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Syntaktische abweichungen in der gesprochenen sprache (deutsch als fremdsprache) didaktisch methodische uberlegungen zum training der sprechfertigkeit

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Erstaunlicherweise findet die Problematik der syntaktischen Abweichungen der gesprochenen Sprache, die sehr häufig in den alltäglichen natürlichen Gesprächen vorkommen, über die auch sch

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Institut für Auslandsgermanistik/ Deutsch als Fremd- und Zweitsprache

Syntaktische “Abweichungen” in der gesprochenen Sprache (Deutsch als Fremdsprache) Didaktisch-methodische

Überlegungen zum Training der Sprechfertigkeit

Wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades

Master Deutsch als Fremdsprache / Master of Arts in German as a Foreign Language

vorgelegt von LE XUAN GIAO

geboren am 24.10.1980 in Hue-Vietnam

Erstgutachterin : Dr Silke Demme

Zweitgutachterin : Dr Ruth Eßer

Jena, den 10.09.2007

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 03

2 Gesprochene Sprache und deren Abweichungen 06

2.1 Von der gesprochenen Sprache und der Gesprochenen-Sprache-Forschung 06

2.2 bis zu den daraus resultierenden linguistischen Besonderheiten 08

3 Ausgewählte syntaktische Abweichungen im Deutschen 12

3.1 Referenz-Aussage-Strukturen 12

3.2 Operator-Skopus-Strukturen 14

3.3 Ursprüngliche Subjunktionen mit Verbzweitstellung 16

3.4 Expansionen 20

4 Die Auseinandersetzung mit den syntaktischen Abweichungen gesprochener Sprache im DaF-Bereich 23

4.1 Eine Betrachtung anhand der verschiedenen FSU-Methoden im Laufe ihrer Entwicklung 23

4.2 Eine Betrachtung anhand der modernen DaF-Lehrwerke 24

5 Überblick über mündliche Sprachproduktion 27

5.1 Modelle der mündlichen Sprachproduktion 27

5.1.1 Levelts Modell (1989, 1993) 27

5.1.2 Die Mannheimer Regulationstheorie der Sprachproduktion (1994) 31

5.2 Zentrale, kognitive Konstituenten und kognitive Ressourcen bei der Sprachproduktion 35

5.2.1 Aufmerksamkeit, Monitoring und Automatisierung 35

5.2.2 Kognitive Ressourcen bei der Sprachproduktion 37

6 Syntaktische Besonderheiten im gesprochenen Deutsch – Möglichkeiten zur Entlastung des Arbeitsgedächtnisses beim Sprechen 41

6.1 Die Verbzweitstellung und deren kognitiv-prozessorientierten Vorteile 41

6.2 Der Nutzen von Sprechpause als prosodischem Bruch 43

6.3 Syntaktische Abweichungen und der Monitoringprozess 44

6.4 Operatoren und die Vielfalt des nachfolgenden Skopus 45 6.5 Referenz-Aussage-Strukturen – Möglichkeiten zum Abbau

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von Schwierigkeiten bei der Deklination 46

6.6 Expansionen – Strategien zur Vermeidung unnötiger und kommunikationsstörender Reparaturen beim Sprechen 48

7 Explizite Beschäftigung mit dem Thema der syntaktischen Abweichungen gesprochener Sprache im DaF-Unterricht – ja oder nein? 51

7.1 Syntaktische Abweichungen – Mittel zum Sprechen eines „gesprochenen“ Deutsch 51

7.2 Der Erwerb von mündlichen syntaktischen Abweichungen bei L2-Lernenden – erfolgt dies im Laufe des L2-Lernens zwangsläufig? 52

7.3 Syntaktische Abweichungen und deren zunehmende Verbreitung in unterschiedlichen mündlichen kommunikativen Praktiken 54

7.4 Syntaktische Abweichungen – Auslöser eines Umdenkens bei den vietnamesischen Fremdsprachenlernenden hinsichtlich der Rolle der „geschriebenen Grammatik“ beim Sprechen 55

8 Erste didaktisch-methodische Überlegungen bezüglich der Beschäftigung mit syntaktischen gesprochenen Varianten im DaF-Unterricht 58

9 Zusammenfassung und Ausblick 64

Literaturverzeichnis 66

Anhang 69

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Erstaunlicherweise findet die Problematik der syntaktischen Abweichungen der gesprochenen Sprache, die sehr häufig in den alltäglichen natürlichen Gesprächen vorkommen, über die auch schon viele bedeutende Erkenntnisse gewonnen worden sind und die daher eine erhebliche Rolle für die mündliche Kommunikation spielen, keinen Eingang in fast jeden FSU bzw in kaum ein Lehrwerk Es ist augenscheinlich, dass nur wenige Deutschlernende sich der syntaktischen Unterschiede zwischen geschriebenem und gesprochenem Deutsch bewusst sind, obwohl sie teilweise sogar seit einigen Jahren im deutschsprachigen Raum leben und so täglich Deutsch hören sowie sprechen3 Damit geht einher, dass sie diese Unterschiede auch nicht zur eigenen Sprachproduktion nutzen können Jene Umstände implizieren eine notwendige, tentativ das Sprechen fördernde Sensibilisierung für die gesprochene Sprache bzw deren syntaktische Varianten im FSU, wie Maria (2005) schön

1 Im Rahmen dieser Masterarbeit soll die Debatte über die Problematik des Konzepts

„gesprochene Sprache“ nicht näher erläutert werden (dazu siehe Fiehler, 2000) Mit dem Begriff „gesprochene Sprache“ beziehe ich mich auf kein eigenständiges bzw von dem Gegenpart ,„geschriebener Sprache“, unabhängiges Sprachsystem, sondern der Begriff impliziert in der Arbeit die wirkliche und natürliche „Sprachverwendung“ (Schwitalla, 1997, 15) in den spontanen, alltäglichen Gesprächssituationen

2 Siehe Duden-Die Grammatik (2005, 1175 ff); Schwitalla (1997)

3 Zu den Gründen: Duden-Die Grammatik, 2005, 1176

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postuliert hat: „Auch Lernende sollen natürlich die typischen Erscheinungen der

gesprochenen Sprache kennen – das ist angesichts des immer noch gültigen Globalziels der „Kommunikativen Kompetenz“ bzw der „sprachlichen Handlungsfähigkeit“ nur plausibel [ ]“

Vor diesem Hintergrund wird eine Auseinandersetzung mit den syntaktischen Abweichungen im FSU vorgenommen, und zwar im Hinblick auf die Fragestellungen,

• welche im Zusammenhang mit dem Lehr- und Lernkontext der deutschen Sprache stehenden Schlussfolgerungen aus den Erkenntnissen über die syntaktischen Abweichungen gezogen werden können;

• ob und inwiefern die Besonderheiten der syntaktischen Abweichungen die Prozesse der Sprachwahrnehmung und -produktion beim Lernenden beeinflussen;

• ob sie folglich auch im Unterricht thematisiert werden sollen; und ggfs welche Abweichungen inwiefern behandelt werden sollen (nur auf der rezeptiven oder auch auf der produktiven Ebene);

• welche Gründe für die Lehr-/Lerninhalte mit syntaktischen Abweichungen im FSU sprechen, welche dagegen, usw

Diese Auseinandersetzung mit den syntaktischen Besonderheiten im gesprochenen Deutsch nimmt Bezug auf das Deutschlernen und -lehren in Vietnam, wobei die fremdsprachige Lerntradition der Vietnamesen und die Charakteristika der vietnamesischen Sprache, die eine beeinträchtigende Rolle bei der Sprachproduktion

im Deutschen spielen, auch berücksichtigt werden Es dient der Verdeutlichung sowie Unterstützung der Annahme, dass bestimmte syntaktische Abweichungen für die (vietnamesischen) Deutschlernenden von Vorteil sind, indem die Lernenden bei der Erzeugung dieser Strukturen weniger Schwierigkeiten haben In jenem Zusammenhang zielt diese Arbeit darauf, einen Einblick in die Thematik der syntaktischen Abweichungen zu verschaffen, wobei die gestellten Fragen in die Überlegungen miteinbezogen werden Davon ausgehend wird im Anschluss der Versuch unternommen, erste Implikationen über die Behandlung der syntaktischen Abweichungen beim Lehren und Lernen von DaF zur Förderung der Sprechfertigkeit bei den (vietnamesischen) Deutschlernenden abzuleiten

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Im Folgenden beginnt die Arbeit mit dem Konzept der gesprochenen Sprache und deren Abweichungen Dem schließt sich die Beschreibung der ausgewählten syntaktischen Abweichungen an Im darauf folgenden Teil wird ein kritischer Überblick über die Beschäftigung mit diesem Schwerpunkt hinsichtlich der verschiedenen Fremdsprachenunterrichtsmethoden bzw über jene in den modernen DaF-Lehrwerken vermittelt Das fünfte Kapitel befasst sich mit einem Zusammenfassung von den kognitiven, psycho-linguistischen Prozessen und Ressourcen der fremdsprachlichen Sprachproduktion Im sechsten Kapitel werden die Gründe, die dafür sprechen, dass die Merkmale der syntaktischen Varianten im

gesprochenen Deutsch die Fertigkeit Sprechen prozessbezogen positiv beeinflussen

können, näher erläutert Auf dieser Basis werden weiterhin Argumente für eine intensive(re) Beschäftigung mit den (ausgewählten)4 syntaktischen Abweichungen wie auch mit der gesprochenen Sprache im Allgemeinen beim Lehren/Lernen von DaF erbracht Der letzte Teil beinhaltet die praxisorientierten didaktisch-methodischen Überlegungen bezüglich der Behandlung sowie des Umgangs mit dieser Thematik im FSU, vor allem in Bezug auf die mündliche Produktion Die Arbeit schließt mit möglichen Forschungsrichtungen, die potentiell viel zum Training der Sprechfertigkeit beitragen können

4 Die Faktoren, die bei der Auswahl der zu behandelnden Abweichungen eine Rolle spielen, sind unter anderem die Lehr-/Lernbarkeit bzw die Wichtigkeit der Abweichungen für das Erlernen der deutschen Sprache und das Niveau der Lerngruppe

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2 Gesprochene Sprache und deren Abweichungen

Syntaktische Abweichungen haben ihren Entstehungsort und ihre Domains vorwiegend in der mündlichen Verständigung, also in der gesprochenen Sprache5, im Sinne der natürlichen, banalen Alltagssprache An dieser Stelle wird zuerst ein kurzer Blick auf das Konzept der gesprochenen Sprache geworfen

2.1 Von der gesprochenen Sprache und der Gesprochenen-Sprache-Forschung

Im Bezug darauf, seit wann und für wie lange eine natürliche Sprache in Verwendung ist, lässt sich leicht erkennen, dass deren gesprochene Form der geschriebenen vorausgeht und daher auch eine längere „Tradition“ hat Dieses beobachtbare sprachliche Phänomen kann dadurch konstatiert werden, dass heutzutage auf der ganzen Welt immer noch sehr viele Sprachen von Minderheiten bestehen, welche lediglich mündliche Erscheinungsformen haben und keinen entsprechenden schriftlichen Gegenpart aufweisen6

Im Gegensatz zu dieser Realität gibt es aber bisher noch wenige Forschungen für den Bereich der gesprochenen Sprache, während (fast) alle möglichen Aspekte der geschriebenen Sprache durch zahlreiche und vielfältige Literatur wie auch Studien bereits beschrieben und analysiert worden sind Die wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf die mündlich-sprachlichen Erscheinungsformen wurde erst vor etwa hundert Jahren offiziell markiert, als Behaghel 1899 zum ersten Mal den Begriff

„gesprochenes Deutsch“ in seinem Vortrag vor der Hauptversammlung des deutschen Sprachvereins in Zittau erwähnt hat Erst in den 1930er Jahren, als technische Geräte zum Aufnehmen und zur Wiedergabe akustischer Laute erfunden wurden, wurde es

möglich, gesprochene Alltagsrede gründlich zu untersuchen und die

Gesprochenen-Sprache-Forschung (GSF) zu etablieren, die schrittweise bedeutende Erkenntnisse

gewonnen hat

5 Gelegentlich findet man auch mehrere, immer häufiger in der schriftlichen Sprache auftretende Erscheinungen wie Expansionen, Operatoren-Skopus-Strukturen usw (dazu siehe Kapitel 3.)

6 Dies betrifft vor allem viele Sprachen in Asien und Afrika (wie Suaheli, Kikuyu, eine Minderheitensprache in Kenia, usw.), die früher nicht verschriftlicht wurden Deren schriftliche Formen wurden daher später meist von den Missionaren durch die Übernahme des lateinischen Alphabets und in Anlehnung an die originalen Laute der betroffenen Sprache entwickelt

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Trotz der kurzen Tradition hat die GSF schon große Fortschritte in ihrer Entwicklung gemacht und daher bemerkenswert viel zu der Sprachlehr- und -lernforschung beigetragen Im Zuge der kommunikativen Wende, mit der authentische sprachliche Situationen betont werden, nehmen die ermittelten Erkenntnisse aus der GSF einen stärkeren Einfluss auf die Lehr- und Lernsituation, indem

• verschiedene Partikelformen (doch, mal, ja, halt, denn), Interjektionen (Klasse!, Nein!) wie auch elliptische Sätze (Verstanden, Ich auch, Vielleicht)

häufiger in die Dialoge und Hörtexte Eingang finden;

• Phonetiktraining im FSU verstärkte Bedeutung gewinnt, wobei phonetische

Abweichungen bzw Ellipsen auch behandelt werden (haben=[′ha:bm], auf

dem Dach=[? aоf dεm ′daχ]);

• den Lernenden umfangreiche situationsangemessene und absichtsgerechte Redemittel zur Förderung des Sprechhandelns vermittelt werden;

• Aspekte der Diskursanalyse bzw des Gesprächsbeitrags in den Sprechübungen auch sorgfältig und konsequent miteinbezogen werden; usw.7Die gesprochene Sprache wurde nicht grundlos zu einem Forschungsgegenstand, ebenso entwickelte sich die Gesprochene-Sprache-Forschung zu einer wichtigen wissenschaftlichen linguistischen Forschungsrichtung Was der gesprochenen Sprache solche erhebliche Bedeutung verleiht, sind nämlich deren im Vergleich mit der geschriebenen Sprache spezifischen Merkmale, die sich deutlich in Alltagssituationen unter verschiedenen Aspekten, wie z.B körperlicher Kommunikation, wahrnehmungs- und inferenzgestützter Kommunikation und verbaler mündlicher Kommunikation (also dem Gesprochenen), beobachten lassen8 Im Rahmen dieser Masterarbeit strebe ich keine ausführliche und systematische Beschreibung der Charakteristika mündlicher Verständigung an, sondern ich beziehe mich weiter auf die Besonderheiten, also die Abweichungen, und immerhin auf die syntaktische Spezifik der gesprochenen Sprache, aus der man meines Erachtens viele konsequente didaktisch-methodische Implikationen bezüglich des Lehrens und Lernens von DaF ziehen kann

7 Vgl Günthner (2000, 354 ff)

8 Siehe Duden-Die Grammatik, 2005, 1175 ff

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2.2 bis zu den daraus resultierenden linguistischen Besonderheiten

Wie oben bereits erwähnt, betreffen die Besonderheiten verschiedene Aspekte der gesprochenen Sprache Die folgend dargestellten linguistischen Besonderheiten nehmen Bezug auf die mündliche verbalsprachliche Kommunikation, also auf das Gesagte Dabei sind sie noch zu unterscheiden hinsichtlich der Ebenen ihrer

lautlichen, ihrer morpho-syntaktisschen, ihrer lexikalischen und ihrer grammatischen

Form und Gestaltung:

• Die Besonderheiten der Lautlichkeit verstehen sich als die faktisch lautliche

Gestaltung gesprochener Sprache, die in vieler Hinsicht von der Explizitlautung9 abweicht Typische derartige Erscheinungen sind

beispielsweise der Wegfall von unbetonten Vokalen (habe [ha(:)p], hätte [hεt]), der Wegfall von Konsonanten (nicht [niç], jetzt [jεts]), die Assimilation ( tragen [tra:ŋ]) usw

• Auf der morphologischen Ebene besteht auch eine gewisse Freiheit, die die

Variabilität gesprochener Sprache noch verstärkt:

(1) wie er des früher so schön kenne het

(Infinitiv“kenne“ statt Partizip Perfekt)

ode r

(2) normalerweise sind januar und februar die monate, wo es

ganz schön viel schneit

(Relativadverb „wo“ statt Präposition + Relativpronomen „in denen“)

• Deiktische Ausdrücke und Gesprächspartikeln, die als spezifische, situationsgebundene bzw kontextabhängige Elemente gesprochener Sprache

konzipiert werden, gehören zu den lexikalischen Besonderheiten, z.B ich,

gestern, gerade usw Und so, nun, he, gell usw

• Zusammen mit den phonetischen Abweichungen haben sich die besonderen

syntaktischen Konstruktionen als wichtige Forschungsbereiche in der GSF

etabliert, zum Beispiel die Verberststellung in Aussagesätzen:

(3) hab ich dir doch erzählt,

9 Explizitlautung ergibt sich, wenn die Grapheme der Schriftsprache vollständig lautlich umgesetzt werden (vgl Duden-Die Grammatik, 2005, 1208)

Beispiel (Bsp.) (1), (3): übernommen von Schwitalla, 1997, 29

Bsp (2): genommen aus einem Gespräch mit einem deutschen Freund

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ursprüngliche Subjunktionen mit Verbzweitstellung (siehe dazu Kapitel 3.3) oder abhängige Verbzweitkonstruktionen:

(4) man sagt ja wer nicht alt werden will der soll früh genug sterben

Immerhin beziehen sie sich nicht nur auf die Verbstellung sondern vielmehr auf die Stellung der Wörter/Wortgruppen/syntaktischen Phrasen in mündlichen Äußerungen (wie bei Referenz-Aussage-Strukturen, Operator-Skopus-Strukturen usw.)

• Nicht satzförmige Äußerungen/“Ellipsen“, die immer wieder in den

Alltagsgesprächen zu beobachten sind, bilden die letzte Gruppe mit weiteren

grammatischen Besonderheiten Sie werden als vollständige kommunikative

Handlungen empfunden, entsprechen aber in der Form nicht dem prototypischen schriftsprachlichen Satz mit Referenz und Prädikation, da aufgrund bestimmter Kontextbedingungen ihre bestimmten Elemente lediglich nicht explizit versprachlicht werden:

(5) weg das buch, keine ahnung

Die Umstände und Gründe für solche Variationen können sehr unterschiedlich sein:

• Unter anderem spielt die Sprechgeschwindigkeit eine Rolle, die zu den verschiedenen phonetischen Varianten führt

• Die spezifische Sprachgewohnheit der Sprachteilnehmer bzw der damit zusammenhängende Sprachwandel resultiert in immer weiter akzeptierten Varianten:

(6) dem otto seine operation hat nichts geholfen

• Abweichungen können auch auf ihre pragmatisch-funktionale Seite zurückzuführen sein, indem beispielsweise wegen einer spezifischen Hervorhebung eines bestimmten Elementes eben dieses dann weiter nach hinten ins Nachfeld verschoben oder aus Wunsch einer Thematisierung jenes Element wiederum nach vorne ins Vor-Vorfeld10 gestellt wird

• Aufgrund des kognitiven Prozesses der Sprachproduktion ergeben sich auch Besonderheiten gesprochener Sprache wie Satzabbruch, Neuanfang usw

10 Siehe hierzu im Teil 3.3

Bsp (4): genommen aus der Talkshow „Warum müssen wir Angst vorm Altern haben?“ auf MDR, 03.10.06

Bsp (5), (6): genommen aus Duden-Die Grammatik, 2005, 1224

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• Der Kontext sowie die Kommunikationssituation (z.B der Faktor Ich-jetzt –

hier) liegt vielen lexikalischen Variationen zu Grunde

• Elemente der nonverbalen Kommunikation nehmen dabei auch Einfluss auf das Gesagte

Was die syntaktische Art von Abweichungen betrifft, beinhalten sie eine Vielzahl von sprachlichen Konstruktionen, die entweder ausschließlich oder quantitativ häufiger in der gesprochenen Sprache vorkommen und die von den Syntaxregeln der geschriebenen Standardsprache abweichen, d.h die mehr oder weniger Unterschiede

in der Wortstellung im Vergleich mit den Normen aufweisen11

Eine Übersicht über die Literatur hinsichtlich der Thematik syntaktischer Abweichungen ergibt, dass bereits viel über die strukturellen Formen, die pragmatischen Funktionen, die klassenbezogene Einordnung usw der verschieden Strukturen diskutiert, beschrieben bzw analysiert wird Ganz überwiegend sind aber diese Beiträge sowie Analysen unter Interesse und Perspektiven der germanistischen Linguisten betrachtet und die daraus resultierenden linguistischen Erkenntnisse finden folglich noch keine direkte, praxisorientierte Anwendung auf den FSU, vor allem im Hinblick auf die Entwicklung der Sprechfertigkeit wie auch der Kommunikationsfähigkeit Beschäftigt man sich intensiver mit dem Bereich der syntaktischen Abweichungen, bemerkt man, dass es noch viele sprachliche Phänomene gibt, die zwar häufig in den Alltagskommunikationen vorkommen aber unerforscht bleiben und somit deren Bedeutung in den didaktisch-methodischen Diskussionen über das Lehren und Lernen von DaF noch keine entsprechende Aufmerksamkeit geschenkt wird Ein Beispiel dafür ist die Problematik12 der Position von Reflexivpronomen bei reflexiven Verben innerhalb des Mittelfeldes, wobei sich gelegentlich Aussagen wie folgt hören lassen:

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(7) und gib mal erst den link zu deiner Seite, damit man das genau

sich angucken kann

oder

(8) ich will am leben mich besaufen

ich will im dunkel mich verlaufen 13

Aufgrund des Umfangs der Arbeit werden jene beispielhaften Äußerungen an dieser Stelle nicht weiter analysiert Die Benennung der Problematik mag einer Anregung zur ernsthaften Beschäftigung mit den scheinbar trivialen Phänomenen dienen, aus welchen aber sinnvolle Erkenntnisse über den Prozess der Sprachproduktion bei Fremdsprachenlernenden sowie über deren Umsetzungsmöglichkeiten in den FSU gezogen werden können

Das weitere Kapitel wird einer Darstellung der ausgewählten syntaktischen Abweichungen gesprochener Sprache unter Aspekten ihrer Bestimmung, ihren strukturellen Formen und ihren pragmatischen Funktionen gewidmet

Trang 13

3 Ausgewählte syntaktische Abweichungen im Deutschen

Eine umfangreiche und ausführlich analysierte Beschreibung dieser Konstruktionen unter Berücksichtigung ihrer verschiedenen Komplexität und Vorkommensfrequenz findet man im Duden-Die Grammatik, Band 4, 2005 In Bezug auf die benennenswerten Vorteile der syntaktischen Abweichungen für das Training der Sprechfertigkeit sowie auf die im Zusammenhang mit dem Sprachniveau der Lernenden stehende Lehr- bzw Lernbarkeit dieser Strukturen fokussiert diese Arbeit lediglich folgende syntaktische Besonderheiten:

- Referenz-Aussage-Strukturen bestehen aus zwei Teilen:

• Der Referenz-Teil enthält eine satzartig nichtvollständige Einheit, die auf ein

Objekt in der Aussage referiert;

• Der Aussage-Teil macht eine Aussage über das Referenzobjekt, das sich als

auf den Referenz-Teil zurückverweisender Ausdruck manifestiert

- Sie treten fast ausschließlich in der gesprochenen Sprache auf In den Literaturen findet man andere unterschiedliche Termini als Referenz-Aussage-Strukturen für diese Konstruktionen wie Linksversetzungen, Voranstellungen vor den Satz oder Freies Thema, was gleichsam keine klare Übereinstimmung darüber zwischen den Autoren impliziert Diese anderen Termini haben alle jedoch die gleiche

„Orientierung am schriftsprachlichen Satz, nicht am zeitlichen Prozess der Äußerungsproduktion und an der kommunikativen Produktion der einzelnen Elemente dieser Konstruktion zur Grundlage“ (Duden-Die Grammatik, 2005, 1210) Insofern unterscheidet sich der Terminus „Referenz-Aussage-Strukturen“ von ihnen Eines ist

Bsp (9): genommen aus Duden-Die Grammatik, 2005, 1210

14 Vgl Duden-Die Grammatik, 2005, 1210 ff

Trang 14

aber gleich: der referierende Ausdruck besetzt (fast) auf jeden Fall die

Formale Eigenschaften

- Referenz-Teile dieser Strukturen sind meistens Nominalphrasen Oft lassen sich aber auch Präpositionalphrasen, satzwertige Infinitivgruppen und abhängige Verbletztsätze

in referierender Funktion beobachten:

(10) in der stadt- * da hab ich gestern den ′leo getroffen

- Bei den Nominalphrasen handelt es sich am häufigsten um kurze, einfache Phrasen, gelegentlich auch um attributiv erweiterte Strukturen oder gar komplexere Einheiten:

(11) und und ** a:h den herrn ′hauser↓ a:h ** also * von einer ′partei halt

auch * auch ein ′gleichaltriger ′mann- * der hat selbstmord begangen

- Dem Referenz-Teil folgen nicht nur Aussagen, wie es meistens der Fall ist Möglich sind aber auch Fragen sowie Aufforderungen:

(12) die amelie- * wann war die zuletzt hier↑

- Kennzeichen dieser Konstruktionen ist die Existenz der Proformen in den Aussagen,

also die rückverweisenden Ausdrücke, die sich auf den vorangehenden

Referenz-Teil beziehen

- Bei komplizierten Referenzteilen (siehe oben) signalisiert der rückweisende druck dem Hörer das Ende der Referenzhandlung wie auch den Anfang der nachfolgenden Aussage

Aus Je nach Erscheinungsformen der ReferenzAus Teile, z.B als NominalAus phrasen (überwiegend) oder als Präpositionalphrasen bzw Infinitivgruppen (gelegentlich),

können diese Proformen Demonstrativa oder die allgemeine Proform da sein

- Meistens besteht auch eine Formidentität, also eine Kongruenz, zwischen Proformen und Referenz-Teilen, was aber kein Muss ist:

(13) den ausweis den brauch ich ′auch noch↓

- Zwischen dem Referenzausdruck und der Aussage kann eine prosodische Intonationsphase vorliegen, oder sie bilden jeweils eine eigenständige Intonationsphase Für gewöhnlich besteht auch eine Pause zwischen ihnen

15 Siehe dazu im Teil 3.3

Bsp (10), (11), (12), (13), (14): genommen aus Duden-Die Grammatik, 2005, 1210 f

Trang 15

- Nach dem Referenz-Teil sind Einschübe, wie Interjektionen oder Bewertungen, auch vorgesehen, die dem Gesprächspartner Rückmeldesignale übermitteln Dabei erfolgt meistens prosodische Desintegration:

(14) der deutsche fußball- * na ja * viel ist damit nicht los↓

Funktionen

- Referenz-Aussage-Strukturen kommen dann vor, wenn der Sprecher in einem Gespräch etwas (Neues) thematisieren oder den Hörer auf etwas (Anderes) aufmerksam machen möchte, indem er den zu thematisierenden Inhalt in der Referenz vor der Aussage formuliert

- Neben dieser kommunikativen Orientierungsfunktion können Strukturen auch formulierungsfördernde Funktion leisten, wenn die Referenz komplex und vielschichtig ist und dadurch Schwierigkeiten bei der Äußerungsproduktion bereitet:

Referenz-Aussage-(15) aber der der doktor ′wolf oder wie der ′heisst der ′alte↓ * das muss ′auch

a ganza ′prima ′kerl sein

• Der Operator ist ein kurzer sprachlicher Ausdruck mit der Funktion, dem

Hörer eine Verstehensanleitung oder -anweisung zu geben, wie der Äußerungsteil in seinen Skopus aufzunehmen ist;

• Der Skopus stellt eine vollständige, potenziell selbstständige Äußerung dar

- Operator-Skopus-Konstruktionen werden immer öfter und breiter verwendet, nicht nur im mündlichen Bereich sondern auch im Schriftlichen Sie kennzeichnen sich

Trang 16

durch eine Reihe von bestimmten, formalen Eigenschaften und kommunikativen Funktionen

Formale Eigenschaften

- Operatoren sind kurze und häufig formelhafte Ausdrücke Sie können Einzellexeme

(kurz, nun, zusammenfassend), kurze formelhafte Wendungen im Vorfeld (großes

Ehrenwort), „Subjunktionen“ (weil, obwohl), bestimmte Matrixsätze (ich mein, ich finde) oder performative Formeln (ich verspreche) sein

- Der Operator steht im prototypischen Fall vor dem Skopus, dann gibt er eine Verstehensanleitung für den Äußerungsteil im Skopus In vielen Fällen kann er aber auch in die Äußerung versetzt

(17) ′ das * meine ich - * sollten sie wenigstens bei ausarbeitung- * äh

dieser zusammenstellung- * überlegen

oder nach weiter hinten verschoben werden

(18) es war wirklich kruder schwachsinn ehrlich gesacht

- Operator und Skopus bilden eine interaktive Einheit, d.h sie werden im Gespräch als eine Einheit wahrgenommen

- Operator ist nicht selbständig, während die Äußerung in seinem Skopus in der Regel eine potenziell eigenständige Einheit aufweist, weil sie „das Format einer vollständigen Proposition mit Referenz und Prädikation besitzt“17 Hierarchisch betrachtet ist der Äußerungsteil vom Operator syntaktisch abhängig, weil der Operator eine Projektion, also die Äußerung, eröffnet

- Die Zweigliedrigkeit der Operator-Skopus-Strukturen wird durch die Versetzung des Operators im häufigsten Fall in die Vor-Vorfeldposition und darüber hinaus durch prosodische Phänomene (Pausen, Tonhöhenbewegungen) markiert

- Demgegenüber ist die Verbindung vom Operator und Skopus asyndetisch, d.h formal nicht durch explizite Elemente markiert

- Skopus kann alle Satzmodi aufweisen

Aussage : (19) klar - wir werden weiter machen↓

Frage : (20) nur - wer soll das bezahlen↑

Aufforderung : (21) kurz und gut - lern deine vokabeln besser

Trang 17

Operator gibt dem Hörer eine Verstehensanleitung bzw -anweisung für den Skopus, d.h er signalisiert, wie und in welchem Rahmen der in seinem Skopus stehende Äußerungsteil zu verstehen ist:

- Verdeutlichung des Handlungstyps der Äußerung im Skopus: Der Operator „sag

mal“ kündigt beispielsweise eine Frage an, obwohl der Handlungstyp dabei nicht

explizit genannt wird Dagegen signalisieren die Operatoren „versprochen, ich

verspreche“ explizit ein Versprechen

- Verdeutlichung des mentalen Status, den der Äußerungsteil im Skopus beim

Sprecher besitzt: (ich meine: Meinung; ich glaube: Vermutung)

- Verdeutlichung des kommunikativen Status des Äußerungsteils im Skopus: manche Operatoren können es auch leisten, dem Gesprächspartner den kommunikativen Status zu signalisieren, den die Äußerungsteile in ihrem Skopus besitzen Als

Beispiele sind Operatoren zur Charakterisierung der Geltung (ehrlich, sicher, in der

Tat), der Relevanz (wichtig, vor allen Dingen), der Offenheit (unter uns) oder der

Modalität von Äußerungen (im Scherz, im Ernst) zu nennen

- Verdeutlichung der Relation des Äußerungsteils im Skopus zu den anderen Äußerungen des Diskurses: Operatoren verweisen nicht nur im Voraus auf ihren Skopus, sondern sie stellen die Beziehung zwischen den Äußerungen in ihrem Skopus und anderen Äußerungen des Diskurses her Dabei unterscheidet man „zum einen Operatoren, die Aspekte der Gesprächsorganisation verdeutlichen und damit eher

formalen Charakter haben“ (direkt dazu, nebenbei) und „zum anderen Operatoren, die

verschiedenartige inhaltlich-funktionale Beziehungen zwischen Äußerungen

explizieren“ (trotzdem, im Gegenteil: Gegensatz; wie gesagt: Wiederholung; anders

ausgedrückt: Paraphrase; genauer gesagt, genauer: Verdeutlichung usw.)

3.3 Ursprüngliche Subjunktionen mit Verbzweitstellung

Bestimmung

- In diesem Teil werden solche Verbzweitsätze besprochen, die von einer

ursprünglichen Subjunktion (weil, obwohl, wobei und gelegentlich auch während)

eingeleitet werden und die bisher ihre Domains nur in der gesprochenen Sprache finden

- Da die Bedeutungen und Funktionen dieser Ausdrücke sich verändern, ist es umstritten, ob es sich dabei immer noch um eigentliche Subjunktionen handelt oder

ob sie sich bereits als Konnektoren/Operatoren bzw als Diskursmarker verhalten

Trang 18

Eine Gemeinsamkeit haben sie insofern, dass sie die Vor-Vorfeldposition besetzen und funktional sowie kontextbedingt verwendet und so keineswegs als

„ungrammatisch“ betrachtet werden können18

Diskurs zur Vor-Vorfeldposition

- Die unterschiedlichen Formen der deutschen Sätze lassen sich auf ein gemeinsames Grundmuster zurückführen, das durch die so genannte Satzklammer gekennzeichnet wird Die Satzklammer besteht aus zwei Teilen: der linken Satzklammer (besetzt durch die finiten Verbformen oder Subjunktionen) und der rechten Satzklammmer (besetzt durch die infiniten Verbformen) Die anderen Satzglieder besetzen das Vorfeld (die Position vor der linken Satzklammer), das Mittelfeld (die Position zwischen der linken und der rechten Satzklammer) und/oder immer häufiger das Nachfeld (die Position nach der linken Satzklammer) Daraus ergibt sich das Modell der topotypischen Felder:

Vorfeld linke Satzklammer Mittelfeld rechte Satzklammer Nachfeld

Satzklammer

Susanne will das Buch auf den Tisch legen

, weil sie starke Kopfschmerzen hatte

- Nebenbei wurde in vielen Literaturen immer mehr auf „Subjunktionen“ verwiesen, die nur sehr schwach an die Folgestruktur angebunden sind und primär der Diskurssyntax bzw -pragmatik zuzuordnen sind Ortner (1983), Fiehler (1998), Günthner (2002) u.a betrachten diese als Konnektoren und postulieren, dass sie in die Vor-Vorfeldposition vorgelagert werden:

Vor-Vorfeld Vorfeld linke Satzklammer Mittelfeld rechte Satzklammer

(22) obwohl auf der anderen weiß man erst jetzt

seite im hohen alter

(23) weil was soll ich damit

18 Vgl Günthner, 2000, 358

Bsp (22): genommen aus der Talkshow „Warum müssen wir Angst vorm Altern haben?“ Bsp (23): genommen aus Duden-Die Grammatik, 2005, 1219

Trang 19

- Im Folgenden werden beispielsweise nur die formalen Eigenschaften und

Funktionen des weils mit Verbzweitstellung näher beschrieben, da dieses Phänomen

im Vergleich mit den anderen Konnektoren am häufigsten in Alltagsgesprächen vorkommt

Formale Eigenschaften

- Weil-Konstruktionen mit Verbzweitstellung (VZS) können fast alle Vorkommen der

Verbletztstellung (VLS) ersetzen, was aber im umgekehrten Fall nicht gilt Diese zwei Konstruktionen können nicht beliebig gegeneinander ausgetauscht werden, oder

anders gesagt: während ein faktisches weil beide Stellungsvarianten aufweisen kann, kann ein epistemisches und sprechhandlungsbezogenes weil nur mit

Verbzweitstellung verwendet werden19:

• epistemisches weil mit

(24) VZS: der hängt total an ihr (-) weil (.) der macht doch alles für sie

aber nicht VLS: der hängt total an ihr (-) weil (.) der doch alles für sie macht

• faktisches weil mit

(25) VZS: Sie ist schon nach Hause gegangen, weil sie hatte starke Kopfschmerzen

oder

VLS: Sie ist schon nach Hause gegangen, weil sie starke Kopfschmerzen hatte

- Weil-Konstruktionen mit Verbzweitstellung können nur nachgestellt, nicht aber

vorangestellt verwendet werden:

(26) was machst du heute abend, weil es kommt ein guter film

weil es kommt ein guter film, was machst du heute abend

- Hauptsatzphänomene, die hinsichtlich der Syntax typisch für die gesprochene

Sprache sind, wie Einschübe, Linksversetzungen usw., sind bei weil-Konstruktionen

mit Verbzweitstellung auch möglich:

(27) oder wolln wir vielleich zu mir↑ weil * na ja* ich hab nich mehr so viel geld

Trang 20

- Sie dienen zur epistemischen Begründung des vorausgehenden Teils, d.h., sie liefern Information, die zur Schlussfolgerung im vorausgegangenen (Teil)-Satz führt In

diesem Fall wird weil als epistemisch oder schlussfolgernd bezeichnet Also antwortet

weil auf die Fragen „Woher weißt du das?“ oder „Warum hast du es so gesagt?“,

während das faktische weil hingegen auf die Frage „Warum ist das so?“ antwortet: (28) der hat sicher wieder gesoffen↓ * weil * sie läuft total deprimiert durch

weil sie total deprimiert durch die gegend läuft.)

- Nebenbei ist noch ein sprechhandlungsbezogenes weil zu unterscheiden, mit dem

eine Begründung für den Vollzug einer bestimmten sprachlichen Handlung gegeben wird:

(29) warum kauft ihr denn keine größeren müslipäckchen weil die reichen

doch nirgends hin (interpretiert: warum kauft ihr denn keine größeren

müslipäckchen, ich habe gefragt, weil die reichen doch nirgends hin)

Bei diesen Verwendungen verhält sich weil wie ein Operator im Sinne von den oben erwähnten Operator-Skopus-Strukturen, indem weil dem Hörer den Handlungstyp des

folgenden Äußerungsteils als Begründung verdeutlicht Demzufolge kann es sich bei

dem Äußerungsteil nach weil nicht nur um eine Aussage sondern auch um eine Frage

oder einen Imperativ handeln:

(30) ich will das geld nicht weil was soll ich damit

(31) ich kann dir kein geld leihen weil greif mal einem nackten mann in die tasche

- Außerdem erfüllt weil als Konnektor noch andere Gesprächsfunktionen: Einleitung

von Zusatzinformationen oder narrativen Sequenzen, Einleitung eines thematischen Wechsels, konversationelles Fortsetzungssignal (Gohl/Günthner 1999)

Als Zusammenfassung folgt eine überblicksartige Tabelle20, die den Vergleich

zwischen den weil-Konstruktionen mit Verbzweit- und Verbletztstellung verdeutlicht:

Bsp (28), (29), (30), (31): genommen aus Duden-Die Grammatik, 2005, 1219

20 entnommen aus dem Beitrag von Susanne Günthner (2000, 361)

Trang 21

3.4 Expansionen21

Bestimmung

Vorfeld linke Satzklammer Mittelfeld rechte Satzklammer Nachfeld

(32) ich hab dir ja schon erzählt den gag

- Expansionen umfassen alle sprachlich-kommunikativen Phänomene, bei denen eine syntaktisch abgeschlossene Konstruktion durch das vielfältige Hinzufügen von neuem, verbalem Material erweitert bzw fortgeführt und daher zu einer größeren Struktur ausgebaut wird

- Im Hinblick auf die Diskursanalyse treten Expansionen auf, wenn der ursprüngliche Sprecher nach einem ersten möglichen Abschluss- bzw Übergabepunkt seine

21 Vgl Duden-Die Grammatik, 2005, 1222

Bsp (32): genommen aus Thurmair, 2005, 44.

Trang 22

Äußerung weiter fortführen „muss“, weil kein anderer Gesprächsbeteiligter das Rederecht übernimmt

- Das Vorkommen der vielfältigen Expansionen lässt sich auch auf die spezifischen Bedingungen der mündlichen Sprache zurückführen, speziell auf deren lineare Entwicklung in der Zeit

Formale Eigenschaften oder eine Klassifikation der verschiedenen formen von Expansionen22

Erscheinungs-Strukturell betrachtet unterscheiden sich zwei Gruppen von Expansionen:

• Die progressiven, welche die Vorgängerstruktur weiterführen und am

prosodischen Bruch zwischen Vorgängerstrukturen und Expansionen erkennbar sind Sie lassen sich weiter differenzieren in

- Fortsetzungen, die lediglich an einer Pause zwischen Vorgängerstruktur

und Expansion erkennbar sind Ohne diesen prosodischen Bruch läge einfach eine längere Äußerung vor:

(33) ehm * un was halt ′toll ist↓ is die ′ostküste * so * von kuantan an hoch↓,

- konjunktionale Fortsetzungen, bei denen die Expansion durch eine

Konjunktion eingeleitet wird:

(34) du des is uns ′auch nie: passiert↓ * mit ausnahme von / von seim

′blinddarm nech↓ und ä: * seiner ′lungenembolie nech↓

- und Zusätze, bei denen die Expansion keinen morphologischen Bezug zur

Vorgängerstruktur hat Sie expandiert und präzisiert diese jedoch semantisch und folgt auch einer notwendigen Pause:

(35) aber=ganz andere fo::rm=hat=doch= der↓ * ′schmäler↓ ′rassiger↓

• Die regressiven, welche durch die Fortführung die Vorgängerstruktur

modifizieren Expansionen beinhalten in diesem Fall Elemente, die:

22 Es besteht keine Übereinstimmung zwischen den Autoren über formale und funktionale Merkmale der unterschiedlichen Expansionsformen bzw darüber, wie welche Erscheinung benannt werden sollte Demzufolge gibt es auch verschiedene Verständnisansätze der betreffenden Termini bei den verschiedenen Autoren Beispielsweise entspricht der Terminus

„Rechtsexplikation“ im Duden (2000, 1223) der „Rechtsversetzung“ bei Thurmair (2005, 43) usw Hier wird eine Klassifikation in Anlehnung an den Duden wegen dessen Systematisiertheit und Ausführlichkeit dargestellt

Bsp (33), (34), (35): genommen aus Duden-Die Grammatik, 2005, 1222

Trang 23

- den normalen topologischen Erwartungen entsprechend schon früher hätten formuliert werden müssen Hier werden die regressiven Expansionen, je nachdem, ob eine prosodische Integration vorliegt, weiter gegliedert, in:

Ausklammerung: (36) weil die to′ta:l unter′drückt sind in china und

Nachtrag : (37) wie ′weit is des entfernt↑ * von port ′dixon↑

- eine Konstituente der Vorgängerstruktur ersetzen können Je nachdem, ob

es sich bei der zu ersetzenden Konstituente um eine Proform oder eine andere Art von Konstituente handelt, ergeben sich dann:

Rechtsexplikationen: (38) des mach=i auf jedn fall nicht↓ diese äh: sportwagengeschichte↓ oder

Reparaturen: (39) aber die ′anderen inder↓ die sind so ′arbeiter ** ′gastarbeiter↓

Funktionen

- Der Wunsch nach einer Hervorhebung irgendeines bestimmten Elementes kann zu Expansionen führen, indem dieses Element weiter nach hinten ins Nachfeld versetzt wird In diesem Fall handelt es sich um eine Ausklammerung oder einen Nachtrag

(40) da hast du rumgeknutscht ohne ende

- Die Rechtsexplikationen wie auch Reparaturen dienen hingegen der nachträglichen Verdeutlichung, Präzisierung oder Verbesserung eines bestimmten Elements im vorausgehenden Satz

(41) da sind sie ganz schön neugierig bei mir daheim

- Hinsichtlich der spezifischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen der gesprochenen Sprache dienen Expansionen auch dazu, die durch die Klammerstruktur

im Deutschen entstehende Gedächtnisbelastung für Hörer und Sprecher zu reduzieren

- Expansionen markieren auch einen neuen späteren potenziellen Übergabepunkt des Rederechts, nachdem der vorherige von dem Gesprächspartner nicht übernommen wird23

Bsp (36), (37), (38), (39): genommen aus Duden-Die Grammatik, 2005, 1223

Bsp (40): genommen aus der Sendung „Talk Talk Talk“ auf Pro Sieben, 06,10,06

23 Vgl Duden-Die Grammatik, 2005, 1223

Trang 24

Bevor die bedeutende Rolle dieser Abweichungen für den mündlichen prozess näher erläutert wird, folgt zunächst ein kurzer Überblick darüber, wie die syntaktischen Abweichungen im Laufe der Entwicklung der Fremdsprachenmethode bzw in den heutigen Lehrwerken behandelt wurden und werden

Trang 25

Produktions-4 Die Auseinandersetzung mit den syntaktischen Abweichungen gesprochener Sprache im DaF-Bereich

Abhängig davon, wie die einzelnen Fremdsprachenmethoden die kommunikative Kompetenz verstehen, wie sich die syntaktischen Abweichungen darauf auswirken können und wie sich die GSF zur Zeit entwickelt, bekommt die Thematik der gesprochenen Sprache im Allgemeinen, und der syntaktischen Abweichungen im Besonderen, ihre eigene bestimmte Position in diesen Methoden wie auch das entsprechende Gewicht in den Lehrwerken

sprachlich-4.1 Eine Betrachtung anhand der verschiedenen FSU-Methoden im Laufe ihrer Entwicklung

- Bei der Grammatik-Übersetzungs-Methode spielt die Grammatik zwar eine

dominante Rolle und steht immer im Mittelpunkt des Lehrens und Lernens, aber sie dient der Übersetzung schriftlicher Literatur und Texte Solche Grammatik bezieht sich somit nur auf die Standardnormen der Sprache und nicht etwa auf die syntaktischen Abweichungen, welche als Selbstverständlichkeit in der gesprochenen Sprache auftreten

- Die ALM/AVM in den 60er Jahren betonen den Vorrang der „gesprochenen

Sprache“ durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Hören und (Nach-) Sprechen, die mit Hilfe von akustischer Ausstattung im Labor stattfindet Allerdings wird sie eigentlich nicht als die natürliche gesprochene Sprache verstanden und sie nähert sich auch nicht im Mindesten der natürlichen gesprochenen Sprache Daher sind Kennzeichen dieser „gesprochenen Sprache“ die konstruierten, unauthentischen und unnatürlichen Hörtexte bzw Dialoge in Lehrwerken, in denen kaum irgendwelche syntaktischen Abweichungen vorkommen

Dies korrespondiert logischerweise mit der Tatsache, dass die GSF in den 60er Jahren noch in den Kinderschuhen steckte und offensichtlich noch keinen Einfluss auf den Unterricht ausüben konnte

- Die kommunikative Wende am Anfang der 80er Jahre macht die sprachliche

Kommunikationsfähigkeit, also das Sprachkönnen, zum übergeordneten Ziel des

FSUs Die Fertigkeiten Hören und Sprechen bekommen dementsprechend auch

zentrale Rollen Nebenbei trägt die pragmatische Wende mit den Erkenntnissen

Trang 26

aus der GSF in den Bereichen Phonetik-Prosodie und Diskursanalyse auch dazu bei, dass die Hörtexte und Dialoge in den Lehrwerken viel authentischer wirken, mit verschiedenen Elementen der natürlichen gesprochenen Sprache, wobei syntaktische Abweichungen gelegentlich auch auftauchen Trotzdem wird der Bezug auf das Thema der syntaktischen Abweichungen nur auf die Ebene der unbewussten und unreflektierten Rezeption begrenzt Sie werden nicht einmal explizit und deutlich erwähnt, geschweige denn thematisiert oder gar analysiert

- Ende der 90er Jahre hat die Grammatikvermittlung wieder eine stärkere Rolle im FSU gefunden In der GSF beschäftigten sich auch viele Linguisten intensiver mit der Syntax von gesprochener Sprache, was zu bemerkenswert vielen Erkenntnissen in dem Bereich führte Obwohl sich sogar eigene Kapitel zur

„Syntax des Dialogs“ (Weinrich, 1993, 819 ff.), zur Grammatik von „Text und

Diskurs“ (Zifonun et al., 1997), zur „Gesprochenen Umgangsprache“

(Rug/Tomaszewski, 1997) usw in vielen Büchern finden lassen, entspricht die Beschäftigung in den meisten Lehrwerken der potenziellen Rolle der syntaktischen Abweichungen noch nicht

4.2 Eine Betrachtung anhand der modernen DaF-Lehrwerke

Susanne Günthner (2000) konstatiert in ihrem Beitrag „Grammatik der gesprochenen

Sprache – eine Herausforderung für Deutsch als Fremdsprache?“ eine „auffällige Diskrepanz zwischen dem, was man in den Dialogen bzw Hörtexten an grammatischen Strukturen gesprochener Sprache tatsächlich vorfindet [ ] und dem, was in den Lehrwerken bzw Grammatikdarstellungen tatsächlich aufgegriffen und erläutert wird.“ Um dies zu verdeutlichen, werden im Folgenden einige aktuelle DaF-

Lehrwerke in Bezug auf die Behandlung der Syntax gesprochener Sprache analysiert

-Deutsch aktiv Neu 3 (1990, 66) ist bisher das einzige Lehrwerk, welches das

Thema der gesprochenen Sprache in einem eigenen, gleichnamigen Kapitel mit Erläuterungen und dazugehörigen Übungen behandelt, obwohl das Kapitel bescheidenerweise nur aus drei Seiten besteht

Zusammen mit anderen Aspekten der gesprochenen Sprache wie phonetische Ellipsen, Wortschatzgebrauch, Ideolekt, Tempusgebrauch usw kommt die

syntaktische Ebene auch ins Spiel, indem die Phänomene der

Referenz-Aussage-Struktur und Ausklammerung explizit thematisiert und gründlich

analytisch-graphisch dargestellt werden (siehe Anhang, Abbildung (Abb.) 3)

Trang 27

- Tangram 1 (1998, 100) hat die weil- und obwohl-Sätze mit Verbzweitstellung in

der Rubrik „Zwischen den Zeilen“ der Lektion 8 aufgegriffen und begleitet durch zwei Hörtexte, in denen diese Sätze vorkommen, sowie durch entsprechende Aufgaben zum Erkennen und Analysieren dieser „Umgangsprache“ (siehe Anhang, Abb 4)

Eine kleine Infobox deutet weiterhin auf den Unterschied zwischen gesprochener

und geschriebener Sprache im Bezug auf die Verwendung von weil und obwohl

Dazu gibt es aber keine Funktionsdifferenzierung und auch keine weiteren Übungen zum Praktizieren

- An eine Wiederholung der Satzklammerstruktur im Deutschen anschließend,

wird das Phänomen der Ausklammerung in Moment mal 3 (1999, 23) auch sehr

deutlich grafisch dargestellt, wobei die Funktionen der „Entlastung des Mittelfelds“ und „Hervorhebung der Information“ auch erwähnt werden Es gibt aber keine damit zusammenhängenden Übungen, auch im Lehrerhandbuch findet man keine Anweisungen für die Beschäftigung mit der Grafik im Lehrbuch (siehe Anhang, Abb 5)

Die Thematik der gesprochenen Sprache wird in dem Buch auf einer anderen

Seite (30) in der Aufgabe mit der Überschrift „Gesprochene und geschriebene

Sprache vergleichen“ wieder aufgegriffen, in der allerdings nicht die Ebenen der

Phonetik oder Syntax behandelt werden, sondern es sich um „Dialekt“ und

„Hochdeutsch“ handelt

- Pingpong Neu ist ein für Jugendliche konzipiertes Lehrwerk Die Sprache in den

Hörtexten bzw Dialogen ist deutlich und verständlich, die Sätze sind meistens einfach und wohlgeformt mit klaren Strukturen, was offensichtlich viele typische Elemente gesprochener Sprache verhindert, oder sogar ausschließt Konsequenterweise werden syntaktische Phänomene auch nicht berücksichtigt

- Dialog Beruf ist, im Gegenteil zu Pingpong, ein Lehrwerk für lernende

Erwachsene mit relativ authentischen und natürlichen berufsbezogenen Interviews, die einen wünschenswerten Anteil der syntaktischen Abweichungen

enthalten, wie Operator-Skopus-Strukturen (Aber sagen Sie, ist der Unterschied

wirklich so groß? (28)); Referenz-Aussage-Strukturen (Aber unser Spielbein – wenn ich das mal so sportlich ausdrücken darf –, das haben wir auf dem Weltmarkt (28)); Ausklammerung (dass dem Alfred etwas passiert ist, beim

Trang 28

Fräsen, heute Morgen (86)) Satzreduktion (Vielleicht kein Thema, aber eine Aufgabe für uns alle Egal, ob wir Arbeit haben oder nicht (90)) Trotzdem

werden diese Phänomene auch in dem Lehrwerk nicht thematisiert

Zusammenfassend sind folgende drei Punkte zu benennen:

- In den heutigen DaF-Lehrwerken sind Hörtexte bzw Dialoge durch die Einbeziehung von Konventionen und Strukturen der gesprochenen Sprache immer authentischer geworden Dies deutet auf eine Orientierung an dem tatsächlichen mündlichen Sprachgebrauch in Alltagssituationen

- Zwar treten immer mehr syntaktische Abweichungen auf, diese werden jedoch nur ab und zu in wenigen Lehrwerken systematisch erläutert

- Das einzige in allen Lehrwerken behandelte, syntaktische Phänomen der gesprochenen Sprache ist die Operator-Skopus-Struktur, diese wird aber auch nur

auf ihre am häufigsten vorkommenden Erscheinungen, wie ich finde, ich meine,

ich glaube usw beschränkt

Trang 29

5 Überblick über mündliche Sprachproduktion

Um zum einen intepretieren zu können, ob und inwiefern die besonderen syntaktischen Strukturen der Sprachvariationen Einfluss auf die Sprachproduktion nehmen können, und zum anderen darüber hinaus die damit zusammenhängenden Implikationen in Bezug auf die Förderung der Sprechferigkeit bei DaF-Lernenden ziehen zu können, ist es unerlässlich, die Charakteristika der Sprachproduktion bzw die daran beteiligten Prozesse aus der kognitiven und linguistischen Perspektive24 zu berücksichtigen Aus diesem Grund werden in diesem Kapitel zwei ausgewählte Modelle der mündlichen Sprachproduktion und deren zentrale kognitive Komponenten dargestellt

5.1 Modelle der mündlichen Sprachproduktion

5.1.1 Levelts Modell (1989, 1993)

Levelt ist unter den Ersten, die sich mit der mündlichen Sprachproduktion auseinandersetzen und sie mit angenommen funktionsspezifizierten kognitiven Teilprozessen wie auch -komponenten modellieren Obwohl sein Modell den Aspekt der Multilingualität des Sprechers nicht berücksichtigt, die heutzutage eine Selbstverständlichkeit bei den meisten Fremdsprachenlernenden ist und daher auch besonders in die Methodik/Didaktik des Fremdsprachenlehrens und -lernens miteinbezogen werden sollte, hat es einen großen Einfluss auf die Entwicklung der späteren Modellierung der mündlichen Sprachproduktion ausgeübt, indem dessen Ideen und Struktur übernommen, weiter differenziert sowie entwicklelt werden Vor diesem Hintergrund wird an der Stelle noch einmal überblicksartig auf das Leveltsche Modell zurückgegriffen, was immerhin auch dazu dient, die anderen im unmittelbaren Zusammenhang stehenden Modelle besser zu verstehen

Levelt nimmt folgende Komponenten der Sprachproduktion bzw deren Teilprozesse

an, die in strenger Abfolge laufen25:

24 Nebenbei spielen offensichtlich die sozialen bzw individuellen Faktoren eine erhebliche Rolle, z.B der Einfluss von Emotion auf die Kognition bzw auf die Sprachproduktion wird bereits von vielen Forschern (Bower (1981), Teasdale/Barnade (1993) usw.) gründlich behandelt und ausdrücklich in ihre verschiedenen Modelle miteinbezogen Siehe dazu Hielscher, 2003, 468 ff

25 Vgl De Bot, 2003, 93 ff.; Hermann, 2003, 220 ff

Trang 30

Abb 1: Levelts Modell serieller Teilprozesse der Sprachproduktion

- Der „conceptualizer“ dient der Produktion von „messages“, indem die

kommunikative Absicht in nichtsprachlich-konzeptuelle „message“ übersetzt wird, die ihrerseits als Input für das Sprachproduktionssystem fungiert In Bezug auf diese

„message“ unterscheidet Levelt zwischen „macroplanning“ (das Planen eines Sprechvorgangs, die Selektion der auszudrückenden Informationen und die Linearisierung dieser Informationen) und „microplanning“ (die Propositionalisierung des zu produzierenden Ereignisses, die Perspektive und bestimmte sprachspezifische Entscheidungen, die Einfluss auf die Form der „message“ nehmen)

Trang 31

- Der „formulator“ ist dafür zuständig, die aus dem „conceptualizer“ resultierende

„message“ in einen phonetischen Plan zu enkodieren Daran sind mehrere Teilprozesse beteiligt:

+Der Teilprozess der Selektion von „lexical items“ dient der lexikalischen

Enkodierung Ein „lexical item“ besteht aus zwei Teilen, dem Lemma und der

phonologischen Form, also dem Lexem Das Lemma beinhaltet den semantischen und syntaktischen Gehalt des lexikalischen Eintrags, während in dem Lexem die morphologischen und phonologischen Merkmale repräsentiert werden Innerhalb dieses Teilprozesses werden den Komponenten der nichtsprachlichen „message“ die Lemmata zugeordnet

+Die Aktivierung des Lemma-Teils eines „lexical item“ führt zur Koaktivierung des Lexem-Teils, der wichtige morpho-phonologische Informationen für die

Morphemgenerierung und die phonologische Kodierung enthält Die

morphologische Enkodierung basiert also auf dem „lexical item“, aber auch auf den zusätzlichen Informationen aus der konzeptuellen „message“ (z.B Tempus, Numerus) und generiert somit entsprechende Morpheme Anhand der

Silbenstruktur der Morpheme erfolgt die phonologische Kodierung und zwar

durch Anwendung von generellen Silbenbildungs- und Betonungsregeln der jeweiligen Einzelsprache Daraus resultieren abstrakt-intermediäre Repräsentationen von Wortformen, die demnach noch nicht phonetisch-artikulatorisch spezifisch sind

+Diese Repräsentationen stoßen die phonetische Kodierung an, die damit

phonetische Pläne für einzelne Wörter und die ganze Rede erzeugt

-Mit Hilfe vom „articulator“ wird der Vorgang der Artikulation nach dem

phonetischen Plan vollzogen und dadurch entsteht das aktuelle hörbare Sprechsignal, das „overt speech“

-Zur Überwachung des Sprechens kommt das „speech-comprehension system“ ins

Spiel, zu dem sowohl der phonetische Plan, der vorläufig im Arbeitsgedächtnis gespeichert werden kann, als auch das „overt speech“ weiter geleitet werden können

Damit werden Fehler bemerkt und gemeldet Nebenbei vergleicht das „monitoring

system“ die im „overt speech“ transportierten Informationen mit der intendierten

„message“ und transformiert sie in nichtsprachlich-konzeptuelle Bedeutungselemente, die wiederum als Feedback an den „conceptualizer“ gehen

Trang 32

Insofern sind der phonetische Plan und (mehr noch) das „overt speech“ die einzigen Feedback-Quellen im Rahmen des Leveltschen Modells der mündlichen Sprachproduktion Andere Kontrollinstanzen innerhalb der intermediären Teilprozesse sind nicht vorgesehen

Wie oben erwähnt, enthält die nichtsprachlich-konzeptuelle „message“ auch propositionale Informationen, durch die der grobe syntaktische Rahmen der Äußerung festgelegt wird, z.B was für ein Verhältnis die Äußerung hat (temporal, kausal, lokal usw.) und wie dieses syntaktisch realisiert wird usw Nebenbei fungieren diese Informantionen – zusammen mit den Lemma-Informationen, die durch den Abruf eines „lexical item“ aus dem Mentalen Lexikon auch aktiviert werden – als Inputs für den Prozess der Erzeugung einer syntaktischen Satzoberfläche Die Erzeugung der syntaktischen Satzstruktur wird von Levelt als inkrementell angesehen, d.h., einerseits lösen die jeweiligen syntaktischen Informationen der bereits aktivierten „lemmas“ die syntaktischen Prozeduren aus, die vollständige Satzphrasen erzeugen, andererseits stoßen diese „lemmas“ auch den Aufruf anderer „lemmas“ an, was gleichsam zur Herstellung anderer Satzphrasen führt Somit wird die gesamte syntaktische

Satzstruktur nacheinander aufgebaut Insofern ist die Stazstruktur „nicht als ein

Satzrahmen zu verstehen, der schon zu Beginn einer Satzproduktion als ganzer zur Verfügung steht und in dessen „slots“ die aus dem Mentalen Lexikon abgerufenen

„lemmas“ eingefüllt werden ( ) Die Satzstruktur kann als ein sozusagen von links nach rechts generierter Satzstrukturbaum aufgefasst werden, dessen terminale

Obwohl das Leveltsche Modell der mündlichen Sprachproduktion als ein autonomes Modell angesehen wird, das sich durch die funktionale Abgekapseltheit der Teilprozesse (d.h., die einzelnen angenommenen Teilprozesse arbeiten unabhängig voneinander) und durch die strikte Serialität der Teilprozesse (d.h., die Information wird von einem Teilprozess zum anderen erst dann weitergeleitet, wenn sie im vorherigen Teilprozess bereits weitgehend bearbeitet wurde) kennzeichnet, hat Levelt aber auch die Interaktivität der Teilprozesse bzw die Relevanz des situativen Kontextes für die Sprachproduktion vorgesehen, wie er dies am Anfang seines Buches deutlich erwähnt hat:

26 Herrmann, 2003, 222

Trang 33

„It is [ ] not enough to study the functions of speaking ( ) Nor it is enough to study the patterns of spoken interaction between interlocutors – the way they engage in conversation, take turns, signal misunderstanding, and so forth […] (…) Developing a theory of any complex cognitive skills requires a reasoned dissection of the system into subsystems, or processing components It also requires a characterization of the representations that are computed by these processors and of the manner in which they are computed, as well as specification

of how these components cooperate in generating their joint end product” (Levelt,

1989, 1)

In diesem Zusammenhang wird folgend ein interaktives situiertes Modell dargestellt, das die Rolle der Kommunikationssituation besonders berücksichtigt und sie unmittelbar in die Modellierung der Sprachproduktion miteinbezieht

5.1.2 Die Mannheimer Regulationstheorie der Sprachproduktion (1994)

Herrmann & Grabowski entwickelten im Rahmen der Regulationstheorie ein kontextsensitives Modell der mündlichen Sprachproduktion anhand folgender Grundannahmen:

- Der Gegenstand der Sprachproduktionspsychologie ist nicht die linguistische Kategorie des Satzes – das Sprechen ist also nicht bloß die Realisierung grammatischer Regeln, dessen Endprodukte wohlgeformte vollständige Sätze sind – sondern die Erzeugung von verbalsprachlichen Äußerungen, die in höchstem Maße situationsbedingt bzw –bezogen ist Somit enthalten die gesprochenen Äußerungen vielfältige, vorgefertigte Floskeln, Wendungen, Ellipsen und Korrekturen usw., die lediglich im Zusammenhang mit der kommunikativen Gesamtsituation verständlich werden

- Der Sprachproduktionsprozess ist eine der vielen Stelloperationen, die dann ausgelöst werden, wenn eine Ist-Soll-Differenz beim Sprechersystem (dem Sprecher) gemeldet wird Gegebenenfalls dienen diese Stelloperationen der Regulation des Sprechersystems – also der Minimierung der Ist-Soll-Differenz

- Der Prozess der Sprachproduktion läuft in den verschiedenen Situationen nicht immer auf gleiche Weise ab, sondern variiert, je nach Situation, d.h., situationsspezifische Unterschiede lösen dementsprechend unterschiedliche Vorgänge der Erzeugung sprachlicher Äußerungen aus In diesem Sinn sind die Teilprozesse parametrisiert, deren Prozessstruktur, die als „slots“ enthaltend

Trang 34

angesehen werden, überwiegend durch die von der aktuellen Kommunikationssituation hergeleiteten Informationen instanziert werden Herrmann & Grabowski schlagen unter anderem drei Hauptklassen situativ deteminierter Prozessvarianten vor: die Schema-Steuerung, die Reiz-Steuerung und die Ad hoc-Steuerung (siehe dazu Herrmann & Grabowski, 1994, 275 ff., 423 ff.) Aufgrund dieser regulationstheoretischen Annahmen postulierten Herrmann & Grabowski ein situiertes Konstrukt des Sprachproduktionssystems, das aus drei hierachisch geschichteten Prozessinstanzen besteht27:

Trang 35

- Auf der ersten Verarbeitungsebene trifft die Zentrale Kontrolle die Entscheidung

zur Minimierung der Ist-Soll-Differenz mit Hilfe dieser zwei Komponenten: Ein

Fokusspeicher fungiert als ein Arbeitsspeicher mit begrenzter Kapazität und enthält

alle für die jeweilige Sprachproduktion relevanten Informationen über die Ist- und Soll-Zustände des Sprechersystems, die sogenannten Fokusinformationen Liegen spezifische Fokusinformationen vor, die den Sprachproduktionsprozess in Gang setzen (können), werden diese Informationen dann an die zweite Komponente, die

Zentrale Exekutive, weitergeleitet Die Zentrale Exekutive arbeitet wie ein

„conceptualizer“ im Sinne von Levelt (1989), der die Fokusinformationen selegiert, aufbereitet und linearisiert Der Unterschied zum „conceptualizer“ Levelts besteht darin, dass die Zentrale Exekutive bei der Verarbeitung der Fokusinformationen nicht nur auf den Langzeitsspeicher des Systems sowie den Output aktueller Wahrnehmungsprozesse sondern auch auf Rückmeldungen zugreift, welche die Resultate der Prozesse auf anderen Verarbeitungsebenen sind und in denen sich das für die Markierung der Informationen relevante Kommunikationsprotokoll befindet Das Resultat dieser Prozessinstanz ist ein nicht einzelsprachlich spezifizierter Protoinput, etwa wie eine nichtsprachlich-konzeptuelle „message“ im Sinne von Levelt (1989)

- Auf der zweiten Verarbeitungsebene unterstellen Herrmann & Grabowski

Hilfssysteme, die mittels ihrer inhärent vorhandenen Informationen den von der

Zentralen Kontrolle gelieferten Protoinput markieren und somit einen von dem Enkodiermechanismus auf der nächst unteren Ebene benötigten Enkodierinput erzeugen Die Annahme dieser intermediären Hilfssysteme basiert einerseits auf der Tatsache, dass ein und derselbe Protoinput in vielfältiger Weise und jeweils situationsadäquat grammatisch enkodiert werden kann, und andererseits auf der Annahme, dass der Enkodiermechanismus zwar schnell und robust aber unflexibel arbeitet und daher nicht in der Lage ist, von einem Protoinput genau eine situationsangemessene Äußerung zu erzeugen Unter den Hilfssystemen wird zwischen dem Satzart-Tempus-Modus-Generator, dem Transformationsgenerator, dem Kohärenzgenerator und dem Emphasengenerator unterschieden, die grammatische Schemata auswählen und den Protoinput anhand des

Trang 36

Kommunikationsprotokolls mit semantischer Kohärenz und sprachlicher Emphase versehen28

- Die letzte Komponente auf der dritten Prozessebene ist der Enkodiermechanismus,

der etwa dem Leveltschen „formulator“ entspricht Die markierten, von den Hilfssystemen gelieferten Inputs werden vom Enkodiermechanismus in Phonemfolgen transformiert, indem ihnen spezifische Informationen über Segmentierung, Betonung usw beigegeben sind Schließlich werden sie an einen Artikulationsgenerator weitergeleitet

Was den Prozess der Enkodierung betrifft, lehnen sich Herrmann & Grabowski an die konnektionistische Modellierung (Dell, 1986 und Schade, 1992) an Dabei ist ein Phonemfolgen-Erzeugungsnetz anzunehmen, das in verschiedene Ebenen (Wort-, Silben-, Silbenteil- und Phonemebene) eingeteilt wird und in dem Aktivationen durch die Konzepte des markierten Enkodierinputs erzeugt und somit entsprchende aktivierte Wörter repräsentiert werden Laut Herrmann & Grabowski erfolgt dieser Prozess der Enkodierung mit hoher Automatisiertheit, Schnelligkeit, Robustheit wie auch mit geringem Aufmerksamkeitsverbrauch

Die Mannheimer Regulationstheorie der Sprachproduktion von Herrmann & Grabowski wird für die wichtigste situierte Theorie gehalten, die sich nicht nur mit den internen Teilsystemen und Verarbeitungsprozessen befasst, sondern auch die Diskurssituation als einen determinierenden Bestandteil der Sprachproduktion betrachtet Rickheit/ Strohner (2003, 276) folgend ist die spezielle Leistung von Herrmann & Grabowski – neben der Anwendung der Systemregulation auf die Sprachprodutkion – die potenzielle, systematischen Erweiterung dieser Theorie im Hinblick auf komplexe menschliche Handlungen

Zusammenfassend haben die später entwickelten Modelle der Sprachproduktion weitere Fortschritte gemacht, als sie den Aspekt der Fremdsprachigkeit oder der Kommunikation ausdrücklich in ihren Theorien behandeln Jedoch wird beispielsweise im Modell von De Bot das Thema der Fremdsprache (L2) lediglich auf die der Absicht entsprechende Sprachauswahl eingeschränkt29 In Bezug auf das Fremdsprachenlehren und –lernen werden im Rahmen dieses Modells keine weiteren Einflüsse der L2 auf den Prozess der mündlichen Produktion explizit erwähnt Auch

28 Siehe dazu Herrmann, 2003, 224

29 Siehe dazu De Bot, 2003, 92

Trang 37

das Mannheimer regulationstheoretische Modell scheint, nicht für L2-Lernende

gedacht zu sein, da dabei angenommen wird, dass „der Enkodiermechanismus hoch

impliziert deutlich ein Forschungsdefizit im unmittelbaren Zusammenhang mit der L2-Sprachproduktion, wenn angestrebt wird, didaktisch- methodische Implikationen für die unterrichtliche Auseinandersetzung mit der Sprechfertigkeit unter der kognitiven prozessorientierten Perspektive herauszuziehen An diese Ansicht anknüpfend wird im nächsten Teil die Notwendigkeit einer ausführlichen L2-spezifischen Theorie der Sprachproduktion noch deutlicher erwähnt

5.2 Zentrale kognitive Konstituenten und kognitive Ressourcen bei der Sprachproduktion

In Anlehnung an den Beitrag von Karin Aguado im „Fremdsprachen Lehren und

Lernen (2003) - Themenschwerpunkt: Mündliche Produktion in der Fremdsprache“

werden folgend drei zentrale kognitive Konstituenten der Sprachproduktion, i.e die Aufmerksamkeit, das Monitoring und die Automatisierung, aus einer kognitiv-psychologischen Sicht zusammenfassend dargestellt, um anschließend die Rolle dieser kognitiven Ressourcen für die einzelnen Teilprozesse der mündliche Produktion zu erläutern

5.2.1 Aufmerksamkeit, Monitoring und Automatisierung

- In den kognitiven Wissenschaften wurde bereits viel über die Präzisierung des

Begriffs der Aufmerksamkeit diskutiert Umstritten ist auch die traditionelle

Definition, bei der Aufmerksamkeit „als ein intentional steuerbarer und kapazitativ

begrenzter Prozess verstanden, der zu (bewussten) Repräsentationen im Kurzzeit-

jedoch ein Konsens darüber, dass Aufmerksamkeit, als die Aktivierung kognitiver Ressourcen verstanden, notwendig für den Abruf der Informationen vom Langzeitgedächtnis zur Verarbeitung im Arbeitsgedächtnis ist Die wichtigste Eigenschaft des Aufmerksamkeitsprozesses ist seine kognitive Begrenztheit, die zwangsläufig dazu führt, dass gleichzeitig ablaufende, aufmerksamkeits-beanspruchende Prozesse miteinander um kognitive Ressourcen konkurrieren müssen

30 Herrmann, 2003, 224

31 Siehe dazu Rummer, 2003, 244f

Trang 38

Norman/Shallice (1986) stellen fünf Kategorien von Aufgaben bzw Tätigkeiten auf, die Aufmerksamkeitsressourcen beanspruchen Hinsichtlich der L2-Sprachproduktion sind drei Aufgaben besonders zu benennen: (1) solche, die Planungs- und Entscheidungsprozesse involvieren, (2) solche, die Problemlösungen involvieren und (3) solche, welche die Überwindung von starken Gewohnheiten involvieren32 Die Rolle der Aufmerksamkeit für die jeweiligen Teilprozesse der Sprachproduktion wird

im nächsten Teil näher beleuchtet, wobei der Begriff „Aufmerksamkeit“ auch als

„kognitive Ressource“ angesehen wird

- Von der Tatsache ausgehend, dass Sprecher ihre eigenen Fehler beim Sprechen überhaupt merken und sie anschließend korrigieren können, wird das Konzept des

Monitorings aufgestellt, das also die Sprachproduktion überwacht und somit der

Optimierung der Outputs dieses Prozesses dient Laut Postma (2000) besteht das Konstrukt des Monitorings aus zwei Komponenten: einem Monitor, der produktionsintern reflexhaft arbeitet und einem Monitor, der auf der Rezeption basierend analytisch arbeitet33 Da nur selten empirische Forschungen in dem Bereich ausgeführt wurden, lehnt sich die kognitive Grundlage des Monitoringprozesses an den Aufmerksamkeitsprozess Dementsprechend wird angenommen, dass der Verlauf bzw die Effizienz des Monitoringprozesses stark von den Aufmerksamkeits-ressourcen beeinflusst wird, vor allem bei L2-Sprechern, bei denen der sprachliche Enkodierungsmechanismus nicht automatisch (wie es bei den L1-Sprechern der Fall ist) arbeitet und daher auch Aufmerksamkeit beansprucht Dies korreliert mit der Beobachtung, dass bei der L1-Produktion im Normalfall weniger Aufmerksamkeit auf die formalen Ebenen (i.e Phonetik, Morphologie, Syntax) und mehr Aufmerksamkeit auf die propositionalen Ebenen (i.e Semantik, Pragmatik) gerichtet wird, während die L2-Produktion auch auf der niedrigsten Ebene zielgerichtet und intensiv überwacht wird, je nach biographischem Hintergrund des jeweiligen L2-Lerners Die Faktoren, die einen Einfluss auf den Monitoringprozess ausüben können, sind Bayer folgend (Beyer, 2003, 69ff.) eigene Prioritäten, individueller Lerntyp, Erwerbstyp, Lern- und Unterrichtserfahrung, Kompetenzniveau usw

- Die Rolle der Automatisierung für die Sprachproduktion lässt sich leicht daran

erkennen, dass wir in alltäglicher Kommunikation oftmals Äußerungen erzeugen, die

32 Vgl Aguado, 2003, 15

33 Siehe dazu Schade, 2003, 105

Trang 39

eine große Menge an Automatismen in Form von sprachlichen Routinen, Sprechakten, formelhaften Redewendungen wie auch idiomatischen Ausdrücken enthalten Automatisierung kann in diesem Sinne alle Ebenen des Sprachproduktionsprozesses betreffen, also auch die konzeptuelle Ebene, die als im hohen Maße aufmerksamkeitserfordernd angesehen wird Im Hinblick auf die mentale Anstrengung ist es am wichtigsten zu erwähnen, dass automatisierte Tätigkeiten oder Vorgänge keine oder nur wenige kognitive Ressourcen beanspruchen, was zur Freisetzung von Kapazität für die gleichzeitige Ausführung von anderen aufmerksamkeitserfordernden Prozessen führt34 Dabei geht es aber weder um „rein automatische“ noch um „rein kontrollierte“ Prozesse, sondern um ein Kontinuum der Automatisierung Man spricht hier von dem Grad der Automatisierung Trotz dieses Einflusses der Automatisierung ist sie im Bereich der Fremdsprachenerwerbs-forschung nur wenig untersucht worden und es existiert daher noch keine L2-spezifische Theorie der Automatisierung

5.2.2 Kognitive Ressourcen bei der Sprachproduktion

Es finden sich bisher bereits viele Theorien der Sprachproduktion, die sich ausführlich mit der Architektur des (vor allem kognitiven) Spracherzeugungsaparates beschäftigen, indem sie diesen in durchstrukturierte, konsequent geklärte Teilprozesse einteilen Jedoch haben nur wenige davon den Zusammenhang zwischen diesen Teil-prozessen und den kognitiven Ressourcen des Arbeitsgedächtnisses berücksichtigt

- Von der Modularitätsannahme (dass bei der Sprachproduktion verschiedene spezialisierte Teilprozesse autonom, also unabhängig voneinander, ablaufen) und der Serialitätsannahme (dass Inputs von den Teilprozessen in einer strengen Abfolge verarbeitet werden) ausgehend, unterscheiden sich im Leveltschen Modell der Sprachproduktion zwei Kategorien von Teilprozessen: diejenigen Teilprozesse, die automatisch ablaufen, also unbewusst und ohne Aufmerksamkeit zu erfordern (dazu zählen die grammatische und phonetische Enkodierung sowie die Artikulation); und solche, die unter exekutiver Kontrolle stehen, die also Aufmerksamkeitsressourcen

in Anspruch nehmen Die Konzeptualisierungsphase gebraucht beispielsweise in hohem Maße kognitive Ressourcen des Arbeitsgedächtnisses, um einerseits Situationswissen sowie den Diskursablauf aktiv zu halten und andererseits

34 Siehe zu den anderen Merkmalen automatisierter Tätigkeiten: Underwood/Everatt, 1996,

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Ngày đăng: 16/09/2021, 09:41

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