft

Wir schreiben das Jahr 2030 Aufgrund der verfehlten Rentenpolitik der letzten Jahrzehnte leben Millionen deutscher Rentner in Ghettos, in de-nen sie vor sich hinvegetieren Die Alten leiden unter Hunger, Durst und katastrophalen hygienischen Zuständen Nach geltender Gesetzeslage ist

es Ärzten in Krankenhäusern erlaubt, kranke Alte mit deren nis mittels einer Giftspritze zu töten, um der Krankenkasse weitere Be-handlungskosten zu ersparen Dafür erhalten die Ärzte Prämien von den Kassen Im Fernsehen gibt Gesundheitsministerin Petra Kerzel bekannt:

Einverständ-„Den Generationenvertrag gibt es nicht mehr, denn zu einem Vertrag gehören immer zwei Wir können uns die bisherigen Rentenzahlungen nicht mehr leisten Deshalb wird es ab dem nächsten Monatsersten eine Einheitsrente in Höhe von 560 Euro für jeden Rentner geben Das reicht zum Leben.“

Dies führt zum Aufstand der Rentner, die keine weiteren Mittel als die

560 Euro Einheitsrente zur Verfügung haben Sie gründen das Kommando

„Zornige Alte“

Da die Eigenbeteiligung für Arzneimittel bei 50 Prozent liegt, brechen die Alten in Apotheken ein und stehlen die für sie nicht mehr bezahlbaren Arzneimittel Rentner überfallen Banken und verteilen Millionen Euro in bar an Schwerstkranke, damit diese sich die für sie lebensnotwendige Medizin kaufen können

Die Firma ProLife kauft Rentnern ihren lebenslangen Rentenanspruch ab und sichert ihnen mittels Prospektmaterial zu, sie nach Nakena in Westaf-rika zu bringen, wo sie als Gegenleistung in idyllischen Wohnanlagen ihr Leben verbringen können

Trang 8

Die Journalistin Lena Conradi erfährt, dass Paula Hammerschmidt in Nakena spurlos verschwunden ist und reist nach Westafrika, um Nach-forschungen anzustellen Dort entdeckt sie riesige Hallen, die an Kon-zentrationslager erinnern In den Hallen liegen hunderte Alte, dicht an dicht auf Pritschen, eingekotet, die mittels einer Kanüle künstlich ernährt werden Zusätzlich hatte man ihnen das Betäubungsmittel Diazepam verabreicht, um sie so im Dämmerzustand zu halten

Lena Conradi ermittelt, dass die Rentner so möglichst lange am Leben gehalten werden sollen, damit ProLife deren Rente kassieren kann Als der Skandal bekannt wird, tritt die Bundesregierung zurück, die diese Machenschaften deckte

Trang 9

Dies war die Handlung der Dokufiktion „2030 – Aufstand der Alten“, deren drei Folgen im ZDF ausgestrahlt wurden Starker Tobak, liebe Leserin, lieber Leser, nicht wahr?

Und nun meine Frage an Sie: Halten Sie diese Fiktion lediglich für eine solche, weil unrealistisch, vollkommen übertrieben, bewusst Angst ma-chend? Oder denken Sie, dass unsere Zukunft einmal so oder so ähnlich aussehen kann oder gar wird?

Die schlechte Nachricht lautet: In dem Ihnen vorliegenden Buch zeige ich auf, dass ich den „M-Faktor“, um den es in dem beschriebenen Fern-sehfilm ging, für künftige Realität halte Dieser „M-Faktor“ bezeichnet einen Minimal-Faktor hinsichtlich einer nicht inflationsbereinigten Al-tersrente in Höhe von 560 Euro in 23 Jahren

Desaster „Gesetzliche Rentenversicherung“

Gestatten Sie mir, dass ich Sie provoziere? Lassen Sie uns mit einem Klischee beginnen Der Rentner heute spielt Golf, isst gern in guten Re-staurants, legt Wert auf gehobene Kleidung und fährt mit der Mercedes E Klasse zweimal im Jahr in den Urlaub Einverstanden, lieber Leser, nicht jedem Rentner geht es wirtschaftlich so gut, aber diesen Typus Rentner gibt es in Deutschland doch Gottseidank! Nehmen wir als Beispiel doch einfach den Rentner Peter Hartz: Er bekommt von der Deutschen Ren-tenversicherung monatlich 1.862 Euro überwiesen, von seinem früheren Arbeitgeber, der Dillinger Hütte, weitere 7.649 Euro, und VW bezahlt ihm gar eine Betriebsrente von stattlichen 16.207 Euro Macht zusammen 25.718 Euro Monatlich

Trang 10

Also, geht doch! 984 Jahre müsste ein Durchschnittsverdiener dafür arbeiten Nun gut, die Lebenserwartung ist ja deutlich gestiegen

An das Märchen von der sicheren Rente glauben noch so manche sche und dass es ihnen im Alter einmal nicht wirklich schlechter gehen wird als heute Ein fataler Gedanke

Deut-„Uns selbst anzulügen ist tiefer in uns drin als andere anzulügen.“

Fjodor M Dostojewski, russischer Schriftsteller (1821-1881)

Trang 11

Warum eigentlich funktioniert unsere Gesetzliche Rentenversicherung nicht mehr? Werfen wir einmal einen Blick auf die Funktionsweise unse-rer „sicheren Rente“ (Norbert Blüm):

Wenn von Ihrem Arbeitslohn von Ihnen und Ihrem Arbeitgeber heute Beiträge an die Gesetzliche Rentenversicherung abgeführt werden, überweist Ihr Chef den Gesamtbetrag an die Krankenkasse, welche diese Gelder wiederum an die Rentenversicherung weiterleitet Dieses Geld wird – anders als beispielsweise in den USA – nicht verzinslich ange-spart, um aus diesem Topf später einmal Ihre Rente auszuzahlen, sondern umgehend wieder an die heutigen Rentner ausgezahlt In den USA werden die Beiträge privatwirtschaftlich angelegt, und mittlerweile liegt die unglaubliche Summe von 3,7 Billionen, also 3.700.000.000.000 US-Dollar

in Fonds, um spätere Ansprüche befriedigen zu können Wir hingegen leben von der Hand in den Mund All unsere Forderungen an den Staat existieren nicht in barer Münze, sondern sind ungedeckte Wechsel, die nur durch die Arbeit der künftigen Generationen eingelöst werden können Statt ein sicheres, kapitalgedecktes System aufzubauen, bei dem die Gelder in Versicherungen, Pensionskassen oder Fonds eingezahlt werden, um später auch die Pensionsverpflichtungen des Staates realisieren

zu können, bürden wir der späteren Generation einen Vertrag auf, den diese gar nicht schließen kann, weil sie noch nicht geboren wurde, den

„Generationenvertrag“ Allein für die Pensionsverpflichtungen über seinen Beamten hätte der Staat die unfassbare Summe von 700 Milliarden Euro ansparen müssen Immerhin hat die Deutsche Post anlässlich ihrer Privatisierung 730 Millionen Euro für Pensionsverpflich-tungen gegenüber ihren Beamten zurückgelegt Sehr löblich, jedoch machte der Bundes-“Rechnungshof“ dieser verantwortungsvollen Vorsorge einen Strich durch die wirtschaftlich korrekte Rechnung und die Transaktion musste wieder rückgängig gemacht werden Warum? Weil Politiker nur

gegen-in Wahlperioden denken

„Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten

ist für manche Leute die krumme Tour.“

unbekannt

Trang 12

Dieses System der „umlagefinanzierten Rente“ kann nur unter drei aussetzungen funktionieren:

Vor-X Die Geburtenrate bleibt dauerhaft stabil auf einem notwendigen Niveau, damit die heute geborenen Kinder später unsere Rente bezahlen können

X Die Zahl der Arbeitslosen ist nicht übermäßig hoch, sodass genügend Beitragszahler in die Rentenversicherung einzahlen

X Die Bezugsdauer der Rente ist überschaubar, verlängert sich also im Laufe der Zeit nicht dramatisch

Alle drei genannten Voraussetzungen sind nicht erfüllt Und deswegen lief alles aus dem Ruder

Im ersten Kapitel lesen Sie über Deutschlands Drama: Die Besten dern aus und nur wenig Qualifizierte wandern ein Außerdem erfahren Sie, welches die gefragtesten Berufe von morgen sein werden

wan-Kapitel zwei beleuchtet die demografische Entwicklung Deutschlands und geht auf die Suche nach den Gründen

Im dritten Kapitel lesen Sie, wie es sich anfühlen wird im Greisenland zu leben

Kapitel vier analysiert die Misere „Gesetzliche Rentenversicherung“ und geht den Ursachen dieser Katastrophe auf den Grund

Im fünften Kapitel erfahren Sie, wie Sie die Versorgungslücke im Alter schließen können

Wie wir der demografischen Falle noch entkommen können, behandle ich im sechsten Kapitel

Wir alle sind in unserer Haut gefangen und schauen durch zwei kleine Löcher in die Welt Das engt die Sicht enorm ein Wer will das noch verstehen: Riester, Rürup, betriebliche Altersvorsorge über Entgeltum-wandlung? Die gute Nachricht ist: In diesem Buch erfahren Sie verständ-lich, wie Sie heute mit staatlicher Förderung vorsorgen können, um nicht

im Alter täglich unter den beiden schlimmsten Problemen leiden zu sen, die ein Mensch haben kann: Hunger und Durst Aber es reicht nicht, den Weg zu kennen, man muss ihn auch gehen, denn was man nicht

Trang 13

müs-macht, passiert nicht Mein Freund, der Finanzanalytiker Markus meier, zeigt im Gastbeitrag im siebten Kapitel auf, welche Möglichkeiten Sie haben, staatlich gefördert für das Alter vorzusorgen und macht Schluss mit dem finanziellen Analphabetismus

Rieks-„Wie wir in unseren Studien festgestellt haben, ist das Thema Finanzen

in Deutschland weithin tabuisiert Anders als zum Beispiel in Amerika ist es hierzulande unüblich, in der Familie oder im Freundeskreis über Geld zu sprechen.“

Martin Blessing, Vorstandsmitglied der Commerzbank AG (*1963)

Ich wünsche Ihnen maximalen Erkenntnisgewinn bei der Lektüre dieses Buches Übrigens: wenn ich Sie künftig der Einfachheit halber mit „Lie-ber Leser“ anspreche, mögen sich bitte auch alle Angehörigen des weib-lichen Geschlechts angesprochen fühlen

Trang 14

1 Deutschland – der Status quo

„Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es ist.“

Karl Valentin, Kabarettist und Autor (1882-1948)

Deutschland ist das erste Land der Welt, das ohne äußeren Grund in Friedenszeiten von jahrhundertelangem Bevölkerungswachstum zur Schrumpfung übergegangen ist Seit etwa einem Jahrhundert folgt die Geburtenrate in Deutschland einem stetigen, ziemlich glatten Abwärts-trend Im Jahr 2050 werden wir die Bevölkerungszahl von vor dann ein-hundert Jahren – also dem Jahr 1950 – erreicht haben Eigentlich noch rechtzeitig, das heißt, in den Sechzigerjahren, haben Fachleute vor dieser katastrophalen Entwicklung gewarnt: Denn demografische Entwicklung ist und war berechenbar! Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden legt regelmäßig Szenarioberechnungen vor, die dies belegen Doch erst all-mählich – aber zu spät – drängt sich nun der Fakt der demografischen Alterung auch in das Bewusstsein der Allgemeinheit, und die Politik reagiert – viel zu spät und viel zu langsam In einem Fernsehinterview wurde der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf zum Thema „Demografische Katastrophe“ gefragt (Quelle: Video „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“):

„Was ist das für ein Mechanismus in Ihrer Partei, der jede sachliche Auseinandersetzung verhinderte?“

Kurt Biedenkopf: „Es ist ein Mechanismus, der sich nicht auf meine Partei beschränkt hat, sondern beide großen Volksparteien haben mit fast gleichem Wortlaut jede grundsätzliche Diskussion über die gesetzliche Alterssicherung von 1957 abgelehnt Ich erinnere mich an einen Vorgang,

1993, da war ich hier schon Ministerpräsident und dann habe ich ´mal in einem Interview gesagt, dass für die 40-Jährigen die Rente nicht mehr

Trang 15

sicher sei Da wurde ich von Norbert Blüm, Heiner Geißler und Herrn Dressler für die SPD fast wortgleich beschuldigt, ich würde den sozialen Frieden und damit die innere Ordnung Deutschlands gefährden Das heißt, das war gar kein inhaltliches Argument, sondern es war ein Ab-wehrargument, und Abwehrargumente dieser Art sind ein typisches Zei-chen dafür, dass es ein Kartell gibt Eines, das sich nicht auf inhaltliche Debatten einlassen kann, weil es weiß, dass sie die nicht besteht.“

„Die Welt muss begreifen, dass Staatsmoral ebenso lebenswichtig ist wie Privatmoral.“

Franklin D Roosevelt,

32 Präsident der USA (1882–1945)

Rein statistisch sind die Konsequenzen der demografischen Entwicklung klar: Die Geburtenraten sinken Gleichzeitig steigt die durchschnittliche Lebenserwartung, die Zahl der über 60-Jährigen steigt gegenüber den 20- bis 60-Jährigen Im Jahr 2030 werden fast doppelt so viele ältere Men-schen wie heute in Deutschland leben, dann kommt auf einen Rentner knapp ein Erwerbsfähiger Die Zahl der Erwerbstätigen geht zurück und sie werden immer älter Das Umlageverfahren der gesetzlichen Renten-versicherung, durch das die heute bezahlten Beiträge sofort wieder an die Rentner ausgezahlt werden, funktioniert deswegen nicht mehr Die Fol-gen: Jeder muss massiv für sich selbst vorsorgen und die Kranken- und Pflegeversicherung muss dringend strukturell reformiert werden Soweit die Theorie

Doch wie fühlt es sich an, in einer Gesellschaft zu leben, in der gärten nicht mehr „bestückt“ werden können, in der ein 15-Jähriger

Kinder-„Mangelware“ ist, Schulen schließen, Hörsäle von Jahr zu Jahr leerer werden, Unternehmen die gut ausgebildeten Fachkräfte fehlen und das durchschnittliche Alter einer Belegschaft bereits bei knapp 40 Jahren liegt – und weiter dramatisch steigen wird?

„Tiefes Wasser ist für die da, die schwimmen können.“

Christopher Fry, britischer Schriftsteller und Dramatiker (1907-2005)

Trang 16

Machen wir diese Entwicklung ein wenig anschaulicher: Zwischen 2001 und 2003 nahm die Zahl der unter 15-Jährigen um 460.000 ab Das ent-spricht in etwa der Einwohnerzahl Nürnbergs Gleichzeitig nahm die Zahl der über 65-Jährigen um 800.000 zu So viele Menschen wohnen in Frankfurt am Main und Potsdam Gleichzeitig nahm die Zahl der Singles – und die bekommen in der Regel nun einmal keine Kinder – um 700.000 zu, die der Verheirateten, also der potenziell Kinder zeugenden Menschen, sank um 600.000 So verabschiedet sich Deutschland hochge-rechnet in 65 Jahren vom letzten Ehepaar

Wie können und müssen Unternehmen auf eine und mit einer zunehmend älteren Belegschaft reagieren, um ihre Produktivität aufrechterhalten und

im Wettbewerb mithalten zu können? Wie können Unternehmen ihr

Trang 17

Pro-duktangebot an die Bedürfnisse älterer Menschen anpassen? Wie kann die Politik reagieren, um ein staatliches Rentensystem am Laufen zu halten und ein funktionierendes Gesundheitssystem zu installieren?Und wie muss jeder Einzelne vorsorgen, um nicht im Alter vor dem Nichts zu stehen? Dieses Buch gibt die Antworten auf diese überlebens-wichtigen Fragen

Eine gigantische Auswanderungswelle hat Deutschland erfasst So viele Deutsche wie seit Generationen nicht mehr wandern aus Hunderttausen-

de packen jedes Jahr ihre Koffer und lassen alles hinter sich: Haus und Hof, Eltern, Tanten und Haustier, Freunde und Kollegen Nach neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind im Jahr 2005 exakt 144.815 Deutsche ausgewandert, sei es, weil ihr Unternehmen sie für einige Jahre ins Ausland geschickt hat oder weil sie für immer Deutschland den Rü-cken kehren wollen Das sind etwa so viele, wie eine mittlere deutsche Großstadt wie beispielsweise Heidelberg an Einwohnern zählt Damit sind 2005 rund acht Prozent mehr Deutsche ausgewandert als im Jahr

2004 und sogar 60 Prozent mehr (!) als in den frühen Neunzigerjahren In Wirklichkeit dürfte die Zahl aber noch weit höher liegen, weil sich nicht alle Auswanderer abmelden, wenn sie Deutschland verlassen Experten

Trang 18

vermuten, dass sich mittlerweile rund 250.000 Deutsche jährlich ins Ausland verabschieden.1

Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des TV-Senders Kabel 1 spielen

40 Prozent der 14- bis 49-jährigen Bevölkerung „hin und wieder“ mit dem Gedanken an Auswanderung Ernsthaft denken 8 Prozent darüber nach, und 2 Prozent wollen tatsächlich auswandern.2 Das zeigt, dass das Thema Auswanderung topaktuell ist Zugleich sind 2005 aber auch we-niger Deutsche als üblich – nur 128.000 Personen – aus dem Ausland zurückgekehrt, was zu einem Effekt führte, der seit vierzig Jahren nicht mehr da gewesen ist: Die Zahl der auswandernden war größer als die Zahl der zugewanderten bzw wieder zurückkehrenden Deutschen Es ergab sich ein Nettoverlust von knapp 22.815 Personen.3Früher haben Auslandsdeutsche und Spätaussiedler aus Mittel- und Osteuropa die Zahl der deutschen Auswanderer ersetzt Heutzutage reicht ihr Zustrom aber nicht mehr aus, um den Verlust durch die Auswanderer zahlenmäßig auszugleichen.4Klaus Bade, Migrationsforscher an der Universität Osna-brück, spricht deshalb berechtigterweise von einem „Wanderungsver-lust“

Problematisch sind aber nicht nur der Wegzug der Deutschen aus ihrer Heimat und die abnehmende Zahl der Rückkehrer Auch die Zahl der ausländischen Zuwanderer sank seit den Neunzigerjahren dramatisch

2005 lag die Nettozuwanderung – also die Summe der Auswanderer verrechnet mit den Einwanderern – nur bei 100.000 Personen Wenn es dabei bleibt, wird das Potenzial an Erwerbspersonen nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung viel stärker sinken als bisher angenommen – und das ab sofort! Schätzungen für die Zukunft gehen davon aus, dass jährlich rund 200.000 Menschen mehr ein- als auswandern müssten, um die Wirtschaft weiterhin mit rund 1,5 Prozent pro Jahr wachsen zu lassen Nur dann werden wir genügend Fachkräfte haben, nur dann kann unser Rentensystem der ganz großen Katastrophe entgehen

Es geht aber nicht nur um die reine Anzahl der Menschen, die kommen und gehen, sondern besonders auch um die Ausbildung und Qualität der Wanderer für den Arbeitsmarkt Die Auswanderungswelle ist für

Trang 19

Deutschland deshalb so fatal, weil hauptsächlich junge, gebildete und hoch motivierte Leute Deutschland verlassen Es sind längst nicht mehr nur Aussteiger, Steuerflüchtlinge oder Prominente, die sich auf und da-von machen Fast die Hälfte der Reisewilligen ist unter 30, und viele werden die alte Heimat so schnell nicht wieder sehen Aus allen Berufs-gruppen und gesellschaftlichen Schichten kommen die Abwanderer Gerade Selbstständige, kleine Mittelständler und Handwerksmeister gehen: Deutsche Tischler und Klempner, Metzger und Bäcker genießen

im Ausland einen hervorragenden Ruf Sie sind gut ausgebildet und ten als fleißig, pünktlich und erfahren Kellner ziehen nach Österreich und Bauhandwerker in die Schweiz, Ärzte nach England, Köche nach Australien und Call Center-Agenten nach Irland Lkw-Fahrer versuchen ihr Glück in Neuseeland

gel-Gut ausgebildete Fachkräfte und vor allem Spitzenforschers nehmen gern die größeren Freiheiten in Anspruch, die ihnen das Ausland vielfach bietet Rohrbauexperten gehen nach Kanada, Gentechnikforscher lassen sich in die USA locken und Sozialarbeiter nach Großbritannien.3 Sie alle haben dort die besten Chancen Gleichzeitig sucht die deutsche Wirt-schaft 18.000 Ingenieure, beispielsweise Airbus in Hamburg.5

„Das ganze Leben ist ein Experiment.“

Ralph Waldo Emerson, US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph (1803-1882)

Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben: Von der dritten Schulklasse bis zum Abitur war ich mit Uwe Schlattner in einer Klasse In allen Fächern – abgesehen von den Fremdsprachen – war er stets Klassenbester Schon früh entdeckte mein hochbegabter Freund seine Liebe zu den Naturwis-senschaften und studierte in Stuttgart Biologie Nach dem Studium zog er

in die Schweiz und promovierte in Genf An der dortigen Universität lernte er seine heutige Frau kennen: Margoszata stammt aus Polen und studierte Philosophie und Physik Als ich Uwe Schlattner anlässlich sei-ner Hochzeit in Genf besuchte, konnte ich es nicht fassen: Mein Freund, der sich mit Fremdsprachen stets schwer getan hatte, parlierte in fließen-dem Französisch mit seiner Braut Nachdem beide ihre Promotion in der

Trang 20

Tasche hatten, zogen sie nach Zürich, und das Ehepaar Schlattner

arbeite-te an der renommierarbeite-ten Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) Hier habilitierte er sich und arbeitete zuletzt als Privatdozent für Biolo-gie Zwischenzeitlich haben Schlattners zwei Jungs, Philippe und Frede-ric Die Mutter spricht mit beiden polnisch, kann inzwischen allerdings auch fließend deutsch, Uwe Schlattner spricht mit seinen Kindern deutsch und in der Schule sprechen die Jungs schwyzerdütsch Die Eltern kommunizieren auf französisch miteinander Kürzlich kam für Dr Schlattner der Ruf als Professor an die Universität Grenoble in Frank-reich Vom ersten Tag an war der Schulunterricht für Philippe und Frede-ric in französischer Sprache: kein Problem, da sie die Sprache quasi

„nebenbei“ durch die Unterhaltungen ihrer Eltern lernten Und heute, am Silvesterabend 2006, sitze ich bei Familie Schlattner in Grenoble und habe die Gelegenheit, meinem alten Schulfreund einige Fragen zu stel-len:

„Uwe, warum hast Du Deutschland den Rücken gekehrt und bist in die Schweiz gezogen?“

„Der Arbeitsmarkt für Forscher im akademischen Bereich ist bereits seit langer Zeit nicht mehr auf einzelne Länder begrenzt Einerseits stehen Universitäten im weltweiten Wettbewerb um die besten Köpfe, anderer- seits sind mit fortschreitender Spezialisierung der Wissenschaftler immer weniger Stellen attraktiv In diesem Wettbewerb sind die meisten deut- schen Universitäten schlecht positioniert Oft sind weder die Rahmenbe- dingungen für effiziente Forschung, noch die Vergütung der Forscher im öffentlichen Sektor international wettbewerbsfähig Die Schweiz inves- tiert bereits 3 Prozent ihres Bruttoinlandproduktes in die Forschung – wobei die Privatindustrie allerdings den Hauptteil trägt –, während die- ser Anteil in Deutschland seit Jahren bei crica 2,5 Prozent stagniert Außerdem bieten schweizer Universitäten, und vor allem die ETH in Zürich, Rahmenbedingungen, die sich im internationalen Vergleich am Top-Niveau orientieren, und die man in Deutschland höchstens an Max- Planck-Instituten findet Top-Niveau bedeutet eine optimale Infrastruktur, also neue, modernste Geräte und technisches Personal, welches in Deutschland gänzlich durch Doktoranden ersetzt ist, wenig Lehrbelas-

Trang 21

tung, eine effiziente Administration mit möglichst wenig Bürokratie und schließlich auch eine international kompetitive Besoldung, die teilweise auch leistungsbezogen und nicht nur – wie in Deutschland – nach Dienstalter berechnet wird Leistungsbezogen bedeutet hier, dass der Vorgesetzte die Qualität der Arbeit, wie Forschungsergebnisse und Pub- likationen, beurteilt Diese Faktoren machen die Schweiz zu einem der attraktivsten Forschungsplätze in Europa Ein hoher Anteil der schweizer Professorenschaft kommt aus Deutschland Ich habe sowohl meine Dok- torandentätigkeit (Uni Genf) als auch meine Postdoc-Zeit (ETH Zürich)

in der Schweiz verbracht In beiden Fällen habe ich sicher bessere dingungen angetroffen als an einer durchschnittlichen deutschen Univer- sität.“

Be-„Warum bist Du von der Schweiz nicht in die Heimat zurückgekehrt, sondern hast eine Professur in Frankreich angenommen?“

„Wie erwähnt lässt sich der Arbeitsmarkt in hochspezialisierten Gebieten inzwischen nicht mehr auf Länder begrenzen Die Wahl der Universität Grenoble für meine Professorenstelle war daher in erster Linie durch das spezielle Angebot und die Ausrichtung des Instituts in Grenoble be- stimmt Weitere Alternativen gab es in Frankreich, nicht aber in Deutsch- land Das Angebot einer „Juniorprofessur“ in Deutschland, ohne Festan- stellung und entsprechende Ausstattung, war schlichtweg inakzeptabel.“

„Das klingt leider alles sehr plausibel Welche Vorteile hat ein Leben in der Schweiz bzw Frankreich im Gegensatz zu Deutschland – außer der leckeren Küche?“

„Natürlich ist ein Umzug ins Ausland zuerst mit Schwierigkeiten den, zumal die Schweiz bekanntlich kein EU-Mitglied ist Darüber hinaus haben die beiden Länder durchaus Vorteile im Vergleich zu Deutschland Ein Beispiel: Die Steuerbelastung in der Schweiz ist deutlich geringer und die Altersversorgung basiert auf mehreren Säulen, mit einem starken individuellen Sparanteil, der kapitalgedeckt ist und nicht umlagefinan- ziert wie in der deutschen Heimat Frankreich besitzt zwar ein Umlage- system für die Rentenversicherung, hat aber eine positive demografische Entwicklung.“

Trang 22

verbun-Lieber Leser, es ist schade, solch einen Spitzenforscher wie Professor Dr Schlattner an das Ausland zu verlieren Und das ist nicht das einzig Be-dauerliche: Denn jeder Deutsche, der hier 13 Jahre zur Schule ging und ein Studium absolviert hat, verursachte dem deutschen Staat locker einen sechsstelligen Betrag an Ausbildungskosten Wir bezahlen die Ausbil-dung, das Ausland profitiert davon und es fließt kein Cent in unsere deut-schen Sozialkassen zurück Da kann ich der deutschen Politik unabhän-gig von jeder Couleur mit Friedrich Schiller nur zurufen:

Trang 23

„Verstand ist stets bei wenigen gewesen!“

Auch der Nachwuchs geht: Einer Umfrage des manager magazins aus dem Jahr 2004 zufolge, rechnen Studenten nicht mehr mit einer guten Zukunft in Deutschland.6 Allein die Zahl der deutschen Studenten, die im Ausland studieren, hat sich seit 1990 auf mehr als 62.000 fast verdoppelt: Erst planen sie, nur kurz ihre Heimat zu verlassen – dann finden sie Ge-fallen am Leben und Arbeiten in Boston oder Barcelona und bleiben dort Inzwischen ist es laut einer Umfrage schon für mehr als die Hälfte der deutschen Studenten vorstellbar, sich im Ausland eine Existenz aufzu-bauen.7 Was soll diese jungen Leute also davon abhalten, frühzeitig zu planen, irgendwohin zu gehen, wo sie bessere Chancen auf einen gut bezahlten Job haben? So beispielsweise Pawel Kuschke, 20 Jahre alt und

im vierten Semester Student der Ostasienwissenschaft Er beklagt „die Macht der Alten, die geringen Chancen der Jungen“ und plant die Aus-wanderung nach Australien, Neuseeland, Singapur oder Taiwan und sagt:8

„Ich kündige den Generationenvertrag!“

Unklar ist immer, ob die Auswanderer Deutschland für immer den cken kehren oder ob sie nur ein paar internationale Wanderjahre einlegen Die meisten legen sich zu Anfang gar nicht fest.3Fest steht aber, weil es statistisch erfasst wird, wohin es die „Republikflüchtlinge“ zieht, und zwar zuletzt vor allem in die Schweiz und in die Vereinigten Staaten von Amerika.9Im Jahr 2005 wanderten 12.900 Menschen in die USA aus, das ist der höchste Wert für ein Land außerhalb Europas Hier sind zudem Kanada, Australien und China sehr beliebt und bedeutsam.9 InnerhalbEuropas blieben im Jahr 2005 insgesamt 78.800 deutsche Auswanderer Für sie sind die Schweiz und Österreich mit Abstand die beliebtesten Zielländer In Österreich und der Schweiz sind die Deutschen mittlerweile die am schnellsten wachsende Einwanderergruppe, aber auch Großbri-tannien und Australien vermelden immer mehr Deutsche.4

Trang 24

Rü-Der Forscher Rainer Münz vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) spricht vom „Brain Drain“ So nennen es Wissenschaftler, wenn die klügsten Köpfe aus einem Land ins andere abziehen „Deutschland hat seit einigen Jahren einen Auswanderungstrend, und es sind immer die Ambitionierten, die Qualifizierten, also die Besten, die weggehen.“, sagt Münz.4 Für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet die Abwanderung der Eliten einen gewaltigen Verlust: Der Staat steckt zigtausende Euro in die Ausbildung eines jedes Biologen, Informatikers oder Ingenieurs Und dann verlassen diese Spezialisten frustriert unser Land.7

Deutschland – eines der reichsten Länder der Erde – ist ein rungsland!

Auswande-Die Gründe, warum so viele Deutsche auswandern, sind vielfältig Klar, manche haben einfach Lust auf Abenteuer oder suchen ihren Platz an der Sonne Aber diese Personen machen nur den geringsten Tei der Auswan-derer aus Es sind weniger die vermeintlichen Vorteile im Ausland als die miesen Verhältnisse in Deutschland, die die Leute dazu bringen, auszu-wandern Viele haben einfach die Nase voll von typisch deutschen Ei-genheiten, wie dem Hang, immer neue Regeln zu erfinden, wo gar keine nötig sind Und sie sind den Reformstau leid: dieses ewige Gezänk um Lohnnebenkosten, Sozialreformen, Subventionsabbau, Ladenschluss und all die anderen Symbole einer blockierten Republik Sie sind es leid, in einem Land zu leben, in dem es nahezu einem Sechser im Lotto gleicht, einen Platz in einer Kita zu ergattern – einem Land, in dem nicht einmal die Hälfte der Menschen von Erwerbsarbeit lebt Und in dem selbst Aka-demiker mit Mitte 40 bereits als schwer vermittelbar gelten.7

Es ist also die schlechte Stimmung, die für viele unerträglich geworden ist und den Entschluss zu gehen, zumindest erleichtert Ausschlaggebend

in der letzten Konsequenz sind und bleiben für die meisten aber mische Gründe: Mehr als 37 Prozent der befragten Auswanderer geben

ökono-an, dass die derzeitige Wirtschaftslage ausschlaggebend sei für ihre scheidung2 – ganz nach dem Motto: „Schlechter kann es im Ausland auch nicht sein.“ Junge, willige und fähige Leute sehen in Deutschland keine berufliche Perspektive mehr und wollen sich dort eine neue Exis-tenz aufbauen, wo ihre Arbeitskraft noch begehrt ist Und das ist an er-staunlich vielen Orten der Welt der Fall

Trang 25

Ent-„Ein mutiges Herz ist der halbe Sieg.“

Jerome K Jerome, englischer Autor (1859-1927)

Auch meine Bekannte, Nicole Weigand, 28 Jahre alt, hat Deutschland verlassen In Deutschland „ist vieles so oberflächlich und unehrlich ge-worden“ schildert sie ihren Beweggrund, „ein „Wort“ zählt nicht mehr“ und „jeder ringt nur noch nach seinem eigenen Interesse“ „Erst einmal weg“ aus dieser deprimierenden Stimmung, war ihr Hauptanliegen Dass sie überall, wohin sie auch gehen würde, einen Job finden würde, war ihr klar „Als Arzthelferin“, sagt sie „bin ich super ausgebildet und flexibel.“ Und wenn sie nicht als Arzthelferin einen Job findet, dann nimmt sie eben einen anderen an Zwölf Monate hat sie sich gesetzt, ihren Traum von einem selbst bestimmten Leben zu verwirklichen Dass es Neuseeland geworden ist, verdankt sie ihrem Bauchgefühl Was sie dort genau erwarten würde, war aber anfangs alles andere als klar Zur Vorbereitung lernte sie Englisch via Internet, ein Englischlehrer organisierte ihr das Visum Und der Abschied fiel verdammt schwer: Es hieß also, nicht nur Auto verkaufen, Möbel abgeben, Wohnung kündigen, sondern vor allem Abschied nehmen von Freunden und Familie „Aber“, so Nicole Weigand „es ist nun ´mal ein immer währender Wechsel, Menschen kommen und gehen.“

Menschen mit dieser optimistischen Einstellung wie Nicole Weigand, vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und dem Willen, sich die Arbeits- und Lebensbedingungen eben selbstständig zu erarbeiten und nicht weit-gehend staatlich verordnen zu lassen, fühlen sich in Deutschland zuneh-mend eingeengt Und Deutschland schafft es immer weniger, topmoti-vierten und qualifizierten jungen Leuten eine viel versprechende Per-spektive zu bieten Und wenn die jungen Leute es dann im Ausland gut antreffen und sich wohl fühlen, erfahren das die daheim Gebliebenen ziemlich schnell Sobald der Freund aus der Fremde meldet, dass das Geschäft gut läuft, ist dies Anreiz für andere, die sowieso mit dem Ge-danken spielen, auszuwandern, ihre Idee auch tatsächlich umzusetzen und die Koffer zu packen

Trang 26

Und auszuwandern ist so einfach geworden Man erhält über das Internet

so viele Informationen über sein Zielland, wie man haben möchte Es ist nicht mehr ein „Aufbruch in die Fremde“, wie es dies noch für unsere Vorfahren vor 200 Jahren war, als sie ein Schiff mit dem Ziel Amerika betraten Es ist ganz leicht: Man kauft einfach ein billiges Flugticket, und schon ist man „drüben“ Ein Visum bekommt man ohne große Probleme Die Sprache ist eigentlich auch kein Problem Überall kommt man mit Englisch durch – und die meisten Menschen können zumindest das Wichtigste in Englisch Weiteres lernt man dann im Land sehr schnell

Es kommen aber nicht nur die USA in Frage, auch das europäische land lockt: und da ist es aufgrund der offenen Grenzen doch so einfach: Luxemburg, Österreich, Polen und Großbritannien Also sind die Hürden, tatsächlich auszuwandern gegenüber früher gefallen Auch das ist ein Ergebnis der so viel beschimpften „Globalisierung“

Aus-„Wenn es einen Nobelpreis für Bürokratie gäbe,

würde er immer nach Deutschland gehen.“

Richard Ernst, schweizer Chemiker und Nobelpreisträger (*1933)

Aber klar ist auch: Es ist nicht alles Gold was glänzt Wenn man genau hinsieht, wird auch deutlich, dass im Ausland durchaus nicht alles besser ist oder gar phantastisch Wer weiß schon, dass man in Österreich einen höheren Spitzensteuersatz zu zahlen hat als in Deutschland? Oder dass in Großbritannien der Arbeitgeber bei Krankheit längst nicht so viel Lohn weiter bezahlt wie hierzulande? Wer weiß schon, dass Gutverdiener in der Schweiz weitaus mehr für die Rentenkasse berappen müssen oder dass ein Kita-Platz in Zürich schon mal 100 Franken pro Tag kosten kann? Und wem ist bewusst, dass sich Arbeitnehmer in den USA nur ganze zehn Tage Urlaub nehmen können?7

Und so ganz einfach ist es häufig auch nicht, mit der Mentalität der

neu-en Heimat zurechtzukommneu-en, bevor diese peu a peu auch zur eigneu-enneu-en wird Es ist nicht jedermanns Sache, über den eigenen Schatten zu sprin-gen und das typisch Deutsche abzulegen Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit etc oder auch einmal fünf gerade sein zu lassen Dann findet man

Trang 27

Deutschland vielleicht doch gar nicht so schlecht Aber, um das klar zu sagen: Das sind Kleinigkeiten Das Gros der Auswanderer lebt sich in der neuen Heimat prima ein und kommt – leider! – auch nicht zurück!

Dass heutzutage, anders als früher, nicht die Schwachen und Verlierer gehen – aus purer Not und Verzweifelung –, um sich ein besseres Leben aufzubauen, liegt wohl in erster Linie daran, dass es ihnen in unserem Wohlstandsstaat doch noch relativ gut geht Ein Langzeitarbeitsloser wird mit staatlicher Unterstützung immerhin soweit über Wasser gehal-ten, dass er sich um sein reines Überleben keine Sorgen machen muss

Ob es Spaß macht, in solchen Verhältnissen zu leben, ist eine andere Frage

Es gehen also hoch motivierte und gut ausgebildete Leute gezielt ders hin, andererseits kommen immer mehr schlecht ausgebildete Zu-wanderer nach Deutschland, „die wir uns nicht aussuchen können“, sagt Migrationsforscher Bade Hochqualifizierte Menschen aus anderen Län-dern sind kaum darunter „Es gibt eine Schräglage in der Zuwanderung Einheimische Spitzenkräfte wandern ab, aber ausländische Topleute machen einen weiten Bogen um unser Land Das ist – milde ausgedrückt – keine sehr gute Bilanz.“, sagt Bade

woan-Dann wundert es auch nicht, wenn Deutschland für top qualifizierte länder so unattraktiv ist Nur knapp drei Prozent aller Hochqualifizierten

Aus-in Deutschland sAus-ind irgendwann eAus-inmal aus OECD-Ländern eAus-ingewan-dert Dagegen sind fast neun Prozent von ihnen in andere OECD-Länder ausgewandert „Wir haben jahrzehntelang einen organisierten Unter-schichten-Import betrieben.“, sagt Klaus Bade „Und heute wundern wir uns, dass daraus keine Nobelpreisträger geworden sind.“4

eingewan-Unter den großen Industrienationen ist Deutschland das Land mit der schlechtesten Migrationsbilanz Es gehen deutlich mehr Akademiker aus Deutschland weg, als in unser Land herein kommen Der Anteil der Pro-movierten liegt unter den Auswanderern zehnmal (!) höher als im Schnitt der Bevölkerung Zugleich aber kommen immer weniger Neubürger ins Land, und dann sind es häufig nicht gerade solche, die die Unternehmer besonders umwerben.7

Trang 28

Da betreiben andere Länder eine deutlich intelligentere Politik Sie ern ihre Einwanderung bewusst: In Australien beispielsweise wählt man Einwanderer zum großen Teil nach einem komplizierten Punktesystem aus Punkte werden unter anderem für Schulabschluss und Sprachkennt-nisse vergeben Dort sind 17 Prozent der Akademiker zugewandert, wäh-rend nur zwei Prozent der australischen Hochqualifizierten das Land verlassen haben Ergo: Je besser ausgebildet, desto höher die Chancen, für immer an den Strand von Sydney ziehen zu können.4

steu-Während also andere Staaten wie Kanada, Australien, Neuseeland und demnächst auch Großbritannien über ein Punktesystem nur ins Land lassen, wen sie wirklich brauchen, „qualifiziert“ in Deutschland die meis-ten Einwanderer lediglich die Tatsache, dass sie Familiennachzügler oder Spätaussiedler sind Das ist eine Fehlsteuerung mit weit reichenden Fol-gen.7 Experten fordern daher schon lange eine andere Zuwanderungspoli-tik, die es ermöglichen würde, vornehmlich die qualifizierten Einwande-rer ins Land zu lassen, die uns helfen können, unsere massiven Probleme

zu lösen Und solche – harsch formuliert – draußen zu lassen, die in ter Linie dem Staat nur Kosten verursachen Ein solches intelligentes Steuerungsinstrument für den Zuzug stand sogar 2003 bereits in einem Entwurf für ein neues Zuwanderungsgesetz Doch die damals steigenden Arbeitslosenzahlen und eine ungeschickte populistische Stimmungsma-che („Kinder statt Inder“) taten ihr Übriges, um das Vorhaben zu kippen Ein Punktesystem war nicht mehrheitsfähig und konnte nicht durchge-setzt werden Wir sind also selbst schuld! Heute ist der Mangel an quali-fiziertem Nachwuchs schmerzlich zu spüren und der Ärger entsprechend groß Die Zahl der Einwanderer ist so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr, auch die einst so umjubelte Green Card übte wenig Anziehungs-kraft aus Insgesamt haben sich im Jahr 2005 lediglich 900 hoch qualifi-zierte Einwanderer eine Niederlassungserlaubnis ausstellen lassen Das erstaunt nicht angesichts der wirklich abschreckenden Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen: Nur wer mehr als 84.000 Euro im Jahr ver-dient oder eine exponierte Position in der Wissenschaft innehat, darf sich dauerhaft in Deutschland niederlassen Und Selbstständige müssen min-destens eine Million Euro investieren und mindestens zehn Arbeitsplätze schaffen, wenn sie hierzulande ihr Glück versuchen wollen Das ist kein

Trang 29

ers-Pappenstiel Eine junge Ärztin aus den USA, wenn sie denn kommen wollen würde, hätte in Deutschland also somit keine Chance.7

„Politiker benutzen die Statistik wie ein Betrunkener den Laternenpfahl: Nicht um eine Sache zu beleuchten, sondern um sich daran festzuhalten.“

Gerd Bosbach, Mathematikprofessor (*1953)

Spitzenkräfte werden so wahrscheinlich auch weiterhin Deutschland meiden und ihr Know-how in anderen Ländern erfolgreich anbieten Auf Dauer geht dieser Schuss nach hinten los Zwar brauche Deutschland angesichts der derzeitigen Arbeitslosigkeit „in den nächsten drei Jahren

nicht akut zusätzliche Zuwanderung“, so der

Bevölkerungswissenschaft-ler Bade Aber bereits in den „nächsten fünf bis zehn Jahren“ werde sich eine „gesteuerte Zuwanderung“ als unverzichtbare Komponente einer Strategie zur Bewältigung des demografischen Wandels erweisen – wenn

es denn die Politik erkennen sollte.10

Denn schon um das Jahr 2012 herum, wenn die ersten der ken Babyboomer-Jahrgänge aus 1960 bis 1964 in Rente gehen, wird es nicht genug gut ausgebildete deutsche Fachkräfte geben, um alle offenen Stellen zu besetzen Vor allem im Gesundheitsbereich, im Ingenieurwe-sen und in verschiedenen Dienstleistungsbranchen werden gute Leute fehlen Qualifizierte Ausländer könnten dann diese Lücken ausfüllen und

geburtenstar-„somit maßgeblich zum Erhalt des Wohlstands und des Sozialsystems in Deutschland beitragen“, meint HWWI-Chef Straubhaar.10

1.2 Hurra: Vollbeschäftigung!

„Eins, zwei, drei, im Sauseschritt läuft die Zeit Wir laufen mit.“

Wilhelm Busch, deutscher humoristischer Dichter (1832-1908)

Trang 30

Es wäre für die deutsche Wirtschaft katastrophal, das wichtige Problem eines enormen Engpasses an hoch qualifizierten Arbeitskräften in die ungewisse Zukunft zu verschieben Auch das renommierte ifo-Institut (Institut für Wirtschaftsforschung) prognostiziert schon für das Jahr 2012 eine höchst bedrohliche Knappheit an Fachkräften.4 Der wesentliche Grund liegt in den seit Jahren zu niedrigen Geburtenraten in Deutsch-land Der Nachschub an jungen Fachkräften reicht nicht aus und wird in den nächsten Jahren auch noch spärlicher ausfallen, weil nun einmal die nie geborenen Kinder auch nicht ausgebildet werden können Pessimisti-sche Prognosen gehen davon aus, dass in 25 Jahren – bis dahin wird eine Generation Akademiker herangewachsen sein – in Deutschland mehr als fünf Millionen Menschen weniger arbeiten werden als heute.11 Die Wur-zeln des Problems liegen also in der Vergangenheit, aber schon heute haben weite Teile unserer Wirtschaft damit zu kämpfen Und das ist erst die Spitze des Eisberges! Spätestens in fünf bis sechs Jahren wird sich das Problem derart verschärft haben, dass Deutschland wirklich alle Register ziehen muss, um da einigermaßen wieder heraus zu kommen – nur: welche Register?

Das Problem ist vielschichtig: Einerseits hat Deutschland momentan ein Heer von Arbeitslosen, sodass man leichtfertig annehmen könnte, es sei genügend Potenzial vorhanden, um die Lücke zu schließen Andererseits hat man ja noch die Einwanderer, die größtenteils noch nicht das Ausbil-dungsniveau haben, das wir brauchen Darüber hinaus gibt es ziemlich viele Ältere, die gerne und mit Absicht in ihren besten Jahren, mit An-fang, Mitte 50, in den Ruhestand gehen, aber auch solche, die mit 50 ihren Arbeitsplatz verlieren und dann kaum noch eine Chance bekom-men, irgendwo in einem anderen qualifizierten Job den Wiedereinstieg zu schaffen Und schließlich gibt es noch sehr viele hervorragend ausgebil-dete und qualifizierte Frauen, die zu Hause bleiben: Es sind nach wie vor

in aller Regel die Mütter, unter den Vätern scheint dieses Modell noch nicht angesehen zu sein, die die wenigen Kinder erziehen, was gesell-schaftspolitisch auch noch schlecht angesehen ist und monetäre Einbü-ßen bedeutet Und, was nicht außer Acht gelassen werden darf, ist, dass die Ausbildung der Schüler und Studenten weitgehend nicht zufrieden-stellend ist Man denke nur an die Ergebnisse der Pisa-Studie: Mathematik

Trang 31

ist wohl nicht die Stärke unserer nachwachsenden Generation Man sollte also meinen, es gäbe genügend Ansatzpunkte, um unser System zu retten Aber das ist einfacher gesagt als getan

Die Zahlen sprechen für sich: Nach Aussage des Präsidenten des schen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig-Georg Braun, „kann derzeit rund jedes sechste Unternehmen offene Stellen zumindest teilwei-

Deut-se nicht beDeut-setzen.“ Vor allem Unternehmen aus dem verarbeitenden werbe hätten mitunter erhebliche Schwierigkeiten, geeignetes Personal

Ge-zu finden Besonders betroffen seien die pharmazeutische Industrie sowie der Maschinen- und Fahrzeugbau Eine Befragung der Industrie- und Handelskammern unter 20.000 Unternehmen und Branchenverbänden

Trang 32

bestätigen diese Ergebnisse.12 So klagt der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) über einen stark ansteigenden Fachkräftemangel „Wir können aktuell rund 22.000 Ingenieurstellen nicht besetzen“, äußerte sich VDI-Präsident Eike Lehmann Besonders nachgefragt würden Maschinenbau-, Elektro- und Bauingenieure sowie Architekten Im Jahr 2005 fehlten 17.000 Ingenieure.

Gerade in technischen Berufen stehen Fachleute hoch im Kurs, die elles Wissen frisch von der Universität mitbringen Doch weil junge Experten knapper werden, müssen die Unternehmen umdenken Sehr langsam setzt ein Wandel ein Sehr langsam entdecken Unternehmer das große Reservoir älterer Fachkräfte Ein Beispiel: Mein Schwiegervater ist von Beruf Gerbereitechniker Nach 50 Jahren und vier Monaten im Ar-beitsleben ist er mit 65 Jahren pensioniert worden Mit seiner Rente in Höhe von 1.988 Euro hat er ein gutes Auskommen Nun muss man wis-sen, dass die deutsche Lederindustrie in den letzten Jahren zunehmend in Billiglohnländer abgewandert ist Insofern herrscht hierzulande kein Mangel an Arbeitskräften, aber dafür weltweit an Fachkräften im mittle-ren Management! Und so erhielt mein Schwiegervater wenige Wochen nach seiner Pensionierung doch glatt zwei Job-Angebote aus Irland und Kroatien – mit 65 Jahren! Im Ausland weiß man offensichtlich um den Wert erfahrener Manager

aktu-„Das ganze Geheimnis sein Leben zu verlängern,

besteht darin es nicht zu verkürzen.“

Ernst von Feuchtersleben, österreichischer Arzt und Philosoph (1806–1849)

Aber welche Berufe sind es eigentlich genau, die wir in Zukunft benötigen? Handelsblatt.com vom 30 Januar 2007 enthüllt dieses Geheimnis: Was Jens Schlangenotto verkauft, kann man weder anfassen noch lagern oder weitergeben Schlangenotto verkauft seinen Kunden Zeit Mit seiner Concierge-Serviceagentur Agent CS nimmt er ihnen Alltagsaufgaben ab, damit sie sich auf ihren Beruf und ihre Freizeit konzentrieren können und sich nicht mit schmutzigen Hemden oder lästigen Hotelbuchungen be-schäftigen müssen

Trang 33

Schlangenotto gehört zu den neuen Dienstleistern, die in den nächsten Jahren zunehmend gefragt sind Arbeitsmarktexperten erwarten, dass durch haushaltsnahe Serviceleistungen Tausende neuer Arbeitsplätze entstehen Zudem werden neue Jobs in privaten Weiterbildungsinstituten und bei Dienstleistern für Unternehmen geschaffen Ebenso soll die Zahl der Arbeitsplätze in der Gesundheitswirtschaft bis 2015 um 500.000 steigen, schätzt das Schweizer Forschungsinstitut Prognos Zwei Millio-nen neue Jobs erwarten die Experten in der gesamten Servicebranche.

„Der Dienstleistungssektor ist einer der Beschäftigungstreiber der ten Jahre“, sagt der DIHK-Dienstleistungsexperte Sven Christoph Hall-scheidt Eine Ursache für den Branchenboom ist das Ende der Rollenver-teilung zwischen Mann und Frau Weil künftig beide länger, mobiler und globaler arbeiten, wird Freizeit für sie immer wertvoller Also lagern die Haushalte zunehmend „handelbare Tätigkeiten“, wie Behördengänge, Einkäufe, Urlaubsplanung oder Kinderbetreuung aus, sagt Gerhard Bosch, Arbeitsforscher von der Universität Duisburg-Essen

nächs-Was früher vom Dienstmädchen oder dem Butler erledigt wurde, nehmen heute moderne Dienstleister wie Schlangenotto Der bügelt die Anzüge seiner Kunden dabei nicht eigenhändig Der 34-Jährige agiert eher als eine Art Dienstleistungsbroker, der Tätigkeiten an Spezialisten weitervermittelt So schafft er nicht nur Jobs für sich und seine Agentur, sondern auch Aufträge für zahlreiche nachgelagerte Dienstleister

über-Auch im gesamten Bereich der beruflichen Weiterbildung tun sich reiche Nischen für neue Agenturen, Trainer, Berater und Freiberufler auf Der Bedarf wird künftig immer mehr von den Arbeitnehmern selbst be-stimmt, die ihre Fortbildung in die eigene Hand nehmen müssen

zahl-Dies gilt auch im Gesundheitssektor Experten schätzen, dass sich die Ausgaben in diesem Bereich in den nächsten 15 Jahren verdoppeln wer-den Denn Deutschland altert Und das stellt wachsende Anforderungen

an Unternehmen, an Führungskräfte – vor allem aber an jeden Einzelnen: Die Menschen arbeiten länger und müssen deshalb auch länger leistungs-fähig bleiben Ein gigantisches Potenzial für Dienstleistungen im Bereich Prävention, Fitness und Wellness Viele dieser neuen Services gibt es

Trang 34

noch nicht Manche sind erst im Entstehen begriffen, wie die tungsentwickler, die für Anbieter neue Services testen – beispielsweise ein schnelleres Checkin für Hotels

Dienstleis-Laut Wirtschaftswoche vom 15.01.2007 sind dies die attraktivsten Jobs der Zukunft:13

Trang 35

er-Nach Einschätzung von Wirtschaftsforschern sind nirgendwo in Europa

so viele Arbeitsplätze unbesetzt wie in Deutschland Das ifo-Institut schätzt, dass etwa 1,3 Millionen Stellen nicht besetzt werden können.14Allein zwischen 2000 und 2005 hat sich der Anteil der arbeitslosen 40- bis 55-Jährigen um 47 Prozent auf 1,9 Millionen Menschen erhöht.15

Trang 36

Majestät Henrico

Aber einen (Langzeit-)Arbeitslosen einer offenen Stelle gegenüberzustellen ist nahezu unsinnig Denn in Deutschland ist es sehr schwierig, Jobsu-chende und Arbeitsplätze zusammenzubringen Ein bekannt gewordenes Beispiel das, wäre es nicht so traurig, zum Totlachen geeignet ist:16 Kurt Beck, rheinland-pfälzischer Ministerpräsident, bummelt nach einer Wahl-kampfveranstaltung über den Wiesbadener Weihnachtsmarkt, da spricht ihn der angetrunkene Henrico Frank an, 37 Jahre alt, unrasiert, mit wildem Haupthaar, Nasen- und Ohrpiercing Lautstark beschimpft er Beck wegen der Hartz IV-Gesetze und „bedankt“ sich höhnisch bei ihm für die Lage der Arbeitslosen in Deutschland Beck reagierte gelassen und gab ihm den wohlmeinenden Rat: „Wenn Se sisch wäsche unn rasiere, finne Se

Trang 37

aach en Tschobb S´Lebe iss doch, wie es iss.“ Henrico Frank wurde daraufhin von eifrigen Journalisten zum Friseur geschleppt, das Nasen-piercing wurde entfernt und siehe da: Aufgrund des neuen, völlig verän-derten optischen Erscheinungsbildes – und für den ersten Eindruck gibt

es bekanntlich keine zweite Chance – würde zumindest ich ihn einstellen Frank, damals Mitglied der Wiesbadener „Hartz IV-Plattform“, konnte sich vor Anrufen auf seinen vier (!) Handys nicht mehr retten Am Diens-tag nach dem Eklat erhielt Frank eine Einladung in die Mainzer Staats-kanzlei, wo ihm aufgrund der Initiative des Landesvaters einige Job-Angebote unterbreitet werden sollten Aber Brigitte Vallenthin, seine Sprecherin (!) von der Wiesbadener „Hartz IV-Plattform,“ rief in Mainz

an und sagte den Termin wegen Franks „langfristigen ehrenamtlichen Verpflichtungen“ ab Und damit nicht genug, brachte ein Mitarbeiter Becks fünf konkrete Job-Angebote seriöser rheinland-pfälzischer Unter-nehmen Herrn Frank nach Hause, die er allesamt ausschlug Immerhin konnte er sich dann doch dazu entschließen, seinen Lebensunterhalt wieder mit eigener Arbeit zu verdienen und nicht mehr der Allgemeinheit auf der Tasche zu liegen Seit Februar 2007 ist er in der Redaktion eines Frankfurter Radiosenders beschäftigt

Arbeitslose sind jedenfalls häufig nicht zu einem Umzug bereit und Ältere wollen nicht an einem anderen Ort noch einmal von vorne anfangen.14Darüber hinaus verändert sich die Technik so schnell, dass besonders Langzeitarbeitslose nicht mehr nachgefragt werden, weil sie fachlich nicht mehr up to date sind oder teure Umschulungen benötigen

„Man muss erst einmal selbst zu leben lernen,

ehe man anderen die Schuld gibt.“

Fjodor Dostojewski, russischer Schriftsteller (1821-1881

Trang 38

„das Feld bereitet sein“ Schließlich kommen nur dann Top-Leute, wenn sie genau wissen, dass sie hierzulande auf erstklassige Rahmenbedingun-gen treffen Sie müssen also schon davon gehört haben, dass es in Deutschland optimale Bedingungen gibt Es müssen schon Freunde und Bekannte hier sein, die begeistert nach Hause berichten Es ist wie mit einem Restaurantbesuch Niemand setzt sich gern als erster oder einziger Gast in ein Restaurant, weil jeder denkt, irgendeinen Haken müsse es ja geben, wenn der Laden leer ist Es gibt genügend andere Lokale, also geht man dahin Sieht man aber schon Leute in einem Lokal sitzen und speisen – oder noch besser – hat man schon gute Kritiken darüber gehört, geht man gern hin Und vor allem: Es kommen immer mehr Gäste Der Migrationsexperte Martin Werding vom ifo-Institut spricht in diesem Zusammenhang von sogenannten „Netzwerkeffekten“ Ob ein hoch qua-lifizierter Ukrainer nach Deutschland kommt, wird davon beeinflusst, wie viele Ukrainer vorher schon gekommen sind.4

Aber noch sind unsere Zuwanderungsbedingungen überhaupt nicht auf zugeschnitten, möglichst qualifizierte Leute ins Land zu holen bzw hinein zu lassen und daher alles andere als ideal Noch ist es vielmehr so, dass oft „die Besten der Besten“ unter den deutschen Wissenschaftlern ins Ausland gehen und dort auch bleiben und besonders spezialisierte Fachkräfte – Handwerker, Fachärzte, einfallsreiche Unternehmer – das Land verlassen.3 Die gezielte Suche nach Arbeitskräften im Ausland wiederum ist bisher lediglich auf Einzelinitiativen von Unternehmen zurück zuführen, von einer „konzertierten Aktion“ seitens der Regierung sind wir Lichtjahre entfernt Andererseits gibt auch der Großteil der in Deutschland lebenden Jugendlichen aus Zuwanderungsfamilien Anlass zur Sorge In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen haben immerhin vier von zehn Menschen keinen Berufsabschluss Besonders besorgniser-regend ist, dass Jugendliche, die schon in Deutschland geboren wurden, oft schlechter abschneiden als Jugendliche, die noch im Ausland zur Welt kamen und dann erst nach Deutschland zogen Zudem hat sich der Anteil der ausländischen Auszubildenden seit Mitte der Neunzigerjahre hal-biert.17

Trang 39

dar-Die Prinzessin auf der Erbse

Ich selbst habe neulich einer jungen Frau, ohne Realschulabschluss und ohne Berufsausbildung, die bislang nur jobbte, mit Mitte 20 die Chance gegeben, bei mir eine Ausbildung zur Kauffrau für Versicherungen und Finanzen zu absolvieren Die erste Arbeitswoche fand bei dem Versiche-rer statt, mit dem ich zusammenarbeite Dort wurde ihr Gehirn mit theo-retischem Wissen befüllt Zurückkehrend ins Büro, begehrte die junge Dame doch sofort in böser Voraussicht, was sie künftig an Input erwartet, während der Praxisphasen im Büro ausschließlich lernen zu wollen – und keinesfalls auch drei Jahre praktisch zu arbeiten Ich reagierte verblüfft und lehnte ab Fünf Minuten später lag die Kündigung auf meinem Schreibtisch Gesprächsbereit war die junge Dame nicht Diese Ge-schichte unterstreicht, dass häufig der Wille zur Weiterbildung bei jungen Menschen eben nicht existiert und auch keine Bereitschaft vorhanden ist, seine Komfortzone zu verlassen

Die Aufgaben, die früher ein amtlich bestellter Vormund gegenüber mündigten Bürgern inne hatte, erledigt heute der gesetzliche Betreuer, welcher vom zuständigen Amtsgericht eingesetzt wird Die Entmündi-gung als solche wurde parallel dazu abgeschafft Diesen überaus schwie-rigen und Nerven raubenden Beruf übt meine Frau Pia, studierte Sozial-pädagogin, aus Sie regelt Fragen zur Unterbringung ihrer rund dreißig Betreuten und ist zuständig für die Vermögens- und Gesundheitssorge Sie sagt:

ent-„In meiner täglichen Arbeit als gesetzliche Betreuerin, in der ich schen mit einer Behinderung oder Erkrankung im Bereich der Vermö-gens- und Gesundheitssorge Unterstützung gebe und Entscheidungen für sie treffen muss, begegnen mir immer häufiger junge Menschen, welche bereits schon heute aus vielerlei Gründen finanziell vom Staat abhängig sind und keinerlei Chancen haben, dies irgendwann zu ändern Diese Menschen werden dann auch im Alter in vieler Hinsicht hilfsbedürftig bleiben und den Staat viel Geld kosten Wer durch eine Krankheit oder Behinderung in diese Situation kommt, wird aus dieser Misere sicher nie mehr herauskommen Ich halte es auch für selbstverständlich, dass diese Menschen die Fürsorge des Staates genießen dürfen und die Solidarge-

Trang 40

Men-meinschaft, diese Verantwortung gemeinsam trägt Der Prozentsatz der betroffenen Menschen ist nicht so hoch, dass diese Last nicht getragen werden kann

Es gibt jedoch auch junge Menschen, denen man mit etwas zung und einem funktionierenden Bildungs- und Fördersystem durchaus aus dieser Abhängigkeit von staatlichen Zuwendungen heraus helfen könnte, sodass sie dann irgendwann – wenn auch in bescheidenem Rah-men – ein eigenes Einkommen erzielen können Gerade junge Ausländer müssen viel effektiver integriert und gefördert werden Dies ist in man-chen Fällen nur außerhalb ihrer Familien möglich, wo Traditionen und schlechte Bildung sowie Sprachbarrieren ein großes Hemmnis darstellen Warum kann man für junge Ausländer nicht spezielle Klassen im Ganz-tagsbetrieb an Schulen einrichten, wo man sich um ihre Bildung und ihre Freizeit kümmert, um eine bestmögliche Integration zu sichern? Das kostet Geld, es werden Fachkräfte benötigt, die sich speziell auf diese Klientel spezialisiert haben Aber ich meine, es lohnt sich, in diese po-tenziell künftigen Beitragszahler in unsere Sozialsysteme zu investieren und ihnen einen Anreiz zu geben, in Deutschland eine Existenz aufzu-bauen und eine Familie zu gründen Es ist nötig diese jungen Leute mit ihren Träumen und Interessen abzuholen und ihnen Perspektiven zu bie-ten

Unterstüt-Dasselbe gilt für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien, welche meistens in Brennpunkten größerer Städte leben und auf Grund ihres Umfeldes häufig keine Chance haben, aus den Fußstapfen ihrer Eltern herauszutreten Diese sind oft Hartz IV-Empfänger oder leben von sehr geringem Einkommen Dadurch entstehen nicht selten weitere sozia-

le Probleme, wie Abrutschen in Kleinkriminalität, Suchtverhalten und aggressive Verhaltensweisen Diese Menschen sind dann zwangsläufig die Vorbilder für ihre heranwachsenden Kinder, die dieselbe Karriere einschlagen, sodass sich in manchen Familien dieses Drama dann durch mehrere Generationen zieht, ohne Hoffnung auf Besserung Soziale Dienste, welche in solchen Stadtteilen wertvolle Arbeit leisten, sind hoff-nungslos unterbesetzt und die Mitarbeiter frustriert, weil sie oft nur noch größeren Schaden kurzfristig vermeiden können Geld sollte hier keine

Ngày đăng: 05/06/2014, 12:57

TỪ KHÓA LIÊN QUAN

TÀI LIỆU CÙNG NGƯỜI DÙNG

TÀI LIỆU LIÊN QUAN

🧩 Sản phẩm bạn có thể quan tâm

w