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camus, albert - der glückliche tod

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THÔNG TIN TÀI LIỆU

Thông tin cơ bản

Tiêu đề Der Glückliche Tod
Tác giả Albert Camus
Năm xuất bản 1971
Thành phố Reinbek
Định dạng
Số trang 144
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Nội dung

Hier wenigst ens spürt e er noch einen Zusam m en- hang m it dem , was er gewesen war, und in einem Leben, dem er gern zu ent rinnen sucht e, erlaubt e ihm diese t rübselige, gedul- dig

Trang 1

und Anmerkungen von

Jean Sarocchi

Rowohlt

Trang 2

Die Originalausgabe erschien 1971 unter dem T itel

La Mort heureuse / Cahiers Albert Camus I

im Verlag Gallimard, Paris Nachwort und Anmerkungen wurden

von Gertrude Harlass übersetzt Schutzumschlag- und Einbandentwurf von Werner Rebhuhn

1.-20 Tausend August 1972 21.-35- Tausend September 1972

© Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1972

La Mort heureuse © Editions Gallimard, Paris, 1971

Alle deutschen Rechte vorbehalten Gesetzt aus der Aldus-Buchschrift (Linofilm-Super-Quick)

Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck/Schleswig Werkdruckpapier von der Papierfabrik Schleipen,

Bad Dürkheim Printed in Germany ISBN 3 498 00837 4

Trang 3

Erster Teil Der natürliche Tod

Trang 4

I

Es war zehn Uhr m orgens, und P at rice Mersault ging m it gleich-

m äßigen Schrit t en auf Zagreus' Villa zu Um diese Zeit war die

W ärt erin auf dem Markt und niem and im Hause Es war April, ein schöner funkelnder kalt er Frühlingsm orgen m it einem rei- nen eisigen Him m el, in dem eine große Sonne st and, st rahlend, aber ohne W ärm e Zwischen den P inien an den Hängen in der Nähe der Villa rann ein reines Licht an den St äm m en ent lang Die St raße lag verlassen da Sie st ieg ein wenig an Mersault

t rug einen Koffer, und in der Glorie dieser Erdenfrühe ging er dahin, begleit et von dem hart en Geräusch seiner Schrit t e auf der kalt en St raße und dem t akt m äßig wiederkehrenden Knarren des Koffergriffs

Kurz vor der Villa m ündet e die St raße in einen kleinen P lat z

m it Bänken und Grünanlagen Frühe rot e Geranien zwischen grauer Aloe, das Blau des Him m els, das W eiß der Um fassungs-

m auern — das alles wirkt e so frisch und so jung, daß Mersault einen Mom ent den Schrit t verhielt , bevor er den W eg einschlug, der von dem P lat z zu Zagreus' Villa hinunt erführt e Vor der Schwelle des Hauses blieb er st ehen und zog seine Handschuhe

an Er öffnet e die T ür, die der Krüppel st et s unverschlossen hielt , und m acht e sie ganz nat ürlich hint er sich wieder zu Er ging durch den Flur bis zur drit t en T ür links, klopft e an und t rat ein Zagreus war selbst verst ändlich da, er saß, m it einem P laid über den St üm pfen seiner Beine, in einem Sessel dicht am Kam in, genau an dem P lat z, den Mersault zwei T age zuvor eingenom -

m en hat t e Er las, und das Buch lag auf seiner Decke, während

er Mersault , der neben der wieder geschlossenen T ür st ehenge- blieben war, aus seinen runden Augen ansah, in denen keinerlei Verwunderung lag Die Fenst ervorhänge waren zugezogen, und auf dem Boden, auf den Möbeln und an den Kant en der

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Gegenstände spielten Sonnenflecke Hinter den Fensterschei- ben strahlte der Morgen auf die vergoldete, kalte Erde herab Freude, eine große eisige Heiterkeit, schrille, heisere Vogel- schreie, die Flut von unbarmherzigem Licht verliehen der Vor- mittagsstunde einen Anschein von Unschuld und Wahrheit Mersault war stehengeblieben, an der Kehle und an den Ohren von der erstickenden Hitze in dem Zimmer gepackt T rotz der veränderten Witterung hatte Zagreus ein mächtiges Feuer ent- facht Und Mersault spürte, wie ihm das Blut in die Schläfen stieg und in den Rändern seiner Ohren pochte Immer noch schweigend folgte der andere ihm mit dem Blick Patrice ging zu der T ruhe auf der anderen Seite des Kamins und stellte seinen Koffer auf den T isch Dort angekommen, verspürte er eine kaum merkliche Schwäche in den Fußgelenken Er hielt inne und steckte sich eine Zigarette in den Mund, die er wegen seiner behandschuhten Hände ungeschickt anzündete Hinter ihm ließ sich ein schwaches Geräusch vernehmen Mit der Zigarette im Mund drehte er sich um Zagreus schaute ihn noch immer an, hatte jedoch sein Buch zugeklappt Während Mersault die Hitze fast schmerzhaft an seine Knie dringen fühlte, las er verkehrt

herum den T itel: <Kunst der Weltklugheit> von Baltasar Gra-

cián Ohne zu zögern, beugte er sich zu der T ruhe hinunter und hob den Deckel hoch Schwarz auf weiß glänzte dort der Revol- ver an allen seinen Rundungen wie eine gepflegte Katze Er lag noch immer auf Zagreus' Brief Mersault nahm diesen in die linke Hand und den Revolver in die rechte Nach kurzem Zau- dern schob er die Waffe unter seinen linken Arm und öffnete das Kuvert Es enthielt ein einziges großformatiges Blatt Papier, das mit einigen wenigen Zeilen in Zagreus' großer, eckiger Schrift bedeckt war:

«Ich lösche nur einen halben Menschen aus Man halte mir das zugute In meiner kleinen T ruhe wird man weit mehr finden, als nötig ist, um diejenigen schadloszuhalten, die mir bislang gedient haben Was das übrige betrifft, so habe ich den Wunsch, daß es für die Verbesserung des Loses der zum T ode Verurteilten verwendet wird Doch bin ich mir bewußt, daß das viel verlangt ist.»

Trang 6

Mit unbewegt em Gesicht falt et e Mersault den Brief wieder zusam m en, und in diesem Augenblick reizt e der Rauch seiner Zigaret t e seine Augen, während et was Asche auf den Um schlag fiel Er schüt t elt e das P apier, legt e es deut lich sicht bar auf den

T isch und wendet e sich Zagreus zu Dieser schaut e jet zt auf den Briefum schlag, und seine kurzen kräft igen Hände hielt en weit er das Buch um schlossen Mersault bückt e sich, dreht e den Schlüssel der Kasset t e, ent nahm ihr die Bündel, von denen m an durch die Um hüllung aus Zeit ungspapier nur den Schnit t erkennen konnt e Seine W affe unt er dem Arm , füllt e er m it der einen Hand in aller Ruhe seinen Koffer Es waren weniger als zwanzig Bündel zu hundert Scheinen vorhanden, und Mersault

st ellt e fest , daß er einen zu großen Koffer m it genom m en hat t e Ein Bündel von hundert Scheinen ließ er in der Kasset t e Nach- dem er den Koffer geschlossen hat t e, warf er seine h a l b aufge- raucht e Zigaret t e ins Kam infeuer, nahm den Revolver in die recht e Hand und nähert e sich dem Krüppel

Zagreus sah jet zt zum Fenst er hinaus Man hört e ein Aut o

m it einem m ahlenden Geräusch langsam an der Haust ür vor- überfahren Regungslos schien Zagreus die ganze unm enschli- che Schönheit dieses Aprilm orgens in sich aufzunehm en Als er den Revolverlauf an seiner recht en Schläfe fühlt e, wendet e er nicht einm al den Blick Doch P at rice, der ihn anschaut e, sah, daß seine Augen sich m it T ränen füllt en Er selbst schloß darauf die seinen Er t rat einen Schrit t zurück und schoß Einen Mom ent lang lehnt e er sich m it im m er noch geschlossenen Lidern an die W and, er fühlt e wieder das Blut in seinen Ohren rauschen Dann schaut e er hin Der Kopf war auf die recht e Schult er gesunken, der Körper hat t e kaum seine St ellung verän- dert , so daß m an nicht m ehr Zagreus sah, sondern nur eine rie- sige W unde in einem Gewirr von Hirn, Knochen und Blut Mer- sault begann zu zit t ern Er ging auf die andere Seit e des Sessels,

t ast et e nach Zagreus' recht er Hand, schloß sie fest um den Revolver, hob sie bis zur Höhe der Schläfe und ließ sie wieder sinken Der Revolver fiel auf die Lehne des Sessels und von da auf Zagreus' Knie Bei dieser Bewegung sah Mersault Mund

Trang 7

und Kinn des Krüppels Er zeigt e noch den gleichen ernst en,

t raurigen Ausdruck wie zuvor, als er aus dem Fenst er geblickt hat t e In diesem Mom ent ert önt e ein schriller T rom pet enst oß vor der T ür Ein zweit es Mal erklang das unwirkliche Signal Mersault st and noch im m er über den Sessel gebeugt , ohne sich

zu rühren W agenrollen kündet e die W eit erfahrt des Met zgers

an Mersault ergriff seinen Koffer, öffnet e die T ür, deren Klinke unt er einem Sonnenst rahl blit zt e, und verließ m it einem P ochen

in den Schläfen und t rockener Zunge den Raum Er schrit t durch die Haust ür und ent eilt e m it großen Schrit t en Niem and war zu sehen außer einer Gruppe von Kindern am anderen Ende des kleinen P lat zes Er ent fernt e sich Auf dem P lat z angekom m en, wurde er sich plöt zlich der Kält e bewußt und fröst elt e unt er sei- nem leicht en Rock Zweim al m ußt e er niesen, und das T al warf ein helles, höhnisches Echo zurück, das die krist allklare Luft höher und höher t rug W iewohl et was schwankend, blieb er st e- hen und at m et e kräft ig durch Von dem blauen Him m el senkt en sich Millionen kleiner lächelnder Licht er herab Sie spielt en auf den noch regennassen Blät t ern, auf dem feucht en T uff der Al- leen, flat t ert en zu den Häusern m it den Dachziegeln von der Farbe frisch vergossenen Blut es hinüber und schwangen sich wieder zu den Reservoirs von Luft und Sonne em por, aus denen sie kurz zuvor sich ergossen hat t en Ein sanft es Surren kam von einem winzigen Flugzeug, das dort oben schwebt e Bei diesem Überschwang der Luft und dieser Fülle des Him m els schien den Menschen einzig die Aufgabe zugedacht , zu leben und glücklich

zu sein In Mersault wurde alles st ill Ein drit t es Niesen schüt -

t elt e ihn, und er verspürt e et was wie einen Fieberschauer Er eilt e davon, ohne um sich zu blicken, begleit et nur von dem Knarren des Koffergriffs und dem Geräusch seiner Schrit t e Zu Hause angekom m en, legt e er sich hin und schlief bis t ief in den Nachm it t ag hinein

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II Der Sommer füllte den Hafen mit Stimmenlärm und Sonne Es war halb zwölf Uhr vormittags Der T ag strömte sein Innerstes aus, um die Quais mit dem ganzen Gewicht seiner Hitze zu erdrücken Vor den Lagerschuppen der Handelskammer von Algier nahmen <Schiaffinos> mit schwarzem Rumpf und rotem Schornstein Kornsäcke an Bord Ihr feiner Staubduft vermischte sich mit den kompakten T eergerüchen, die eine heiße Sonne zur Entfaltung brachte Vor einer kleinen Baracke, wo es nach Firnis und Anisette roch, saßen Männer und tranken, während arabi- sche Akrobaten in roten T rikots vor dem sonnenblitzenden Meer auf den glühendheißen Steinplatten ihre Körper verrenk- ten Ohne sie zu beachten, betraten die säckeschleppenden Hafenarbeiter die beiden schwingenden Planken, die vom Quai auf das Deck der Frachtdampfer führten Oben angekommen, hoben sie sich plötzlich vor dem Himmel über der Bucht, zwi- schen Winden und Masten, silhouettenhaft ab Mit nach oben gewendetem Blick blieben sie eine Sekunde lang geblendet ste- hen, wobei ihre Augen in den mit einer weißlichen Schicht aus Schweiß und Staub überzogenen Gesichtern funkelten, bevor sie sich blindlings in den Laderaum stürzten, aus dem ein Geruch wie von warmem Blut aufstieg In der glühenden Luft heulte beständig eine SiRené

Auf der Planke machten die Männer plötzlich entgegen der Ordnung halt Einer von ihnen war zwischen die Bohlen gefal- len, die nahe genug beieinander lagen, um ihn festzuhalten Doch sein Arm war hinter ihm eingeklemmt, zerquetscht durch das ungeheure Gewicht des Sackes, und er schrie vor Schmerz

In diesem Augenblick trat Patrice Mersault aus seinem Büro Schon auf der Schwelle verschlug ihm die Sommerhitze den Atem Er sog mit weit offenem Mund den T eergeruch ein, der

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i h n in der Kehle krat zt e, und blieb bei den Hafenarbeit ern st e- hen Sie hat t en den Verlet zt en befreit Auf den P lanken m it t en

im St aub hingest reckt , die Lippen bleich vor Schm erz, ließ er seinen gebrochenen Arm vom Ellbogen ab herunt erhängen Ein Knochensplit t er war durch das Fleisch gedrungen, so daß eine häßliche W unde ent st and, aus der das Blut sickert e Die T ropfen liefen am Arm ent lang und fielen dann, einer nach dem andern,

m it einem leicht en Zischen auf die glühenden St eine, wo sie ver- dam pft en Mersault st arrt e regungslos auf dieses Blut , als jem and seinen Arm ergriff Es war Em m anuel, der <Kleine für die Bot engänge> Er wies auf einen Last wagen, der m it laut em Ket t engerassel und Geknat t er auf sie zukam «W ollen wir?»

P at rice begann zu laufen Der Last wagen fuhr an ihnen vorbei Und sogleich rannt en sie ihm nach, verschlungen von Lärm und

St aub, keuchend und blind, gerade noch klar genug, um zu füh- len, wie sie durch diese wilde Lauferei hineingerissen wurden in einen bet äubenden Rhyt hm us von T rossen und Maschinen, begleit et vom T anz der Mast en am Horizont und dem Schlin- gern der leprösen Schiffsrüm pfe, an denen sie vorüberjagt en Auf seine Kraft und Gelenkigkeit vert rauend, packt e Mersault als erst er zu und schwang sich hinauf Er h a l f Em m anuel, bis auch er m it herunt erhängenden Beinen auf dem W agen saß, und in dem weißen, kreidigen St aub, dem gleißenden Dunst , der sich vom Him m el herabsenkt e, der Sonne, der ungeheuren, phant ast ischen Dekorat ion des von Mast en und schwarzen Krä- nen überquellenden Hafens braust e der W agen im vollem

T em po dahin, über das holperige P flast er des Quais, so daß

Em m anuel und Mersault hin und her geschleudert wurden und

in einem T aum el der Erregung lacht en, bis ihnen die Luft aus- ging

In Belcourt angekom m en, sprang Mersault zusam m en m it dem singenden Em m anuel ab Er sang laut und falsch «Du

m ußt verst ehen», sagt e er im m er zu Mersault , «es drängt ein- fach aus der Brust herauf W enn ich vergnügt bin W enn ich bade.» Das st im m t e Em m anuel sang, wenn er schwam m , und seine durch den Druck von außen her rauh gewordene und auf

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dem Meer kaum hörbare Stimme bestimmte dann den T akt der Bewegungen seiner kurzen muskulösen Arme Sie bogen in die Rue de Lyon ein Mersault schritt kräftig aus, er war sehr groß und wiegte seine breiten sehnigen Schultern An der Art, wie er den Fuß auf den Gehsteig setzte, den er entlangzuschreiten gedachte, wie er mit einer gleitenden Hüftbewegung der Menge auswich, die ihn zuweilen umgab, spürte man, daß sein Körper überraschend jung und kraftvoll und durchaus imstande war, seinen Besitzer bis an die äußersten Grenzen physischer Lust zu tragen Wenn er sich nicht bewegte, ließ er ihn auf der einen Hüfte ruhen, mit einer leicht affektierten Geschmeidigkeit wie jemand, der durch Sport den richtigen Stil gelernt hat Seine Augen blitzten unter den Bögen der etwas starken Brauen, und während er mit Emmanuel sprach, zog er unter einer zuckenden Bewegung seiner geschwungenen lebhaften Lippen an seinem Kragen, um seinen Hals freizumachen Sie traten in ihr Restau- rant Sie setzten sich und nahmen schweigend ihre Mahlzeit ein

Im Schatten war es kühl Man hörte Fliegen summen, T eller klirren und Gespräche Der Wirt, Céleste, kam auf sie zu Groß und mit einem Schnurrbart geschmückt, kratzte er sich den Bauch unter seiner Schürze, die er dann wieder fallen ließ «Es geht», sagte Emmanuel «Wie es alten Leuten so geht.» Sie redeten Céleste und Emmanuel tauschten Anreden wie «Na, Kamerad!» und Schulterklopfen aus «Die Alten, weißt du», meinte Céleste, «sind ja blöd im Kopf Sie sagen, ein richtiger Mann ist einer von fünfzig Jahren Das sagen sie aber nur, weil sie selber in den Fünfzigern sind Ich habe da einen Kumpel gehabt, der nur mit seinem Sohn glücklich war Sie gingen zusammen aus Sie trieben es ziemlich bunt Sie gingen ins Ca- sino, und mein Kumpel sagte: <Warum soll ich mich mit all den Alten abgeben? Sie erzählen mir täglich, daß sie Abführmittel genommen haben, daß sie ihre Leber spüren Da ist es besser, ich gehe mit meinem Jungen aus Manchmal schnappt er sich eine kleine Hure, ich tue dann, als sehe ich nichts, und steige in die

T ram Auf Wiedersehen und Danke Ich bin sehr zufrieden.>» Emmanuel lachte «Natürlich», erklärte Céleste, «wußte der

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auch nicht alles besser, aber ich m ocht e ihn gern.» Zu Mersault gewendet fuhr er fort : «Und außerdem ist m ir so einer lieber als ein anderer Kum pel, den ich hat t e Als der es zu was gebracht e hat t e, winkt e er m ich nur noch m it dem Kopf heran oder gab m ir kleine Zeichen Inzwischen ist er nicht m ehr so st olz, er hat alles verloren.»

«Geschieht ihm recht », m eint e Mersault

«Oh, m an soll sich nicht kleinkriegen lassen im Leben Er hat sich eine gut e Zeit gem acht , und warum auch nicht Neunhun- dert t ausend Francs hat er gehabt Ah, wenn ich das gewesen wäre!»

«W as würdest du t un ? » fragt e Em m anuel

« I c h würde m ir eine kleine Hüt t e kaufen, m ir ein bißchen Vogelleim auf den Nabel schm ieren und eine Fahne draufset zen Und dann würde ich wart en und sehen, von welcher Seit e der

W ind kom m t »

Mersault verzehrt e in Ruhe sein Mahl, bis Em m anuel auf den Gedanken kam , dem W irt seine berühm t e Geschicht e von der Marneschlacht vorzuset zen

«Uns, die Zuaven, haben sie als T irailleurs eingeset zt »

«Du ödest uns a n » , erklärt e Mersault ruhig

«Der Kom m andeur befahl: <Angriff!> Und wir alle hinunt er,

es war da so eine m it Bäum en best andene Schlucht Er hat t e uns gesagt , wir sollt en angreifen, aber vor uns war kein Mensch

W ir sind also m arschiert und im m er weit er vorgegangen Dann aber gab es auf einm al Maschinengewehrfeuer Sie schossen

m it t en in uns hinein Alles purzelt e nur so übereinander Es gab so viele Verwundet e und T ot e, und auf dem Grund der Schlucht war soviel Blut , daß m an in einem Kanu hät t e hinüberfahren können

Da waren welche, die schrien: <Mam a!> Es war fürcht erlich.» Mersault st and auf und knüllt e seine Serviet t e zusam m en Der W irt ging und not iert e sein Mit t agessen m it Kreide hint en auf der Küchent ür Das war sein Rechnungsbuch W enn einer prot est iert e, hob er die T ür aus den Angeln und schleppt e die Rechnung auf seinem Rücken herbei In einer Ecke saß René, der Sohn des W irt es, und aß e i n weiches Ei «Der Arm e», sagt e

Trang 12

Em m anuel, « e r geht an der Schwindsucht zugrunde.» Das

st im m t e René war gewöhnlich st ill und ernst Er war nicht all- zusehr abgem agert , doch seine Augen glänzt en Gerade war ein Gast dabei, ihm zu erklären, T uberkulose sei heilbar, «wenn

m an abwart et und vorsicht ig l e bt » Er nickt e und ant wort et e ernst zwischen zwei Bissen Mersault st üt zt e sich neben ihm m it den Ellbogen auf den Schankt isch, um noch einen Kaffee zu

t rinken Der andere redet e weit er: «Du hast wohl nicht Jean

P érez gekannt ? Den von der Gasanst alt ? Der i st gest orben Er

h a t t e eine kranke Lunge Aber er wollt e fort aus dem Spit al und wieder nach Hause Und da war seine Frau Und seine Frau ist ein P ferd Seine Krankheit hat t e ihn so gem acht Du verst ehst schon, st ändig war er auf seiner Frau Sie wollt e gar nicht Er aber t rieb es ganz schrecklich dam it Na ja, und zwei-, dreim al

t äglich, das bringt einen kranken Mann ja schließlich um » René hat t e zu essen aufgehört und st arrt e, noch ein St ück Brot zwischen den Zähnen, den anderen an « Ja » , m eint e er schließ- lich, «die Krankheit kom m t schnell, doch m it dem Gehen nim m t sie sich Zeit » Mersault m alt e m it dem Finger seinen Nam en auf die beschlagene Kaffeem aschine Er blinzelt e m it den Augen Zwischen diesem friedlichen Lungenkranken und dem von Lie- dern überquellenden Em m anuel pendelt e sein Dasein T ag für

T ag im Geruch von Kaffee und von T eer hin und her, von ihm selbst und allem , was für ihn sinnvoll war, losgelöst , seinem Herzen und seiner W ahrheit ent frem det Die gleichen Dinge, die ihn unt er anderen Um st änden leidenschaft lich bewegt haben würden, erzeugt en bei ihm jet zt , da er sie selber erlebt e, nur Schweigen, bis zu dem Augenblick, da er wieder in seinem Zim m er angelangt war und alle Kraft und Vorsicht darauf ver- wendet e, die in ihm brennende Flam m e des Lebens zum Verlö- schen zu bringen

«Sag m al, Mersault , du bist doch ein gebildet er Mann», sagt e der

W irt

«Ja, schon gut » , sagt e P at rice «Ein anderm al.»

«Du hast aber eine Saulaune, heut e m orgen.»

Mersault lächelt e Er verließ das Rest aurant , überquert e die

Trang 13

St raße und st ieg die T reppe zu seinem Zim m er hinauf Es lag über einer Roßschlächt erei W enn er sich über das Balkongit t er beugt e, verspürt e er den Geruch von Blut und konnt e das Ladenschild lesen: <Zur edelst en Eroberung des Menschen> Er legt e sich auf sein Bet t , raucht e noch eine Zigaret t e und schlief ein

Er bewohnt e das Zim m er, in dem seine Mut t er gelebt hat t e Sie hat t en lange in dieser kleinen Drei-Zim m er-W ohnung gehaust Als er allein war, hat t e Mersault zwei Zim m er an einen befreundet en Faßbinder verm iet et , der m it seiner Schwest er zusam m en lebt e, und das best e für sich selbst behalt en Seine Mut t er war m it 56 Jahren gest orben Da sie schön war, hat t e sie gem eint , koket t auft ret en, gut leben und brillieren zu können Gegen die Vierzig bekam sie eine furcht bare Krankheit Sie

m ußt e auf Kleider und Schm inke verzicht en, Spit alkit t el t ragen, hat t e ein durch grauenhaft e Beulen verunst alt et es Gesicht und war wegen ihrer geschwollenen kraft losen Beine fast zur Unbe- weglichkeit verdam m t Schließlich wurde sie auch noch halb blind und t ast et e verzweifelt in einem farblosen Raum um her, den sie völlig verkom m en ließ Der Schlag war kurz und heft ig

Es war eine nicht beacht et e Zuckerkrankheit , die sie durch ihre unbedacht e Lebensweise gefördert und verschlim m ert hat t e Er hat t e seine St udien aufgeben und Arbeit suchen m üssen Bis zum T od seiner Mut t er hat t e er im m er noch gelesen und nach- gedacht Und zehn Jahre lang ert rug die Kranke dieses Leben Das Mart yrium hat t e so lange gedauert , daß m an sich in ihrer

Um gebung an ihre Krankheit gewöhnt hat t e und vergaß, daß sie bei einer ernst lichen Verschlim m erung ihr erliegen könnt e Eines T ages st arb sie In der Nachbarschaft bem it leidet e m an Mersault Man versprach sich viel von der Beerdigung im Gedanken an das t iefe Gefühl das Sohnes für seine Mut t er Man beschwor die ent fernt en Verwandt en, nicht zu weinen, dam it

P at rice seinen Schm erz nicht noch st ärker em pfand Man bat sie inst ändig, sich seiner anzunehm en und sich ihm zu widm en Er indessen kleidet e sich, so gut er nur irgend konnt e, und schaut e

m it dem Hut in der Hand den Vorbereit ungen zu Er folgt e dem

Trang 14

Sarg, nahm an der kirchlichen Handlung t eil, warf seine Hand- voll Erde in das Grab und drückt e alle Hände Nur einm al äußert e er seine Verwunderung und Unzufriedenheit darüber, daß es so wenig W agen für die Geladenen gab Das war alles

Am nächst en T age konnt e m an an einem der Fenst er der W oh- nung ein Schild sehen: <Zu verm iet en> Jet zt bewohnt e er das Zim m er seiner Mut t er Früher hat t e das ärm liche Leben zusam -

m en m it seiner Mut t er et was T röst liches gehabt W enn sie sich

am Abend zusam m enfanden und beim Licht der P et roleum - lam pe schweigend aßen, wohnt e dieser Einfachheit und Zurückgezogenheit et was inne, das wie ein heim liches Glück war In ihrem Viert el ging es ruhig zu Mersault bet racht et e den schlaffen Mund seiner Mut t er und lächelt e Sie lächelt e eben- falls Er fing wieder zu essen an Die Lam pe blakt e ein wenig Mit der im m er gleichen Bewegung schraubt e seine Mut t er den Docht herunt er, sie st reckt e nur den recht en Arm aus und blieb zurückgelehnt sit zen «Du hast offenbar keinen Hunger m ehr»,

m eint e sie et was spät er «Nein.» Er raucht e oder las Im erst eren Fall pflegt e seine Mut t er zu sagen: «Schon wieder!» Im zwei-

t en: «Rück doch näher an die Lam pe heran, du verdirbst dir noch die Augen.» Jet zt dagegen em pfand er das ärm liche Leben

in der Einsam keit als ein schreckliches Elend Und wenn Mer- sault voll T rauer an die Ent schwundene dacht e, wendet e er sein Mit leid in W irklichkeit an sich selbst Er hät t e behaglicher woh- nen können, aber er hing an dieser Behausung und ihrem Arm e- leut egeruch Hier wenigst ens spürt e er noch einen Zusam m en- hang m it dem , was er gewesen war, und in einem Leben, dem er gern zu ent rinnen sucht e, erlaubt e ihm diese t rübselige, gedul- dig geübt e Gegenüberst ellung, sich in den St unden der T raurig- keit und der W ehm ut wieder auf sich selbst zu besinnen Er hat t e an der T ür ein am Rande zerschlissenes St ückchen graue

P appe hängen lassen, auf das seine Mut t er m it Blaust ift ihren Nam en geschrieben hat t e Er hat t e auch das alt e Messingbet t

m it der Decke aus Baum wollsat in und das P ort rät seines Groß- vat ers m it seinem kleinen Bärt chen und seinen unbeweglichen hellen Augen behalt en Auf dem Kam in um gaben Schäfer und

Trang 15

Schäferinnen eine alt e St ut zuhr, die nicht m ehr ging, und eine

P et roleum lam pe, die er fast nie anzündet e Die schäbige Ein- richt ung, die et was eingesessenen Rohrst ühle, der Schrank m it der gelb gewordenen Spiegelt ür und der W ascht isch, an dem die eine Ecke fehlt e, exist iert e für ihn nicht , denn die Gewohnheit hat t e alles nivelliert Er bewegt e sich in einer schat t enhaft en

Um gebung, die nicht die geringst e Bem ühung von ihm verlang-

t e In einem anderen Zim m er hät t e er sich an Neues gewöhnen und dam it erst wieder käm pfen m üssen Er hat t e das Bedürfnis, die Angriffsfläche, die er der Um welt bot , m öglichst klein zu halt en und zu schlafen, bis alles vollendet sein würde Bei dieser Absicht war das Zim m er eine Hilfe für ihn Es ging einerseit s auf die St raße, andererseit s auf eine T errasse, auf der im m er

W äsche hing Und hint er der T errasse sah m an kleine, von hohen Mauern um schlossene Gärt en m it Orangenbäum en Zu- weilen, in Som m ernächt en, m acht e er im Zim m er kein Licht und öffnet e das Fenst er, das auf die T errasse und die dunklen Gärt en ging Von dem einen Dunkel zum andern st ieg der sehr

st arke Orangenduft auf und um hüllt e ihn m it seinem leicht en Gewoge Die ganze Som m ernacht hindurch waren dann sein Zim m er und er selbst von diesem zugleich durchdringenden und schweren Duft erfüllt , und es war ihm , als öffne er nach lan- gen T agen des Gest orbenseins zum erst en Mal sein Fenst er auf das Leben

Er erwacht e m it einem Mund, der noch von Schlaf erfüllt war, und schweißbedeckt Es war sehr spät Er käm m t e sich, lief eilig hinunt er und sprang in eine T ram Um zwei Uhr fünf war er in seinem Büro Er arbeit et e in einem großen Raum , dessen vier

W ände m it 414 Fächern bedeckt waren, in denen sich Akt en häuft en Das Zim m er war weder schm ut zig noch schäbig,

m acht e aber zu jeder T agesst unde den Eindruck einer Urnenhal-

le, in der die t ot en St unden verwest en Mersault überprüft e See- fracht briefe, überset zt e die P roviant list en englischer Schiffe und em pfing von drei bis vier Uhr Kunden, die St ückgut versen- den wollt en Er hat t e sich um diese Arbeit bem üht , obwohl sie eigent lich nicht zu ihm paßt e Doch anfangs hat t e er darin et was

Trang 16

wie einen Zugang zum Leben gesehen Hier gab es lebendige Gesichter, Kunden, Abwechslung und einen frischen Luftzug,

in dem er endlich sein Herz schlagen fühlte Auf diese Weise entrann er den Gesichtern der drei Stenotypistinnen und dem Bürochef, Monsieur Langlois Die eine der Stenotypistinnen war ganz hübsch und seit kurzem verheiratet Die andere lebte bei ihrer Mutter, und die dritte war eine energische, würdevolle alte Dame, deren blumenreiche Sprache und deren Zurückhal- tung in bezug auf «ihre Schicksalsschläge», wie Langlois es nannte, Mersault schätzte Langlois hatte zuweilen mit ihr scharfe Auseinandersetzungen, bei denen jedoch stets die alte Madame Herbillon die Oberhand behielt Sie verachtete Lang- lois, weil seine verschwitzte Hose ihm am Hinterteil klebte und wegen der Panik, die ihn in Gegenwart des Direktors und manchmal auch am T elefon befiel, wenn er den Namen eines Advokaten oder eines großen T iers mit Adelsprädikat hörte Der Unglückliche bemühte sich vergebens, die alte Dame milder

zu stimmen oder sogar für sich einzunehmen An diesem Abend tänzelte er im Büro umher «Nicht wahr, Madame Herbillon, Sie finden mich doch sympathisch?» Mersault übersetzte gerade

vegetables, vegetables, und hob den Blick zu der Glühbirne

empor, die mit ihrem Schirm aus gefalteter grüner Pappe über seinem Kopf hing Vor sich hatte er einen grellfarbigen Kalen- der, auf dem die Dankprozession der Neufundlandfahrer abge- bildet war Schwämmchen, Schreibunterlage, T intenfaß und Li- neal befanden sich wohlausgerichtet auf seinem T isch Seine Fenster gingen auf riesige Holzstapel, die auf gelb-weißen Frachtdampfern aus Norwegen hergeschafft worden waren Er horchte Hinter der Mauer atmete das Leben auf dem Meer und

im Hafen in kräftigen dumpfen und tiefen Zügen So nahe und doch für ihn so fern Das Sechs-Uhr-Schlagen befreite ihn Es war ein Samstag

Zu Hause angekommen, legte er sich hin und schlief bis zum Abendessen Er briet sich Eier, die er gleich aus der Pfanne aß (ohne Brot, da er vergessen hatte, welches zu kaufen), dann legte er sich hin und schlief bis zum nächsten Vormittag Er

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wacht e erst kurz vor Mit t ag auf, m acht e seine Morgent oilet t e und ging hinunt er zum Essen W ieder zurückgekehrt , löst e er zwei Kreuzwort rät sel, schnit t sorgfält ig eine Reklam e für Kru- schensalz aus und klebt e sie in ein Heft , das schon m it vielen

m unt eren Opas angefüllt war, die T reppengeländer hinunt er- rut scht en Darauf wusch er sich die Hände und t rat auf den Bal- kon Es war ein schöner Nachm it t ag Das P flast er glänzt e, wenige und noch eilige Leut e waren unt erwegs Er folgt e jedem einzelnen aufm erksam m it dem Blick und ließ erst von ihm ab, wenn er außer Sehweit e war Dann nahm er einen neuen P as- sant en aufs Korn Zuerst kam en Fam ilien, die einen Spazier- gang m acht en, zwei kleine Jungen in Mat rosenanzügen m it knielangen Hosen, eingezwängt in ihre st eifen Kleidungsst ük-

ke, und ein kleines Mädchen m it einer großen rosa Schleife und schwarzen Lackschuhen Hint er ihnen eine Mut t er in braunem Seidenkleid, gleich einem von einer Boa um ringelt en unförm i- gen T ier, und ein sehr viel besser aussehender Vat er m it einem Spazierst ock in der Hand Et was spät er kam en die jungen Leut e aus dem Viert el vorbei, m it pom adisiert em Haar und rot er Kra- wat t e, st ark t ailliert er Jacke m it einem gest ickt en Ziert aschen-

t uch und vorn breit en Schuhen Sie st rebt en zu den Kinos im Zent rum und beeilt en sich laut lachend, um noch die T ram bahn

zu erwischen Hint er ihnen leert e sich die St raße allm ählich Die Vorst ellungen hat t en angefangen Jet zt gehört e da s Viert el den kleinen Ladenbesit zern und den Kat zen W iewohl noch im m er rein, lag der Him m el doch glanzlos über den Feigenbäum en, die die St raße säum t en Gegenüber von Mersault s Fenst er st ellt e der T abakhändler einen St uhl vor seine T ür und set zt e sich rit t - lings darauf, beide Arm e auf die Lehne st üt zend Die St raßen- bahnen, eben noch überfüllt , waren jet zt fast leer In dem klei-

nen Café Chez Pierrot kehrt e der Kellner in dem verödet en Gast -

raum das Sägem ehl zusam m en Mersault dreht e ebenfalls sei- nen St uhl, st ellt e ihn so hin wie der T abakhändler und raucht e hint ereinander zwei Zigaret t en Er kehrt e in sein Zim m er zurück, brach ein St ück Schokolade ab und nahm kauend wie- der seinen P lat z am Fenst er ein Kurz darauf verdunkelt e sich

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der Himmel, wurde aber gleich wieder klar Dennoch hatten die vorüberziehenden Wolken auf der Straße etwas wie eine Ver- heißung von Regen zurückgelassen, so daß sie noch dunkler wirkte Um fünf Uhr kamen T rambahnen angerattert, die von den Fußballstadien am Stadtrand T rauben von Zuschauern zurückbrachten, die auf den T rittbrettern und an den Handgrif- fen hingen Die nächsten Wagen brachten die Spieler zurück, die an ihren kleinen Reisetaschen zu erkennen waren Sie brüll- ten und verkündeten, aus vollem Halse grölend, daß ihr Club nie untergehen werde Mehrere machten Mersault ein Zeichen Einer rief: «Die haben wir drangekriegt!» - «Ja », sagte Mersault nur und nickte mit dem Kopf Allmählich tauchten mehr Autos auf Bei manchen waren die Kotflügel und die Stoßstangen mit Blumen geschmückt Dann änderte sich abermals das T ages- licht Über den Dächern bekam der Himmel einen rötlichen Schein Mit Beginn des Abends belebten die Straßen sich wie- der Die Spaziergänger kehrten zurück Die Kinder waren müde, weinten oder ließen sich ziehen In diesem Augenblick ergoß sich aus den Kinos des Viertels ein Strom von Zuschauern auf die Straße Mersault las aus den entschiedenen und wichtigtue- rischen Gesten der jungen Leute, die herauskamen, den unbe- wußten Kommentar zu dem Abenteuerfilm, den sie gesehen hatten Die Besucher der Stadtkinos kehrten etwas später zurück Sie wirkten gesetzter Zwischen Gelächter und derben Spaßen trat in ihrem Gesichtsausdruck und in ihrer Haltung etwas von der Sehnsucht nach einem Leben in dem glanzvollen Stil zutage, das der Film ihnen vor Augen geführt hatte Auf und ab gehend bevölkerten sie auch weiterhin die Straße Auf dem Bürgersteig gegenüber von Mersaults Fenster bildeten sich schließlich zwei Ströme Die jungen Mädchen des Viertels, ohne Hut, kamen Arm in Arm einher und bildeten den einen Die jun- gen Burschen, aus denen der andere bestand, riefen ihnen scherzhafte Bemerkungen zu, über die sie lachten, während sie gleichzeitig die Köpfe abwendeten Die gesetzteren Leute gin- gen in die Cafés oder bildeten auf dem Bürgersteig Gruppen, die wie Inseln von der wogenden Flut der Passanten umbrandet

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wurden Die St raße war jet zt beleucht et , und die elekt rischen Lam pen ließen die erst en St erne verblassen, die sich am nächt li- chen Him m el zeigt en Unt erhalb von Mersault breit et en sich die Gehwege m it ihrer Ladung von Menschen und Licht ern aus Die Lam pen spiegelt en sich in dem blanken P flast er, und die in regelm äßigem Abst and vorüberfahrenden T ram bahnwagen set zt en hier und da Glanzlicht er auf einen schim m ernden Haar- schopf, eine feucht e Lippe, ein Lächeln oder ein silbernes Arm - band Kurz darauf, als die T ram bahnen selt ener fuhren und die Nacht schon schwarz über Bäum en und Lam pen st and, leert e das Viert el sich unm erklich, und die erst e Kat ze überquert e langsam die verödet e St raße Mersault dacht e ans Abendessen Der Hals t at ihm et was weh, weil er sich zu lange auf die Lehne seines St uhls aufgest üt zt hat t e Er ging hinunt er, kauft e Brot und T eigwaren, bereit et e sich seine Mahlzeit und aß Dann ging

er wieder ans Fenst er Leut e kam en aus den Häusern, die Luft hat t e sich abgekühlt Er fröst elt e, schloß die Fenst erflügel und

t rat vor den Spiegel über dem Kam in Abgesehen von best im m -

t en Abenden, an denen Mart he ihn besucht e oder er m it ihr aus- ging, und seiner Korrespondenz m it seinen Freundinnen in

T unis ent sprach sein Dasein ganz der gelblichen P erspekt ive, die der Spiegel ihm in einem Zim m er bot , in dem der ver- schm ut zt e Spirit uskocher neben Brot rest en st and

«W ieder ein Sonnt ag herum », sagt e sich Mersault

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III Wenn Mersault abends auf den Straßen promenierte und stolz war, auf Marthes Gesicht Licht und Schatten in gleicher Weise spielen zu sehen, schien ihm alles wunderbar leicht, auch seine Kraft und sein Mut Er war dankbar dafür, daß sie diese Schön- heit, die sie täglich über ihn ausgoß wie einen besonders erlese- nen Rausch, an seiner Seite aller Welt offen zeigte

Wäre Marthe unscheinbar gewesen, hätte es ihn ebenso unglücklich gemacht wie etwa, sie glücklich zu sehen durch das Verlangen der Männer Er war froh, daß er an jenem Abend das Kino mit ihr betrat, kurz bevor die Vorstellung begann, als der Saal schon fast voll war Sie ging vor ihm her, von bewundern- den Blicken begleitet, mit ihrem Gesicht, das ganz aus Blumen und Lächeln bestand, mit ihrer erregenden Schönheit Er selbst, mit seinem Filzhut in der Hand, fühlte in sich ein übermenschli- ches Behagen, gleichsam ein tiefes Bewußtsein seiner eigenen Eleganz Er setzte eine ernsthafte, distanzierte Miene auf, gab sich übertrieben höflich, trat zur Seite, um die Platzanweiserin vorbeizulassen, klappte den Sitz herunter, bevor Marthe sich niederließ - und das alles weniger, um angenehm aufzufallen, als wegen jener Dankbarkeit, von der sein Herz erfüllt war und die es mit Liebe für alles Lebendige durchdrang Wenn er der Platzanweiserin ein übertrieben hohes T rinkgeld gab, so eben- falls deshalb, weil er nicht wußte, wie er seiner Freude Ausdruck geben sollte und weil er durch diese alltägliche Geste einer Gott- heit huldigte, deren strahlendes Lächeln wie ein Öl war, das den Glanz seines Blickes speiste Als er während der Pause in dem Foyer mit den Spiegelwänden umherging, schickten ihm die Wände das Abbild seines Glückes zurück und bevölkerten den Raum mit eleganten, flackernden Bildern, mit seiner großen dunklen Silhouette und dem Lächeln Marthes in ihrem hellfar-

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bigen Kleid Gewiß, er liebt e sein Gesicht , wenn er sich so sah, den zuckend bewegt en Mund um die Zigaret t e herum und das spürbare Fiebern seiner et was t iefliegenden Augen Aber wenn schon! Die Schönheit eines Mannes m acht in der P raxis best ä-

t igt e W ahrheit en sicht bar, die ihm innewohnen Man liest auf seinem Gesicht , was er zu t un im st ande ist W as aber ist das im Vergleich zu der großart igen Zwecklosigkeit eines Frauenge- sicht s? Mersault wußt e recht gut , daß es seine Eit elkeit erfreut e und seinen geheim en Däm onen lächelt e

Als er wieder den Zuschauerraum bet rat , dacht e er daran, daß er allein nie während der P ause hinausging, sondern lieber raucht e und sich die leicht e Schallplat t enm usik anhört e, die

m an dann dem P ublikum bot Heut e abend aber ging das Spiel für ihn weit er Alle Gelegenheit en, es zu verlängern und zu erneuern, waren ihm recht In dem Augenblick jedoch, als sie zu ihren P lät zen zurückkehrt en, erwidert e Mart he den Gruß eines Mannes, der ein paar Reihen hint er ihnen saß Und Mersault , der auch seinerseit s grüßt e, glaubt e bei ihm ein Lächeln zu bem erken, das um seine Mundwinkel spielt e Er set zt e sich, ohne auf Mart hes Hand zu acht en, die sie ihm auf die Schult er legt e, um m it ihm zu sprechen, und die er noch eine Minut e zuvor m it Freuden wahrgenom m en hät t e als einen neuen Beweis der Macht , die sie ihm zuerkannt e

«W er ist da s? » fragt e er und wart et e schon auf das völlig nat ürlich klingende «W er?», das auch t at sächlich kam

«Du weißt genau Dieser Mann »

«Ach so», sagt e Mart he und schwieg

«Nun?»

«Du willst es unbedingt wissen?»

«Nein», sagt e Mersault

Er wendet e sich leicht um Der Mann bet racht et e Mart hes Nacken, ohne daß sich in seinem Gesicht irgend et was regt e Er sah recht gut aus m it seinen schönen, sehr rot en Lippen, seine

et was vorst ehenden Augen aber blickt en ausdruckslos Mer- sault spürt e, wie ihm das Blut in die Schläfen st ieg Vor seinem verdunkelt en Blick hat t en sich die st rahlenden Farben dieser

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idealen Um gebung, in der er sich seit ein paar St unden befand, plöt zlich m it schm ut zigem Ruß bedeckt Niem and braucht e es ihm erst zu sagen Er war sicher, daß dieser Mann m it Mart he geschlafen hat t e, und was panikart ig in Mersault s Innerem anschwoll, war der Gedanke an das, was dieser gleiche Mann sich m öglicherweise sagt e Er wußt e es recht gut , er, der auch seinerseit s gedacht hat t e: <Bilde dir nur nicht s ein > Bei der Vorst ellung, daß dieser Mann in dieser Minut e ganz best im m t e Bewegungen Mart hes und ihre Art , im Augenblick der Lust den Arm über die Augen zu legen, vor sich sah, daß sicher auch er versucht hat t e, den Arm wegzuziehen, um in den Augen der Frau den st ürm ischen Aufruhr der dunklen Got t heit en zu erkennen, fühlt e Mersault , wie alles in ihm zusam m enbrach, und während das Klingelzeichen im Zuschauerraum den Fort - gang der Vorst ellung ankündigt e, quollen unt er seinen geschlossenen Lidern T ränen der W ut hervor Er vergaß Mar-

t he, die nur der Vorwand für seine Freude gewesen und nun das lebendige Gefäß seines Zornes geworden war Lange hielt Mer- sault die Augen geschlossen, bis er wieder auf die Leinwand schaut e Ein W agen überschlug sich, und während das Orche-

st er abrupt verst um m t e, dreht e sich eines der Räder allein noch langsam weit er und zerrt e in sein beharrliches Kreisen die ganze Schm ach und Dem üt igung m it hinein, die in Mersault s von schwarzen Gedanken erfüllt em Herzen aufgest iegen waren Doch ein Verlangen nach Gewißheit ließ ihn seine W ürde ver- gessen:

«Mart he, ist er dein Liebhaber gewesen?»

«Ja», sagt e sie «Aber jet zt int eressiert m ich der Film »

An diesem T ag fing Mersault an, für Mart he et was zu em p- finden Er hat t e sie vor ein paar Monat en kennengelernt Ihre Schönheit und Eleganz hat t en Eindruck auf ihn gem acht In ihrem et was breit en, aber ebenm äßigen Gesicht schim m ert en goldfarbige Augen und Lippen, die so vollkom m en nachgezo- gen waren, daß sie einer Göt t in m it gem alt em Ant lit z glich Eine nat ürliche Einfalt , die aus ihren Augen sprach, verst ärkt e noch ihre abwesende, t eilnahm lose Miene Bislang hat t e Mersault

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jedesm al, wenn er m it einer Frau zu den erst en, eine Beziehung einleit enden Gest en übergegangen war, im vollen Bewußt sein dessen, daß unglücklicherweise Liebe und Verlangen sich in gleicher Form ausdrücken, schon an den Bruch gedacht , bevor

er sie noch in den Arm genom m en hat t e Mart he aber war zu einem Zeit punkt aufget aucht , zu dem sich Mersault gerade von allem und von sich selbst befreit e Das Bedürfnis nach Freiheit und Unabhängigkeit ist nur bei einem Menschen denkbar, der noch von Hoffnung lebt Für Mersault zählt e dam als nicht s, und das erst e Mal, als Mart he in seinen Arm en schwach wurde und

er sah, wie sich in ihrem durch die Nähe weich wirkenden Gesicht die Lippen, bis dahin unbeweglich und gem alt en Blu-

m en gleich, belebt en und ihm ent gegendrängt en, hat t e er nicht über diese Frau hinweg schon in die Zukunft geblickt , sondern die ganze Macht seines Verlangens heft et e sich an sie und sog sich m it ihrer Erscheinung voll Die Lippen, die sie ihm darbot , schienen ihm eine Bot schaft aus einer W elt , die ohne Leiden- schaft und von Verlangen geschwellt war und in der sein Herz Genüge gefunden hät t e Das aber kam ihm wie ein W under vor Sein Herz pocht e in einer Erregung, die er fast für Liebe gehalt en hät t e Und als er das volle, fest e Fleisch unt er seinen Zähnen fühlt e, biß er sich wüt end in einer Art wilder Freiheit darin fest , nachdem er sie lange m it seinen eigenen Lippen liebkost hat t e

Am gleichen T age war sie seine Geliebt e geworden Nach eini- ger Zeit hat t en sie in ihrem Um gang eine vollkom m ene Harm o- nie erreicht Doch als er sie besser kannt e, hat t e er allm ählich das spont ane Gefühl jener Frem dheit verloren, die er in ihren Augen gelesen hat t e und die er, über ihren Mund geneigt , noch

m anchm al neu erst ehen zu lassen versucht e Und so hat t e Mar-

t he, an Mersault s Zurückhalt ung und Kält e gewöhnt , niem als begriffen, weshalb er in einer vollbeset zt en T ram bahn eines

T ages verlangt hat t e, daß sie ihm ihre Lippen bot Verwirrt hat t e sie sie ihm zugewandt Und er hat t e sie auf die W eise geküßt , wie er es gern t at , näm lich indem er ihre Lippen erst nur zärt lich berührt e und dann langsam in sie hineinbiß «W as fällt dir ein?» hat t e sie gesagt Er hat t e gelächelt , wie sie es gern an

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ihm m ocht e, m it jenem kurzen Lächeln, das eine Ant wort war, und gesagt : «Ich habe Lust gehabt , m ich schlecht zu beneh-

m en» — um dann wieder in Schweigen zu verfallen Sie verst and auch P at rices W ort schat z nicht Nach dem Liebesakt , in jenem Augenblick, da in dem befreit en und ent spannt en Körper das Herz in eine Art Schlum m er verfällt , erfüllt nur von der zärt li- chen Zuneigung noch, die m an einem niedlichen Hund ent ge- genbringt , sagt e Mersault lächelnd zu ihr: «Gut en T ag, T raum - bild.»

Mart he war St enot ypist in Sie liebt e Mersault nicht , war ihm aber in dem Maße zuget an, wie er ihr Rät sel aufgab und ihr schm eichelt e Seit dem T age, an dem Em m anuel, den Mersault ihr vorgest ellt hat t e, von ihm sagt e: «Sie m üssen wissen, Mer- sault ist ein feiner Kerl Es st eckt et was in ihm , aber er läßt es nicht heraus Deshalb t äuscht m an sich», bet racht et e sie ihn voll Neugier Und da er sie in der Liebe glücklich m acht e, ver- langt e sie nicht s weit er, sondern paßt e sich, so gut es ging, die- sem schweigsam en, sich wenig bem erkbar m achenden Liebha- ber an, der niem als et was von ihr verlangt e, aber sie nahm , wenn sie gern zu ihm wollt e Sie war lediglich et was befangen diesem Menschen gegenüber, dessen innere Zerrissenheit ihr verborgen blieb

An jenem Abend jedoch spürt e sie beim Verlassen des Kinos, daß Mersault eine em pfindliche St elle hat t e Sie schwieg den ganzen Abend über und schlief bei ihm Er rührt e sie die ganze Nacht nicht an Doch von da an nahm sie ihren Vort eil wahr Sie hat t e ihm schon gesagt , sie habe Liebhaber gehabt Sie wußt e auch die nöt igen Beweise zu finden

Am folgenden T ag kam sie gegen ihre Gewohnheit nach der Arbeit zu ihm Sie t raf ihn schlafend an und set zt e sich an das Fußende seines Messingbet t es, ohne ihn zu wecken Er hat t e die Jacke ausgezogen, und seine aufgest reift en Ärm el gaben die weiße Unt erseit e seines m uskulösen braungebrannt en Unt er- arm s frei Er at m et e regelm äßig, m it Brust und Bauch zugleich Zwei Falt en zwischen seinen Brauen verliehen ihm einen Aus- druck von Kraft und St arrsinn, den sie gut an ihm kannt e Sein

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Haar fiel ihm in Locken in die st ark gebräunt e St irn, auf der eine Ader hervort rat Und wie er da erschlafft auf seinen breit en Schult ern lag, die Arm e am Körper ausgest reckt und das eine Bein halb angewinkelt , wirkt e er wie ein einsam er, eigenwilliger Got t , der im Schlaf in eine frem de W elt gerat en war Beim Anblick seiner vollen, im Schlaf geschwellt en Lippen verspürt e sie Verlangen nach ihm In diesem Augenblick schlug er die Augen auf, schloß sie erneut und sagt e ohne Zorn in der St im - me:

«Ich m ag nicht , wenn m an m ich im Schlaf beobacht et » Sie fiel ihm um den Hals und küßt e ihn Er lag weit er unbe- weglich da

«Ach, Liebling, das ist wieder eine von deinen Marot t en.»

«Nenne m ich nicht Liebling, hörst du? Ich habe es dir schon einm al gesagt »

Sie schm iegt e sich an ihn und bet racht et e ihn von der Sei-

t e

«Ich frage m ich, wem du jet zt ähnlich siehst »

Er zog seine Hose weit er herauf und dreht e ihr den Rücken zu Oft erkannt e Mart he im Kino, bei frem den Menschen, oder im

T heat er Gest en und Eigenheit en wieder, die Mersault an sich hat t e Daraus ersah er im übrigen, welchen Einfluß er auf sie hat t e, aber heut e reizt e ihn diese Gewohnheit , die ihm sonst schm eichelt e Sie preßt e sich an seinen Rücken und verspürt e so

an Leib und Brüst en die W ärm e seines Schlafs Draußen wurde

es sehr schnell dunkel, und das Zim m er versank in Finst ernis Aus dem Innern des Hauses drang Geheul von Kindern, die geschlagen wurden, das Miauen einer Kat ze, das Klappen einer

T ür zu ihnen herauf Die St raßenlam pen erhellt en den Balkon Vereinzelt fuhren T ram bahnen vorbei Und danach st ieg der dem Viert el eigene Geruch nach Aniset t e und gegrillt em Fleisch

in schweren W olken zu dem Zim m er em por

Mart he m erkt e, daß sie schläfrig wurde

«Du siehst aus, als ob du ärgerlich wärst », sagt e sie «Gest ern schon deshalb bin ich gekom m en Hast du m ir nicht s zu sagen?» Sie schüt t elt e ihn Mersault blieb unbeweglich liegen,

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er fixiert e in dem nun schon dicht en Dunkel die glänzende Spit ze eines Schuhs unt er dem W ascht isch

«W eißt du» , sagt e Mart he, «dieser Mensch da gest ern abend Also, ich habe übert rieben Er ist nicht m ein Liebha- ber gewesen.»

«Nein?» fragt e Mersault

«Jedenfalls nicht ganz.»

Mersault sagt e nicht s Er sah ganz genau die Gest en vor sich, das Lächeln Er biß die Zähne zusam m en Dann st and er auf, öffnet e das Fenst er und set zt e sich wieder auf das Bet t Sie schm iegt e sich an ihn, schob die Hand zwischen zwei Knöpfe seines Hem des und st reichelt e seine Brust

«W ieviel Liebhaber hast du gehabt ?» fragt e er schließlich

«Ach, du bist langweilig.»

Mersault schwieg

«Zehn et wa», sagt e sie

Aus Müdigkeit hat t e Mersault Lust nach einer Zigaret t e

«Kenne ich sie?» fragt e er und zog die P ackung heraus

Er sah nur et was W eißes an St elle von Mart hes Gesicht <W ie bei der Liebe>, dacht e er

«Ein paar davon, ja Hier aus dem Viert el.»

Sie rieb ihren Kopf an seiner Schult er und sprach m it jener Kleinm ädchenst im m e, die Mersault im m er rührt e

«Hörzu, Kleines», sagt e er (Er zündet e seine Zigaret t e an.)

«Du m ußt m ich recht verst ehen Du versprichst m ir, daß du m ir ihre Nam en nennst Und die anderen, die, die ich nicht kenne, ver- sprich m ir, daß du sie m ir zeigst , wenn wir ihnen begegnen.»

Mart he warf sich zurück: «O nein!»

Ein Aut o hupt e rücksicht slos unt er den Fenst ern des Zim -

m ers, noch einm al und dann zweim al, ganz lange Das Klingeln der T ram bahn t önt e im t iefen Dunkel Auf der Marm orplat t e des W ascht ischs t ickt e hart der W ecker Mühsam bracht e Mer- sault noch hervor:

« I c h verlange das von dir, weil ich m ich kenne W enn ich nicht Bescheid weiß, wird es bei jedem Kerl, den ich irgendwo

t reffe, dasselbe sein Ich werde m ich fragen, ich werde m ir Dinge

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vorst ellen, deshalb Ich werde m ir zuviel einbilden Ich weiß nicht , ob du das verst ehst »

Sie verst and es nur zu gut Sie sagt e ihm die Nam en Einen einzigen kannt e Mersault nicht Der let zt e war ein junger Mann, den er kannt e An den nun m ußt e er denken, denn er wußt e, daß

er sehr hübsch war und von den Frauen vergöt t ert wurde W as ihn an der Liebe wundert e, war — beim erst en Mal wenigst ens

— die schreckliche Int im it ät , m it der die Frau sich abfand, die Bereit schaft , den Leib eines Unbekannt en in ihren Leib aufzu- nehm en In diesem Geschehenlassen, dieser Hingabe und die- sem Rausch offenbart e sich ihm die überwält igende und ernied- rigende Macht der Liebe Und diese Int im it ät st ellt e er sich als erst es zwischen Mart he und ihrem Liebhaber vor In diesem Augenblick set zt e sie sich auf den Bet t rand und zog, den linken Fuß auf den recht en Schenkel gest üt zt , e r st den einen Schuh aus, dann den anderen und ließ sie fallen, so daß der eine auf der Seit e lag, der andere auf seinem hohen Absat z st and Mersault

m erkt e, wie sich ihm die Kehle zuschnürt e Im Magen verspürt e

er ein bohrendes Gefühl

«Das also hast du m it René gem acht ?» fragt e er lächelnd

Mart he hob den Blick

«W as du dir da in den Kopf set zt », sagt e sie «Er hat m ich nur einm al gehabt »

«Aha!» sagt e Mersault

«Und außerdem habe ich nicht einm al die Schuhe ausgezo- gen.»

Mersault st and auf Er sah sie, in ihren Kleidern, auf einem ebensolchen Bet t wie diesem hier auf dem Rücken liegen, ganz und gar hingegeben Er schrie: «Halt den Mund!» und ging auf das Fenst er zu

«Oh, Liebling!» sagt e Mart he, die auf dem Bet t saß, die nur noch m it St rüm pfen bekleidet en Füße auf dem Boden

Mersault beruhigt e sich beim Anblick des Licht erspiels der Lam pen auf den Schienen Niem als hat t e er sich Mart he so nahe gefühlt Und da er zugleich begriff, daß er sich ihr ein wenig

m ehr öffnet e, flam m t e der St olz in seinen Augen auf Er ging

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wieder zu ihr und faßt e m it dem gekrüm m t en Zeigefinger und dem Daum en die warm e Haut ihres Halses unt er dem Ohr Er lächelt e

«Und dieser Zagreus, wer ist das? Er ist der einzige, den ich nicht kenne.»

«Der», sagt e Mart he lachend, «den sehe ich noch m anch-

m al.»

Mersault preßt e m it den Fingern die Haut zusam m en

«Das war m ein erst er, weißt du Da war ich noch ganz jung

Er war et was ält er Jet zt sind ihm beide Beine am put iert Er lebt ganz allein Da gehe ich m anchm al zu ihm Er ist sehr anst ändig und gebildet Er t ut nicht s als lesen Dam als war er St udent Er ist sehr lust ig Ein kom ischer Kerl Übrigens drückt er sich aus wie du Auch er sagt zu m ir: <T raum bild, kom m her zu m ir.>» Mersault überlegt e Er ließ Mart he los, die sich rückwärt s auf das Bet t warf und die Augen schloß Gleich darauf set zt e er sich neben sie und sucht e, über ihre halbgeöffnet en Lippen gebeugt , die Zeichen ihrer anim alischen Göt t lichkeit und zugleich das Vergessen für einen Schm erz, den er als unwürdig em pfand Aber dann löst e er sich von ihrem Mund, ohne auf weit erem zu best ehen

Als er Mart he zurückbegleit et e, sprach sie zu ihm von Zagreus «Ich habe ihm von dir erzählt », sagt e sie «Ich habe ihm gesagt , m ein Freund sei sehr schön und sehr st ark Darauf hat er gesagt , er würde dich gern kennenlernen W eil, sagt e er,

es m ir at m en hilft , wenn ich einen schönen Körper sehe.»

«Auch wieder so ein kom pliziert er Kerl», sagt e Mersault

Mart he wollt e ihm Vergnügen bereit en und hielt den Augen- blick für gekom m en, ihm die kleine Eifersucht sszene vorzuspie- len, die sie plant e und ihm gewisserm aßen schuldig zu sein glaubt e

«W eniger als die, m it denen du befreundet bist »

«W en m einst du dam it ?» fragt e Mersault ehrlich erst aunt

«Die Schäfchen, du weißt doch?»

Die Schäfchen, das waren Rose und Claire, St udent innen aus

T unis, die Mersault gekannt hat t e und m it denen er den

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einzi-gen Briefwechsel seines Lebens führt e Er lächelt e und packt e Mart he am Nacken So gingen sie eine ganze W eile dahin Mar-

t he wohnt e nahe beim Exerzierplat z Die St raße war lang, und Licht st rahlt e aus allen Fenst ern im oberen T eil der Häuser, während die unt ere P art ie, laut er geschlossene Läden, schwarz und finst er war

«Sag, Liebling, du liebst sie doch nicht et wa, diese Schäfchen, oder doch?»

«Aber nein», ant wort et e Mersault

Sie schrit t en aus, während Mersault seine Hand auf Mart hes Nacken hielt , über den sich warm ihre Haare breit et en

«Du liebst m ich», sagt e Mart he ohne Übergang

Mersault wurde plöt zlich m unt er und lacht e sehr laut

«Das ist eine sehr ernst e Frage.»

«Ant wort e.»

«In unserem Alt er liebt m an doch nicht , wie du weißt Man gefällt einander, aber das ist auch alles Spät er erst , wenn m an alt und im pot ent ist , kann m an einander lieben In unserem Alt er glaubt m an nur, m an liebt Das ist alles, sonst gibt es da nicht s.»

Sie schien ein wenig t raurig, aber er küßt e sie «Auf W ieder- sehen, Liebling», sagt e sie Mersault kehrt e durch die dunklen

St raßen zurück Er ging schnell und war sich des Spiels seiner Muskeln unt er dem glat t en St off der Hose bewußt , und er dacht e an Zagreus und daran, daß m an ihm die Beine abgenom -

m en hat t e Er verspürt e den W unsch, ihn kennenzulernen, und beschloß Mart he zu bit t en, ihn ihm vorzust ellen

Das erst e Mal, als er Zagreus sah, war er innerlich sehr erregt Gleichwohl hat t e Zagreus sich Mühe gegeben, die P einlichkeit

zu m ildern, die sich für die P hant asie bei der Begegnung zweier Liebhaber ein und derselben Frau in deren Gegenwart einst ellt

Zu diesem Zweck hat t e er versucht , Mersault zum Kom plicen zu

m achen, indem er Mart he ein <braves Mädchen> nannt e und kräft ig dabei lacht e Mersault hat t e sich daran gest oßen Er sprach es Mart he gegenüber, sobald sie wieder allein waren, unum wunden aus

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«Ich mag diese halben Portionen nicht Es ist mir unange- nehm Es hindert mich am Denken Und besonders mag ich keine halben Portionen, die auch noch angeben wollen.»

«Ach du», antwortete Marthe, die nicht begriffen hatte

«Wenn man dich so hört »

In der Folgezeit aber fesselte jenes jungenhafte Lachen, das ihn zunächst aufgebracht hatte, seine Aufmerksamkeit und sein Interesse Auch die schlecht verhohlene Eifersucht, die Mer- sault in seinem Urteil anfangs beeinflußt hatte, war verschwun- den, als er Zagreus sah Marthe, die in aller Unschuld auf die Zeit zurückkam, in der sie mit Zagreus befreundet gewesen war, erteilte er den Rat:

«Verliere nicht deine Zeit Ich kann auf einen Kerl, der keine Beine mehr hat, nicht eifersüchtig sein Wenn ich überhaupt an euch beide denke, sehe ich ihn auf dir kriechen wie einen dicken Wurm Du verstehst, daß mir das einfach widerwärtig ist Gib dir also keine Mühe, mein Engel.»

Und in der nächsten Zeit besuchte er Zagreus allein Zagreus sprach schnell und viel, er lachte, wurde aber dann wieder still Mersault fühlte sich wohl in dem großen Zimmer, in dem Zagreus sich aufhielt — zwischen seinen Büchern und seinen marokkanischen Kupfergeräten, dem Kaminfeuer und den Lichtreflexen auf dem verschlossenen Antlitz des Khmer- Buddha auf dem Arbeitstisch Was ihn bei dem Krüppel über- raschte, war, daß er nachdachte, ehe er sprach Im übrigen genügten die verhaltene Leidenschaft, das glühende Leben, das diesen lächerlichen Rumpf durchflutete, um Mersault zu fesseln und in ihm etwas entstehen zu lassen, das er bei ein wenig mehr Geneigtheit für Freundschaft hätte halten können

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IV

An diesem Sonnt agnachm it t ag war Roland Zagreus, nachdem

er viel geredet und allerlei Spaß gem acht hat t e, am Kam infeuer

in seinem großen Rollst uhl, wo er aus seiner weißen Decke her- ausragt e, in Schweigen verfallen An das Bücherregal gelehnt , bet racht et e Mersault den Him m el und die Landschaft hint er den weißseidenen Fenst ervorhängen Er war bei einem leicht en feinen Regen hergekom m en und aus Furcht , zu früh daran zu sein, eine St unde lang in der Gegend um hergeirrt Das W et t er war unfreundlich, und ohne den W ind zu hören, sah Mersault doch, wie die Bäum e und das Laub in dem kleinen T al sich laut - los hin und her wendet en Von der St raße her hört e m an einen Milchwagen m it viel Geklapper von Holz und Blech vorüber- fahren Fast gleich darauf wurde der Regen heft iger und klat sch-

t e gegen die Fenst er Bei diesem Regen, der wie dickflüssiges Öl

an den Scheiben ent langrann, dem hohlen fernen Geräusch der

P ferdehufe, das m an j e t z t deut licher hört e als das W agenge- rum pel, nahm alles, das dum pfe, beharrliche Regenrauschen, dieser Mann, der wie ein großer Krug neben dem Feuer hockt e, und die St ille im Zim m er, die Züge von et was Vergangenem an, das Mersault s Herz m it dum pfer Schwerm ut durchdrang wie kurz zuvor das W asser seine feucht en Schuhe und die Kält e seine durch den dünnen St off zu wenig geschüt zt en Knie Ein paar Augenblicke zuvor hat t e die verdunst ende Feucht igkeit , die von oben herabsank und weder Nebel noch Regen war, sein Gesicht genet zt wie eine leicht darübergleit ende Hand und seine

t ief verschat t et en Augen freigespült Jet zt st arrt e er in den Him -

m el, aus dessen T iefen unaufhörlich schwarze W olken quollen, die sich gleich wieder auflöst en und anderen, neuen wichen Die Falt e seiner Hose war verschwunden und m it ihr die W ärm e und das Selbst vert rauen, die ein norm aler Mensch in einer W elt , die

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für ihn gem acht ist , m it sich herum zut ragen pflegt Deshalb t rat

er ans Feuer und nähert e sich Zagreus und set zt e sich ihm gegenüber, ein wenig im Schat t en des hohen Kam ins und noch

im m er den Him m el vor sich Zagreus sah ihn an, wandt e dann die Augen ab und warf ein P apierknäuel, das er in der linken Hand hielt , ins Feuer Bei dieser an sich lächerlichen Bewegung

em pfand Mersault das Unbehagen, das ihn st et s beim Anblick dieses nur noch halb lebendigen Körpers befiel Zagreus lächel-

t e, sagt e aber nicht s Und plöt zlich beugt e er sein Gesicht zu ihm vor Die Flam m en warfen ihren Schein nur auf seine linke W an-

ge, aber et was in seiner St im m e und in seinem Blick erwärm t e sich

«Sie sehen m üde aus», sagt e er

Aus einer gewissen Scham haft igkeit heraus ant wort et e Mer- sault nur: «Ja, ich langweile m ich », erhob sich nach einiger Zeit , ging auf das Fenst er zu und set zt e, während er hinaussah, hin- zu: « I c h habe Lust zu heirat en, m ir das Leben zu nehm en oder

<L’I l l u st ra t i o n > zu abonnieren Irgendeine verzweifelt e Gest e,

was weiß ich!»

Der andere lächelt e: «Sie sind arm , Mersault Das erklärt Ihre Unlust schon halb Die andere Hälft e verdanken Sie Ihrem

t öricht en Akzept ieren der Arm ut »

Mersault kehrt e ihm noch im m er den Rücken zu und bet rach-

t et e die windbewegt en Bäum e Zagreus glät t et e m it der Hand die Decke, die auf seinen Beinst üm pfen lag

«Sie wissen ja Ein Mann schät zt sich selbst im m er nach dem Gleichgewicht ein, das er zwischen seinen körperlichen Bedürf- nissen und den Anforderungen seines Geist es herzust ellen weiß Sie selber sind gerade dabei, sich einzuschät zen, und zwar

m it m iserablem Ergebnis, Mersault Sie leben verkehrt Sie leben wie ein Barbar.» Er wendet e P at rice das Gesicht zu: «Sie fahren gern selber ein Aut o, nicht wahr?»

«Ja.»

«Sie lieben die Frauen?»

«W enn sie schön sind.»

«Das m eint e ich nat ürlich.» Zagreus blickt e wieder ins Feuer

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«Alles das » setzte er gleich darauf noch einmal an

Mersault wendete sich um und wartete, an die Fensterschei- ben gelehnt, die in seinem Rücken ein wenig nachgaben, auf das Ende des Satzes Zagreus aber blieb stumm Eine verfrühte Fliege summte an der Scheibe Mersault drehte sich wieder um, bedeckte sie mit seiner Hand und ließ sie wieder frei Zagreus sah ihm zu und fuhr dann zögernd f o r t :

« I ch rede nicht gern ernsthaft Weil es dann überhaupt nur eine Sache gibt, von der man reden könnte: die Rechtfertigung, die man für sein Leben anzuführen hat Ich selber wüßte nicht, wie ich in meinen Augen meine verstümmelten Beine noch rechtfertigen könnte.»

«Ich auch nicht», sagte Mersault, ohne sich umzudrehen Zagreus ließ plötzlich ein munteres Lachen hören «Danke Sie lassen mir keine Illusion.» Dann schlug er einen anderen T on an: «Aber Sie sind mit Recht so hart Dennoch ist da etwas, was ich Ihnen sagen wollte.» Mit ernster Miene schwieg er Mersault kam und nahm ihm gegenüber Platz

«Hören Sie zu» , begann Zagreus aufs neue, «und sehen Sie mich an Man hilft mir bei der Verrichtung meiner Bedürfnisse Und danach wäscht man mich und trocknet mich ab Schlimmer noch, ich bezahle jemanden dafür Und doch, ich werde nie etwas tun, um ein Leben abzukürzen, an das ich so sehr glaube Ich würde noch Schlimmeres auf mich nehmen, blind zu sein, stumm, alles, was Sie wollen, wofern ich nur in meinem Leib diese düstere glühende Flamme fühle, die mein Ich ist, mein lebendiges Ich Ich würde einzig daran denken, dem Leben daf ür

zu danken, daß es mir erlaubt hat, noch weiter in dieser Weise

zu brennen.» Etwas außer Atem lehnte Zagreus sich jäh zurück Man sah jetzt weniger von ihm, nur den bleichen Widerschein seiner Decken auf seinem Kinn Dann sagte er: «Sie aber, Mer- sault, mit Ihrem Körper— Sie haben einzig die Pflicht, zu leben und glücklich zu sein.»

«Daß ich nicht lache», sagte Mersault «Bei acht Stunden täglich im Büro Ja! Wäre ich frei!»

Er hatte sich beim Sprechen belebt, und wie schon öfter fühlte

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er sich, heut e sogar st ärker als sonst , von Hoffnung erfüllt , er

m eint e, Hilfe zu verspüren Das Vert rauen durchdrang ihn, endlich einm al Vert rauen schenken zu können Er beruhigt e sich et was, zerdrückt e langsam eine Zigaret t e und fuhr gelasse- ner fort : «Vor ein paar Jahren noch hat t e ich alles vor m ir, m an sprach von m einem Leben, m einer Zukunft zu m ir Ich sagt e ja Ich t at sogar, was dafür get an werden m ußt e Doch schon dam als war das alles m ir frem d Das Unpersönliche zu suchen

- das beschäft igt e m ich Nicht <gegen die Um st ände> glücklich

zu sein Ich drücke m ich schlecht aus, Zagreus, aber Sie verst e- hen schon.»

«Ja», sagte der andere

«Noch jet zt , wenn ich Zeit dazu hät t e Ich braucht e m ich nur t reiben zu lassen Alles, was m ir darüber hinaus widerführe, nun, es wäre wie Regen auf einen Kieselst ein Der kühlt ihn ab, und das ist schon sehr schön Ein anderm al durchglüht ihn die Sonne Es ist mir immer so vorgekommen, als sei das gerade das Glück.»

Zagreus hat t e die Hände übereinandergelegt W ährend des nun folgenden Schweigens schien der Regen doppelt so heft ig

zu prasseln, und die W olken ballt en sich zu einem einzigen dicht en Nebel Das Zim m er verdunkelt e sich et was m ehr, als ob der Himmel seine ganze Ladung an Finsternis und Schweigen in den Raum ergösse Mit st eigendem Int eresse sagt e der Krüp- pel:

«Ein Körper hat immer das Ideal vor sich, das er verdient Um dieses Kieselst einideal aufrecht zuerhalt en, m uß m an, wenn ich

so sagen darf, über den Leib eines Halbgot t s verfügen.»

«Das st im m t », ant wort et e Mersault et was überrascht «Aber wir wollen doch nicht übert reiben Ich habe viel Sport get rieben, das ist alles Und ich bin im st ande, im Genuß ziem lich weit zu gelangen.»

Zagreus dacht e nach

«Ja», sagte er «Um so besser für Sie Die Grenzen seines Kör- pers zu kennen, ist die wahre P sychologie Im übrigen hat das weit er keine Bedeut ung W ir haben keine Zeit , wir selber zu

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sein Wir haben einzig Zeit, glücklich zu sein Aber würde es Ihnen etwas ausmachen, mir Ihre Idee vom Unpersönlichen zu erklären?»

«Nein», sagte Mersault, schwieg aber weiterhin

Zagreus trank einen Schluck von seinem T ee und stellte die volle T asse wieder zurück Er trank sehr wenig, um nur einmal

am T ag Wasser lassen zu müssen Durch Willenskraft gelang es ihm fast immer, das Maß an Demütigungen, das jeder T ag ihm brachte, möglichst niedrig zu halten «Es gibt keine kleinen Ersparnisse Dies ist ein Rekord wie jeder andere», hatte er ein- mal zu Mersault gesagt Ein paar Wassertropfen fielen jetzt zum ersten Mal in den Kamin Das Feuer knisterte Der Regen schlug mit verstärkter Kraft an die Fensterscheiben Irgendwo klappte eine T ür Gegenüber auf der Straße huschten Autos vorbei wie glatte, glänzende Ratten Eines von ihnen hupte lange, und der hohle, klagend das T al durchhallende T on erweiterte noch die feuchten Räume der Welt, bis selbst die Erinnerung daran für Mersault zu einer Komponente des Schweigens und der T rostlo- sigkeit dieses Himmels wurde

«Ich bitte Sie um Entschuldigung, Zagreus, aber ich habe von gewissen Dingen lange nicht mehr gesprochen Und dann weiß ich nicht mehr, oder doch nicht so recht Wenn ich mein Leben und seine geheime Farbe betrachte, verspüre ich in mir etwas wie ein Aufquellen von T ränen Wie der Himmel dort draußen

Er ist zugleich Regen und Sonnenschein, Mittag und Mitter- nacht Ach, Zagreus! Ich denke an die Lippen, die ich geküßt habe, an das arme Kind, das ich gewesen bin, an den Wahn von Leben und Ehrgeiz, der mich in manchen Augenblicken mit- reißt Ich bin das alles zugleich Ich bin sicher, daß es Momente gibt, in denen Sie mich nicht wiedererkennen würden Extrem

im Unglück, maßlos im Glück, ich weiß nicht, wie ich es aus- drücken soll.»

«Sie treten zugleich in verschiedenen Rollen auf ?»

«Ja, aber nicht als Amateur», wandte Mersault lebhaft ein

«Jedesmal, wenn ich an diesen Ablauf von Schmerz und Freude

in mir denke, weiß ich recht gut und mit aller Leidenschaft, daß

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die Rolle, die ich gerade spiele, die ernsteste, die aufregendste von allen ist.»

Zagreus lächelte

«Sie haben also etwas zu tun?»

Heftig stieß Mersault hervor: «Ich muß mir mein Leben ver- dienen Meine Arbeit, diese acht Stunden, die andere ertragen, hindern mich daran.»

Er schwieg und zündete die Zigarette an, die er so lange schon

in der Hand gehalten hatte

«Und dennoch», fuhr er fort, bevor er sein Streichholz lösch-

te, «wenn ich genügend Kraft und Geduld hätte » E r blies das Streichholz aus und zerdrückte das verkohlte Ende auf dem Rücken seiner linken Hand « Ich weiß, welchen Grad von Leben ich erreichen würde Ich würde kein Experiment aus mei- nem Dasein machen Ich selber würde das Experiment meines Lebens sein Ja, ich weiß, welche Leidenschaft mich mit all ihrer Kraft erfüllen würde Vorher war ich zu jung Ich stellte mich selbst in den Mittelpunkt Heute», sagte er, «habe ich begriffen, daß Handeln und Lieben und Leiden tatsächlich Leben ist, aber Leben nur, soweit man sein Schicksal in sich ein- läßt und es hinnimmt als den einzigen Widerschein eines Regenbogens aus Freuden und Leidenschaften, der für alle der gleiche ist.»

« Ja» , sagte Zagreus, «aber wenn Sie arbeiten, können Sie so nicht leben »

«Nein, weil ich mich in einem Zustand der Revolte befinde, und das ist schlecht.»

Zagreus schwieg Der Regen hatte aufgehört, aber am Him- mel war Nacht an die Stelle der Wolken getreten und hatte das Zimmer fast völlig in Dunkel gehüllt Allein das Kaminfeuer erhellte die schimmernden Gesichter des Krüppels und Mer- saults Zagreus, der lange geschwiegen hatte, sah Patrice an und sagte nur: «Viele Schmerzen warten auf die, die Sie lie- ben » und hielt verwundert inne, als Mersault jäh aufsprang, wobei sein Kopf ins Dunkel geriet, und heftig hervorstieß: «Die Liebe, die man an mich wendet, verpflichtet mich zu nichts.»

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«Das st im m t », sagt e Zagreus «Ich st ellt e nur et was fest Eines T ages sind Sie plöt zlich allein, darauf kom m t alles heraus Aber set zen Sie sich und hören Sie m ir zu W as Sie m ir gesagt haben, hat m ich sehr angerührt Eine Sache besonders, weil sie alles best ät igt , was m ich m ein Leben als Mann gelehrt hat Ich

m ag Sie sehr gern, Mersault W egen Ihres Körpers übrigens Durch ihn haben Sie das alles gelernt Heut e, scheint m ir, kann ich ganz offen zu Ihnen sprechen.»

Mersault set zt e sich langsam wieder hin, und sein Gesicht wurde erneut von dem sich im m er m ehr röt enden Licht schein des niederbrennenden Feuers erfaßt Mit einem m al hat t e m an das Gefühl, daß in dem Fenst erviereck hint er den Seidenvor- hängen die Nacht sich öffnet e Irgend et was ent spannt e sich hint er den Scheiben Ein m ilchiger Schim m er drang in den Raum , und Mersault erkannt e auf den ironischen st um m en Lip- pen des Bodhisat t wa und auf den ziseliert en Kupfergefäßen das vert raut e flücht ige Ant lit z der St ernen- und Mondnächt e, die er

so sehr liebt e Es war, als habe die Nacht die W olken, die auf ihr lagert en, abgest reift und st rahle jet zt in ihrem ruhigen Glanz Die Aut os auf der St raße glit t en weniger schnell vorbei Unt en

im T al m acht en nach einem kurzen Aufschwirren die Vögel sich bereit für den Schlaf Man hört e Schrit t e vor dem Haus, und in der Dunkelheit , die wie Milch über die W elt hinflut et e, klangen alle Geräusche weit er und heller Aus dem sich röt enden Feuer, dem zuckenden Erwachen des Raum es und dem geheim en Leben der vert raut en Gegenst ände, die ihn um gaben, spann sich eine leicht e P oesie, die in Mersault die Bereit schaft schuf, anderen Sinnes, m it Vert rauen und Liebe aufzunehm en, was Zagreus ihm sagen würde Er lehnt e sich et was auf seinem Ses- sel zurück, und m it dem Blick auf den Him m el hört e er Zagreus' sonderbare Geschicht e an

« I c h bin sicher», begann dieser, «daß m an ohne Geld nicht glücklich sein kann Dam it ist alles gesagt Ich kann es weder leiden, daß m an die Dinge leicht , noch daß m an sie rom ant isch nim m t Ich will Klarheit haben Nun, ich habe fest gest ellt , daß gewisse Ausnahm ewesen eine Art von geist igem Snobism us

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pflegen und sich einbilden, Geld sei nicht unerläßlich not wen- dig, um glücklich zu sein Das ist dum m , das ist falsch und in gewissem Maß sogar feige Sehen Sie, Mersault , für einen Men- schen von gut er Herkunft ist Glücklichsein niem als kom pliziert

Es genügt , wenn er das Schicksal aller übrigen auf sich nim m t , nicht m it dem W illen zum Verzicht , wie so viele falsche große Männer, sondern m it dem W illen zum Glück Nur braucht es,

um glücklich zu sein, Zeit Sehr viel Zeit Auch Glücklichsein erfordert viel Geduld Und in fast allen Fällen bringen wir unser Leben dam it hin, Geld zu verdienen, während m an Geld haben

m üßt e, um Zeit für sich zu gewinnen Das ist das einzige P ro- blem , das m ich je int eressiert hat Es ist eindeut ig Es ist klar.»

Zagreus hielt inne und schloß die Augen Mersault bet rach-

t et e beharrlich den Him m el Einen Augenblick lang t rat en die Geräusche von der St raße und den Feldern draußen deut lich hervor Dann fuhr Zagreus ohne Eile fort :

«Oh! Ich weiß nat ürlich, daß die m eist en Reichen keinen Sinn haben für das Glück Doch darum geht es nicht Geld haben bedeut et über Zeit verfügen Ich gehe aber nicht davon aus Man kann sich die Zeit kaufen Man kann alles kaufen Reich sein oder werden, bedeut et Zeit haben, um glücklich zu sein, wenn m an würdig ist , es zu sein.»

Er sah P at rice an:

«Mit fünfundzwanzig Jahren, Mersault , hat t e ich schon begriffen, daß jede Kreat ur, die Sinn für das Glück, den W illen zum Glück und das Verlangen danach hat , auch das Recht besit zt , reich zu sein Das Verlangen nach Glück kam m ir wie das Edelst e im m enschlichen Herzen vor In m einen Augen recht fert igt e es alles Ein reines Herz genügt e da f ür »

Zagreus, der Mersault im m er noch ansah, sprach auf einm al sehr langsam , m it einer kalt en, hart en St im m e, als wolle er Mer- sault aus seinem scheinbaren Zust and der Geist esabwesenheit reißen «Mit fünfundzwanzig Jahren habe ich angefangen, m ir

m ein Verm ögen zu schaffen Ich bin nicht vor Bet rug zurückge- schreckt Ich wäre vor nicht s zurückgeschreckt Innerhalb von

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ein paar Jahren hat t e ich m eine gesam t e flüssige Habe beisam -

m en St ellen Sie sich vor, Mersault , beinahe zwei Millionen Die

W elt t at sich m ir auf Und m it der W elt das Leben, von dem ich

in der Einsam keit und in glühenden P hant asien t räum t e » Nach einer P ause fuhr Zagreus m it gedäm pft erer St im m e fort :

«Das Leben, das ich gehabt hät t e, Mersault , wenn m ir nicht fast gleich darauf der Unfall m eine Beine genom m en hät t e Ich habe nicht Schluß zu m achen gewußt Und da bin ich nun Sie ver-

st ehen gut , nicht wahr, daß ich ein derart eingeschränkt es Leben nicht habe fort führen wollen Seit zwanzig Jahren habe ich m ein Geld hier bei m ir Ich habe bescheiden gelebt Ich habe die Sum m e kaum angegriffen.» Er st rich sich m it seinen hart en Händen über die Lider und fuhr m it leiserer St im m e fort : «Man darf das Leben nie m it den Küssen eines Krüppels beschm ut - zen.»

Im gleichen Augenblick hat t e Zagreus die kleine T ruhe geöff- net , die dicht neben dem Kam in st and, und auf eine schwere Kasset t e aus dunklem St ahl gedeut et , in der der Schlüssel st eck-

t e Auf der Kasset t e lag ein weißer Briefum schlag und darauf ein großer schwarzer Revolver Auf Mersault s unwillkürlich neu- gierigen Blick ant wort et e Zagreus nur m it einem Lächeln Die Sache war sehr einfach An T agen, an denen er allzu st ark die

T ragödie em pfand, durch die ihm sein Leben geraubt worden war, legt e er diesen Brief, den er nicht dat iert hat t e und der einen

T eil seines Verlangens zu st erben darst ellt e, unm it t elbar vor sich hin Dann legt e er die W affe auf den T isch, schob sie dicht er heran und preßt e seine St irn dagegen, bewegt e seine Schläfen daran und kühlt e an dem kalt en Eisen das Fieber seiner W an- gen Lange verharrt e er so, ließ die Finger über den Abzug glei-

t en, bet ast et e den Verschluß, bis alles um ihn her in Ruhe ver- sank und er sich, schon schläfrig geworden, m it seinem ganzen Sein an das Gefühl des kalt en, salzig schm eckenden Eisens ver- lor, aus dem jederzeit der T od hervorgehen konnt e W enn er in dieser W eise spürt e, daß es genügen würde, den Brief zu dat ie- ren und zu schießen, und sich der absurden Leicht igkeit des Selbst m ordes bewußt wurde, war seine P hant asie genügend

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angeregt , um ihm das ganze Grauen vor Augen zu st ellen, das die Negat ion des Lebens für ihn bedeut et e, so daß er all sein Ver- langen, noch weit er in W ürde und Schweigen die Lebensflam m e

zu bewahren, in seinen Halbschlaf m it hinübernahm W enn er dann m it einem von schon bit t erem Speichel angefüllt en Mund erwacht e, leckt e er an dem Lauf der W affe, führt e seine Zunge

in die Mündung ein und st öhnt e schließlich in einem unm ögli- chen Glücksgefühl

«Gewiß, ich habe m ein Leben verfehlt Aber dam als hat t e ich recht : Alles für das Glück, alles gegen die W elt , die uns m it ihrer Dum m heit und ihrer Gewalt t ät igkeit um gibt Sehen Sie, Mer-

sa ul t » , set zt e Zagreus schließlich lachend hinzu, «die ganze Jäm m erlichkeit und Grausam keit unserer Zivilisat ion drückt sich in der blödsinnigen Behaupt ung aus, glückliche Völker hät t en keine Geschicht e.»

Es war inzwischen sehr spät geworden Mersault hat t e dafür kein klares Gefühl m ehr Ihm schwirrt e der Kopf von fiebriger Erregung In seinem Mund spürt e er die Hit ze und Schärfe der Zigaret t en, die er geraucht hat t e Das Licht um ihn her wirkt e

m it dabei Zum erst en Mal seit Beginn der Erzählung blickt e er Jet zt zu Zagreus hinüber «Ich glaube, ich verst ehe», sagt e er Erm üdet von der langen Anst rengung at m et e der Krüppel

j e t z t schwer Nach einer P ause bracht e er indessen noch m it Mühe hervor:

«Ich würde m einer Sache gern sicher sein Lassen Sie m ich nicht sagen, Geld bedeut e Glück Ich m eine nur, daß für eine gewisse Klasse von Menschen das Glück m öglich ist (wofern sie über Zeit verfügen) und daß m an dadurch, daß m an Geld hat , sich vom Geld befreit »

Er war auf seinem St uhl und unt er seinen Decken zusam m en- gesunken Das Dunkel hat t e sich wieder verdicht et , und Mer- sault sah jet zt von Roland fast nicht s m ehr Ein langes Schwei- gen folgt e, und P at rice, der den Kont akt wieder aufnehm en, sich

in der Dunkelheit der Gegenwart des anderen versichern wollt e, sagt e im Aufst ehen gleichsam t ast end:

«Ein schönes W agnis auf alle Fälle.»

Ngày đăng: 18/04/2014, 15:17

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