Daraus ergibt sich eine Differenzierung zwischen den Synonymen, die als Basis für die weiteren DaF-Übungen dienen kann.. Tabellenverzeichnis Tabelle 2: Substitutionstest für „essen“ und
Trang 1VIETNAM NATIONALUNIVERSITÄT HANOI FREMDSPRACHENHOCHSCHULE ABTEILUNG FÜR POSTGRADUIERTENSTUDIUM
Hanoi - 2016
Trang 2VIETNAM NATIONALUNIVERSITÄT HANOI FREMDSPRACHENHOCHSCHULE ABTEILUNG FÜR POSTGRADUIERTENSTUDIUM
Gutachterin: Dr Lê Tuyết Nga
Hanoi - 2016
Trang 3Eidesstattliche Erklärung
Hiermit erkläre ich an Eides statt, dass ich die vorliegende Masterarbeit selbstständig angefertigt und keine andere Literatur als die angegebene benutzt habe
Trang 4
Abstract
Als eine semantische bzw paradigmatische Relation und als Forschungsgegenstand dieser Arbeit spielt Synonymie eine wichtige Rolle in der Semantik Synonyme bieten den Sprachanwendern die Möglichkeit, mithilfe verschiedener sinnverwandter Begriffe gleiche Sachverhalte auszudrücken oder aufzunehmen Synonyme unterscheiden sich voneinander durch nebensächliche denotative Bedeutungen oder durch konnotative stilistische Bedeutungen
Eine Synonymgruppe besteht aus einem Grundsynonym als Zentrum und weiteren Synonymen, die sich vom Zentrum durch unwesentliche denotative Seme oder konnotative Seme unterscheiden Das Verhältnis zwischen der Sememstruktur der lexikalischen Einheit und deren Synonymgruppe ist komplex: Die Anzahl der Sememe eines Lexems entspricht nicht immer der Anzahl seiner Synonymgruppen DUDEN und DWDS sind zwei Korpora zum Ermitteln der Synonymgruppen, zeigen aber laut der quantitativen Untersuchung mehrere Unterschiede Im Lückentest werden die
Ersetzbarkeitsgrade von durchführen und dessen 16 Synonymen mithilfe des Korpus
und des befragten Muttersprachlers überprüft Daraus ergibt sich eine Differenzierung zwischen den Synonymen, die als Basis für die weiteren DaF-Übungen dienen kann Diese Übungen werden für Lernende auf der Niveaustufe B1 konzipiert und
entsprechen unterschiedlichen Kompetenzen
Trang 52.3 Intensionen – Extensionen – Referenzen 10
4.4 Funktionen der Synonyme und Entstehung neuer Synonyme 35
Trang 64.5 Methoden zur Ermittlung der Synonymie 40
5.1 Verhältnis zwischen der Sememstruktur einer lexikalischen Einheit 46
und deren Synonymgruppen
Trang 7Abkürzungsverzeichnis
DaF Deutsch als Fremdsprache
d h das heißt DUDEN-B DUDEN-Bedeutungswörterbuch DUDEN-S DUDEN-Synonymwörterbuch
Trang 8Tabellenverzeichnis
Tabelle 2: Substitutionstest für „essen“ und seine Synonyme 41 Tabelle 3: Lückentest für “exakt“ und seine Synonyme 42 Tabelle 4: Unterbedeutungen des Lexems „verbringen“ und seine Synonyme 49 Tabelle 5: Synonymgruppen des Lexems „Aufenthalt“ und Bedeutungen 50 Tabelle 6: Synonymgruppe 1 des Lexems „durchführen“ und Bedeutungen 52 Tabelle 7: Sememe des Lexems „schwärmen“ und seine Synonymgruppen 55 Tabelle 8: Übersicht Synonymgruppen im DUDEN-S und DWDS 58 Tabelle 9: Überlappende Synonyme im DUDEN-S und DWDS 63 Tabelle 10: Anzahl der Bedeutungen – Anzahl der Synonyme 65
Tabelle 12: Lückentest laut der Ansicht des befragten Muttersprachlers 72 Tabelle 13: Differenzierung zwischen Synonymen des Lexem „durchführen“ 74
Trang 9Abbildungsverzeichnis
Abbildung 2: Das Zeichenmodell von Ogden und Richard 10
Abbildung 5: Semiotisches Dreieck für Hyponym und Hyperonym 19 Abbildung 6: Meronymie im System der Körperteilbezeichnungen 20
Abbildung 8: Anwendungsfrequenz der DDR- und BRD-Lexeme 38
Trang 101
1.1 Problemstellung
Synonymie ist eine der Bedeutungsbeziehungen zwischen sprachlichen Einheiten, die
in allen Sprachen ein wichtiger, aber auch interessanter Forschungsgegenstand ist Laut
Eberhard (1910) erschien der Terminus Synonym zum ersten Mal im Jahr 1794 in der Sammlung Deutsche Synonyme oder sinnverwandte Wörter (vgl dazu Schippan 2002,
S 206) Die Veröffentlichung von vielen Synonymwörterbüchern mittlerweile
verdeutlicht das große Interesse sowohl von Wissenschaftlern als auch von Lesern an dieser Thematik Dass zwei Wörter sich formal unterscheiden, aber über gleiche oder ähnliche Bedeutungen verfügen können, ergibt einerseits eine Vielfältigkeit im Vokabular, andererseits stellt es den Sprachverwender beim exakten Gebrauch der sinnverwandten Begriffe vor Herausforderungen Je differenzierter sich eine Sprache entwickelt, desto mehr Ausdrücke oder Sememe eines Ausdruckes und ihre Synonyme entstehen Dieser Vorgang der Entwicklung einer Sprache ist im Prinzip nie zu ändern
Es ist aber in der Fachwelt noch umstritten, ob zwischen zwei Ausdrücken eine totale bzw reine Synonymie bestehen könnte, d h ob ein Ausdruck in allen Kontexten durch einen anderen Ausdruck substituiert werden könnte Es ist davon auszugehen, dass jeder sprachliche Ausdruck über eigene Bedeutungen und Merkmale verfügt, und ein sprachlicher Ausdruck nicht hundertprozentig in Bedeutungen mit einem anderen übereinstimmen kann Daher wird Synonymie trotz vieler bisheriger Untersuchungen immer noch als ein aktuelles Forschungsfeld betrachtet
Als Deutschlehrerin in Hanoi sind mir die Schwierigkeiten, auf welche die vietnamesischen Lerner beim Unterscheiden und Anwenden der Synonyme stoßen, bekannt Für die praktische Untersuchung besteht die Möglichkeit, verschiedene Aufgaben und Übungen für Synonyme im DaF-Unterricht zu erstellen Beim Blick in die einschlägige Literatur findet man zwei Tests, einen Lückentest und einen
Trang 112
Substitutionstest, welche beide von Schippan (2002, S 208) beschrieben werden Diese beiden Tests dienen der Ermittlung der Synonyme und können als Grundlage für DaF-Übungen darstellen Schließlich liefert auch deshalb die vorliegende Arbeit einen
Beitrag für die Didaktik und Methodik im DaF-Unterricht
1.2 Fragestellungen
In dieser Masterarbeit wird versucht, Antworten auf folgende Fragen zu finden:
- Wie sieht das Verhältnis zwischen der Sememstruktur einer lexikalischen Einheit und deren Synonymgruppen aus?
- Bestehen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen zwei Korpora für deutsche Synonyme?
- Können Aufgaben und Übungen für den DaF-Unterricht erstellt werden, die mittels eines Lückentests auf den Ergebnissen der Ermittlung der Synonyme beruhen?
1.3 Forschungsmethoden
Als Material der theoretischen Untersuchung dienen vor allem folgende Lehrbücher:
Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache von Schippan T (2002), Lexikologie des Deutschen von Römer C./Matzke B (2005), Semantik Eine Einführung von Löbner S (2003) und Semantik Ein Arbeitsbuch von Schwarz F M./Chur J (2004)
In der empirischen Untersuchung der vorliegenden Arbeit werden 15 Lexeme aus dem
Lehrwerk Ausblick 1 für den DaF-Unterricht ausgewählt und untersucht Um die erste
Frage in Kapitel 1.2 zu beantworten, beschäftigt sich die empirische Untersuchung vor allem mit zwei Korpora (DUDEN-Bedeutungswörterbuch und DUDEN- Synonymwörterbuch) Dieser stellt die Sememe einer lexikalischen Einheit dar, während jener eine Auflistung von Synonymgruppen der lexikalischen Einheit zur
Trang 123
Verfügung stellt Für die Datenaufbereitung werden die Bedeutungen eines Lexems und die Bedeutungen, denen die Synonymgruppen zugeordnet werden, mit Buchstaben gekennzeichnet und verglichen, ob es Übereinstimmungen oder Unterschiede zwischen zwei Korpora gibt
Die zweite Frage fordert auch die Vergleichsmethode, die anhand der zwei Korpora für Synonyme durchgeführt wird: des DUDEN-Synonymwörterbuchs und des DWDS Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache Hier werden die Synonyme und Synonymgruppen in den jeweiligen Korpora gezählt, aufgelistet, in einer Tabelle gesammelt und ausgewertet Darüber hinaus werden die in zwei Wörterbüchern überlappenden Synonyme auch benannt
Die oben genannte Tabelle ermöglicht, ein Lexem mit großem Potenzial für den Unterricht auszuwählen und einen Lückentest für dieses Lexem zu entwickeln Die Datenerhebung beruht in erster Linie auf dem DWDS, das eine Darstellung von der (In)kompatibilität eines Lexems mit anderen Lexemen anbietet Die Ergebnisse des Lückentest mithilfe des DWDS lassen sich anschließend von einem Muttersprachler überprüfen und auswerten Bei Nicht-Übereinstimmungen zwischen dem Korpus und der Auffassung des Muttersprachlers werden Belege dafür gefunden
DaF-Die Ergebnisse des Lückentests bringen eine Differenzierung der untersuchten Synonyme mit sich, die als Grundlage für die DaF-Übungen, die für Lernende auf dem Sprachniveau B1 entworfen werden und mit denen eine Lehrkraft den Unterricht in verschiedenen Sozialformen praxisorientiert und auch spielerisch gestalten kann
1.4 Aufbau der Arbeit
Aus der Zielsetzung ergibt sich folgende Gliederung der Arbeit: Nach Problemstellung, Fragestellungen und Untersuchungsmethoden im ersten Kapitel folgt im zweiten Kapitel die Darstellung der Fachbegriffe Das dritte Kapitel umfasst die Beschreibung
Trang 134
von paradigmatischen und semantisch-syntagmatischen Relationen, die mit Synonymie zusammenhängen Das Kapitel 4 beschäftigt sich mit Definitionen von Synonymie, Synonymen und Synonymgruppen, Klassifizierungen, Funktionen und Methoden zur Ermittlung der Synonyme Das fünfte Kapitel enthält die empirische Untersuchung und das sechste Kapitel befasst sich mit einem zusammenfassenden Überblick über die
Ergebnisse der Arbeit
2.1 Semantik als Bedeutungslehre
Laut Graefen/Liedke (2012, S 67) bezeichnet man Semantik schon seit Ende des 19 Jahrhunderts als ein Teilgebiet der Sprachwissenschaft, das sich mit sprachlicher Bedeutung beschäftigt
Bei Löbners Definition (2003, S 3) besteht sogar eine genaue Abgrenzung zwischen
den Forschungsgegenständen der Semantik - Bedeutung von „Wörtern, Phrasen, grammatischen Formen und Sätzen“ - und Bedeutung von „Handlungen und Phänomenen“ allgemein In Wirklichkeit ergibt eine Handlung oder ein Phänomen oft
einen entsprechenden Sinn, z B bedeutet die Handlung ‚den Kopf schütteln‘ in vielen Kulturen ‚Nein.‘ Wenn Rauch gesehen wird, wird dieser mit Brand gleichgesetzt
Trotzdem gehört die Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Handlungen und
Phänomenen nicht zur Semantik Löbner (2003, S 3) stellt fest: „Die Semantik beschäftigt sich ausschließlich mit der Bedeutung von sprachlichen Gebilden.“
In dem folgenden Zitat von Brandt/Dietrich/Schön (2006, S 269) werden die unterschiedlichen Aspekte der Semantik dargestellt Damit werden die Forschungsgegenstände der Semantik, auch Bedeutungslehre genannt, ganz genau betrachtet:
Trang 145
1 Die Semantik beschreibt/ erklärt, wie sprachliche Ausdrücke bzw deren Bedeutungen auf die Gegenstände, Sachverhalte und Vorgänge der außersprachlichen Welt bezogen sind
2 Die Semantik beschreibt/ erklärt die semantischen Beziehungen zwischen sprachlichen Ausdrücken wie Synonymie, Antonymie u.a
3 Die Semantik beschreibt/ erklärt, wie sich aus den Einzellexemen und aus der syntaktischen Struktur die Bedeutung von Phrasen (Sätzen) ergibt
4 Die Semantik beschreibt/ erklärt, wie aus Satzbedeutungen Bedeutungen von Texten entstehen
Die Beziehungen zwischen den sprachlichen Einheiten und deren Referenten der außersprachlichen Welt, die als erster Aspekt der Semantik gekennzeichnet werden, werden eingehend in Kapitel 2.3 veranschaulicht Das dritte Kapitel befasst sich mit den semantischen Relationen zwischen sprachlichen Einheiten, darunter ist Synonymie der relevanteste, hauptsächliche Forschungsgegenstand dieser Arbeit In dem obigen Zitat werden die Bedeutungen von Phrasen, Sätzen und Texten auch als Forschungsgegenstände der Semantik betrachtet, allerdings beschränkt sich die vorliegende Arbeit nur auf die Bedeutung von Lexemen
2.2 Lexem – Semem – Sem
Entsprechend werden im Folgenden die drei Begriffe „Lexem“, „Semem“ und „Sem“ betrachtet und in Hinblick auf ihre Bedeutung und Funktion erläutert
2.2.1 Lexem
Was in einem Wörterbuch bzw einem Lexikon alphabetisch geordnet und erklärt wird,
wird häufig in der Linguistik als Lexem statt Wort gekennzeichnet Laut Schippan
Trang 156
(2002, S 95) „ist der Lexembegriff weiter als der des Wortes.“ Als Lexeme zieht die
Autorin sowohl Einzelwörter (1) als auch feste Wortgruppen (2) in Betracht:
(1) Tisch, Pferd, Arbeiter, grünlich, laut, groß, essen, erfahren, lernen
(2a) ab und zu, nach wie vor, Art und Weise
(2b) das Herz sprechen lassen, auf die Nerven gehen, mit leeren Händen (2c) gute Besserung, alles Gute, tut mir leid
In der Einführung in die Semasiologie (1975, S 33) betrachtet Schippan Lexem als
„Bedeutungsträger“ und „selbständige Einheit des Wortschatzes.“ Es ist plausibel,
dass die festen Wortverbindungen (2a), Phraseologismen (2b) und kommunikativen Formeln (2c) aus mehreren Wörtern bestehen Allerdings bilden sie zusammen eine sprachliche Einheit, ergeben eine Gesamtbedeutung, die sich meist nicht aus den Bedeutungen der Einzelwörter ableiten lässt In dieser vorliegenden Arbeit kommt die synonymische Beziehung zwischen einem Grundwort und einer festen Wortverbindung
sehr häufig vor, wie man sie beispielsweise in den Synonymen für das Wort sterben findet: ins Gras beißen, die Augen für immer schließen, vom Tode ereilt werden etc
Zusammenfassend werden Lexeme von Schippan (2002, S 95f.) nach folgenden
Merkmalen klassifiziert: Lexeme als Basismorpheme (Pferd, laut), Lexeme als Wortbildungskonstruktionen (Arbeiter, grünlich, erfahren) und Lexeme als feste Wortgruppen (ab und zu, mit leeren Händen)
2.2.2 Semem
Semem ist der Fachbegriff, der vorwiegend im Zusammenhang mit der Polysemie (Mehrdeutigkeit) vorkommt In der Sprachwissenschaft wird Semem noch als
„Bedeutungsvariante“ (Löbner 2003, S 60f.), als „Unterspezifikation“ (Meibauer
2007, S 192ff.), oder nur „Bedeutung“ (Busch/ Stenschke 2008, S 192f.) bezeichnet
Trang 167
Wenn ein gleiches Lexem als eine mehrere verschiedene Bedeutungen bzw Sememe tragende Einheit begriffen wird, spricht man von Polysem Dementsprechend ist Semem eine untergeordnete Einzelbedeutung eines Lexems, das auf mehrere Denotate referiert (vgl dazu Schippan 2002, S 162) Auch nach der Auffassung von Schippan (1975, S 66) sind im deutschen Wortschatz meist polyseme Lexeme vorhanden Beim Blick in ein Lexikon findet man zahlreiche Beispiele für Lexeme mit einer
Hauptbedeutung – „einem dominierenden Semem“ (Schippan 1975, S 66) – und
weiteren Sememen Es ist kontextabhängig, welches Semem inhaltlich aufgefasst werden muss Hierzu wird ein Beispiel angeführt, wobei drei Sememe des Polysems
Bauer anhand des Kontextes beleuchtet werden:
(3) Bauer
Semem 1: Landwirt (Der Bauer züchtet Schafe und Kühe.) Semem 2: ungebildeter Mensch (Er benimmt sich wie ein Bauer.)
Semem 3: kleinste Schachfigur (Mein Bauer erreicht die letzte Reihe.)
Römer/Matzke (2005, S 140f.) verweisen auf die Relationen zwischen Sememen eines Lexems, nämlich die metaphorische Relation und die metonymische Relation
Mit dem Beispiel (3) kann man die metaphorische Relation wie folgt erklären: Im Mittelalter war der Bauer (Semem 1) gegenüber Adel und Geistlichkeit ein Angehöriger des geringsten Standes in der Hierarchie des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Systems Die Bauern waren meist Analphabeten Auf dem Schachbrett wiederum wird der Bauer auch als die am wenigsten wertvolle Figur betrachtet Zwischen Semem 1 und Semem 2 besteht eine Ähnlichkeitsassoziation mit dem
Merkmal ‚ohne Bildung‘, und zwischen Semem 1 und Semem 3 ‚geringste Macht‘
Trang 17Mutter und Vater schrittweise in Form eines Stammbaums aufgelöst und beschrieben
Trang 189
Die dieser Art zerlegten Bedeutungselemente werden von Sprachwissenschaftlern als Seme gekennzeichnet Demnach ist jedes Semem die Gesamtheit von mehreren Semen Schippan (2002, S 183) definiert Seme als die kleinsten Einheiten in der Semantik, die sich aus der Bedeutungsanalyse der sprachlichen Gebilde ergeben Pelz (2007, S 195)
hebt hervor, dass das Sem „das kleinste bedeutungsunterscheidende Merkmal“ ist und
„durch Opposition“ gewonnen wird Anhand des obigen Stammbaums kann man die
Definitionen beleuchten: Die Lexeme Mutter und Vater haben dieselben Bedeutungselemente: Mutter und Vater sind beide Menschen (werden von Tieren unterschieden), mit jemandem verwandt (konstrativ von nicht verwandt), jemandes hervorbringende Generation (Gegenteil von nachkommender Generation) und haben eine direkte leibliche Beziehung zu jemandem (konstrativ von indirekt) Mutter und Vater unterscheiden sich voneinander durch das letzte Merkmal: weiblich – Mutter/ männlich – Vater
Die Bedeutung der drei Begriffe (Lexem, Semem und Sem) lässt sich insgesamt in folgender Struktur zusammenfassen:
Lexem x
Semem 1: Sem 1 , Sem 2 , Sem 3 Sem n Semem 2: Sem 1 , Sem 2 , Sem 3 Sem n Semem 3: Sem 1 , Sem 2 , Sem 3 Sem n
… Semem n: Sem 1 , Sem 2 , Sem 3 Sem n
Es handelt sich um eine Bedeutungsstruktur bzw Sememstruktur, mit deren Hilfe man modellhaft die Beziehungen zwischen allen drei Termini veranschaulichen kann
Trang 1910
2.3 Intensionen – Extensionen – Referenzen
Zur Erläuterung dient in anschaulicher Art und Weise das Dreiecksmodell von Ogden/Richards, das Pelz (2007, S 45) ins Deutsche übersetzt hat:
Gedanke (frz Sens, engl meaning, die Bedeutung)
Symbol (frz nom, engl form, das
Bezeichnende )
Referent (frz chose, engl referent, der
Umweltreferent, das bestimmte Objekt, das
Bezeichnete)
Abbildung 2 : Das Zeichenmodell von Ogden und Richard (Pelz 2007, S 45)
Das semiotische Dreieck beschreibt die Beziehungen zwischen einem lexikalischen Zeichen (z B einem Lexem), dem mentalen Konzept und dem Bezeichneten der außersprachlichen Welt Zur Veranschaulichung wird es im Folgenden am Beispiel des
Wortes Hund erklärt:
Abbildung 3 : Beispiel fürs semiotische Dreieck
Trang 2011
Man kann sich mit dem Lexem Hund (in Laut- und Schriftform) auf ein Objekt in der
Wirklichkeit beziehen Das Objekt – der Referent als Fachausdruck – ist in diesem Beispiel der abgebildete Schäferhund Die Beziehung zwischen dem Lexem (dem Bezeichnenden) und dem Referenten (dem Bezeichneten) wird mit einer gestrichelten Linie illustriert, weil diese Beziehung durch die Inhaltsseite, nicht durch die Formseite des Lexems hergestellt wird Dasselbe Objekt (z B Hund) wird in verschiedenen Sprachen unterschiedlich benannt Man braucht daher gewisse kognitivistische Informationen (Inhaltsseite oder Bedeutung des Lexems), um den außersprachlichen
Referenten zu identifizieren In der Abbildung wird die Inhaltsseite des Lexems Hund
duch die Großbuchstaben HUND vereinfacht Das muss als mentales Konzept aufgefasst werden, dass Hunde Haustiere sind, vier Beine haben, bellen u a
Wie oben erwähnt, wird der Schäferhund in der Abbildung als Referent betrachtet, auf
den ein Sprecher mit dem Lexem Hund oder dem Laut /hʊnt/ referiert Als Referenz
definiert Meibauer (2007, S 180) die Relation zwischen einem sprachlichen Gebilde und entsprechenden Gegenständen, über welche in einer bestimmten Situation gesprochen oder geschrieben wird Dementsprechend werden die Referenten als bezeichnete Gegenstände (Personen, Dinge oder Sachverhalte) in einem bestimmten Äußerungskontext begriffen
Die begrifflichen Informationen, die unter einem lexikalischen Ausdruck verstanden werden, werden als Intension des Ausdrucks bezeichnet In diesem Beispiel gehören
alle Charakteristika wie ‚Haustier‘, ‚vier Beine‘, ‚bellen‘ u a zur Intension des Lexems Hund Demgegenüber umfasst die Extension eines lexikalischen Ausdrucks
alle Objekte, die in der außersprachlichen Welt mit diesem Ausdruck bezeichnet
werden D h zur Extension von Hund gehören alle Individuen der Spezies (vgl dazu
Meibauer 2007, S 178f.)
Trang 2112
Es ist möglich, dass mehrere lexikalische Ausdrücke mit unterschiedlichen Intensionen sich auf die gleiche Extension beziehen (5), die Extension eines sprachlichen Zeichens über kein Objekt in unserer Welt verfügt (6) oder die Ex- und Intension eines sprachlichen Zeichens zeitabhängig ist (7): (vgl Meibauer 2007, S 178f.)
(5) Der Morgenstern ist der Abendstern
(6) Hat jemand das Pegasus gesehen?
(7) Atome sind die kleinsten, unzerlegbaren Bestandteile der Materie
Die beiden Lexeme Morgenstern und Abendstern, die sich auf denselben Planeten (die
Venus) beziehen, bezeichnen infolgedessen die gleiche außersprachliche Extension
Allerdings wird Morgenstern in unserem konzeptuellen Wissen als die Venus vor dem Sonnenaufgang aufgefasst und Abendstern im Gegenteil als die Venus nach dem Sonnenuntergang Morgenstern und Abendstern sind das typische Beispiel für
lexikalische Ausdrücke mit der identischen Extension, aber nicht-übereinstimmenden Intensionen Solche lexikalischen Ausdrücke werden nicht als Synonyme betrachtet In Kapitel 4 wird dieser Sachverhalt im Einzelnen dargestellt
Das Beispiel (6) verweist auf ein Phänomen, dass solche sprachlichen Zeichen wie
Pegasus zwar begrifflichen Inhalt haben, aber keine Extension in unserer Welt, sondern evtl in anderen möglichen Welten In der Belletristik gibt es eine Vielzahl von
solchen lexikalischen Ausdrücken (Einhorn, Drache, Zwerg, Teufel, Satan, Fee, etc.), deren Intensionen sich aus der Umschreibung ergeben Z B wird Pegasus als ein
Phantasiewesen dargestellt, das wie ein Pferd mit Flügeln aussieht
Ein weiterer Punkt befasst sich damit, dass Extension und Intension eines sprachlichen Gebildes von der zeitlichen Dimension abhängen Im Beispiel (7) erkennt man die klassische Auffassung der antiken Philosophie Über einen langen historischen Zeitraum hinweg wurde diese Auffassung für richtig gehalten Erst in der Neuzeit, in
Trang 2213
der Mitte des 20 Jahrhunderts, konnten die Wissenschaftler beweisen, dass Atome in
Protonen und Neutronen zerlegt werden können D h die Intension von Atom
verändert sich Mit der modernen entwickelten Wissenschaft wurden und werden
immer kleinere Elementarteilchen entdeckt, deshalb wird die Extension des kleinsten, unzerlegbaren Bestandteils der Materie dementsprechend auch geändert
2.4 Denotation und Konnotation
Busch/Stenschke (2008, S 188) vertreten die Ansicht, dass die Bedeutung eines Lexems aus verschiedenen Komponenten besteht, die als Denotation und Konnotation
gekennzeichnet werden Als Denotation bezeichnen die Autoren „die kontext- und situationsunabhängige begriffliche Grundbedeutung.“ Hingegen wird die Konnotation
als eine Form der Assoziationen aufgefasst, die „wertende, oft emotionale Elemente“ beinhaltet Z B wird im DWDS Delfin als eine Tierbezeichnung mit bestimmten objektiven Merkmalen dargestellt (‚Zahnwalen gehörend‘, ‚räuberisches Säugetier‘,
‚sich oft meterweit aus dem Wasser schnellen‘) Zugleich sind in der Definition auch
noch positiv wertende Ausdrücke vorkommend (‚gesellig leben‘, ‚sehr gewandt schwimmen‘)
Pelz (2007, S 185) gelangt zu der gleichen Auffassung, dass Denotation gegenüber der Konnotation nur die reine Bezeichnung, keine (z B emotionale) Nebenbedeutung oder inhaltliche Nuance berücksichtigt Außerdem bemerkt der Autor, dass die Denotation als begrifflicher Bedeutungskern in allen Äußerungskontexten auftritt, die Konnotationen dagegen nicht mit allen Verwendungssituationen kompatibel sind Dieses Argument erklärt sich durch zwei folgende Äußerungskontexte des
polysemischen Lexems alt (8):
(8a) Diese Frisur macht dich alt (Kritik)
(8b) Na, alter Junge, wie geht’s? (enge, vertrauliche Beziehung)
Trang 2314
In den Definitionen von Busch/Stenschke und Pelz besteht eine deutliche Klassifizierung zwischen der Identifizierungsfunktion (Denotation) und wertenden, emotionalen Komponenten (Konnotation) Anhand der folgenden Abbildung kann man sehen, dass Römer/Matzke (2005, S 123) einen anderen Standpunkt vertreten:
Abbildung 4 : Komponenten der Bedeutung (Römer/Matzke 2005, S 123)
Auch Römer/Matzke sind der Meinung, dass ein Lexem eine Bezeichnungsfunktion übernimmt (denotativ-begriffliche Bedeutung) Aber die wertend-emotive Bedeutung ist ihrer Auffassung nach auch der Denotation untergeordnet Die Emotionen, die die Sprecher sprachlich andeuten können, sind in vielen Beispielen im Wortschatz
durchschaubar Z B drücken die Wörter wie nett/ böse, gut/ schlecht, schön/ hässlich etc immer eine bestimmte Wertung aus, oder die Wörter wie Frieden, Revolution, Wohlstand, Verbrecher, Terrorismus, bombadieren, überfallen implizieren bereits ohne Kontext positive oder negative Wertelemente
Schippan (2002, S 147) stützt auch diese These und nennt die wertenden und emotionalen Wortbildungsmittel, die zu der Gesamtbedeutung beitragen Die
Trang 24verlaufen, versalzen, zerbrechen, zerreißen
Tabelle 1 : wertende, emotionale Wortbildungsmittel (vgl Schippan 2002, S 147)
Während Denotation als begrifflicher Bedeutungskern betrachtet wird, wird Konnotation als zusätzliche Bedeutung aufgefasst, unter der einerseits Informationen
„über den Sender, über die historischen und sozialen Bedingungen des
Trang 2516
Wortgebrauchs“ und andererseits Informationen „über die Stellung des Lexems in lexikalischen Subsystemen“ subsumiert sind (Schippan 2002, S 156)
(9) Als Vorspeise speist er einen Hummercocktail
(10) Das Verbrechen wurde von einem Heranwachsenden verübt
(11) Ich hätte gern ein Kilo Erdäpfel
Bei den unterstrichenen Wörtern der obigen Beispiele lassen sich zusätzliche
Informationen (Konnotationen) herausfinden: Der Begriff speisen (9) ist den
elaborierten Sprachduktus zuzuordnen Das deutet auf den gehobenen
gesellschaftlichen Status des betroffenen Menschen hin Heranwachsende (10) ist ein
Begriff für junge Menschen von 18 bis 21 Jahren in der Rechtssprache Das Lexem
Erdäpfel wiederum lässt Rückschlüsse auf die österreichische Herkunft des Sprechers
zu
Die Abbildung 4 stellt die Klassifizierung der konnotativen Bedeutungen von Römer/Matzke vor Die Autoren berücksichtigen unter der stilistischen Markierung die Stilschichten- (12), Stilfärbungenmarkierungen (13) und Markierungen der Funktional-stilbereiche (14) (siehe Römer/Matzke 2005, S 124f.):
(12) essen (normal), verzehren (gehoben), schnabulieren (familiär), fressen
(derb), futtern (umgangsprachlich) (13) Ehefrau (normal), Angetraute (scherzhaft), Xanthippe (abwertend), Alte
(salopp)
(14) einkassieren (Alltagssprache), vereinnahmen (Kaufmannssprache),
beitreiben (Rechtssprache), begleiten (Alltagssprache), eskortieren
(Millitär)
Trang 2617
Den Konnotationen gehörig sind zudem noch die soziolektalen Markierungen, z B Informationen über Alter (15a), Kommunikationsformen (15b) und Dialekte (15c) (siehe Römer/Matzke 2005, S 125f.):
(15a) Dein neues Auto ist echt geil! (jugendlich)
(15b) Das Benzin ist alle (mündlich)
(15c) Der Bübel muss schon lange zu Hause sein (berlinerisch)
Auf Konnotation und Denotation wird in Kapitel 4 in Zusammenhang mit den Synonymen zurückgegriffen
3.1 Paradigmatische Beziehungen
Wie eingangs geschrieben wurde, spielt die Untersuchung der semantischen Relationen zwischen Lexemen eine wesentliche Rolle in der Semantik (siehe 2.1.) Aus diesem Grund befasst sich dieses Kapitel mit der Darstellung der semantischen Beziehungen, die mit Synonymie in Zusammenhang stehen Als wichtigstem Forschungsgegenstand setzt sich die vorliegende Arbeit mit der Synonymie in dem nachfolgenden Kapitel auseinander
In der Linguistik werden semantische Relationen auch als paradigmatische Relationen benannt Busses Ansicht nach (2009, S 105) umfassen paradigmatische Beziehungen alle Beziehungen zwischen lexikalischen Elementen, die auf unterschiedliche Art und Weise über semantische Gemeinsamkeiten verfügen
Schippan (2002, S 203 – S 217) klassifiziert paradigmatische Beziehungen in 1) hierarchische Beziehungen, 2) Beziehungen der Gegensätzlichkeit und in 3) Identitäts- und Äquivalenzbeziehungen Laut der Klassifizierung von Lutzeier (2007, S 73 – S 98) werden die paradigmatischen Beziehungen in vertikale- und horizontale
Trang 2718
Beziehungen unterteilt In jeder Kategorie unterscheiden sich weitere Beziehungen im Wortschatz voneinander Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der ersten Klassifizierung auseinander
3.1.1 Hierarchische Beziehungen im Wortschatz
Schippan (2002, S 204ff.) zieht die semantische Unter- und Überordnung der Lexeme
in Betracht und stellt drei Verhältnisse zwischen den lexikalischen Unter- und Oberbegriffen dar:
1 Verhältnis von Allgemeinem und Einzelnem
Das Verhältnis von Allgemeinem und Einzelnem besteht zwischen zwei lexikalischen Sprachzeichen, wenn das eine einen Gattungsbegriff und das andere dessen untergeordneten Artbegriff bezeichnet Diese Bedeutungsbeziehung wird als Beziehung zwischen Hyponym (Artbegriff bzw Unterbegriff) und Hyperonym (Gattungsbegriff bzw Oberbegriff) benannt:
(16) Hyperonym: Primat
Hyponym: Affe Das Lexem Affe ist hyponym zum Lexem Primat, weil Affe alle Bedeutungsmerkmale des Primaten enthält (‚Säugetier‘, ‚zum Greifen geeignete Hände haben‘,
‚überwiegende Fortbewegung von Hinterbeinen‘ etc.) Dagegen schließt der Primat den Affen als eine Unterklasse ein
Zusammenfassend umfasst die Bedeutung des Hyponyms die des Hyperonyms, umgekehrt ist die Denotation des Hyponyms schon in der Denotation des Hyperonyms eingeschlossen Diese Inklusionsbeziehung wird von Löbner (2003, S 119) durch das folgende semiotische Dreieck verdeutlicht:
Trang 28(17) Substantive: Tisch – Arbeitstisch, Esstisch, Schreibtisch
(18) Verben: töten – umbringen, schlachten, schießen
(19) Adjektive: weiß – milchweiß, schneeweiß
2 Verhältnis des Teils zum Ganzen
Das stufenweise System der Körperteilbezeichnungen hält Löbner (2003, S 134f.) für das typische Beispiel für das Verhältnis des Teils zum Ganzen im Wortschatz In diesem Fall kennzeichnet der Autor die Ober- und Unterbegriffe als Holonyme (das
Ganze) und Meronyme (der Teil) Wenn man feststellen kann, dass zu einem A ein B gehört oder ein B ein Teil von einem A ist, dann wird das A ein Holonym und das B ein
Trang 2920
Meronym angesehen Die hierarchische Beziehung kann stufenweise aufgebaut werden:
Abbildung 6 : Meronymie im System der Körperteilbezeichnungen
Die Teil-Ganzes-Beziehung wird noch als Partonymie-Relation benannt Lutzeier (2007, S 76f.) ist der Auffassung, dass diese semantische Relation in erster Linie auf
der Extension eines Lexems beruht: Ein Arm hat eine Hand, ein Finger ist ein Teil von einer Hand Manche Fälle hält er für problematisch bzw zweifelhaft, weil man z B
nicht sagen würde: Ein Finger ist ein Teil von einem Arm
3 Verhältnis von Individuen und Kollektiva
In dieser Relation ist das übergeordnete Lexem ein Kollektivum, dem ein Individuum
untergeordnet ist Gruppenkolletiva (Herde, Mannschaft, Personal, Familie) unterscheiden sich von Genuskollektiva (Obst, Kleidung, Vieh, Wild) Während ein Gruppenkollektivum „eine eher abgeschlossene Vereinigung einer bestimmten Anzahl von Individuen” bezeichnet, drückt ein Genuskollektivum eine gestaltlose Klasse von Individuen aus (vgl Mihatsch 2006, S 103f.) Zwischen einem Gruppenkollektivum
und seinen Elementen besteht die Beziehung der Zugehörigkeit (Eine Kuh gehört zu einer Herde.) Dagegen kann ein Genuskollektivum durch seinen Individuen erklärt
Trang 3021
werden (Kühe, Schafe sind Vieh.) Im Vergleich zu den meisten Gruppenkollektiva sind Genuskolletiva singulativ, daher muss man z B ein Stück Vieh, ein Kleidungsstück ausdrücken, wenn die Elemente der Genuskollektiva erwähnt werden wollen
3.1.2 Beziehungen der Gegensätzlichkeit im Wortschatz
Es kommt oft vor (im Alltag, aber auch im schulischen Umfeld), dass man Gegenwörter mit dem Begriff Antonyme bezeichnet Allerdings unterscheidet Lyon die Bedeutungen des Bedeutungsgegensatzes in drei Kategorien: Antonymie, Komplementarität und Konversheit (siehe Schippan 2002, S 214)
1 Antonymie
Löbner (2003, S.124) definiert Lexeme als Antonyme, wenn sie zwei gegensätzliche Pole einer Skala bezeichnen, zwischen denen sich mehrere Mittelstufen befinden Schippan (2002, S 215) verweist auf einen „Nullpunkt“, der auf der Skala auftritt, die nach den beiden Seiten offen ist:
Nullpunkt
0
Abbildung 7 : Die Antonyme „langsam“ und “schnell“
Ein Auto muss weder langsam noch schnell fahren, sondern kann mit durchschnittlicher Geschwindigkeit fahren Die adjektivischen Antonyme sind steigerbar:
(20) lang – kurz, billig – teuer, dunkel – hell, viel – wenig
Trang 3122
Es ist möglich, dass ein Lexem sich aufgrund seiner Mehrdeutigkeit antonymisch zu verschiedenen Lexemen in verschiedenen Bereichen verhält:
(21) Das Zimmer ist 5 Meter lang, 4 Meter breit (lang – breit: räumlich)
Ich brauche kein langes, nur ein kurzes Gespräch (lang – kurz: zeitlich)
2 Komplementarität
Mit Komplementarität meint Schippan (2002, S 215f.) die Beziehung zwischen den Lexemen, die zwei oppositionale Pole bezeichnen, zwischen denen keine Zwischenstufe vorkommt Zwischen zwei komplementären Lexemen besteht die Entweder-Oder-Beziehung, d h die Bedeutung des Lexems A impliziert die Verneinung der Bedeutung des Lexems B Die komplementaren Adjektive sind nicht graduierbar Im Wortschatz treten auch komplementare substantivische Paare in Erscheinung:
(22a) verheiratet – unverheiratet, belebt – tot, frei – besetzt,
identisch – verschieden, väterlicherseits – mütterlicherseits (22b) Morgenstern – Abendstern, Mondfinsternis – Sonnenfinternis
3 Konversheit
Der Terminus Konversheit wird von Löbner (2003, S 128) definiert: „Zwei Ausdrücke sind genau dann (zueinander) konvers, wenn sie dieselbe Beziehung mit vertauschten Rollen ausdrücken.”
(23) fragen – antworten, mieten – vermieten, Lehrer – Lerner, vor – hinter
Bei der Berücksichtigung der konversen Paare stellt Schippan (2002, S 216) fest, dass die Bedeutungen eines Lexems „präsuppositive Seme“ des anderen Lexems enthalten,
z B wer fragt, braucht eine Antwort Ein Mensch ist Lehrer von Beruf, nur wenn es
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Lerner gibt usw Die Konversheit zwischen Lexemen kann durch Testsätze der Äquivalenz bewiesen werden, die von Löbner (2003, S 128f.) empfohlen werden:
(24b) x ist Lehrer von y ↔ y ist Lerner von x
3.2 Syntagmatische Beziehungen
Unter syntagmatischen Beziehungen versteht Busse (2009, S 102f.) die Relationen zwischen den einzelnen sprachlichen Elementen, die miteinander verbunden sind und eine Redekette ergeben In erster Linie werden von de Saussure die syntagmatischen Beziehungen zwischen Wörtern im Satz berücksichtigt, die in den beiden Bereichen Syntax und Semantik untersucht werden Dementsprechend spricht der Sprachwissenschaftler von syntaktischen syntagmatischen Beziehungen (Rektion und Kongruenz) und semantischen syntagmatischen Beziehungen
In der vorliegenden Arbeit wird Syntax nicht als Schwerpunkt betrachtet, deshalb werden im Folgenden nur semantische syntagmatische Beziehungen dargestellt und erläutert Dieser Teil dient als Grundlage für den Lückentest im kommenden Kapitel und in der Empirie, in dem Synonyme in Kontexten bzw Sätzen berücksichtigt werden
Ist es möglich, verschiedene Wörter zu einem Satz zusammenzusetzen, ohne die semantische Kompatibilität zu berücksichtigen? Busse (2009, S 103) verweist auf die Auffassung von Porzig (1934), dass es zwischen zahlreichen Wörtern die sogenannten
“wesenhaften Bedeutungsbeziehungen” besteht Diese logische natürliche Beziehung
führt dazu, dass ein Wort ein anderes Wort impliziert Beispielsweise drückt trinken eine Handlung eines Lebewesens aus Daher kann trinken nur in der syntagmatischen
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Beziehung mit Personen-, Tier- und Pflanzenbezeichnungen stehen Bei der Handlung
trinken nimmt das Lebewesen eine Flüssigkeit zu sich Daher verbindet trinken syntagmatisch mit den Flüssigkeiten wie Wasser, Wein, Kaffee… oder mit einem Behälter für Flüssigkeiten wie Glas, Flasche, Dose… (vgl die metonymische Relation
in 2.2.2.)
Von Schippan (2002, S 199) werden für die Kompatibilität zwischen Wörtern folgende Bedingungen vorausgesetzt:
− Die Aussage stimmt mit der Realität überein:
(25) Der Mann trinkt ein Glas Bier
Der Mann trinkt einen Teller Bier (*)
Teller und Bier sind nicht verbindbar, weil Bier ein flüssiges Getränk bezeichnet, dagegen ist Teller ein meist flaches Stück Geschirr, auf dem man ein Essen serviert
− In der Aussage widersprechen die Wörter einander:
(26) Die Frau liest den Brief vor
Die schlafende Frau liest den Brief vor (*)
In dem Satz widerspricht lesen der Bedeutung von schlafen Schlafen stellt einen
Zustand dar, in dem die Augen geschlossen sind und man die Umwelt nicht mehr
bewusst wahrnimmt Dagegen setzt vorlesen voraus, dass ein schriftlicher Text optisch
wahrgenommen und laut (für andere Menschen) gelesen wird In der Realität gibt es auch Schlafwandler, die während des Schlafens ohne Bewusstsein herumgehen und
vieles tun Allerdings bezeichnet vorlesen eine bewusste Handlung und enthält noch das Sem ,etwas fixieren’, d h mit den offenen Augen konzentriert betrachten
− In der Aussage ist ein sprachlicher Ausdruck redundant:
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(27) Auf der Bühne ist ein Pantomimenspiel
Auf der Bühne ist ein wortloses Pantomimenspiel. (*)
Pantomimenspiel enthält das präsuppositive Sem wortlos In diesem Fall hat das
attributive Adjektiv keine Funktion, das Substantiv weiter zu charakterisieren und wird daher für redundant gehalten
− sprachspezifische Selektionsbeschränkung:
(28a) Meine Kollegin hat eine Tochter bekommen
Meine Kollegin hat eine Tochter geworfen (*)
Werfen bezeichnet die Handlung ,ein Kind gebären’ von Tieren, daher sind werfen und
ein menschliches Subjekt unvereinbar In der deutschen Sprache sind zahlreiche
ähnliche Beispiele zu finden:
(28b) blonde Frau – blonder Hund (*)
(28c) brünette Haare – brünettes Pferd (*)
(28d) Das Fett ist ranzig – Das Brot ist ranzig (*)
(28e) Der Hund bellt – Die Kuh muht – Die Katze miaut
Im vietnamesischen und englischen Wortschatz kommt das Phänomen auch vor Etwa
um die schwarze Farbe des Katzen-, Hunde- und Pferdefells darzustellen, haben die Vietnamesen drei Bezeichnungen, die nicht austauschbar sind (29a) Im Englischen
bezeichnen drive und ride die Handlung ‚ein Fahrzeug steuern‘, aber drive verbindet sich mit den Fahrzeugen mit Motor, ride hingegen mit den Fahrzeugen ohne Motor
(29b):
(29a) mèo mun (schwarze Katze), chó mực (schwarzer Hund), ngựa ô
(schwarzes Pferd)
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mèo mực, chó ô, ngựa mun (*)
(29b) He drives a car She rides a bicycle (Er fährt Auto Sie fährt Fahrrad)
He drives a bicycle She rides a car (*)
− Kompatibilität der konnotativen Bedeutungen:
(30) Der König ist gestorben
Der König hat ins Gras gebissen (*)
Der lexikalische Ausdruck ins Gras beißen wird für den Tod der Menschen verwendet und besitzt das konnotative stilistische Merkmal ,salopp’, das eher auf einen
nachlässigen Gebrauch hindeutet und sich nicht für die Bedeutungsmerkmale einer
gesellschaftlich höherstehenden Person, wie dem König eignet
In Kapitel 3 werden die paradigmatischen und syntagmatischen Beziehungen dargestellt Synonymie gehört zu den paradigmatischen Beziehungen Ob ein Lexem durch seine Synonyme in einer Redekette getauscht werden kann, hängt von den syntagmatischen Beziehungen ab Dieses Kapitel befasst sich mit den Definitionen und der Klassifizierung der Synonymie und den Tests, mit denen die synonymische Beziehung zwischen den sprachlichen Ausdrücken ermittelt wird
4.1 Definitionen von Synonym und Synonymie
Viele Sprachwissenschaftler haben versucht die Synonymie zwischen den sprachlichen Ausdrücken zu definieren Bei Löbner (2003, S 117) lässt sich eine kurze, einfache
Definition finden: „Zwei Ausdrücke sind genau dann synonym, wenn sie dieselbe Bedeutung haben.“ In dieser Definition steht eine Bedeutungsgleichheit zwischen zwei
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Ausdrücken im Mittelpunkt, wobei Löbner unter „Ausdrücke“ einfache Wörter,
Kompositionen, Wortgruppen oder Sätze versteht
Schippan (2002, S 206) hebt die formale Unterschiedlichkeit zwischen Synonymen hervor und setzt voraus, dass Synonyme das gleiche Denotat benennen und deshalb übereinstimmende wesentliche Bedeutungselemente besitzen Synonymie kann zwischen zwei sprachlichen Einheiten bestehen, die sich in der Morphosyntax (31), in der Syntax (32) und im Wortschatz (33) unterscheiden, aber gleiche oder ähnliche Bedeutungen ergeben
(31) froh – freudestrahlend (einfaches Wort und Kompositum)
anbieten – ein Angebot machen (Wort und Wortgruppe)
(32) Der General befahl den Soldaten, sich zurückzuziehen
Der General befahl den Soldaten, dass sie sich zurückziehen mussten
(Infinitivgruppe und Nebensatz) (33) Geld – Knete – Moneten (Lexeme)
Wie eingangs gesagt wurde, beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit Semantik und beschränkt sich auf die Untersuchung der Lexeme Daher werden Synonyme dieser Arbeit als lexikalische Synonyme aufgefasst, denn die Auseinandersetzung mit Phrasen und Sätzen gehört eher zum komplexen Bereich der Syntax
Eine andere Definition beruht auf Bühlers Organonmodell, in dem die drei Funktionen der sprachlichen Zeichen dargestellt werden (zitiert nach Schippan 2002, S 210):
„In einem onomasiologischen Paradigma besteht zwischen zwei Lexemen A und B des gleichen Sprachsystems die semantische Struktur der Synonymie, wenn ihre Semsumme identische symbolfunktionale aber differierende [sic] signal- bzw symptomfunktionale Seme aufweisen.“
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(34a) Lassen wir uns miteinander sprechen
(34b) Lassen wir uns miteinander plaudern
Zwei synonymische Lexeme verfügen über das gleiche symbolfunktionale
Bedeutungsmerkmal ,sich unterhalten‘ Die weiteren Seme sind ‚sinnvoll‘ (bei sprechen ) und ,ungezwungen‘, ‚leicht‘, ‚angenehm‘ (bei plaudern) Mit (34a) erwartet
der Sprecher, ein vernünftiges Gespräch mit dem Hörer zu führen (symptomfunktional) Das löst auch bei dem Hörer aus, dass er gezwungen und ernsthaft an dem Gespräch teilnehmen muss (signalfunktional) Dagegen erwartet der Sprecher mit (34b) ein Gespräch auf angenehme Art; der Hörer ist nicht gezwungen und kann annehmen, dass nicht über etwas Ernstes diskutiert werden soll (symptomfunktional)
4.2 Synonymie und Referenzidentität
Eine Frage stellt sich: Sind zwei sprachliche Ausdrücke immer synonymisch, wenn sie sich auf dasselbe Denotat beziehen?
(35) Beethoven – der Komponist des Klavierstücks ‚Für Elise‘
(36) Hund – Tier in Er nimmt den Hund auf den Arm und füttert das Tier (37) Eltern – Vater und Mutter
Obwohl Beethoven und der Komponist des Klavierstückes ‚Für Elise‘ im Beispiel (35)
sich auf eine Person beziehen, ergeben zwei Ausdrücke verschiedene Bedeutungen
Während Beethoven der Name eines Mannes ist, versteht man unter de[m] Komponist[en] des Klavierstückes ‚Für Elise‘ die (berufliche) Tätigkeit und die Leistung einer Person Schwarz/Chur (2004, S 55) betrachtet das obige Beispiel nicht als Synonymie, sondern als referentielle Identität Die Synonymie unterscheidet sich von der Referenzidentität durch die Übereinstimmung von Extension und auch Intension (siehe 2.3.)
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Es ist plausibel, dass sich Hund und Tier im Beispiel (36) auf das gleiche Objekt
beziehen Wenn man trotzdem diese zwei Ausdrücke kontextfrei berücksichtigt,
werden sie der Hyperonym-Hyponym-Beziehung zugerechnet: Hund als Hyponym/Unterbegriff und Tier als Hyperonym/Oberbegriff (siehe 3.1.1.) Hier lässt
sich das Beispiel auch als Referenzidentität wahrnehmen
Im Gegensatz dazu haben Eltern und Vater und Mutter kontextfrei immer identische
Bedeutungen Außerdem müssen Synonyme nicht unbedingt gleiche Strukturen haben
Vater und Mutter sind zwar keine feste oder phraseologische Wendung, aber „eine reguläre Auflösung“ für Eltern Solche Fälle werden auch als Synonyme
gekennzeichnet (vgl dazu Schippan 2002, S 206)
4.3 Klassifizierung der Synonymie
Das Klassifizieren der Synonymie ist insofern problematisch, dass sich nach Ansicht mancher Wissenschaftler (z B Löbner, Schwarz/Chur, Ullmann) Synonymie in totale und partielle Synonymie bzw Relation der Bedeutungsgleichheit und Relation der Bedeutungsähnlichkeit gliedern lässt Demgegenüber sind andere Wissenschaftler (z
B Schippan, Busse) der Meinung, dass es in der Sprache keine totale Synonymie gibt, sodass es irrelevant ist, zwischen totaler und partieller Synonymie zu unterscheiden
4.3.1 Totale Synonymie
Löbners Standpunkt nach muss totale Synonymie „sich auf alle eventuellen Bedeutungsvarianten und alle Bedeutungsanteile (deskriptive, soziale und expressive Bedeutung) erstrecken“ (Löbner 2003, S 117) Beim Betrachten seiner strikten
Bedingung könnte man also feststellen, dass die totale Synonymie nur zwischen
monosemen Lexemen bestehen könnte Je mehr Sememe ein Lexem enthält, je mehr Seme ein Semem besitzt, desto schwieriger kann Löbners Bedingung erfüllt werden
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Das polyseme Wort groß im folgenden Beispiel zeigt die Schwierigkeit, totale
Synonyme im Wortschatz zu finden:
(38a) der große Unterschied zwischen Männern und Frauen (groß – ‚wichtig‘) (38b) Das war ihre große Leistung (groß – ‚gut‘)
(38c) Ich habe einen großen Bruder (groß – ‚älter‘)
Löbner (2003, S 117) bestätigt selbst, dass diese Bedingung fast nie erfüllt ist Zwei Beispiele der totalen Synonymie werden von ihm angeführt:
(39) Samstag – Sonnabend, Cousin – Vetter
Andere Fälle hält er aber für „trivial“, und zwar Abkürzungen (40a) und Paare aus Kurzwörtern und ihren Langformen (40b):
(40a) LKW – Lastkraftwagen, LP – Langspielplatte
(40b) Trafo – Transformator, Mikro – Mikrofon, U-Bahn – Untergrundbahn Schwarz/Chur (2004, S 54) sind auch der Meinung, dass eine „100%ige Bedeutungsgleichheit zwischen zwei Wörtern“ sehr selten vorkommt und das folgende einzige Beispiel wird von ihm angeführt:
(41) Apfelsine – Orange
Ullmann (1973, S 179) hält Fachterminologien für absolute Synonyme, weil sie
„vollkommen deckungsgleich und gegeneinander austauschbar“ sind:
(42) Lautlehre – Phonetik, Bedeutungslehre – Semantik
Allerdings berücksichtigt Schippan (2002, S 207) die semantische Äquivalenz zwischen Lexemen im Zusammenhang mit ihrer räumlichen Erstreckung, z B Mundart- oder Dialektwörter Im DUDEN-Synonymwörterbuch (2006) wird die Quelle
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der sprachlichen Ausdrücke auch markiert: Sonnabend (39) wird im Nord- und Mitteldeutschen verwendet, Samstag hingegen im Süd- und Westdeutschen, im Österreichischen und im Schweizerischen; Apfelsine (41) im Norddeutschen, Orange
dagegen im Süddeutschen Dass diese Wörter regional gebunden sind, widerspricht der strikten Bedingung von Löbner Sie können daher nicht als totale Synonyme gekennzeichnet werden
Busse (2009, S 104) berücksichtigt eine soziolektale Differenz zwischen der Gemeinsprache und der Fachsprache Das DUDEN-Synonymwörterbuch (2006, S 18) hebt ebenfalls diese Gebrauchseinschränkung hervor, dernach die Fachterminologien
wie Phonetik, Semantik (42) meist von Laien nicht verwendet und gar nicht verstanden
Ist es möglich, dass ein Lexem durch ein anderes in jedem Kontext substituiert wird,
ohne dass sich Bedeutungen des Kontextes ändern? Die Antwort ist Nein Busse (2009,
S 104) stellt fest: „Da in der Sprache im Allgemeinen das Ökonomieprinzip äußerst strikt herrscht, wird es kaum jemals eine echte Funktionsidentität eines Wortes in allen seinen Hinsichten geben.“ Diese Aussage impliziert, dass im Wortschatz totale Synonyme kaum vorkommen, denn das Ökonomieprinzip im Wortschatz vermeidet die parallele Existenz totaler Synonyme Auf die Entstehung der Synonyme wird in Kapitel 4.4 eingegangen