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Luận văn industrialisierung in der deutschen literatur vom vormärz bis zur jahrhundertwende

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THÔNG TIN TÀI LIỆU

Thông tin cơ bản

Tiêu đề Luận văn industrialisierung in der deutschen literatur vom vormärz bis zur jahrhundertwende
Tác giả Bùi Linh Hà
Người hướng dẫn TS. Gerhard Jaiser
Trường học Hanoi National University of Foreign Studies - Faculty of Western Languages and Literature
Chuyên ngành German Literature
Thể loại Thesis
Năm xuất bản 2012
Thành phố Hà Nội
Định dạng
Số trang 66
Dung lượng 1,74 MB

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Nội dung

In dieser Arbeit ist es zu sehen, dass sich jede Phase der deutschen Industrialisierung mit lypischont Kierarischen Werken ausmalen lassi.. Hinzu kommt auch noch, dass damals in Deutschl

Trang 1

ĐẠI HỌC QUỐC GIA HÀ NỘI TRƯỜNG ĐẠI HỌC NGOẠI NGỮ

KHOA NGÔN NGỮ VÀ VĂN HÓA PHƯƠNG TÂY

KHÓA LUẬN TỐT NGHIỆP

Công nghiệp hóa trong văn học Đức

Từ trước cách mạng năm 1848 đến cuối thế kỷ 19 / đầu

thế kỷ 20

Giáo viên hướng dẫn: TS Gerhard Jaiser

HÀ NỘI - NĂM 2012

Trang 2

Eidesstattliche Erkkirung

Iliermit erklére ich an Tides statt, dass ich vorliogende Diplomarbeit selbststandig angefertigt und keine andere Literatur als die angegebenen benutzt habe

Hanoi, 2012

Trang 3

Danksagung

Fin herzliches Mankeschén geht an alle, die mich bei der Frstellung meiner Diplomarheit

unterstiirzt haben

An dieser Stelle inéehte ich mich ber Herm Dr Gerhard Jaiser bedanken, der mich

wahrend meiner Diplomarbeit betreut und umfangreich unterstiirzt hat,

Auch méchte ich mich im Besonderen bei meinen deutschen Freunden bedanken, dic bei der Korrektur der Arbeit sehr hilfreich zur Seite standen

Nicht zuletzt gilt mein ganz besonderer Dank meinen Hltem, die mir meinen

Berufswunsch erméglicht haben und mir stets geholfen haben.

Trang 4

Danach wird die Schilderung der Industrialisierung in der deutschen Literatur dargestelit

In dieser Arbeit ist es zu sehen, dass sich jede Phase der deutschen Industrialisierung mit lypischont Kierarischen Werken ausmalen lassi Rs asst, sich sagent, dass die Hilorarischert Werke in der Zeit vom Vormarz bis der Jahrhundertwende starken Kritik an die

Industrialisierung und seine Folgen diben

Trang 5

2.4, Somale Folgen đer InduslrialisiE1uhg, 5t tì Si it re ren mm

3.1 Tndustrialisierung und T.iteratnr im Vormarz (bis um 1850) - 19

3.1/1 ,Die schlesischen Weber“ von Heinrich Heine20

3.1.2, „Das Engelchen” von Rabert Prutz 23

3.1.3 Eisenbahniyrik und ,An den Friihling” von Nikolaus Lena

3.2 Industrielle Revolution im Zeitalter des Realisnms (1850 — 1880/90) - 28 3.2.1 ,Die Brũck” am Tay" von Theodor Fontane 29)

3.2.2 ,Der Schimmeireiter“ van Theodor Storm 32

3 Pfisters Miihle” von Wilhelm Raabe 35

3.3 Literarische Modeme und technisch-industrielle Modeme in der 7aluhundertwende (1880/90

1814/18) uc ch HH HH HH HH HH HH nu hườn „39

Trang 6

3.3.1 ,Die Weber” von Gerhart Hauptmann = 4Q

3.3.2 ,,Der Gott der Stadt* von Georg Heym

4, Faslt und Ansblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Trang 7

1 Einleitung

1.1 Themenauswahl

Seit dem Beginn der Menschheit erleben wir viele aufiergewöhnliche

Ereignisse Aber im Rủckblick auf das 19 Jahrhundert ist dieses Jahrhundert

vielleicht das GroBte seit dem Beginn unserer Zeitrechnung Es wurde von

zahlreichen wichtigen historischen Ereignissen geprigt Das damals im

Mittelpunkt stehende und einen tiefen Einfluss auf unsere Geschichte habende

Ereignis war die Industrialisierng in Europa Es wird fir die gréBte

Verdnderung in der Geschichte der letzten Jahrhunderte angesehen In Bezug auf

sowohl technischen als auch sozialen Aspekten: 100 Jahre nach dem Beginn der Industrialisierung gab es 50.000 Streckenkilometer Eisenbahn in Deutschland',

in den deutschen Stadten schossen neue, modeme Fabriken wie Pilze aus dem

Boden, statt Kerzen wurden Glihbimnen zu Hause benutzt

Die Industrialisierung erreichte in der Tat viele Erfolge und brachte viele

Neuheiten mit sich, was als eime neue, innovative Ara der Welt und der Menschheit galt Doch die Gefahr unter die Rader zu kommen, ist grof in dieser neuen Zeit Vor den Schattenseiten der Industrialisierung verschlieSt man allerdings noch die Augen: Trotz des Durchbruches der Industrialisierung zerstérte sie die alten familiaren Lebensweisen und ref in ihrer friiheren Phase erbarmliche Verhaltnisse und soziale Ungerechtigkeit hervor Das Leben veranderte sich damals innerhalb der Gesellschaft drastisch Stickige Luft,

verschmutzte Himmel und Fliisse wurden als unvermeidliche

Begleiterscheinungen des Aufstiegs hingenommen

Es ist selbstverstandlich, dass die neue Zeit auch neue Zwange geschaffen

hat Viele waren auch dieser Meinung So schrieb der Philosoph L Klages im

| Vel Hilt 2010 Verfiigbar unter planet-

wissen.de/politik geschichte/wirtschaft_und_finanzen/industrialisierung/index.jsp (aufgerufen am

16.04.2012)

Trang 8

Leer ist es auf dem Parnass* 1913: ,.Die meisten leben nicht, sondern existieren

nur mehr: sei es als Sklaven des Berufs, sei es als Sklaven des Geldes, sei es

endlich als Sklaven grofstadtischen Zerstreuungstaumels In keiner Zeit noch

war die Unzufriedenheit gréfer und vergiftender.“?

Die Industrialisierung samt ihren Licht- und Schattenseiten werden in

vielen Bereichen der Kunst geschildert Die Kunst, die damals ein breites

Spektrum der Industrialisierng in Europa naher zum Publikum brachte, ist

Literatur Von „The excursion (1814) von William Wordsworth,

~ Frankenstein“ (1818) von Marry Shelley bis Theodor Fontanes ,.Die Briick* am

Tay* (1879), ,,Papa Hamlet (1889) von Bjarne Peter Holmsen (Pseudonym von

Aro Holz und Johannes Schlaf) usw

Die industrielle Welle hat auch einen entscheidenden Einfluss auf Deutschland, nicht nur auf materielle Werte sondem auch auf die ideellen Dies

wurde in drei literarischen Epochen zum Ausdruck gebracht: Vor- und

Nachmarz (bis um 1850), Realismus (1850 — 1880/90) und in der Jahrhundertwende (1880/90 — 1914/18),

All diese obergenannten Fakten tber die Industrialisierung und ihre

Wirkungen auf die Literatur wecken in mir ein groBes Interesse daran Daher

méchte ich dieses Thema tiefer forschen Aus diesem Grund beschaftigt sich

diese vorliegende Diplomarbeit mit dem Thema ,Industrialisierung in der

deutschen Literatur

1.2 Zielsetzung

Meine Diplomarbeit stellt sich folgende Aufgaben’

? Hilt 2010 Verfiigbar unter planet-

wissen.de/politik_geschichte/wirtschaft_und_finanzen/industrialisierung/index.jsp (aufgerufen am

15.04.2012)

Trang 9

* — Erlauterung des Bogriffs Industrialisierung’, seines Ursprungs, seiner Morkmale und seiner Folger

© Analyse der Wirkungen von der Tndustrialisiorung auf das I.eben der Bevélkerung in Deutschland

© Praklische Untersuchung Gber diese Wirkungen anhand lilerarischen Werke: , Die schlesischen Weber (1844) von Heinrich Heine, ,,An den Frithling (1838) von Nikolaus Tenau (Eisenhslmlyrk), „,Das Rngelchen (1851) vor Robert Prutz, „Die Brick’ am Tay* (1880) von Theodor Fontane, Der Schimmelreiter“ (1888) von Theodor Storm, ,.Pfisters Mihle (1884) von Wilhelm Raabe und ,,.Die Weber (1894) von Gerhart Hauptmann

1.4 Aufbau der Arbeit

‘Aus der Zielsetzung ergibt sich folgende Gliederung fir die vorliegende

Arbeit

Nach Linleitmg im ersten Kapitel folgt im zweiten Kapitel die Trdustialisicrung zum Allgemeimen (der Begriff, hisloriseher Himergrund, Kennzeichen, soziale Folgen) Das dritte Kapitel dient die Darlegung des Zusammenhangs zwischen Industrialisierang und deutscher Literatur in verehiederen Epochen Und Kapiel 4 gibl einen vasammenfassenden Uberblick aber die Ergebnisse der Untersuchung,

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Trang 10

2 Industrial rung

2.1, Zum Begriff Industrialisierung

Industrialisierung ist ein Prozess, der die Volkswirtschaft umgestaltete, in

der die Agrarwitschaft (handarbeisorientierte Tatigkeiten) zur

Industriewirtschaft (maschineorientierte Tatigkeiten bzw Massenproduktion in

Fabriken) iiberging *Mit diesem Begriff bezeichnet man den komplexen Prozess

der Umgestaltung der vorindustriellen Wirtschaft, die von geringer Produktivitat

und tendenzieller Stagnation gekennzeichnet war, in eine Industriewirtschaft mit

steigender Produktion, relativ hohem Lebensstandard und anhaltendem

Wachstum Dieser Transformationsprozess brachte grundlegende Veranderung der wirtschaftlichen Organisationsformen, der Technologie und der

Wirtschaftsstruktur mit sich

In Bezug auf die europaische industrielle Revolution wird

Industrialisierung als historischer Epochenbegriff verwendet Industrielle

Revolution gilt auch als Synonym fiir Industrialisierung Mit dieser Revolution

ist vor allem die Entwicklung und Forschung in Europa am Ende des 18., besonders aber im 19 Jahrhundert gemeint, die zuerst in England zu beobachten war Danach erreichte sie andere europaische Staaten und dann die USA, wo die industrielle Revolution ihr groBtes AusmaB hatte.1 Es wird zum Ausdruck

gebracht, dass diese Entwicklungen in gewaltiger Geschwindigkeit vollzogen

wurden, in denen sich die maschinelle Erzeugung von Gitern und

Dienstleistungen durchsetzte Aus diesem Grund war damals der Motor der Wirtschaft die industrielle Herstellung von Produkten

Dieser Begriff bezeichnet ebenfalls die soziokulturelle, politische und wirtschaftliche Wandlung der Gesellschaft im Zuge der technischen

? Val Niemann 2009, S.67

“ Vgl Stadt Attendon/Stadt Achiv Verfogbar unter:

geschichte attendorn de/industrialisierung/indus_rev.htm (aufgerufen am 10.02.2012)

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Trang 11

Imnovationen und dem Durchbruch des Fabriksystems Ein besonderes Kennzeichen von erfolgreicher Industrialisierung ist die Steigerung vom „Pro- Kopf-Einkommon" des Bargors und dic Produktivitat der Volkswirtschaft Dic Industrialisierung liberalisiert auch die llandelsbeschränkungen Weitere wichtige Kennzeichen dieses allgemein definierten Vorganges waren die

‘Umstellungen von biologischen auf mechanischen Antrich (Damplmaschine) Das Spinnrad wird durch den Maschinenwebstuhl ersetzt Es gab viele neue technische Verfahren in der Fisenerveugung und Fisenverarbeitung sowie zahlreiche technische Erfindungen bzw Fortschrittc, wie Eisenbahm, Dampfmaschine und Lisenschiff

2.2 Historischer Hintergrund

Der Ursprung der /ndustrialisierung liegt in ingland Am Linde des 18

Jahrhunderts (in den 1760er Jahren) wabrend des Viktorianischen Zeitalters

begann dieser Provess Warum gerade in England? Mchrere Qrũnde könmen genannt werden, die dazu gefiihrt haben, dass Hngland das Geburtsland der

Tndustrialisierung ist England war seil langem schon ein vercimgtes Land (vor

Absolutismus befreit) im Gegensatz zu Italien oder Deutschland, Daher gab es

keine Steuern oder Zdlle zwischen verschiedenen Territorien Auferdem besai} das Land auch cine cimheilliche Wabrung Vor allem wurde auch dic

Gewerbefreiheit auch eingefthrt, Das heift Mandel war relativ ungestért méglich, Mit der britischen Flotte — der gréfiten europảischen Flotte — war

England seit dem 17 Jahrhundert dic bedeulendste Handelsmacht in Europa

Diese auftenpolitische Starke war die Grundvoraussetzung fur die dominierende

Stellung Fnglands in den Kriegen des 18 Jahrhunderts Der zweite Grund ist,

dass England cin schr reiches Land war Infolgedesscn konnte der Staat Geld in

industrielle Fabriken jinvestieren Im Ubrigen war auch die englische

Landwotsehall schon weil entwickell: es wurde produktiv gearbeitel und [ir dic

Bevélkerung so viele Lebensmitte! hergestellt, dass sich ein guter Teil der

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Menschen auch Gedanken tiber andere Dinge machen konnten, wie 2.B

Maschinenherstellung zur Fẻrderung der Landwirtschaft Der dritte Grund

bezicht sich auf dic wissenschaftlichen und technischen Faktoren Infolge der

Auufklarung und der Nachfrage auf dem Markt entwickelten sich Wissenschaft

und Technik sehr siark in England Eine ethéhte Anzahl an Patentanmeldung

signalisicrle cine dynamische Entwicklung Die crste Phase der englischer Industrialisienng hangt mit Lisen- und Baumwollindustrie zusammen Der Staat

war damals der weliweil bedeutendsie Hersteller von Textilien Daher kamen die

meisten Exfindungen und technologischen Neucrungen in der onglischon

Textilindustrie zum Einsatz Die Schlisselerfinchmgen waren die

Damplinaschine und dic Verbesscrung der Stahterzcugury Mithilfe dos Ausbaus von Kohlebergbau und Hisenproduktion entstanden neue und schnelle

Verkebrsmittel wie das Dampfschiff und die Eisenbahn, welche eine 4uferst wichtige Rolle fir dic Intrastruktur in England, und danach in zahlreichen

europdischen Staaten, spielten Nicht zuletz trug der Aufbau einer weltweiten

Handelshegemonie zu dem englischen Aufstieg bei Es wird bestimmt dass

Giter aus Europa nur auf englischen Schiffen oder auf Schiffen des

Tirzeugerlandes nach England importiert werden dirften Daher nahm

Aufenhandet cincn bedeulenden Rang in England ct Diese FakLoren fihrien in

England zu einem rasanten Wirtschaftswachstum und der Hntstehung vieler

Grofistadte Wahrend England im 18 Jahrhundert als die Wiege der Industialisicrung betrachict wurde, wurde das Land selbst im 19, Jabrhundert

als ,, Werkstatt der Welt angesehen

Bis die Industrialisierung dann in Deutschland ankam, hat es relativ lange gedanert Mehr als ein halbes Jahrhundert spater war es dann so weit Tiner der vielen Grimde daftir ist, dass Deulschland um das 18 Jahrhundert, unglaublich viele kleine ‘Territorien hatte, Wenn man vom Norden nach Suden reist, musste man hunderte Male Grenzen durchschreiten und dann Zélle bezahlen Aus

dicsem Grund war Handel in dieser Zel run sehwer möglich, was cũng

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Industrialisierung fast unméglich machte Hinzu kommt auch noch, dass damals

in Deutschland immer noch der Absolutismus regierte Die wirtschaftlichen und

gesellschaftlichen Aspekte verhinderten eine fortschreitende Industrialisierung,

obwohl sich das Birgertum schon Mitte des 18 Jahrhunderts immer mehr vom

Adel emanzipierteS Ein genauer zeitlicher Rahmen der Industrialisierung in

Deutschland ist nicht einfach zu bestimmen, da verschiedene Faktoren diesen

Ablauf beeinflussten Aber dennoch kann man die Industrialisierung in

Deutschland in drei Phasen teilen: erste Phase (1835 — 1849), zweite Phase

(1850 — 1870) und dritte Phase (1871 — 1914) Weshalb gerade diese drei

Phasen? Es hangt mit mehreren Aspekten zusammen, vor allem politische,

gesellschaftliche oder wirtschaftliche Voraussetzungen Die Grinde hierfir

waren, unter anderem, die politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen

Aspekte

Einer der vielen Faktoren, der die Entstehung der industriellen Revolution

in Deutschland bzw die erste Phase der deutschen Industrialisierung bestimmt, sind die politischen Voraussetzungen, Als erstes méchte ich die Bauernbetreiung erwahnen Der Beginn der Preufischen Reformpolitik wurde vom Oktoberedikt

am 9 Oktober 1807 kennzeichnet Dieses von Karl Freiherr vom Stein und Karl August von Hardenberg verfasste Gesetz erklarte alle Bauern in PreuBen zu

freien Burge Der Bauer war jetzt vollberechtiger Staatsbiirger Den Bauern

wurden nun das Recht auf Selbstentscheidung ber ihren Wohnsitz und ihre

'weiteren Berufsziele eingeraumt.5 Sie wurden aus der herrschaftlichen (feudalen)

Abhangigkeit befreit und hatten die Méglichkeit, das von ihnen genutzte Land

des Grundherm als Eigentum zu erwerben Die Abschaffung der traditionellen

Verhaltnisse erleichterte die Rationalisierung in der Landwirtschaft und damit

5 Val Stadt Attendorn/ Stadt Achiv Verftigbar

unter:geschichte.attendom.de/industrialisierung/indus_deu.htm (aufgerufen am 15.02.2012)

°-Val Griesshaber 2010, Verftigbar unter: geschichtsverein-koengen de/IndRevolution htm (aufgerufen am

15.02.2012)

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Trang 14

die Erhöhung = der ~—- Nahrungsmittelproduktion, die = durch ~— das

Bevolkerungswachstum notwendig wurde.” Zweitens ging es in der ersten Phase

um die Gewerbefreiheit Durch die Stein-Hardenbergsche Reform wurde die

Gewerbefreiheit 1811 in Preufen eingefiihrt Gewerbetreiheit bedeutete also,

dass jeder berechtigt war, ein Gewerbe auszutiben Wer wollte, konnte Art,

Umfang und Technik des ausgewahlten Gewerbes selbst bestimmen Dies war

auch gleichbedeutend damit, dass die Ziinfte der Handwerker aufgehoben wurden Auf diese Weise wurden die Bauern, Birger und Handwerker auch geférdert, ihr Eigentum zu besitzen Neben den politischen Reformen wurde

auch ein wirtschaftlicher Aspekt in Betracht gezogen Eine gemeinsame

Zollpolitik wurde vom Wiener Kongress (1814/15) als Ziel formuliert aber jedoch erst spater realisiert Das Inkrafttreten des Zollvereins am 1 Januar 1834 fihrte zum Abbau einer Fliche von 425.000 km? umfassenden Zollgrenzen Dies erlaubte die Schaffung eines groBeren wirtschaftlichen Binnenmarkts und die

Vereinheitichung ékonomischer © Rahmenbedingungen Nach der

Bauembefreiung erzielte die deutsche Landwirtschaft viele Verbesserungen: Die Einfihrung der Fruchtwechselwirtschaft zur besseren Ausnutzung des Bodens,

die Ausweitung der Futterpflanzung und des Kartoffelanbaus, die Verbesserung der Dingung.® Mit dieser Entwicklung wurde in der deutschen Landwirtschaft

auch die maschinelle Ausriistung wie in vielen anderen Lander eingefihrt, was

eine der entscheidenden Pramissen fir den Industrialisierungsprozess war Die

Steigerung der Produktivitat in Landwirtschaft hat eine Verbilligung der

Lebenshaltung sowie neue Arbeit auf dem Land zum Ergebnis Dies beeinflusste

das Wachstum der Bevélkerung mit Nach vielen Reformen und erzielten

Erfolgen verfiigte Deutschland jetzt ber notwendige Voraussetzungen fir eine Industrialisierung, dh einheitlicher Wirtschaftsraum, _entwickelte

Landwirtschaft, eine grofe Menge von Arbeitskraften Im Ubrigen hatten die

7 Val Walter 2003, S 74

5 Vgl Griesshaber 2010, Verftgbar unter: geschichtsverein-koengen de/IndRevolution htm (aufgerufen am

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Deutschen dadurch auch Vorteile Sie konnten das Gewissen und die

Tirfindongen von den Englindem, wie zB Medizin mit neuer Technik fiir

Kinderkrankheiten, einfach nchmen und dadurch weitere Erfabrungen sammecln

Um das Jahr 1835 begann die Industrialisierung in Deutschland In dieser Zeit

begann ein aligemeiner tibergang von der Handarbeit zur Maschinenarbeit,

Frleichlerung des Handels durch den Zollverein und den Aufschwung des

Bankwesens Die erste Phase der deutschen Industrialisierung ist durch den Begin des Fisenbalmbaus in Deutschland kennzeichmel, Am 7 Dezember 1835 wurde dic als dic orste Eisenbahn in Deutschland angeschene

Fisenbahnverbindung Nérberg -— Firth von der Ludwigs-Eisenbahn-

csellschafL crỏfiitel Kurz daran[ ertwickolle sich die Fisenbahrtindustrie sclir

schnell Der Hisenbahnbau machte einen entscheidenden Beitrag dazu, nicht nur dem deutschen [Iandel einen Auftrieb zu geben, sandern auch die soziale Situation damals zu verbesscm Dic Eisenbahnen crméglichten den Austausel

proBer Massen lebensnotwendiger Giiter zwischen den einzelnen Regionen

Beim Bau der Eisenbahn und der Bahnstrecken fanden viele Menschen eine Arbeit, nicht nur in den Grofstidten Der Hisenbabnbau rief eine grofe Nachfrage nach verschiedenen Grundstoffen, besonders Stahl und Kohle hervor Daher wurde Stahl vermelot, bergestell und mit dem Fabrikaystom kam es cur

Massenproduktion Dies gab auch der deutschen Schwerindustrie einen Auftrieb

Vom Marz 1848 bis zam Spatsonuncr 1849 ercignete sich im Deutschen

Bund die Marzreyolution, auch die Deutsche Revolution 1848/49 genamnt Aber

der Versuch, einen demokratischen einheitlichen deutschen Nationalstaat zu schaffen, wurde von preufischen und éstereichischen Truppen unterdriokt Nach diesem Treignis began um 1850 die zweite Phase, die Phase des industriellen Durchbruchs i Deutschland Die Deulsche Revolution 1848/49 fuhrte zur monarchischen Restauration, welche in einem grofen Umfang geschah Die von Preufen wirtschafilich abhangigen kleinen Staaten traten auch

in đen Zollvercin cin, Dies erméglichle cine gréBere Ausdchramg und auch

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wachsende Produktivkraft fir den Wirtschaftsraum innechalb der Gebiete des Zollvereins Daher weitete sich auch der freie Handel in den deutschen Staaten aus, Von 1850 bis 1870 waren cs mebrere Wistschattszweige, dic den wirtschaftlichen Aufachwung trugen Schon in der ersten Phase der deutschen Industrialisierung entwickelte sich der Bisenbahnbau sehr stark In dieser Phase errvichle der deutsche Fisenbahnbau itamer noch groBere Frfolge Der Ausbau des Bisonbahnsystems hatte erhebliche Auswirkungen auf die davon abhiingigen Tndustriebereiche wie den Koblebergbau, die Fisenerveugung und den Maschinenbau In Deutschland, das noch in den 1840cer Jahren weniger Kohle als Frankreich oder sogar Belgien geférdert hatte, ging der industrielle Fortschritt im Bereich der Schwerindustrie in den 18S0er und 1860cr Jabren unter dem Einfluss des Misenbahmbaus extrem schnell vonstatten Der Bisenbahnbau stellte den zentralen Teil des schwerindustriellen Komplexes dar, der der Leitscktor der deutschen Industrialisicrung war Neben dem Aufschwung der Wirtschaft entwickelten sich auch ‘Technik und Wissenschaft in dieser Phase

In der ersten Phase der Industrialisierung kam die Wissenschaft relativ selten in den Produktionsverfahren vor Hs stand in dieser Zeit im Zeichen der bewussten Nachahmung und Ubernahme fortschrittender Techniken und Verfahren aus dem Ausland Dabei spielte auch auslindisches Kapital cine wichlige Rolle Fs warden in der zweiten Phase wissenschaftliche Hrkenntnisse mehr und mebr durch die Unternehmen eingesetzt, um neue Produkte zu erzeugen und sie auf den Markt zu bringon, AuBerdem wurde auch dic wissenschaflliche Forschung vom Staat geférdert In dieser Periode entwickelte sich auch eine neue Finanvierungsform der Betricbe, Aktiengesellschall (durch Beteiligumgskapital) Der Grund fur diese Entwicklung war, dass herkommliche Finanzierungsformen

in den groBen neven Investitionsbereichen wie Iisenbabnbau nicht mehr

ausreichten,

187] ist ein bedeutendes Jahr fir Deutschland Am 18.Januar 1871 wurde

der deulsche NaHonablsnL während des dien ,Reichscinigungskriegs in

Trang 17

Versailles gegrimdet, In diesem Zeitraum trat die deutsche Industrialisierung, in eine neve Ara, namlich die Hochindustrialisierang In der Zeit von der Reichsgrindung bis zum Ersten Weltkrieg outwickelte sich Deutschland zum Industriestaat, d.h die Industrie nahm die beherrschende Stellung innerhalb der deutschen Volkswirtschaft ein, so dass von ihr die wirtschaftlichen und die gesellschafllichen Vorhallnisse emlseheidend becinflusst wurden Die ersten beiden Jahrzehnte nach der Reichsgriindung wurden durch die Grinderkrise und ihre Folge gepragh Das Frscheinungsbild lassi sich anf allgemeine Punkte reduzicren: cine sprunghafte Ausdehnung der Kapazitaten und der Produktion bis 1873 wurde abgelést durch eine Periode des Uberangebotes und damit der Preissonkumgen und infolgedessen der Verlangsamung des wirlschallichen Wachstums ‘Trotz der Grinderkrise gab es noch ein langfristiges Wachstum der gewerblichen Wirtschaft bis 1914 und es machte sich in fast allen Bereichen bemerkbar Dic Entwicklung der gewerblichen Produktion stand in Abhingigkeit von der Zahl der Beschaftigten und der ntwickhing der Arbeitsprodultivitat,

2.3 Kennzeichen der Industrialisierunp

Bis zw Verbreitung der industriellen Produktion war die Wirtschaft in Luropa bis etwa 1750 durch folgende Merkmale gepragt) Arbeit in kleinen Gruppen, aklive Stouerung der Arbeit, handwerkliches Geschick, deventralisierie Arbeit und geringer Produktionsumfang, Nach diesem Zeitraum erschienen viele Veranderung in sowohl der Gesellschaft als auch in der Wirtschaft, was als die

Merkmale fir Industrialisicrung angeschen werden

Industrialisierung charakteristiseh:

e — Institutionalisierung von Wachstam

© — Anstiep des Lebensstandards

© — Demographischer Ubergang,

18

Trang 18

e — Strukturwandel

¢ — Anderung der Bewegungsmuster der Wirtschaft?

Die Industrialisierung fihrte zuerst zu einer Institutionalisierung des

Wachstums Im Vergleich zur vorindustriellen Phase stieg das jahrliche

Wachstum des Sozialprodukts pro Kopf wahrend der Industrialisierung auf

durchschnittlich 1,2 %.!° Wachstum fihrte einerseits zum ansteigenden Lebensstandard, infolgedessen fiihrte es auch zu damit verbundenen quantitiven und qualitiven Nachfragen Ein Anstieg des allgemein Lebensstandards setzte jedoch voraus, dass die Emkommen nicht zu ungleich verteilt werden Ein Grund fir die nicht gleich verteilten Einkommen ist, dass die Unternehmen ihre Investitionen nicht reduzieren sollten Als Folge ‘wurde die

Investitionsbereitschaft der Unternehmen aufrechterhalten

Der Industrialisierungsprozess war sehr oft mit dem demographischen

Ubergang verbunden Dieser in allen Industrielandern zu beobachtende Prozess

bezeichnet den Ubergang von hoher (vorindustrieller Phase) zu medrigen Sterbe- und Geburtenraten Es resultiert den veranderten _natiirlichen

Exportzusammensetzung und der Verwendung des Sozialprodukts!" Diese

Veranderungen in der Beschaftigungsstruktur orientieren sich um die Senkung der Zahl der Tatigen in Landwirtschaft (primarem Sektor) und um die Steigerung

der Zahl der Tatigen in sekundirem Sektor (Industrie zum Beispiel) Dieser

° Buchheim 1997, 8 60

1° Vgl Lehrstuhl fiir Soziologie und Empirische Sozialforschung Verfiigbar unter: soziologie, wiso.uni-

erlangen.de/archiv/ss01/erundzuege2/s_š pdf (aufserufen am 18.02.2012)

"Val Lehrstuhl fiir Soziologie und Empirische Sozialforschung Verfgbar unter: soziologie wiso.uni-

erlangen de/archiv/ss01/grundzuege2/s_3.pdf (aufgerufen am 20.02.2012)

Trang 19

Wandel der Wirtschaft hat unmittelbare Auswirkungen auf die Arbeitsstrukturen und damit auf die Qualifikationsentwicklungen

2.4 Soziale Folgen der Industrialisierung

Wie in England betraf die industrielle Revolution in Deutschland nicht nur das Wirtschaftswesen, sondem vor allem auch das Sozialwesen Durch sie veranderten sich die Lebensverhaltnisse aller Bevélkerungsgruppen in der

Gesellschaft

In der ersten Halfte des 19 Jahrhunderts (seit 1816) beschleunigte sich das

Bevolkerungswachstum Um 1816 lebten im Gebiet des spateren Deutschen

Reichs etwa 24 Millionen Menschen, um die Jahrhundertmitte waren es schon

35 Milionen!? Aber in dieser Zeit gab es noch kein wachsendes

Arbeitsplatzangebot dem gegemiber Die ersten Industriestadte waren noch zu

Klein und zu wenig, um die Unterschichten (80 % der Bevélkerung vom damaligen Deutschen Bund betragend) aufzunehmen Daher bahnte sich eine

demographische Katastrophe in den 30er und 40er Jahren in Deutschland an, die

in Teilen Westeuropas schon frither zu beobachten war Und seit dieser Zeit

setzte sich in Deutschland der Begriff ,.Pauperismus* zur Beschreibung des Phánomens von Bevélkerungswachstum und Verarmung Die Nahrung der

Unterschichten bestand auf jeden Fall nur aus Kartoffeln, Brot, Graupen und Kraut Viele landlose Unterschichtenfamilien betrieben Wilderei, Holz- und

Getreidediebstahl, um zu tiberleben In den Stadten war die Situation auch nicht

besser Auch dort tauchte die Unterschichtenkriminalitat und viele Frauen und

junge Madchen aus den Unterschichten wurden in die Prostitution getrieben

Der Staat stand dem Pauperismusproblem weitgehend machtlos gegeniiber

Das in allen deutschen Staaten geltende Heimatrecht verpflichtete die Stadte und

Gemeinden, die dort geborenen Armen zu unterstiitzen

"2 Vel Klemm 2007 Verfiigbar unter: zeit de/2007/32/C-Bildungszeit (aufgerufen am 20.02.2012)

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Trang 20

Auch den wenigen frithen Fabrikarbeitern ging es kaum besser Die meisten Industriearbeiterfamilien lebten relativ instabil und konnten nur bei

kontinuierlicher Arbeit von den Eltem und manchmal auch den Kindern das

Mindesteinkommen erzielen, um ihren kiimmerlichen Lebensstandard fristen zu

kénnen, Aber die Arbeitsbedingungen in den Fabriken waren gar nicht

angenehm Strenge Fabrikordnungen dienten der Durchsetzung von

Arbeitsdisziplin Neben der Fabrikdisziplin bestand der Larm und Gestank der Fabrik, die Monotomie der Arbeit Bei Arbeitszeiten waren in der Regel 12 bis

14 und im Extremfall bis zu 16 Stunden ¥ Daher musste ein Fabrikarbeiter in

den 30er und 40er Jahren sechs Tage in der Woche, die nur aus physisch und

psychisch extrem belastender Arbeit und nur kurzem Schlaf bestand, arbeiten

Obwohl die Fabrikarbeit fir viele junge arbeitsfahige Manner in der Zeit des Pauperismus zumindest das Uberleben gewahrleistete, gab es sehr viele

Aufgaben seitens der Arbeiter aufgrund der unertraglichen Arbeitsbedingungen und der schlechten Arbeitsdisziplin Viele Fabrikarbeiter der ersten Generation entflohen ihren Arbeitsplatzen, sobald sie auch nur die kleinste Chance sahen,

auf dem Land wieder Arbeit zu bekommen

Das dunkelste Kapitel dieser Zeit war die Kinderarbeit In den héher

entwickelten Gewerberegionen Westdeutschlands fiel es auf, dass viele Kinder der Schulpflicht nicht nachkamen, da sie in Fabriken arbeiten mussten Und ihre Arbeitsbedingungen waren genauso schlecht wie bei den Erwachsenen, namlich sie mussten vielfach zehn bis zwélf Stunden taglich unter extrem gesundheitsschadlichen Bedingungen arbeiten Gesetzliche MaBnahmen wurden

erst seit den 30er Jahren ergriffen, aber es dauerte allerdings die Ausbeutung von

Kindern noch bis zum Jahr 1861 in Sachsen Das preufiische ,,.Regulativ tiber

die Beschaftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken von 1839 bestimmte, dass

Kinder friihestens mit neun Jahren in einer Fabriken arbeiten durften, sofern sie

‘3 Val Deutsches historisches Museum Verfigbar unter:

dhm de/lemoshtml/kaiserreich/innenpolitik/sozialgesetze/index html (aufgerufen am 21.02.2012)

¥ Val Kirchhofer 2009, S 80

Trang 21

zavor mindestens drei Jahre lang zu Schule gegangen waren Die tagliche

Arbeitszeit der neun- bis sechzehnjahrigen Kinder wurde auf zehn Stunden

begrenzt Nacht-, Feiertags- und Sonntagsarbeit waren generell untersagt.!* Inwieweit diese gesetzlichen Beschrankungen der Kinderarbeit auch tatsachlich

durchgesetzt wurden, ist nur schwer zu beweisen, denn eme Kontrolle der

Fabriken durch staatliche Inspektoren existierte noch nicht und auch die Strafen

waren sehr gering Nach den offiziellen Zahlen erreichte die industrielle Kinderarbeit in den 40er Jahren ihren Hohepunkt, als etwa 1,5% aller neun- bis vierzehnjalrigen Kinder in Preufgen in der Industrie beschaftigt waren, 1846 waren dies etwas mehr als 30.000 Kinder Fabrikinspektoren zur Uberwachung

der Arbeitsschutzbestimmungen wurden in den Schwerpunktregionen der

Fabrikarbeit von Kinder in PreuBen, in den Regierungsbezken Amsberg, Disseldorf und Aachen, erst 1853 eingesetzt!®, In den 5Oer Jahren ging die

Fabrikarbeit von Kinder deutlich zurtick 1858 waren nur noch etwa 12.500 unter acht bis vierzehn Jahre alte Kinder registriert Damit sank der Anteil der

Kinder an der Fabrikarbeiterschaft in PreuRen von 6,6 % (1846) auf 3,2 % 17

Und erst dann 25 Jahren spater, im Jahre 1878, wurde die Einsetzung von

Fabrikinspektoren obligatorisch

Auch wahrend der mittleren Jahrzehnte des 19, Jahrhunderts setzte sich das

Bevélkerungswachstum in Deutschland weitgehend fort Aber es gab jetzt in

dieser Phase ein neues Phanomen: nie zuvor hatten so viele Deutsche ihre

Heimat verlassen, und sind nach Ubersee ausgewandert Wahrend der 50er Jahre

emigrierten rund 1,1 Millionen Menschen aus Deutschland Das wichtigste

Auswanderungsziel waren die USA Mehr als 90 % der Auswanderer zog es

dorthin."* Fir die Steigerung der Auswandererzahlen nach der gescheiterten

'S Vgl Mutz 2004 Verfiigbar unter: zeitspurensuche de/02/kinder2.htny#1839 (aufgerufen am 21.02.2012)

Trang 22

Revolution von 1848/49 waren auch politische Grinde verantwortlich, Manche

flohen, weil sie verfolgt warden, manche gingen, weil sie enttauscht waren Aber dic Hauptursachen der Masscnemigration damals waren dic sozialon Missstande und die vordringliche wirtschaftliche Not Die Bewohner ganzer Dérfer

verkauften ihren Besitzt, um die Uberfahrt bezahlen zu kénnen Die

Auswandererzeitungen und Geselischaften, welche die Informationen tiber die

»Neue Well verbreiteten, Rs wurden auch Auswanderer-Agenturen gegriimdet und cs cntstanden Schifffalutslinicn, welche sich auf dic Uberfahrt

auswandernder Liuropaer spezialisierten

Die Weltwirtschaftskrise der spiten SUer Jahre und besonders der amerikanische Tiirgerkrieg (1861 — 1865) verlangsamten địe Auswanderung in den USA In diesen Perioden trat erstmals eine andere Auswanderung in Lrscheinung, die Binnenwanderung, denn die Industrialisierung begann seit den 60er Jahren Jangsam zum landlichen Bevélkerungstberschuss zu fihren Hundortiauscnde wanderlen zuerst aus dem Utnland, spailer auch aus weil entfemten Gebieten in die entstehenden Industriezentren, etwa in Mittel- und

Ôslcuropm 19

Mit đem Binsetzen der driten Phase der Indusuialisiermg begannen die Realcinkommen dor Arbeitcr langsam zu stoigen Charaktoristscherwoisc stiegen aber die ldinkommen der l'acharbeiter schneller als die der Gehilfen, so dass deren Lage weierhin heikel blieb Immerhin blieb aber auch den ungelernten Kabrikarbeitem der SUer und 60er Jahre das Schicksal der pauperisierten Unterschichten der Vorgiingergeneration ersparL Hine Verbesserumg ihrer Lage konnte die gewerbliche Lohnarbeilerschall weder vor den Unternchmern noch vom Staat crwarten, Dic Arbeiter waren auf Selbsthilfemafinahmen angewiesen wenn sie hdhere Léhne, kiwzere

© Val Hubert 1998, S 156

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Arbeitszeiten und bessere Arbeitsbedingungen emeichen wollten Dieser MaBnahmen verwandelte vom spontanen, unkoordinierten und haufig gewaltigen Protest zu goplanten Streik, bis zur Grimdung gowerkschaftlicher

Organisationen und Parteien

Der Wanderungsdruck in den landlichen Wberschuss* — Gebieten halle

nach dem [nde der Amerikaauswanderung nicht nachgelassen Vielmehr

schwenkte die Uberwanderung nun in eine deulsche Ost-Wesl-Wandenmg um

Bis aum 1907 hatten knapp 2 Millioncn Menschen Ostdcutschland im Zuge der

Binnenwanderung verlassen, davon waren jeweils knapp 100.000 nach Berlin und in das Ruhrgebicl eingewandorl Hin Grobieil der Ruhregebiclscinwanderer

waren polnisch sprechende deutsche Staatsbirger, so genannte ,,Ruhrpolen“

Die wichtigste Frrumgenschafl der Industvialisierung, dic auch dic

Lebenschancen der Unterschichten beeinflusste, war die dauerhafte Abwesenheit von Himger 7 katastrophalen Erschiitterungen đer proletarischen Haushaltslagc durch Missernten und Vichepidemicn, dic friher zu den

Hungerkatastrophen fihrien, kam es ghicklicherweise nach der Reichsgrundung

teht mehr Trofs dieser deullichen Verbesscrung errcichten aber auch dic

qualifizierten Facharbeiter niemals ein Wohlstandsniveau, das eine gewisse

soziale Sicherheit versprach Rund 80 % des Einkommens einer Arbeiterfamilie

sausste fiir Nahrung, Wohnung und Klcidung aufgebracht worden Fir medizinische Versorgung oder fiir die Unterstitzumg arbeitsunfahiger

Angehériger blieéh kaum etwas Auch die Bildungschancen und damit die

Méglichkeiten fiir sozialen Aufstieg waren ungleich verteilt AuSerdem brachten

Arbeitsplatzverlust, Krankheit und besonders das Alter fiir alle Arbeiter

existerticlle Unsicherheiten mit sich

24

Trang 24

3 Industrialisierung in der deutschen Literatur

Zu Beginn der Industrialisierng in den 3Ver Jahren des 19 Jahrhunderts stand die deutsche Literatur noch unter dem starken EinfluB der Klassik und Romatik, Zu dieser Zeit wurden die sozialen Zusammenhinge in der deutschen Literatur noch nicht intensiv dargestellt, ganz im Gegensatz zur englischen und

ane vor Charles Dickens?® oder

franvésischen LileraLur, beispielsweise die Ron

Liugene Sue®! Aber dennoch begannen allmahlich auch deutsche Autoren

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3.1 Industrialisierung und Literatur im Vormédrz (bis um 1850)

In den 30er und 40er Jahren wurden erstmals Aspekte der Industrialisierung

im der deulschen Lileratur dargestcll, besonders cine Darstellung von sozialen

Lebenszusammenhangen Vorher setzten sich nur sehr selten Autoren mit technischen Frfindurygen und itren Auswirkungen auf die Lebensverhalinisse auscinander, Dic Hinwendung zm Antike und Miltelalter in Klassik und Romantik lie® wenig Gelegenheit zur Auseinandersetamg mit den industriellen

Problemen Erstvertreler der spälen Roranltk netunen Noliz von den neuen

Gegebenheiten, aber sie bedauern ile Wesensfremdheit ( ) oder fithlen sich durch Damonen der Maschine bedroht “22

Die Technikansiedlung in Deutschland waren zuerst die Textilindustrie und der Bergban betroffen Und die industrialisierte Technik war das repressive Mittel dor Machtaustibung, von dem konscrvativen Staat AuBerdom fiihrte sic zu wachsender sozialer Not und zablreichen Protestaktionen im Vormarz gegen

Tndustialisicrang ats Folgen Die Reformen sollen mehr detmokratische

Freiheiten wie Presse- und Meinungsfreiheit und vor allem nationale Hinheit bringen und damit zu gesellschaftlichen Verindenangen fiihren Tntsprechend grof} war dic Enttauschung unter dem Volk fiir diese Reformen

3.1.1 ,Die schlesischen Weber“ von Heinrich Heine

Einer der berthmten Texten, der sich frih mit dem Thema Industialisicrung beschilligte, ist Dic schlesichen Weber” (1844), auch Weberlied", von Heinrich Heine (1797 1856) Das Werk enstand in der ersten Phase der deulschon Indusirialisicrung, Fx handelle sich hier auf cinen groBen Wandel in der Gesellschaft mit dem Entstehen von vielen neuen Industriezentren und Fabriken Durch die Linfithring der Bauern- und Gewerbefreiheit fihrte es zur LandQlucht in dic groflen Stadic, wo sich dic Landilichtlinge cin besseres

2 Fidler 1977.8 205 f

26

Trang 26

Leben und eine bessere Arbeit erhofften Aber dennoch wurden sie hier ausgebeutet und bildeten daher eine neue Bevélkerungsschicht — das Proletariat Diosc Menschen hatten aullerordentlich erbarmliche Lebensverhalinisse und daher war ihre Reaktion auf die Not ein Weberaufstand aufgrund der Indusialisierung gegen die niedrigen Arbeitsldhne und die hohe

Arbeislosigkei 1844 m Schlesien Tn diesem Gedicht beschneb Heine dic

Situation der Weber zu dieser Zeit und dadurch auch ihre Wut auf die Obrigkeit Das Gedicht gliedert sich in fin? Strophen mit jeweils ftinf Versveilen

In der ersten Strophe wird der Zustand der Weber beschrieben, wie sie am Webstul salen und woben Diese erste Slrophe ist dic Hinfuhrung samn Thena des Gedichtes Hier tragen die Worter ,distem', ,'I'rine“, und ,,fletschen die Zahne“ zu einer dunklen Stimmung bei den Webern bei Sie haben keine Trauer, wkeine Tranen dber die Lage in Deutschland, sondern sie sind eher witend, vielmehr ,fletschen sie als Reaktion die Zahne" Ils ist hier deutlich eine aggressive Stimmung unter den Webem zu sehen Die Aggression reicht so weit, dass dic Weber Deutschland scin ,Lcichenlucli* und ,hincin den dreifachon Fluch weben wollen Dies weist auf den Willen der Weber, gegeniiber ihren Ausbeutor a1 kimpfon und sie za Fall xu bringen Dieser dreigetcilte Fluch wird spater in den folgenden Strophen konkretisiert Die Strophe endet mit dem

Kehrreim beziehungsweise einem Ausruf ,,Wir weben, wir weben!™

Die nachsten drei Strophen beziehen sich auf die Aufzählung der !'lúche, die die Weber verweben Zunachst richtet sich die Wut gegen de[n] Gott, zu dem wir, [die Weber], gebeten” Die Weber haben sich in der schweren Zeit (,,in Winterkilte und Ifungersnéten") Hilfe von Gott erwartet Aber Gott lies sie im Stich, sie haben diese Hilfe trot: Gebelen nicht bekommen, sondem sie haben biol „vergebens gehofft und gehant" Aus diosor Ausdrucksweisc gcht horvor, dass die Weber ihren Glauben an Gott verloren haben Dies wird durch die vierte

Vorsveile auch deullich gamacht: Fr hal ums geal und gefoppl und genar*

Trang 27

Diese Aufregung wird abgebrochen und die Weber werden sich wieder ihrer Realitat bewusst, Wir weben, wir weben!“ am Inde der Strophe, sie weben noch immer Dic Wiedcrhohmg dieses Ausrufs zeigt, dass dic Weber wirklich nichts anders tun kdnnen, als zu weben Ihre Gefithlsregungen enden immer wieder im Bewusstsein tiber ihre reale Tatigkeit Daran ist auch zu erkennen, dass die Weber sehr hart arbeiten muissen und die Arbeit auch scl monolon ist Aber dios ist doch ihr einziger Wep, sich das tégliche Brot nicht nur fiir sie selbst sondem aueh fir ihre Familie zu verdienen Der zweite Fluch gilt dem Konig Friedrich Withehn IV, der Konig der Reichon“ gonannt wird Der Konig sollte die miserablen Weber hilfen, aber er sttirzte die Weber in noch gréftere Not Er verlangie auf niedrigen Lobn und auch noch hohere Sleuomn, vog den Webern ibren letzten ,,Grotschen” aus der ‘fasche Der Héhepunkt dieser Ausbeutung ist

im nảcheten Vers deutlicher, als sie, die Weber, ,wie Ifunde erschossen“ warden, Nach diesen Zeilon kommt wieder der Bruch zu ,,Wir weben, wir webenl°, Der dritte lluch richtet sich an das Vaterland Aber das ,,Vaterlande“ hier gilt nicht fiir Schutz und Loyalitat, sondern fir ,falsch* Es druckt damit aus, dass das Land die Weber falsche behandelt hat AuBerdem ist dieses Land

auch nicht mehr schén, sondern es gibt hier mur ,,Schmach und Schande“ Aus

diesen Worten lassen sich div wachsenden Ungerechligkeit und Unterdrickung

in Deutschland zu ersehen Im niachsten Vers sprechen die Weber von einer

Blume, die ,,frtth gelmickt“ wird Diese Blume steht symbolisch fur jeden

Menschen, der im der deutschen Gesellschall geboren wurde Dicser halte leider

‘keine Chance, sich frei zu entfalten, seme Meimung offen zu duBern oder etwas gegen den Staal, vu sagen Meinungslreiheil war Wier mcht crlaubl, und mar

sausste den vorgegebenen Lebensweg, wie eine Maschine, folgen Das vierte

Zeil der vierten Strophe gibt dem Leser ein Bild von Deutschland nach der Sicht der Weber: es gibt hier nichts Schémes, sondern nur ,,Faulnis“ und , Moder“ Der

inzige, der an diesem Llend ,erquickfen|“ kann, ist der Wurm Dieser steht far

die Herrschenden beziehungsweise die Unterehmer, die von der

28

Trang 28

Industrialisierung profitierten und sich an den durch lndusbialisierung verursachten Blend und Schmutz erfreuen konnten Auch diese Strophe schlieft

anit, ,, Wir weber, wir weben!“

Die letzte Strophe zeigt wieder die Beschaftigung der Weber Dies macht

dem Leser klar, dass dic Arbeit den Webcrm cine auBerst wichtige Rolle spiel

Trotz des niedrigen Lohns kénnen sie nicht leisten, sich auszuruhen: sie lassen den Webstuhl krachen und mússen ,.weben emsig Tag und Nacht* an dem Leichentuch ,,Altdcutschland|s|“ Dies zeigt auf, dass sich die Weber cin neues und besseres Deutschland winschen Also sie erhofften sich yon einem

Neuanfang und besseren Veranderungen Trotvdem weben sie noch weilerhin

den dreifachen Hluch" in das ‘uch Das heiftt, ihre Aggression, die vom Anfang des Gedichtes vorhanden war, bleibt immer noch Und auch dieser Kehrreim

Wir weber, wir weben!* betont diesen Sachverhalt und schlic@t das Gedicht

Dieses Gedicht von Heinrich Heine ist ein Reweis dafir, warum seine Schriften damals in Deutschland verboten wurden Er greifte diese Thomatik auf,

um die Zustinde im industrialisierten Feudalstaat Deutschland zu kritisieren, was dic Probleme richlig trafen, also 7um Beispiel dic sovialon Fragen wic soziale Gerechtigkeit, Hintreten fir Meinungsfreiheit und Demokzatie, die sich

von der Industrialisierung ableiteten

3.1.2 ,Das Engelchen“ von Robert Prutz

Robert Prutz gelang in seinem 1851 veréffentlichen Sozialroman „Das Engelchen“ eine Auseinandersetzung mit der neuen durch die Industrialisierung

gepragton I.chonsform

Das Engelchen wurde von Pruly zwischen 1845 und 1851 gesehnieben, i

einer Zeit, die durch die Hoffmmg auf politische, soziale und gesellschaftliche Reformen geprigt war Aber diese Reformen brachten leider nur Enttéuschung

unter dem Volk, darunler auch Pruty

Trang 29

Vorbild ist Prutz der soziale Roman aus Frankreich, vor allem von Hugene Sue Sues Die Geheimnisse von Paris“ erschien 1842 und war schnell in Deutschland verbreitet Von dem sozialen Roman leitcte Prutz sein eigenes literarisches Konzept ab, er wollte ,.Stoff, Abenteuer, Verwirklung und Umgebungen, die ihm bekannt sind, ( ) er will Abwechslung, Fiille und TLebendigkei@ Pruty nahm an, dass durch Unterhaltungsliteratur auch moralische Werte vermittelt werden kénnen, werde Literatur ,.Werkzeug zu den

héchsten Zwecken?4

Der Roman befindet sich in einem Fabrikdorf, wo die beginnende

Tadustnalisicrang in Deulschland cinen grofen Finflufi haf Und die ventrale

‘Themenstellung bezieht sich auf die Gegeniberstellung von Meister und Fabrikanten Auf einer Seite stehen die Personen, die die Maschinenarbeit unterstirzen, weil sie von ihr direkt profitieren konnen, wie der Fabrikant Wolston und seine Frau, Auf anderer Seite stehen die Figuren, die unter dem Finsatz von Maschinen direkt leiden, also die ausgebeuteten Arbeiter, wie der Welmeister Werner und seine Familic Diese zwei Churakterlypen sichen fur die modeme maschinelle Produktionsweise und fir die zunftperegelte

Handwerkstradition

Mit dem englindischen Fabrikbesitzer, IIer Wolston, zeichnete Prutz die Figw ciner aufstecbendon, hartherzigon und cgoistischen Porson Damit entsprach der Autor der Vorstellung von Untemehmen, wie sie in der Literatur

zu dieser Zeit beschrieben wurden Dazu einige Beispiele fiir die Higenschaft dieser Figur: Der ,,herzlose Geldmensch’?’ macht alles fir seine Karriere, Seinen Besitz hat er unrechtmaBig erworben, indem er seine Position als Buchhalter iissbrauchle Auch seine Fhen schlie@t er aus karrieresichermden Motiven, Zu seine ersten Frau sagt er ,, das beide nur cin Geschift mit dieser Ehe gemacht

% Prutz 1851, 8 169,

?! Ebd,, 8 398,

% Putz 1851., 8 280

30

Trang 30

hãten "2% Hthisch-moralische Kriterien spielen in seinem Deuken keine Rolle Durch die Beschreibung dieser Figur im Roman ist es deuttich, dass der Fabrikant offenkundig keine Riicksicht aut dic Gorcchtigkeit nimmt, Das Geschaft war ,,in seinen ‘Webermeister Wemer’ Landen das Spielwerk eines Knaben, in meinen Handen eine unbesieghare Waffe, um Reichthum, Macht, Auschen var erworbon.27 Dadurch beschrieb der Aulor auch das Pragmatisimus der begirmenden Industrialisierung: Die Industrieuntershmen waren letztlich

nur die , Walfe* gegen die Arbeitenden

Im Gegensatz zu dem machthungrigen Iabrikanten ist der unglickliche

Webenneisier Karl Werner Diese Figur stell, wirklich die Wert der

zunfigeregelten Handwerkstradition: ‘Irotz der zanehmenden Industrialisierung, bei der sich alle die Fabrikarbeiter an die Maschinenproduktion assimilieren miissen, halt der Webemeister der traditionellen Webmethode immer Treu Und die bringt ihm sowie seiner Familie viele Schattenseiten ein Da er immer den herkommlichen Werten festhalt, geht es ihm ganz schwer, sich allmablich an die veranderle Lebensbedingungen va gewohnen, Und sein soziales Elend wird un Roman ganz intensiv und dramatisch geschildert Es gibt sogar eine Szene, wo er

sc Herz — acin Leben oper wilt:

Da, da, schric cr, indom cr das Wams von cinandcr ri, da dic arme, cingcdriickt Brust sichtbar ward: Hier ist mein Herz! Ich kann nicht weiter, ich bin miide — da, nehintt Sctmeidet smir das Tere aus dem Leib, ich will still hallsn, und minal Geld

daraus, wenn ihr kénnt ich habe keins! Und weil} auch keins mehr zu erweben.°°

Mitten in diesen tatsichlichen Konflikten steht Angelica das

„Eneelchen“ Die junge Frau ist, wie der Name schon andeutet, die Person, die von den Konflikten wegen der Hinféhrung der industriegepragten ‘Technik und der gesellschaftlichen Verandermngen nicht beriihrt wird So symbolisiert sie

SEbd., 5 281

#7 Ebd,, 8 302

#®#Pnuz 1851, § 230

Trang 31

nicht mur die Tugend, sondern auch die Reinheit und die Unberibrtheit lm Roman spielt sie die Rolle, zwischen Generationen und damit auch zwischen den untorschiedlichen Positionen zu vermitteln Das Auftrcten vom Engelchon* im Roman befindet sich in einer intensiven Situation, ,mitten in [der] dichtefn] Masse”: Auf dem Weg zum Schlo8 spatabends wird ihre Kutsche von einer

Menschenmenge, dic mit der Rebellion der Dorfbevélkerung zu tun haben,

angehalten Die Figur lisst sich auftreten in einer so unmoralischen [landlung Aber es fallt ihr doch durch diesen Chaos immer noch die Rolle einer Frloserin aus dem Elend zu Also durch die Armut und don sozialen Verfall schoint ihre

»Anmuth* immer durch

Fine junge Dame, bleich vor Schreck — aber auch der Schreck haile die Ammmuth dieses lieblichsten Antlitzes nicht verwischen kénnen! Kastanienbraune ocken umringelten in seidener Hille die zarten Wangen, die dunklen Augen leuchteten sanft wie der Mond, die rothen runden Lippen, wie sie sich 6ffineten, glichen einer Roscriknospe im Mai, so keusch, so duftig, *

Angelica wird nicht mur als eine Schénheit von auBen dargestellt, sondem sie hat auclr viele schéne Figenschaflen Tm weiterer Handlung wird eine vor ihrer mehreren Tugenden, sich fir andere autzuopfern, beschricben: Damit ihr Bruder nicht in schwierige Situation geraten muss, ist Angelica ,.zu jedem Opfer und jeder Fnisagung bereil, die nur ile cigenes Schiksal betraf! Obwoht ein Zusammentreffen mit ihren StiefeleHem dberaus bedriickt, hilt sie ihre Riickkehr ins Dorf aber fitr ihre ,heilige, edle Pflicht“ Bei der Darstellung, von Angelica griff der Autor auf das konscrvative Weiblichkcitsideal des 19 Jahrhunderts zurtick, Die Rolle der Mrauen im 19 Jahrhundert war in der birgerlichen Gesellschaft beschrankt Da die Stellung der Frau im 6ffentlichen Leben fiber dew Mann als Bhepariner, Bruder definier! wurde, war ihre Tlandlungsfreiheit weitesgehend eingeschrankt Burgerliche Berufe waren eine

® Ebu., § 243

3° Prutz 1851, 8, 244

A Rbd., 8 273,

32

Trang 32

Mannerdomine und deswegen blieb der Frau nur der Ruckzug aus dem éffentlichen Leben In der Gesellschaft zu der Zeit der Industrialisierumg spielte dic Frau dic Rolle als Wohltaterin, sic missen dic Harte der Industriogeselischaft auszugleichen, indem sie ihre eigenen Bedirfnisse und Willen unterdricken muss Diese Funktion des Weiblichen wird an der Figur des „Engelchens"

beispiclhall aulgezeigt

Mit einem mehr als 800 Seiten unfassenden Sovial- byw Fabrikroman malte sich Robert Prutz den gesellschaftlichon Wandel wegen der beginnenden Industrialisierung und seine damit gebundenen Folgen aus Die oben genannten Figuen verkorpem die bevcichnenden va lésenden Fragen x1 dieser Zl Erstens ist die Gegentiberstelhng zwischen dem Fabrikanten Wolston und dem Webmeister Wemer, was fir den Konflikt zwischen den Industriellen und den Arbeitem, zwischen dem Herscher und dem Untertan, zwischen der modemen und neuen Produktionsweise und der zunftgeregelten Handwerkstradition Zweitens 20 betrachten ist das Engelchen Angelica Durch diese Figur schilderle der Aulor die Schwicrigkcilen, denen die damaligen Frauen gegenitberstehen mussten Trotz der Harte ihres Lebens komnten sie immer noch ihre Tugend bewahren Sic stmden sogar aul’ und kampflen fir ihr Recht, was

seit der Mitte des 19 Jalrhunderts in Deutschland entstanden war

3.1.3 Eisenhahnlyrik und ,,An den Friihling“ von Nikolaus Lenau

Um 1830 entsiand Fisenbahnlyrik xu der Zeil von Biedermeier umd Vorméarz In diesen Lisenbahnliedem fallt also den Versuch der Autoren dieser Zeit, in der Literatur einerseiis sich mit wachsender Intensitat die technischen-

indusmclen Veranderungen kreativ auszumalen und anderseils auch an ihrer

lange 0beraus traditionellen Poetisierang festzuhalten

Trang 33

So schrieb Nikolaus Lenau (1820 — 1850) im Gedicht ,.An den Frihling*

1838 in der Form einer Chevy-Chase-Ballade* von der Schnelligkeit der Eisenbahn, bei deren Walder kahlgeschlagen (,,Baume fallen links und rechts“),

Eich-Baume hinweggeholzt (Auch die Eiche wird gefillt*) und sogar die

Marien-Bilder entstellt (,.Die den frommen Schild / Ihrem Feind entgegenhilt /

Das Marienbild‘“4) werden miissen Diese Zusammenstellungen dritcken die

Zweifel von Lenau aus, dass die Eisenbahn fir die Gesellschaft zivilisatorische

Fortschritte bringen konnte** oder sie ,de[n] alte[n] Fesselschmied / Jetzt von

Land zu Land“ zog, also sie hilft vielleicht dem Feudalismus den Untertan

noch engere Fesseln zu setzen In đen nächsten letzten Strophen sah er die

angenehme Seite mit ,,Amselruf™, ,,Finkenschlag* und Jauten ,Jubeln“, namlich

hoffte er, dass der Frihling, der fir technische Fortschritten steht, von nun an stark bliihen kénnte, und dass er an ,die Bahn des Heils“ glauben sollte Die Trauer des Autors in den ersten Strophen tiber durch moderne Technik zerstérte Natur sowie religiése Tradition wird dann aber vom Gedanken an heiligen

Krafte einer offensichtlichen doch unzerstérrbaren Natur sowie einer neuen

besseren Zukunft gebandigt

3.2 Industrielle Revolution im Zeitalter des Realismus (1850 — 1880/90)

In der Zeit zwischen 1850 und 1890 hat sich die Industrialisierung in Deutschland vollzogen Auf drastische Veranderungen fir die Menschen und fiir

die Lebensbedingungen erfolgte sie Die Mehrzahl der Menschen arbeitete bis

zum Ende des 19 Jahrhunderts nicht mehr auf dem Lande, sondern in den

® Laut NeBler ist Chevy-Chase-Strope Ballade nach einer volkstamlichen Ballade, die urspringlich im 16 Jahrhundert aus England stamte, benannt Diese Ballade schildert eine Jagd auf den Cheviotbergen In Deutschland wurde sie im 18 Jahrhundert populár und ist haufig die Strophenform kampferischer, millitarischer Gesange Die Chevy-Chase-Strophe besteht aus vier auftaktigen, abwechselnd vier- und dreihebigen, betonnt endenden Versen, Im englischen Original reimen sich nur die zweite und vierte Zeile,

in Deutschland tberwiegt der Kreuzreim

Verfiigbar unter uni-due de/einladung/Vorlesungen/Iyrik/chevy htm (aufgerufen am 18.04.2012)

3 Lenau 1838 Verfiigbar unter gutenberg spiegel de/buch/142/22 (aufgerufen am 13.04.2012)

¥ Schaal Verftgbar unter socratesnet.de/Bewegung/MartenLyrik pdf (aufigerufen am 13.04.2012)

% Lenau 1838, Verfiigbar unter gutenberg.spiegel.de/buch/142/22 (aufgerufen am 13.04.2012)

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Ngày đăng: 20/05/2025, 14:48

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