Durch eine sys-temtheoretische Analyse des Zusammenhangs von Angst und Leistung können die Wechsel-beziehungen zwischen soziopsychischen Systemen beschrieben werden.. Die Rolle von Emoti
Trang 1Angst und Leistung in Teams der Medienwirtschaft
Trang 2Mit einem Geleitwort von Prof Dr Volker Stein
RESEARCH
Trang 3ISBN 978-3-8349-3889-3 ISBN 978-3-8349-3890-9 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-8349-3890-9
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Trang 4Geleitwort
„Wenn man denkt: Was könnte alles passieren, dann hat man schon den Finger an der se.“ Dieser Satz des Radrennfahrers Erik Zabel bringt das Dilemma auf den Punkt, das man in einer Leistungsgesellschaft wie der unsrigen immer wieder spürt: Auf der einen Seite steht der Leistungsdruck einzelner und der Leistungsdruck ganzer Unternehmen, auf der anderen Seite die Angst Nämlich davor, dass etwas Unvorhergesehenes, etwas Schlimmes passieren könnte, aber auch davor, dass etwas Erwünschtes nicht passieren könnte Wie man es dreht und wendet: Angst ist immer
Brem-Mit Angst ist man als Handelnder auch nicht allein, denn sie ist nicht nur ein individuelles Phänomen, sondern auch ein kollektives Teams können Angst hervorbringen, Angst kann sich in Teams verstärken Letztlich kann Angst mögliche Leistung verhindern, gleichfalls aber kann Leistung(sdruck) Angst erzeugen Dieser spannenden Wechselwirkung widmet sich
Stefanie Sorge in ihrem Buch
Den Fokus ihrer Analyse hat Stefanie Sorge gut gewählt: Denn wie selbstverständlich geht
man als Beobachter davon aus, dass sich die Leistungserstellung in einer etablierten Branche wie der Medienwirtschaft, die sich seit ihren Anfängen auch um die Standardisierung ihrer Prozesse bemüht, gut planen und der Planung entsprechend durchführen lässt Dennoch wird die erwartete Produktivität der Arbeitenden in der Medienbranche nicht immer erreicht Gründe hierfür liegen sicherlich unter anderem in den harten Wettbewerbsbedingungen, die sich in die Medienunternehmen hinein auswirken, wo sie vielfach die Zusammenarbeit beein-flussen Ein hier beobachtbares Phänomen ist Angst, gerade auch in Teamstrukturen – oder, wie es in dieser Arbeit formuliert wird, die „kollektiven affektiven Ansteckungsmechanis-men“, die mit Angst verbunden sind
Dazu, wie Angst die Leistung in Teams innerhalb von Medienunternehmen beeinflusst, liegen
bislang, soweit erkennbar, keine Publikationen vor Stefanie Sorge stellt sich daher die
Auf-gabe, eine theoriebasierte Grundlage für die systematische Diskussion dieser Frage zu fen Hierzu wählt sie die Systemtheorie – diejenige Theorie, die wie keine andere dazu prä-destiniert ist, komplexe Phänomene zu durchdringen und die gleichzeitig interdisziplinär auf-gestellt ist Interdisziplinarität ist notwendig, um die Schnittstelle dieses betriebswirtschaft-lich, psychologisch, organisationssoziologisch sowie medienwirtschaftlich hoch relevanten und aktuellen Themas bearbeiten zu können
Trang 5schaf-Die Bearbeitung ihrer komplexen Themenstellung gestaltet Stefanie Sorge leserfreundlich:
Nicht nur die Gliederungsstruktur ist klar und damit Ausweis guter wissenschaftlicher Arbeit Auch positioniert ihr mentales Modell die Analyse, die auf mehreren Betrachtungsebenen er-folgt, nachvollziehbar, indem es die im Thema angelegten sachlichen Komponenten in einen logisch durchdringbaren Rahmen integriert Hinzu kommt die substanzielle Literaturarbeit, die auf vielen themenrelevanten, aktuellen und internationalen Quellen aufbaut
Stefanie Sorge erarbeitet eine Reihe sehr interessanter Befunde, die insgesamt die
Wechsel-wirkungen zwischen branchenspezifischen Ängsten und den erzielbaren/erzielten Leistungen
in der Medienwirtschaft verdeutlichen Wirklich beeindruckend sind die Differenziertheit rer Argumentation, die theoretisch saubere Verortung der theoretischen Konzepte, das erfolg-reiche Herstellen themenrelevanter Querbezüge, der Detailreichtum der Ausführungen, das Unterlegen der Argumentation mit verfügbaren empirischen Befunden sowie Aussagen realer Systemteilnehmer und das weitgehende Fehlen von Redundanz in der Analyse Sehr gut ge-fällt auch das Anführen realer Beispiele zur Illustration der Argumentation Das Abschlusska-pitel des Buches allein wäre noch einmal „ein wissenschaftlicher Aufsatz für sich“: Es belegt
ih-zum wiederholten Male die Expertise, mit der Stefanie Sorge ihr Thema durchdringt, und
lenkt den Blick der Leser nicht nur auf die relevanten Implikationen für Theorie und Praxis, sondern darüber hinaus auf spannende Argumentationslinien, die es wert wären, ebenfalls weiter thematisiert zu werden
Der schwedische Regisseur Ingmar Bergmann prägte folgenden Satz: „Es gibt keine Grenzen, weder für Gedanken noch für Gefühle Es ist die Angst, die immer Grenzen setzt.“ Zumindest die Leser dieses Buches sollten sich nicht begrenzen lassen und es sich leisten, dieses faszi-nierende Buch zur Medienwirtschaft zu lesen
Univ.-Prof Dr Volker Stein
Trang 6Vorwort
Die vorliegende Arbeit geht zurück auf eine Diplomarbeit im medienwissenschaftlichen diengang der Universität Siegen Diese Arbeit untersucht die Wechselwirkungen in komple-xen sich ausdifferenzierenden vernetzten Systemen, in denen Organisationseinheiten und Or-ganisationen in voneinander abhängigen Wechselbeziehungen zueinander, ständig Informati-onen und Teilleistungen austauschen Es geht um Angst als Faktor, der auf Organisationen einwirkt Wissenschaftlich relevant ist das Thema, da besonders die Bedeutung von dezentra-len Strukturen und flachen Hierarchien in technosozialen Systemen zunimmt Diese Arbeit zeigt auf, wie Informations- und Kommunikationsströme positiv beeinflusst werden können,
Stu-um nachhaltige Leistungsaustauschprozesse zu unterstützen
Bei der Erstellung dieser Arbeit wurde ich von verschiedenen Menschen unterstützt, denen ich an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aussprechen möchte Insbesondere meinem Erst-
gutachter Herrn Professor Dr Volker Stein, Lehrstuhlinhaber für Personalmanagement und
Organisation an der Universität Siegen, möchte ich für die kritischen Anregungen und
inhalt-lichen Diskussionen danken Meinem Zweitgutachter Herrn Professor Dr Jörg Felfe,
Profes-sor für Organisationspsychologie, möchte ich für die Übernahme der Zweitgutachtertätigkeit und der damit verbundenen Zeit und Mühe danken
Selbstverständlich möchte ich mich auch beim gesamten medienwissenschaftlichen stuhlteam der Universität Siegen für die interdisziplinären Denkansätze bedanken, welche mir
Lehr-in meLehr-iner beruflichen Tätigkeit helfen Ebenso geht meLehr-in großer Dank an meLehr-ine Eltern, lie und Freunde, die mich während meiner gesamten Arbeit durch Höhen und Tiefen begleitet haben
Fami-Stefanie Sorge
Trang 7Inhaltsverzeichnis
Geleitwort V
Vorwort VII
Inhaltsverzeichnis IX
Abbildungsverzeichnis XI
1 Einleitung 1
1.1Problemstellung 1
1.2Zielsetzung 3
2 Theoretische Grundlagen 4
2.1Angst 4
2.1.1Angstdefinition 6
2.1.2Angstformen 9
2.1.3Angstfolgen 11
2.1.4Angst in der Managementlehre 13
2.2Leistung 15
2.2.1Leistungsdefinition 15
2.2.2Menschliche Arbeitsleistung 16
2.2.3Leistungsmessung 16
2.3Teams 18
2.3.1Teamdefinition 18
2.3.2Leistungsanforderungen in Teamstrukturen 20
2.4Medienwirtschaft 21
2.4.1Typen von Medienunternehmen 22
2.4.2Besonderheiten von Medienunternehmen 22
2.4.3Leistungen von Medienunternehmen 25
2.5Systemtheorie 26
2.5.1Theorie selbstreferentieller Systeme 27
2.5.2Systembildung 30
2.5.3Unternehmen als soziales System 35
3 Untersuchungsrahmen 39
3.1Mentales Modell 39
3.1.1Individuum als lebendes System 40
3.1.2Team als synreferentielles System 41
3.1.3Medienorganisation mit synreferentiellem Managementsubsystem 41
3.2Methodik der Untersuchung 42
4 Untersuchung 43
4.1Medienmarktanforderungen und reziproke Einflüsse auf Systeme 43
4.1.1Wechselwirkung der Ängste auf lebende System 43
4.1.2Wechselwirkung der Ängste auf synreferentielles Teamsystem 45
Trang 84.1.3Wechselwirkung der Ängste auf Medienorganisation mit
synreferentiellem Managementsubsystem 46
4.2Organisationsanforderungen und reziproke Einflüsse auf Systeme 47
4.2.1Wechselwirkung der Ängste auf lebendes System 48
4.2.2Wechselwirkung der Ängste auf synreferentielles Teamsystem 51
4.2.3Wechselwirkung der Ängste auf Medienorganisation mit synreferentiellem Managementsubsystem 54
4.3Produktionsanforderungen und reziproke Einflüsse auf Systeme 59
4.3.1Wechselwirkung der Ängste auf lebendes System 59
4.3.2Wechselwirkung der Ängste auf synreferentielles Teamsystem 61
4.3.3Wechselwirkung der Ängste auf Medienorganisation mit synreferentiellem Managementsubsystem 62
4.4Personalanforderungen und reziproke Einflüsse auf Systeme 64
4.4.1Wechselwirkung der Ängste auf lebendes System 65
4.4.2Wechselwirkung der Ängste auf synreferentielles Teamsystem 72
4.4.3Wechselwirkung der Ängste auf Medienorganisation mit synreferentiellem Managementsubsystem 76
4.5Systemtheoretische Wirkfaktoren auf Systemleistung 78
4.5.1Wirkung angstbesetzter Stimmungslagen auf Arbeitsprozesse 78
4.5.2Grad der Selbstreflexion in angstbesetzten Stimmungslagen zur Systemstabilisierung 82
4.5.3Grad der Leistungsbeschränkung der durch Ängste verursachten Abwehrreaktionen 84
4.5.4Kompetenzen und Strategien der Emotionsregulierung und Konfliktlösung 86
5 Ergebnis 90
5.1Zusammenfassung 90
5.2Limitationen 96
5.3Implikationen 96
5.3.1Implikationen für die Theorie 96
5.3.2Implikationen für die Praxis 98
5.4Ausblick 99
Literaturverzeichnis 101
Trang 9Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Reziproke Wirkdynamik auf Teamleistung 39
Trang 101 Einleitung
Schlagwörter wie Wandel, Veränderung, Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Dynamik, bilität und Unsicherheit prägen die Arbeitssituationen im Alltag vieler Unternehmen Die Globalisierung gibt den Takt vor, die Unternehmen reagieren mit Anpassung ihrer internen Strukturen Zahlreiche Unternehmen sind auf unsicheren und zum Teil gesättigten Märkten tätig Fusionen, Kooperationen, Allianzen – die Netzwerkbildung verspricht Synergievorteile bei knappen Ressourcen Der Preis für die Anpassungsbemühungen sind immer komplexer werdende Beziehungsverflechtungen der vormals in Konkurrenz zueinander agierenden Un-ternehmen Die engen Vernetzungen der Kooperationspartner sind mit einer Reihe von Ver-unsicherungen verbunden und wirken sich auf alle Unternehmensbereiche aus Die aus den Umstrukturierungen hervorgehenden dezentralen, zum großen Teil selbstständig handelnden Einheiten stellen die Unternehmen vor neue Kontroll- und Steuerungsprobleme
Flexi-1.1 Problemstellung
Medienunternehmen arbeiten traditionell in kooperativen Netzwerkstrukturen In vielen reichen der Medienbranche (z B audiovisuelle Medienproduktion) sind bereits heute Organi-sationsstrukturen zu finden, die in anderen Branchen als Grundvoraussetzung für „moderne Dienstleistungsarbeit“ in einer globalisierten Welt gelten Flexible Arbeitszeiten, atypische Beschäftigungsverhältnisse, Bindung der individuellen materiellen Existenz an den Erfolg des Unternehmens, Abbau betrieblicher Sozialleistungen, geringer Einfluss kollektiver Interes-senvertretungen – all dies sind bereits real existierende Arbeits- und Leistungsbedingungen innerhalb von Medienunternehmen.1 Postmoderne Werte, wie Selbstbestimmung, Selbstver-wirklichung, Verbindung von Arbeit mit dem privaten Leben, treten in Konkurrenz zu den materiell orientierten Werten der Unternehmungen In den freien Künstlerberufen sind die postmodernen Werte seit jeher als individuelles Lebensmodell in die Arbeit integriert Anders jedoch als in den freien Künstlerberufen erweisen sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen zahlreicher Beschäftigter in der Medienbranche alles andere als selbstbestimmt und unabhän-gig Zwänge, Unfreiheit, Fremdbestimmung, hohe Belastungen und Unsicherheiten prägen den Arbeitsalltag fester Freier2, freier Freier3 und zunehmend auch fest angestellter Mitarbei-
Be-1 vgl Marrs, Kira, Zwischen Leidenschaft und Lohnarbeit, Berlin (Sigma) 2007, 11-15
2 Oberst-Hundt, Christina 2001, 73: „Feste Freie oder ‘arbeitnehmerähnliche Personen’ sind zwar
Selbststän-dige, zugleich jedoch von einem Arbeitgeber abhängig, weil sie weitgehend nur für diesen arbeiten und auch ihr Gehalt von ihm beziehen Sie werden rechtlich wie Selbstständige behandelt, allerdings mit verschiedenen Aus- nahmen U a dürfen für sie auch Tarifverträge abgeschlossen werden.“
3 Oberst-Hundt, Christina 2001, 73: „Freie Freie sind Freischaffende, die ihr Einkommen von verschiedenen
Auftraggebern beziehen.“
S Sorge, Angst und Leistung in Teams der Medienwirtschaft, DOI 10.1007/978-3-8349-3890-9_1,
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Trang 11ter Das Medienprodukt als stark von einer öffentlichen Meinung abhängige und zugleich meinungsbeeinflussende Dienstleistung wirkt im Spannungsfeld zwischen der postmodernen Wertorientierung (Unterhaltungsgut) und der materiellen Wertorientierung (Werbegut) Me-dienunternehmen mussten daher bereits frühzeitig flexible und dynamische Reaktionskapazi-täten4 entwickeln Allein auf diese Weise konnten sie die Bedürfnisse der Konsumenten er-kennen und daraufhin ihre Organisationsstrukturen anpassen Hinzu kommt die Besonderheit, dass ein Medienprodukt kreativen, künstlerischen Verbunddienstleistungen, dem Engagement sowie der Begeisterung aller Mitarbeiter entstammt Dementsprechend mussten Steuerungs- und Kontrollmechanismen entwickelt werden, um die dezentral selbstständig arbeitenden Einheiten miteinander erfolgreich integrieren zu können Das in anderen Branchen geforderte
„neue“ gesellschaftliche Leitbild eines selbstständigen Arbeitnehmers ist an hohe marktpolitische und wirtschaftliche Hoffnungen gebunden Inwieweit der Wertewandel mit neoliberalen Vorstellungen der Flexibilisierung von Arbeitsbedingungen zu verknüpfen ist, bemisst sich am Erfolg, heterogene Strukturen (z B Individuen, Unternehmen, Teams) in de-zentrale Unternehmenseinheiten einpassen zu können.5
arbeits-Die Integration heterogener Strukturen gelingt vielfach nicht arbeits-Die daraus resultierenden cherheiten erzeugen im Medienunternehmen Stress Dieser Stress wird von Ängsten begleitet und wirkt sich negativ auf die Leistungsfähigkeit eines Teams aus Neben der Jobunsicherheit sind unterschiedliche kooperative Beziehungsstrukturen zu organisieren Dies bedingt weitere soziale Stressoren, die wiederum Ängste hervorrufen können Ängste wirken in jedem Indivi-duum unterschiedlich Bei besonders anfälligen Personen wirken sie destabilisierend und leis-tungshemmend Die Rolle von Emotionen als Leistungsdeterminanten innerhalb kooperativ agierender Teams fand bisher in der medienwirtschaftlichen Fachliteratur wenig Beachtung
Unsi-An der Herstellung eines Medienproduktes wirkt der Mensch als emotionales Wesen scheidend mit Die enge Verflechtung von Fühlen, Denken und Verhalten in situativen Kon-texten birgt hohes motivationales Potenzial für leistungsfördernde Beziehungs- und Kon-textsteuerung Bisher findet das positive Potenzial der Angstemotion durch unreflexives rati-onales Planen zu wenig Berücksichtigung Die Tendenzen in Medienunternehmen verweisen auf eine kurzfristige, eher negative Verwendung der Ängste zur Instrumentalisierung inner-halb der Arbeitsbeziehungen
4 vgl Kaluzza, Gert 1996, 27: Unter „Reaktionskapazität“ wird die Anpassung an die Umwelt verstanden
5 vgl Marrs, Kira, Zwischen Leidenschaft und Lohnarbeit, Berlin (Sigma) 2007, 25
Trang 121.2 Zielsetzung
Das Ziel dieser Arbeit besteht in der Deskription des Zusammenhangs zwischen Angst und Leistung in Teams der Medienwirtschaft Zu diesem Zweck werden die Rolle der Angstemo-tion als Leistungsdeterminante und deren Auswirkung auf die Regulations- und Organisati-onsfähigkeiten innerhalb eines Teams und seiner Komponenten untersucht Durch eine sys-temtheoretische Analyse des Zusammenhangs von Angst und Leistung können die Wechsel-beziehungen zwischen soziopsychischen Systemen beschrieben werden Die Angstemotion kann durch kollektive affektive Ansteckungsmechanismen auf andere Systeme übergreifen Die Kenntnis dieser Mechanismen ermöglicht die Entwicklung neuer Führungsinstrumente, die in komplexen dezentralen Einheiten das Steuerungs- und Kontrollproblem lösen könnten Diese Abhandlung erläutert anhand ausgewählter systemischer Wirkfaktoren, wie Ängste in-nerhalb und zwischen unterschiedlichen Systemarten wirken und wo das Steuerungs- und Kontrollpotenzial für ein beziehungsorientiertes Personalmanagement liegen könnte
Bisher wurden die Interaktionsbeziehungen zwischen Individuen und anderen einheiten durch psychologische Modelle erklärt Die Bewertung von Teamleistung erfolgte über Prozess- und Motivationstheorien.6 Das Individuum als selbstorganisierendes System wurde auf seine Fähigkeiten und Fertigkeiten beschränkt Die Rolle von Emotionen als Leis-tungsdeterminante eines arbeitenden Individuums im Team wurde bisher lediglich am Rande betrachtet.7 Arbeitssoziologische Studien zu den Arbeitsbedingungen innerhalb der Medien-wirtschaft verweisen auf den Zusammenhang zwischen Sicherheit, Angst und Leistung.8 Die-ser Zusammenhang kann mit der systemtheoretischen Analyse sowie den neueren Erkenntnis-sen aus der neurobiologischen Grundlagenforschung besser dargestellt werden
7 vgl Borchert, Margret, Leistungsdeterminanten, in: Wirtschafts-Lexikon Das Wissen der
Betriebswirtschafts-lehre, Stuttgart (Schäffer-Poeschel) 2006, 3475
8 vgl Marrs, Kira, Zwischen Leidenschaft und Lohnarbeit Ein arbeitssoziologischer Blick hinter die Kulissen von Film und Fernsehen, Berlin (Sigma) 2007, 76; vgl Castel, Robert, Der Zerfall der Lohnarbeitsgesellschaft, in: Bourdieu, Pierre (Hrsg.), Lohn der Angst Flexibilisierung und Kriminalisierung in der »neuen Arbeitsgesell- schaft«, Konstanz (UVK) 2007, 17; vgl Simpson, Roger A./Boggs, James G., An exploratory study of traumatic
stress among newspaper journalists, in: Journalism & Communications Monographs 1 (1999), 19
Trang 132 Theoretische Grundlagen
2.1 Angst
Die Angstemotion9 zählt zu den am meisten untersuchten und damit auch evolutionär, biologisch und emotionspsychologisch abgesichertsten Emotionen10 innerhalb der klassischen Schulen der Psychologie Zu den klassischen Schulen der Psychologie gehören: die Psycho-
neuro-analyse (z B Freud), der Behaviorismus (z B Mowrer) und die kognitive Psychologie (z B
Lazarus) Die Psychoanalyse beschäftigt sich mit verdrängten Emotionen und versucht, durch
tiefenpsychologische Studien die unbewussten Prozesse zu erfassen, welche pathologische Zustände auslösen Der Behaviorismus orientierte sich ausschließlich an objektiv beobachtba-rem und messbarem äußeren Verhalten Seit den 1960er-Jahren stieg innerhalb der Psycholo-gie das Interesse für affektiv-kognitive Wechselwirkungen Durch die großen Fortschritte in der neurobiologischen Grundlagenforschung konnte verstärkt auf die Zusammenhänge von Wahrnehmung, Denken und Verhalten verwiesen werden Dies führte in den 1970er-Jahren
zu einer Abkehr von behavioristischen Erklärungsmodellen Die kognitive Psychologie fasst sich seit den 1960er-Jahren verstärkt mit Angst und Ängstlichkeit.11
be-In dieser Arbeit wird der Zusammenhang von Angst und Leistung betont Da subjektive wertungsmuster die körperlichen und kognitiven Leistungsfähigkeiten beeinflussen, wird auf die kognitive Psychologie Bezug genommen.12 Da die grundlegenden Erkenntnisse über Angstemotion und Kognition dem 20 Jahrhundert entstammen, wird vermehrt auf diese Lite-ratur bezug genommen Weiterhin werden neuere Erkenntnisse aus dem 21 Jahrhundert hin-zugezogen, um den Zusammenhang von Angst und Leistung möglichst genau beschreiben zu können
Be-Schwarzer untersuchte die Wirkung von Kognition13 auf Emotion in Belastungssituationen und welche Regulationsprozesse angewendet wurden.14 In Anlehnung an Lazarus vertritt er
9 vgl Ciompi, Luc 2005, 81: Als weitere Grundemotionen neben der Angst, werden Interesse, Wut, Trauer und
Freude genannt
10 Ciompi, Luc 2005, 69: Affekt und Emotion werden in dieser Arbeit synonym verwendet Als ein Affekt
be-schreibt Luc Ciompi eine „[ ] umfassende psycho-physische Gestimmtheit(en) oder Befindlichkeit(en) von
12 vgl Stöber, Joachim/Schwarzer, Ralf, Angst, in: Otto, Jürge H./Euler, Harald A./Mandl, Heinz (Hrsg.),
Emo-tionspsychologie Ein Handbuch, Weinheim (Beltz) 2000, 193
13 Ciompi Luc 2005, 72: „Unter Kognition ist das Erfassen und weitere neuronale Verarbeiten von sensorischen
Unterschieden und Gemeinsamkeiten [ ] zu verstehen.“
S Sorge, Angst und Leistung in Teams der Medienwirtschaft, DOI 10.1007/978-3-8349-3890-9_2,
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Trang 14einen transaktionalen Ansatz Nach der von Lazarus entwickelten kognitiv-transaktionalen
Theorie von Stress und Emotion findet zwischen einer Person und ihrer Umwelt ein cher kognitiver Informationsverarbeitungsprozess statt Die Ereigniseinschätzung („primary appraisal“) wird gleichzeitig von einer Ressourceneinschätzung („secondary appraisal“) be-gleitet Die Angstemotion folgt auf eine situative Bedrohungsbewertung und wird als Belas-tung wahrgenommen Sie beinhaltet die Information, dass die eigenen Ressourcen (Fähigkei-ten und Fertigkeiten) in einer bestimmten Situation gegenüber der Umwelt als zu gering ein-geschätzt werden.15 Die Person gerät in einen Stresszustand
zweifa-Befindet sich eine Person in einem Stresszustand16, wurden bereits die über die schen Sinnesorgane einlaufende Informationen bewertet („appraisal“) und Bewältigungspro-zesse („coping“) eingeleitet Eine Situation kann als bedrohlich, herausfordernd oder schädi-
sensomotori-gend bewertet werden Schwarzer und Lazarus befassen sich vorwiesensomotori-gend mit den
energeti-schen, leistungsbeeinflussenden Wechselwirkungen von Kognition und Emotion Die emotion sei demnach das Ergebnis kognitiver Bewertungsprozesse innerhalb einer Stressepi-sode Dieser Ansatz einer Emotionstheorie erklärt, durch welche Ursachen eine Angsterre-gung hervorgerufen und auf welche Weise die Angstreaktion verarbeitet wird.17 Auf die phy-sischen Grundlagen der autonom ablaufenden zentralnervösen Prozesse wird nicht explizit eingegangen.18
Angst-Ciompi vertritt eine umfassendere Betrachtungsweise Er postuliert einen ganzheitlichen
Zu-sammenhang von Affekten, Denken und körperlichen Reaktionen Er begann 1982 mit der Entwicklung eines Modells der fraktalen Affektlogik.19 In diesem Modell bündelte er biologi-sche, neurologische Forschungsergebnisse mit theoretischen Erkenntnissen aus der geneti-
schen Epistemologie (Piaget), Konstruktivismus20, philosophische Anthropologie (Bollnow),
14 vgl Stöber, Joachim/Schwarzer, Ralf, Angst, in: Otto, Jürge H./Euler, Harald A./Mandl, Heinz (Hrsg.),
Emo-tionspsychologie Ein Handbuch, Weinheim (Beltz) 2000, 191-192
15 vgl Schwarzer, Ralf, Streß, Angst und Hilflosigkeit Die Bedeutung von Kognitionen und Emotionen bei der Regulation von Belastungssituationen, Stuttgart etc (Kohlhammer) 1981, 9-11; vgl Lazarus, Richard S., Emo-
tion and adaptation, New York etc (Oxford University Press) 1991, 87-88
16 vgl Schwarzer, Ralf 1981, 9: Unter „Stress“ versteht Ralf Schwarzer „[ ] die prozeßhafte(sic!) wechselseitige
Person-Umwelt-Auseinandersetzung [ ]“
17 vgl Schwarzer, Ralf, Streß, Angst und Hilflosigkeit Die Bedeutung von Kognitionen und Emotionen bei der
Regulation von Belastungssituationen, Stuttgart etc (Kohlhammer) 1981, 81
18 vgl ebd., 82
19 vgl Ciompi Luc 2005, 163: Ciompi bezeichnet mit „fraktaler Affektlogik“ ein
chaostheoretisch-affektlogi-sches Modell der Psyche In diesem seien selbstähnliche Strukturen und Dynamik über mehrere hierarchische Systemebenen nachweisbar
20 vgl Maturan, Humberto R./Varela, Francisco J 1980, 19: Der biologische Konstruktivismus nach Maturana und Varela verweist auf den Umstand, dass das Denken die Wirklichkeit schafft
Trang 15Chaostheorie21, Kybernetik und Systemtheorie Die fraktale Affektlogik besagt, dass „Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme“ die Bausteine der Psyche und mit psychischen Leistungs-prozessen eng verbunden seien.22 Ängste seien in einem affektspezifischen Funktionssystem gebunden, welches über bestimmte neuronale Verbindungen chemische Prozesse beeinflusst und damit Körperfunktionen, Wahrnehmungsverhalten, Denken und Verhalten koordiniert und integriert.23 Das Modell der fraktalen Affektlogik erklärt neben den energetischen Wir-kungen auch die operativen und integrativen Wirkungen von Emotionen auf die Kognitions- und Verhaltensprozesse.24 Ciompi versucht, mithilfe der neurobiologischen Grundlagenfor-
schung auch die physischen Grundlagen von Emotionen zu erklären
2.1.1 Angstdefinition
Schwarzer definiert Angst als einen unangenehmen Gefühlszustand.25 Der Angstzustand kann
im Labor und im Alltag beobachtet und beschrieben werden Die subjektiven zesse können über einen Fragebogen erfasst werden Weiterhin kann der Angstzustand phy-siologisch durch das Verhalten oder die Mimik beobachtet und durch technische Geräte ge-messen werden (z B EKG, Hautwiderstand, EEG, Blutdruck, Blutprobe).26 Die Angsterre-gung wird im Rahmen eines selektiven Bewertungsprozesses ausgelöst Die wahrgenommene Bedrohung kann auf den Körper („harm-anxiety“) oder auf das Selbstkonzept („shame-anxiety“) bezogen sein Der ängstliche Bedrohungszustand ist situationsgebunden und wird
Bewertungspro-subjektiv bewertet Schwarzer bezeichnet die Bewertungspro-subjektiv-kognitiv konstruierte Situation als
„Situationsmodell“ Die Selbstwahrnehmung ist ebenfalls subjektiv konstruiert und wird von
Schwarzer als „Selbstmodell“ deklariert Wird eine Situation wiederholt als nicht zu
bewälti-gend erlebt, führt dies zu einem negativ abgespeicherten Selbstkonzept mit spezifisch chen Begleitemotionen Das Ungleichgewicht zwischen dem wahrgenommenen „Situations-modell“ und dem „Selbstmodell“ löst den Stresszustand aus Dieser wird von Angstzuständen begleitet Das abgespeicherte Selbstkonzept wird in bestimmten Situationen automatisch ab-gerufen oder kann latent (z B Berufsangst) vorhanden sein Angstzustände aktivieren oder hemmen die psychischen und physischen Energien
21 vgl Ciompi Luc 2005, 131: Die Chaostheorie untersucht unkontrollierbare selbstorganisierende Vorgänge und
plötzliche Entwicklungssprünge in dynamischen Systemen (z B Psyche oder Wetter)
22 vgl Ciompi, Luc, Die emotionalen Grundlagen des Denkens Entwurf einer fraktalen Affektlogik, Göttingen
(Vandenhoeck & Ruprecht) 3 Aufl 2005, 46
23 vgl ebd., 57
24 vgl ebd., 52
25 vgl Schwarzer, Ralf, Streß, Angst und Hilflosigkeit Die Bedeutung von Kognitionen und Emotionen bei der
Regulation von Belastungssituationen, Stuttgart etc (Kohlhammer) 1981, 80
26 vgl Roth, Gerhard, Fühlen, Denken, Handeln Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt am Main
(Suhrkamp) 2001, 258-259
Trang 16Die „Zustandsangst“ beschreibt eine akute Reaktionsweise, die durch situative Reize
ausge-löst wird Schwarzer differenziert zwischen „hochängstlichen“ Personen und „ängstlichen“ Personen Der Angstzustand wird von Aufgeregtheit und Besorgnis begleitet.27
niedrig-„Hochängstliche“ verarbeiten sensomotorische Informationen verstärkt selbst gerichtet und bewerten ihre Angsterregung als Schwäche ihres „Selbstmodells“.28
Die „Ängstlichkeit“ bezeichnet die Summe aller überdauernden kognitiven Bewertungen von Aufgeregtheits- und Besorgniserregungen innerhalb eines Lebens.29 Die Ausprägung von Ängstlichkeit hängt von der persönlichen Lebensgeschichte (z B gesammelte Erfahrungen)
eines Menschen ab Schwarzer nimmt Bezug auf die von Bandura entwickelte
sozial-kognitive Lerntheorie Demnach lernt ein Organismus das Verhalten, welches in einer stimmten Situation als angenehm oder unangenehm erlebt wurde Daraus leitet ein Organis-mus negative oder positive Erwartungshaltungen ab.30 Ein schwach entwickelter Selbstwert fördert „Ängstlichkeit“ und äußert sich in einem ausgeprägten Angstzustand Um den negati-ven Gefühlszustand und die Selbstwertbedrohung zu vermeiden, entwickelt ein Individuum unterschiedliche Angstabwehrmechanismen.31
be-Während sich Schwarzer und Lazarus mit der Frage des energetischen Einflusses der Affekte auf Motivation und Leistung beschäftigten, geht Ciompi noch einen Schritt weiter und unter-
suchte ebenfalls die integrierenden und organisatorischen Effekte von Emotionen.32
Die Angstemotion schildert Ciompi gemäß ihrer operativen Wirkung als einen
Schutzmecha-nismus vor gefahrvollen Situationen Sie motiviere das Handeln und Denken Des Weiteren weise sie die menschliche Psyche auf ihre Grenzen hin und fungiere demzufolge als ein über-lebenswichtiger Abschreckmechanismus.33 Die Angst setze hemmende, verlangsamende oder beschleunigende Energien frei Weiterhin bestimme sie die Aufmerksamkeitszentriertheit der
Wahrnehmung Ciompi bezeichnet dies als „Verengung“ bzw „Vertiefung“ des
Aufmerk-samkeitsfokusses Daher hätten Affekte Einfluss auf unsere Wahrnehmung Informationen würden mit zustandsabhängigen Emotionen im Gedächtnis abgespeichert und erinnert Dem-
27 Schwarzer Ralf 1981, 82: „Die Empfindung und Interpretation von autonomer Erregung soll als
»Aufgeregt-heit« und die Wahrnehmung von selbstbezogenen Gedanken als »Besorgt»Aufgeregt-heit« bezeichnet werden.“
28 vgl Schwarzer, Ralf, Streß, Angst und Hilflosigkeit Die Bedeutung von Kognitionen und Emotionen bei der
Regulation von Belastungssituationen, Stuttgart etc (Kohlhammer) 1981, 84
29 vgl ebd
30 vgl Bandura, Albert, Social learning theory, Englewood Cliffs etc (Prentice-Hall) 1977, 60-63
31 vgl Schwarzer, Ralf, Streß, Angst und Hilflosigkeit Die Bedeutung von Kognitionen und Emotionen bei der Regulation von Belastungssituationen, Stuttgart etc (Kohlhammer) 1981, 80-85; vgl Lazarus, Richard S., Emo-
tion and adaptation, New York etc (Oxford University Press) 1991, 337-339
32 vgl Ciompi, Luc, Die emotionalen Grundlagen des Denkens Entwurf einer fraktalen Affektlogik, Göttingen
(Vandenhoeck & Ruprecht) 3 Aufl 2005, 51
33 vgl ebd., 100
Trang 17zufolge hätten Emotionen gleichermaßen eine integrierende und ordnende Funktion, da sie bestimmte Gedächtnisspeicher öffnen und schließen Somit schaffen Emotionen verlässliche und haltbare Strukturen im Sinne kontextgebundener funktionaler Einheiten Diese Einheiten
bezeichnet Ciompi als „Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme“, die kontinuierlich ablaufen
würden Weiterhin organisieren Emotionen die Hierarchie unserer Denkinhalte Ängste, die mit einer bestimmten Person verbunden seien, würden spezifische Verhaltensweisen in einer bestimmten Rangfolge aktivieren (z B Chef löst bei seinen Mitarbeitern Angst vor Strafe aus, der Mitarbeiter benutzt den Abwehrmechanismus der Kommunikationsreduktion mit dem Chef) Allgemein würden Affekte zur Reduktion der inneren und äußeren Komplexität beitra-gen Durch die Affektfilterung während des Kognitionsprozesses kann die Wahrnehmung sinnvoll beschränkt werden Angstgefühle hätten neben diesen Funktionen auch ein dysfunk-tionales Verhaltens- und Kognitionspotenzial.34 Die im Laufe eines Lebens gesammelten Angsterfahrungen entwickeln sich zu einer spezifischen Angstlogik Ein situativer Auslöser kann die Angstemotion hervorrufen Die Angst wirkt im Sinne eines Attraktors35, der alle spezifischen „Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme“ in seinen Bann zieht.36 Als Angstaus-löser kann eine innere oder äußere Situation wirken Als maßgebend erweist sich die indivi-duelle Bewertung der Situation, welche verstärkend oder hemmend wirken kann
Für Ciompi geht es nicht um die Klärung, ob das Denken die Emotion oder die Emotion das
Denken beeinflusst Für ihn werden sämtliche vom Gehirn wahrgenommenen Reize mit tionalen Bewertungen versehen Er versteht den „psychischen Apparat“ als ein „[ ] komplex hierarchisiertes Gefüge von Fühl-, Denk- und Verhaltensprogrammen [ ]“.37 Die „Fühl-, Denk und Verhaltensprogramme“ bilden sich selbstorganisierend durch angeborene Grundla-gen (z B neuronale Strukturen im Gehirn) Im Laufe eines Lebens werden über wiederholte Erfahrungen diese Programme gefestigt, verändert und neu konstruiert.38 Die sensorischen Reize werden über die neuronalen Verzweigungen im Gehirn weitergeleitet Je häufiger be-stimmte Verbindungen im Gehirn aktiviert werden, desto gefestigter sind die Verarbeitungs-programme eines Individuums Die Reaktion auf sensorische Reize kann sowohl bewusst oder vollautomatisch ablaufen Es bedarf dabei nicht immer einer bewussten Kognitionsverarbei-
emo-34 vgl ebd., 95-100
35 vgl ebd., 140: Als Attraktor werden Bereiche bezeichnet, in denen bestimmte Zustände und Phasen ablaufen und die Systemdynamik bilden
36 vgl ebd., 153
37 vgl ebd., 47: Luc Ciompi benennt mit „Fühl-, Denk- und Verhaltensprogrammen“ die affektiv-kognitiven
Be-zugssysteme Diese sind durch Erfahrungen entstanden und werden von geeigneten Auslösern in einem chen Kontext mobilisiert und aktualisiert
ähnli-38 vgl ebd., 52; vgl Storch, Maja, Die Bedeutung neurowissenschaftlicher Forschungsansätze für die
psycho-therapeutische Praxis, in: Psychotherapie 7 (2002), 283
Trang 18tung Die direkte Reaktionsverarbeitung (z B Reflex bei plötzlicher Bedrohung) verläuft über subkortikale Bahnen zu den Mandelkernen39 oder indirekt über die Großhirnrinde (z B bewusst kognitive Kontrolle und Verarbeitung der Angstemotion) Das Gedächtnis besteht
nach Ciompi aus einem Netzwerk neuronaler Verbindungen, die zum motorischen
Regelzentrum (Rindenregion), zum HormonregelzentRegelzentrum, zum emotionsgenerierenden bzw regulierenden Bereichen (Mandelkern) sowie zum vegetativen System führen Aus diesem neuronalen Netzwerk bestehen die „funktional integrierten neuronalen Assoziationssysteme“,
-in denen affektive, hormonale und vegetative Komponenten vernetzt s-ind und bei der hung von Reflexen mitwirken Bestimmte Verhaltensweisen (z B Leistungsangst) können durch Erfahrungen in der Prägephase der Selbst- und Objektpräsentation erlernt werden und später im Erwachsenenalter unbewusst ablaufende Unlustgefühle erzeugen Das Gehirn ist in der Lage, seine neuronale Plastizität40 ein Leben lang zu verändern Der Mensch kann bis ins hohe Alter seine neuronalen Strukturen durch Lernen und Verlernen verändern.41
Entste-Eine Emotion definiert Ciompi als „[ ] eine von inneren oder äußeren Reizen ausgelöste,
ganzheitliche psycho-physische Gestimmtheit von unterschiedlicher Qualität, Dauer und wußtseinsnähe(sic!.)“42 Da entsprechend der Affektlogik mit jeder Emotion unterschiedliche körperliche Funktionen verbunden sind (z B Anspannung bestimmter Muskelgruppen), kann sich ein Mensch nur in einer emotionalen Gestimmtheit befinden So ist zu erklären, dass in einer bestimmten Situation ähnliche Kognitionsprozesse ablaufen (z B Erinnerung an eine vergangene Angst auslösende Situation).43
Be-2.1.2 Angstformen
Nach Schwarzer und Ciompi ist die Art und Stärke der Angstemotionen an die persönliche
Biografie eines Menschen gebunden Zur genaueren Untersuchung der Angstemotion schlug
Schwarzer eine Einteilung der Angst in körperliche Bedrohung und Selbstwertbedrohung vor
39 Ciompi, Luc 2005, 57: Die Mandelkerne werden als Schaltzentrum (z B des „Furcht-Angst-Systems“)
be-zeichnet Von ihm aus verlaufen „[ ] beteiligte Assoziationsbahnen zu den vegetativen, hormonalen und motorischen Schaltzentren [ ]“
senso-40 Mit „neuronale Plastizität“ ist die ständige Neubildung neuronaler Verbindungen und Vernetzungen gemeint
41 vgl Storch, Maja, Die Bedeutung neurowissenschaftlicher Forschungsansätze für die psychotherapeutische Praxis, in: Psychotherapie 7 (2002), 282; vgl Roth, Gerhard, Fühlen, Denken, Handeln Wie das Gehirn unser
Verhalten steuert, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2001, 150
42 Ciompi, Luc, Die emotionalen Grundlagen des Denkens Entwurf einer fraktalen Affektlogik, Göttingen
(Van-denhoeck & Ruprecht) 3 Aufl 2005, 67 (Hervorhebung im Original)
43 vgl ebd., 60
Trang 19Aus der Selbstwertbedrohung können die Existenz-, Sozial- und Leistungsängste abgeleitet werden.44
Die soziale Angst bezeichnet eine negative Bewertung der bevorstehenden interpersonellen Beziehung Sie geht mit verschiedenen Unlustgefühlen (z B Verlegenheit, Scham, Publi-kumsangst und Schüchternheit) einher Aus der Erwartung, im Mittelpunkt zu stehen und den Anforderungen der Außenwelt nicht gewachsen zu sein, resultiert Sozialstress Ein zu gering ausgebildetes Selbstwertgefühl führt zur übersensiblen Wahrnehmung und Infragestellung der eigenen Person Der Sozialstress wird von Ängsten begleitet.45
Die Existenzangst teilt Schwarzer in folgende Unterkategorien ein: die Angst vor Krankheit,
die Angst vor Arbeitsplatzverlust, die Angst vor Unfällen und die Angst vor Tieren
Während bei der Existenzangst die physische Bedrohung hervorgehoben wird, rückt bei der Leistungs- und der Sozialangst die Bedrohung des Selbstwertes in das Bewertungszentrum Die Leistungsangst bezieht sich auf die Erwartung eines Misserfolges und die darauf folgen-den Sanktionen Die Leistungsangst lässt sich in die Unterkategorien der Bewertungsangst, Prüfungsangst und der Berufsangst aufteilen.46
Ciompi schlägt aufgrund der Kontinuität zwischen angespannten oder entspannten
Grund-empfindlichkeiten sowie deren Ablaufmechanismen mit den dazugehörigen hormonellen und verhaltensgemäßen Regulationen zwei Grundempfindlichkeiten vor Diese seien auch bei Tie-ren und Menschen nachweisbar: auf der einen Seite die sympathicotonen (angespannten) und auf der anderen Seite die parasympathicotonen (entspannten) Gestimmtheiten.47 Die Angster-regung zählt zu den sympathicotonen, Energie verzehrenden Erregungen
Vester weist auf den Energie verzehrenden Charakter eines Stresszustandes hin Er
unter-scheidet den anregenden Stress („Eustress“) mit abklingender Angsterregung vom schen Stress („Disstress“) als permanenten Alarmzustand des Körpers begleitet von einer ständigen Angsterregung Bei einer permanenten Anspannung würde der Körper in einen Un-gleichgewichtszustand geraten.48
44 vgl Schwarzer, Ralf, Streß, Angst und Hilflosigkeit Die Bedeutung von Kognitionen und Emotionen bei der
Regulation von Belastungssituationen, Stuttgart etc (Kohlhammer) 1981, 92
45 vgl ebd., 126-142
46 vgl ebd., 92
47 vgl Ciompi, Luc, Die emotionalen Grundlagen des Denkens Entwurf einer fraktalen Affektlogik, Göttingen
(Vandenhoeck & Ruprecht) 3 Aufl 2005, 67
48 vgl Vester, Frederic, Phänomen Streß Wo liegt sein Ursprung, warum ist er lebenswichtig, wodurch ist er
entartet? Stuttgart (dtv) 6 Aufl 1984, 15
Trang 20Ciompi teilt die Energie verzehrenden Angsterregungen in normalpsychologisch-reaktive
Ängste, neurotische Ängste und psychotische Ängste ein Zu den reaktiven Ängsten zählt er die situative Existenzangst und Angst vor sozialer Ausgrenzung Der Ursprung neurotischer Ängste wird in der frühen Kindheit (z B Angst vor Strafe, Angst vor Gefühlsregungen) verortet Die psychotische Angst (z B wahnhafte Angst bzw schizoi-
normalpsychologisch-de Angst) wird durch ein Trauma ausgelöst In allen drei genannten Angstausprägungen fen die zur Gestimmtheit passenden „Fühl-, Denk und Verhaltensprogramme“ ab Bei der psychotischen Angst haben sich diese „Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme“ so stark aus-geprägt, dass die betreffende Person die Außenwelt als eigentümlich erlebt Das Individuum zieht sich immer mehr in eine von Angst beherrschte Eigenwelt zurück.49
lau-2.1.3 Angstfolgen
Nach Ciompi besitzt jede Emotion ihre spezifische Affektlogik Die Angstemotion wirkt auf
das Denken und Empfinden Auf motorischer Ebene wirkt die Angst auf das Handeln und auf physiologischer Ebene auf die körperlichen Vorgänge (z B Ausschüttung von Hormonen).50
Die Stressreaktion eines Menschen ist ein seit Millionen von Jahren gespeicherter ger Funktionsprozess Dessen Zweck besteht in der Sicherung des körperlichen Überlebens Innerhalb einer Stressreaktion wird ein sensormotorischer Reiz wahrgenommen und im Zwi-schenhirn verarbeitet Ein Angstimpuls wird ausgelöst, wenn eine Situation als Bedrohung bewertet wird Dieser führt zur Erregung des Sympathikusnervs und aktiviert die Nebenniere, welche die Hormone Adrenalin und Noradrenalin in den Kreislauf ausschüttet Die körperei-genen Reflexe werden daraufhin ausgeführt (z B beschleunigter Herzschlag, erhöhter Blut-druck) Die Energiereserven des Körpers werden aufgebraucht (Zucker, Fett, Muskelmasse) Der Körper befindet sich in einem Alarmzustand, um einer vermeintlichen Bedrohung auszu-weichen (Flucht) oder entgegenzutreten (Angriff) Über die Hirnanhangdrüse (Hypophyse) wird der Botenstoff Hydrocortison aus der Nebenniere abgerufen Daraufhin werden der Ver-dauungsprozess, die Sexualfunktion und die Immunabwehr auf ein Minimum zurückgefahren
reflexarti-Es werden vermehrt rote Blutkörperchen in den Blutkreislauf abgegeben Dies ermöglicht
ei-ne bessere Sauerstoffzufuhr und im Falle eiei-ner Verletzung eiei-ne bessere Wundschließung Die
49 vgl Ciompi, Luc, Die emotionalen Grundlagen des Denkens Entwurf einer fraktalen Affektlogik, Göttingen
(Vandenhoeck & Ruprecht) 3 Aufl 2005, 180-182
50 vgl ebd., 165
Trang 21Blutgerinnung wird erhöht Ist die Abreaktion (Flucht, Angriff) der Angsterregung erfolgt, kehrt der Körper in seinen Normalzustand zurück.51
Wird die Stressreaktion nicht abreagiert, bleibt der Körper in einem Alarmzustand Es werden weiterhin Hormone ausgeschüttet und wichtige Stoffwechselprozesse nicht ausgeführt Bei permanenter Stresserregung wird der Organismus in seinem Ungleichgewichtszustand gehal-ten Die körpereigenen Reflexmechanismen wenden sich gegen den Organismus Die umge-wandelten Fettsäuren setzen sich in Form von Cholesterin an den Gefäßwänden ab Die Über-zahl an roten Blutkörperchen führt zur verstärkter Thromboseneigung Das vegetative Ner-vensystem (autonomes Nervensystem) wird gestört Zu den sich daraus entwickelnden Krankheiten können zählen: Kreislaufstörungen, erhöhtes Infarktrisiko, Neurosen, Asthma, Arteriosklerose, erhöhte Krebsdisposition, Herz- und Gefäßerkrankungen, Stoffwechselstö-rungen, Konzentrationsschwächen etc Weiterhin können sekundäre psychische Stressoren wie geringe Sexualität, verringerte Denk- und Lerngeschwindigkeit, Frustration, Impotenz und gestaute Aggressivität auftreten.52
Die Angst als Begleitemotion der Stressreaktion lähmt die kognitiven nismen Die erhöhte Selbstaufmerksamkeit bei hochängstlichen Persönlichkeiten bedingt eine Leistungseinschränkung des Gehirns.53 Nach Roth schädigt psychischer Dauerstress das Ner-
Verarbeitungsmecha-vensystem durch permanente Hormonausschüttung Die Nervenzellen schrumpfen, und das neuronale Wachstum wird verhindert.54 Aus dem hormonalen Ungleichgewicht resultieren chronische Belastungen des Organismus
Vester unterteilt die Menschen in „Vagotoniker“ und „Sympathikotoniker“ Bei einem
„Vago-toniker“ reagiert das parasympathische Nervensystem überempfindlich Diese Menschen
sei-en anfälliger für Magsei-en-Darm-Trakt-Erkrankungsei-en (z B Gastritis, Magsei-ensei-entzündungsei-en, Magengeschwüre, chronische Verstopfung etc.) Bei einem „Sympathikotoniker“ reagiert das sympathische Nervensystem überempfindlich Daher neigen diese Menschen verstärkt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen.55
51 vgl Vester, Frederic, Phänomen Streß Wo liegt sein Ursprung, warum ist er lebenswichtig, wodurch ist er
entartet? Stuttgart (dtv) 6 Aufl 1984, 20-23
52 vgl ebd., 36-46; vgl Fletcher, Ben, The epidemiology of occupational stress, Cooper, Cary L./Payne, Roy
(Hrsg.), Causes, coping and consequences of stress at work, Chichester etc (John Wiley & Sons) 1988, 15-18
53 vgl Schwarzer, Ralf, Streß, Angst und Hilflosigkeit Die Bedeutung von Kognitionen und Emotionen bei der
Regulation von Belastungssituationen, Stuttgart etc (Kohlhammer) 1981, 82
54 vgl Roth, Gerhard, Fühlen, Denken, Handeln Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt am Main
(Suhrkamp) 2001, 288-289
55 vgl Vester, Frederic, Phänomen Streß Wo liegt sein Ursprung, warum ist er lebenswichtig, wodurch ist er entartet? Stuttgart (dtv) 6 Aufl 1984, 114; vgl Gerhardt, Uta E., Stress and stigma explanations of illnes, in:
Trang 222.1.4 Angst in der Managementlehre
Panse und Stegmann gehören zu den wenigen Autoren, die sich mit Ängsten im betrieblichen
Umfeld beschäftigten Sie untersuchten die energetischen Einflüsse der Ängste auf die tungsfähigkeit der betriebswirtschaftlich handelnden Menschen Sie definieren Angst als:
Leis-„Wenn mir im Unternehmen etwas auf die Nerven geht und ich mich von diesem Etwas droht fühle, dann habe ich Angst.“56 In Anlehnung an Schwarzers Angstkategorisierung ord-
be-nen sie zu den Existenzängsten alle Ängste, welche die körperliche und berufliche Existenz bedrohen Dazu zählen die Angst vor Arbeitsplatzverlust, Angst vor Verarmung, Altersangst und Krankheitsangst
Altersangst und Krankheitsangst zählen sie ebenfalls zu den sozialen Ängsten, da diese
Ängs-te von einer Selbstwertbedrohung begleiÄngs-tet seien Zu den sozialen ÄngsÄngs-ten im betrieblichen Umfeld würden weiterhin gehören: Angst vor Vorgesetzten, Angst vor Mitarbeitern, Angst vor Kollegen, Angst vor offener Meinungsäußerung und Publikumsangst
Eine dritte Angstkategorie nach Schwarzer waren die Leistungsängste Panse und Stegmann
sehen in ihnen eine Verknüpfung zu den sozialen Ängsten, da neben der Befürchtung zu sagen auch die soziale Komponente der Selbstwertbedrohung (z B Ansehensverlust) enthal-ten sei
ver-Zu den Leistungsängsten zählen die Beurteilungsangst, Prüfungsangst, Angst vor gen, Angst vor Beförderung, Angst vor Versetzung und die Angst vor internationaler Zusam-menarbeit.57
Neuerun-Die soeben aufgeführte Kategorisierung erweckt den Anschein, es gäbe eine Vielzahl von Ängsten Gleichwohl tritt im alltäglichen Arbeitsalltag weniger die archaische Angst vor kör-perlicher Bedrohung als vielmehr die Angst vor einer Selbstwertbedrohung auf Die betriebs-wirtschaftliche Angst ist eine subjektiv wahrgenommen Bedrohung und kann die Leistungs-fähigkeit der Beschäftigten beeinflussen „Die betriebswirtschaftlich relevante Angst ist eine leistungsbeeinflussende Empfindung, die auftritt, wenn sich der betriebswirtschaftlich han-delnde Mensch durch eine Bedrohung verunsichert fühlt.“58 Es besteht ein Zusammenhang
zwischen Angst, Leistung und Sicherheit Die leistungsfördernde Angst bezeichnen Panse
Gerhardt, Uta E./Wadsworth, Michael E J (Hrsg.), Stress and stigma Explanation and evidenc in the sociology
of crime and illness, Frankfurt am Main-London-New York (Campus) 1985, 168
56 Panse, Winfried/Stegmann, Wolfgang, Angst-Macht-Erfolg Erkennen Sie die Macht der konstruktiven Angst,
München (Volk) 2007, 34
57 vgl ebd., 45-65
58 Panse, Winfried /Stegmann, Wolfgang, Kostenfaktor Angst, Landsberg-Lech (Verl Moderne Industrie) 1998,
72
Trang 23und Stegmann als „Mikroangst“ Das Individuum kann die als bedrohlich empfundene
Angst-erregung abreagieren und seinen Körper in einen Gleichgewichtszustand zurückversetzen Der Mensch empfindet die Stressreaktion als subjektives Ungleichgewicht zwischen ange-spannten und entspannten Zuständen Der Organismus versucht, durch kognitive Selbstregu-lationsmechanismen (z B Einsicht und
Vernunft) dem Energie verzehrenden Ungleichgewichtszustand (z B Aufregung) zuwirken.59
entgegen-Die „Mikroangst“ ruft ein zeitlich beschränktes Ungleichgewicht hervor (Stressreaktion) Dies schützt vor unbedachtem betriebswirtschaftlichen Handeln, wirkt leistungssteigernd, mo-tivierend, fördert die Leistungsbereitschaft und die Konzentration Die leistungshemmende
„Makroangst“, entsteht durch eine länger andauernde Stressreaktion Der Körper wird in nem permanenten Ungleichgewichtszustand gehalten Die „Makroangst“ führt zu hohen ener-getischen Verlusten und bewirkt daher Kontrollverlust, Konzentrationsschwäche, große Ver-unsicherung, Resignation und sinkende Leistungsbereitschaft.60
ei-Die Angst ist als Instrument in der Managementlehre akzeptiert Sie wird zur Erzeugung von Leistungsmotivation, Stabilisierung von Macht- und Ordnungsstrukturen und zur Bindung der Untergebenen eingesetzt.61 Die Angst als Teil von Führungskulturen kann durch Angst ma-chende Autoritäten als manipulatives Druckmittel zum Einsatz kommen Unternehmen mit einer ausgeprägten Angstkultur können die Bindung ihrer Leistungsträger an ein Unterneh-men minimieren und tragen zur Erosion von Vertrauen, Sicherheit, individuellem Engage-ment und Kreativität bei Das Gleichgewicht zwischen individuellen Bedürfnissen und den Leistungserwartungen des Unternehmens kann massiv gestört werden.62 Aufgrund des zunehmenden Leistungsdrucks, Unsicherheit und Ungewissheit im Arbeitsalltag sowie der sich verändernden arbeitsteiligen Strukturen in der postindustriellen Informationsgesellschaft werden Ängste permanent geschürt (z B Medienberichterstattung über Nokia zur Schließung des Produktionsstandortes Bochum) Doch die Veränderungen und ökonomischen Entwick-
59 vgl Roth, Gerhard, Fühlen, Denken, Handeln Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2001, 287; vgl LeDoux, Joseph E., Cognitive-emotional interaction in the brain, in: Cognition and
Emotion 3 (1989), 273-274
60 vgl Panse, Winfried/Stegmann, Wolfgang, Kostenfaktor Angst, Landsberg-Lech (Verl Moderne Industrie)
3 Aufl 1998, 49-78
61 vgl Vester, Frederic, Phänomen Streß Wo liegt sein Ursprung, warum ist er lebenswichtig, wodurch ist er
entartet? Stuttgart (dtv) 6 Aufl 1984, 227
62 vgl Freimuth, Joachim, Die Angst der Manager, in: Freimuth, Joachim (Hrsg.), Die Angst der Manager, tingen etc (Verl für Angewandte Psychologie) 1999, 15-23; vgl Morris, Terence, Social causes of deviant be- haviour, in: Gerhardt, Uta E./Wadsworth, Michael E J (Hrsg.), Stress and stigma Explanation and evidence in
Göt-the sociology of crime and illness, Frankfurt am Main-London-New York (Campus) 1985, 100-101
Trang 24lungen führen nicht generell zu Leistungsminderungen in Unternehmungen Durch extreme Verunsicherung (z B Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme und Arbeitnehmerrechte, Privatisierung, Entsolidarisierung, asymmetrische Machtstrukturen, hochgradige Hierarchisie-rung, starker Konkurrenzkampf, Mangel an Mitbestimmung) können Ängste auch einem
„neuartigen“ Herrschafts- und Kontrollmechanismus dienen Übt eine Branche eine hohe ziehungskraft aus, ist der Arbeitnehmer durchaus bereit, vorherrschende Arbeitsbedingungen
An-zu akzeptieren Der faire Umgang mit den Leistungsträgern dient nicht als hinreichende klärung für die subjektive Leistungsmotivation Auch in einer „Ökonomie der permanenten Unsicherheit“ können Leistungsbereitschaft und Kreativität erbracht werden.63
Er-2.2 Leistung
Nicht nur innerhalb der Betriebswirtschaftslehre, sondern auch in anderen Wissenschaften existiert keine eindeutige Leistungsdefinition Es herrscht kein fächerübergreifendes Ver-ständnis des Leistungsbegriffs.64
2.2.1 Leistungsdefinition
Borchert nennt drei Dimensionen des Leistungsbegriffs Sie unterscheidet zwischen einem
ergebnisorientierten, tätigkeitsorientierten und ressourcenorientierten Leistungsverständnis Eine Leistung bezeichnet demnach ein erzieltes Ergebnis, die Tätigkeiten während eines Pro-duktionsprozesses und die Kapazitäten der genutzten Ressourcen.65
Im Rahmen dieser Studie steht die Leistung eines einzelnen Mitarbeiters bzw die
Teamleis-tung im Vordergrund Daher eignet sich der von Borchert vorgeschlagene zielorientierte
Leis-tungsbegriff Demnach liegt eine zielorientierte Leistung dann vor, wenn ein Mitarbeiter „[ ] einen Beitrag zur Erreichung unternehmerischer Ziele liefert“66 Unternehmerische Ziele stel-len z B Absatz, Gewinn, Rentabilität oder der erfolgreiche Projektabschluss dar Durch die zielorientierte Leistungsdefinition können die Arbeitsleistung und die möglichen Konflikte zwischen dem ökonomischen Streben und der sozialen Rationalität besser analysiert wer-
63 vgl Marrs, Kira, Zwischen Leidenschaft und Lohnarbeit Ein arbeitssoziologischer Blick hinter die Kulissen von Film und Fernsehen, Berlin (Sigma) 2007, 179-188; vgl Castel, Robert, Der Zerfall der Lohnarbeitsge- sellschaft, in: Bourdieu, Pierre (Hrsg.), Lohn der Angst Flexibilisierung und Kriminalisierung in der »neuen
Arbeitsgesellschaft«, Konstanz (UVK) 2007, 19
64 vgl Borchert, Margret, Leistungsdeterminanten, in: Wirtschafts-Lexikon Das Wissen der
Betriebswirtschafts-lehre, Stuttgart (Schäffer-Poeschel) 2006, 3472
65 vgl ebd
66 vgl ebd
Trang 25den.67 Der zielorientierte Leistungsbegriff beachtet ebenfalls das Verhalten eines Mitarbeiters als Leistungsdeterminante in einem Produktionsprozess
In Bezug auf das Individuum kann die Leistungsbereitschaft durch den Begriff der tungsmotivation beschrieben werden Die Leistungsmotivation verkörpert den Antrieb zur Er-
Leis-füllung einer erwarteten Leistung Nach Roth steuern Emotionen bewusste oder unbewusste
Motivationsprozesse, indem sie Gedanken, Vorstellungen und Erinnerungen mit Handeln und Verhalten verbinden Emotionen besitzen daher eine funktionale Operatorwirkung und moti-vieren den Menschen etwas zu vermeiden oder etwas anzustreben Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft können durch Emotionen gehemmt oder gesteigert werden.68
2.2.2 Menschliche Arbeitsleistung
Die menschliche Arbeitsleistung steht in dieser Arbeit im Zentrum der Betrachtung Mithilfe des zielorientierten Leistungsbegriffs können die Einflussfaktoren auf die menschliche Ar-
beitsleistung analysiert werden Die Arbeitsleistung definiert Borchert „[ ] als Prozess des
Einsatzes der Fähigkeiten und Fertigkeiten der in Unternehmen tätigen Menschen zur chung unternehmerischer Ziele [ ]“.69 Die Fähigkeiten eines Mitarbeiters sind angeboren und stellen die Voraussetzung zur Erwerbung bestimmter Fertigkeiten dar Als Fähigkeit gelten: Schauspielertalent, Führungskompetenz, Sprachtalent Die Fertigkeiten eines Menschen kön-nen im Laufe der Sozialisation erlernt und durch Erfahrung verbessert werden (z B Lesen, Rechnen, Koordination im Fußballspiel etc.).70
Errei-2.2.3 Leistungsmessung
Bevor die Arbeitsleistung eines Menschen oder eines Teams gemessen werden kann, bedarf
es der genauen stellenbezogenen Zielformulierung und Zuordnung Zu diesem Zweck werden die benötigten Kompetenzen (Fähigkeiten, Fertigkeiten) sowie Verantwortlichkeiten aus den übergeordneten Unternehmenszielen abgeleitet und einem passenden Leistungsträger zuge-ordnet, der die geforderten Kompetenzen besitzen sollte
67 vgl ebd., 3476
68 vgl Roth, Gerhard, Fühlen, Denken, Handeln Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2001, 263; vgl Reiss, Steven/Havercamp Susan M., Toward a comprehensive assessment of funda-
mental motivation Factor Structure of the Reiss Profiles, in: Psychological Assessment 10 (1998), 104-105; vgl
Bandura, Albert, Social learning theory, Englewood Cliffs etc (Prentice-Hall) 1977, 28-29
69 vgl Borchert, Margret, Leistungsdeterminanten, in: Wirtschafts-Lexikon Das Wissen der
Betriebswirt-schaftslehre, Stuttgart (Schäffer-Poeschel) 2006, 3472
70 vgl Roth, Gerhard, Fühlen, Denken, Handeln Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2001, 153; vgl Bandura, Albert, Social learning theory, Englewood Cliffs etc (Prentice-Hall) 1977,
72-74
Trang 26Die betriebliche Leistungsmessung wird im Allgemeinen über die Kalkulation innerhalb der Kostenrechnung erfasst.71 Die Leistungsmessung der menschlichen Arbeit erfolgt meist er-gebnisorientiert Eine Person wird hinsichtlich ihres Wollens (Motivation), Könnens (maxi-male Fertigkeiten und Fähigkeiten, Ausmaß der Verfügbarkeit innerhalb eines Jahres und nach Lebensphase) und der Erledigung einer ihr zugewiesenen Aufgabe bewertet Der ergeb-nisorientierte Ansatz stützt sich auf Motivations- und Prozesstheorien
Anhand von Bewegungsstudien erfolgte beispielsweise der Versuch, die Leistungsprozesse zu optimieren Der ergebnisorientierte Leistungsbegriff kann indes nicht die individuellen Unter-schiedlichkeiten der Leistungsfähigkeit zwischen Individuen erklären, obwohl die Subkom-ponente des Könnens als identisch beurteilt wurde Im Rahmen der ergebnisorientierten Leis-tungsmessung wird lediglich ein Teilbereich der Mitarbeiterleistung analysiert Die Situation als Subkomponente (z B übrige Produktionsfaktoren, Normen in Arbeitsgruppen, Gruppen-dynamik, Leistungsanforderung der Tätigkeit, unterschiedliche Willensstärke von Individuen, abweichender Motivationsgrad von Individuen etc.), welche den Leistungsherstellungsprozess beeinflussen, fanden als Leistungsdeterminante in der betriebswirtschaftlichen Forschung bis-her kaum Beachtung.72
Locke und Latham wiesen in ihrer empirischen Untersuchung zur Identifizierung von
Ein-flussfaktoren auf die Leistung nach, dass die positive Wahrnehmung des Bewältigenkönnens eines Ziels (Herausforderung) neben Commitment, Wissen zur Zielerreichung, Zufriedenheit, Belohnung und Ausdauer eine moderierende Variable auf die Leistungserbringung repräsen-tiert.73 Das zielorientierte Leistungsverständnis bezieht individuelle Gefühle der Mitarbeiter sowie die situativen Variablen in den Leistungsmessungsprozess mit ein.74 Besitzt ein Mitar-beiter die Kompetenz, mithin die Wertkonformität der Aufgabe (eigene Werte stimmen mit denen des Unternehmens überein bzw Unternehmenswerte werden akzeptiert), und betrachtet die Aufgabe als Herausforderung, kann eine Leistungssteigerung eintreten Der Mitarbeiter erfährt aufgrund einer spezifischen Zielvereinbarung (z B Teamführung und Verantwor-tungszuweisung innerhalb eines Zeitraums mit Zielvorgabe) eine Abstimmung mit seinen ei-genen Fähigkeiten und Fertigkeiten Die wahrgenommene Beachtung der eigenen Person steigert das „Commitment“ gegenüber den Unternehmenszielen Werden unspezifische Ziele
71 vgl Borchert, Margret, Leistungsdeterminanten, in: Wirtschafts-Lexikon Das Wissen der
Betriebswirt-schaftslehre, Stuttgart (Schäffer-Poeschel) 2006, 3473
72 vgl ebd., 3473-3474
73 vgl Locke, Edwin A./Latham, Gary P., A theory of goal setting & task performance, Englewood Cliffs etc (Prentical Hall) 1990, 253; vgl Locke, Edwin A./Latham, Gary P., Goal setting A motivational technique that
works, Englewood Cliffs N.J (Prentice-Hall) 1984, 90-94
74 vgl Locke, Edwin A./Latham, Gary P 1990, 253: Das Modell des „high performance cycle“ identifiziert
Leis-tungsdeterminanten, die auf eine Mitarbeiterstelle wirken
Trang 27(z B Teammitglied ohne Zielvorgabe, ohne Verantwortungszuweisung) ohne Beachtung der Fähigkeiten und/oder Fertigkeiten einer Person vorgegeben, so vermag dies Überforderung, Flucht in die Verantwortungslosigkeit oder Arbeitsverweigerung (z B innere Kündigung) zu bedingen Die Belohnung als Leistungsdeterminante (z B soziale Anerkennung, Sicherheit des Arbeitsplatzes) steigert die Arbeitszufriedenheit Die persönlichen Bedürfnisse (z B Ar-beitsansprüche, Werte: Freiheit, Kreativität, Selbstverwirklichung, öffentliche Aufmerksam-keit) eines Mitarbeiters finden Beachtung und bilden mitunter den Rahmen für die Akzeptanz höherer Leistungsforderungen Die Arbeitsleistung wird an den erreichten Zielen (z B er-folgreich produzierter Film) bemessen Der Führungskraft obliegt demzufolge die Aufgabe, spezifische Ziele mit den Mitarbeitern zu vereinbaren und entsprechende Rahmenbedingun-gen für die Zielerreichung zu schaffen Auf diese Weise fördert die Führungskraft die Bereit-schaft zur Akzeptanz neuer, herausfordernder Zielvereinbarungen.75
2.3 Teams
Die schwer zu kontrollierende Wirtschaftsdynamik zwingt die Wirtschaftssubjekte zur passung an die sich schnell verändernden Marktbedingungen Die Anpassungswelle erfasst alle gesellschaftlichen Bereiche Aus verstärkten Privatisierungen resultiert beispielsweise die Entkopplung von Arbeit und Sozialleistung Zahlreiche Unternehmen sind gezwungen, innere Organisationsstrukturen und Prozesse wettbewerbsfähiger, konkurrenzfähiger und flexibler zu gestalten Damit geht gleichzeitig eine Veränderung der Arbeitsbedingungen der Menschen einher Die Teamorganisation kommt zum Einsatz, um innerhalb komplexer, sich schnell ver-ändernder Rahmenbedingungen innovative und konkurrenzfähige Unternehmensleistungen zu erzielen.76
An-2.3.1 Teamdefinition
Der Teamgedanke erfährt in Zeiten verstärkter Umstrukturierungsprozesse in Organisationen eine Reformation Teams indes verkörpern keine neue Idee, sondern waren bereits in der Frühgeschichte der Menschheit anzutreffen In Sippen oder Clans konnten individuelle Fä-higkeiten und Fertigkeiten effizienter zur Existenzabsicherung gebündelt werden Aus dieser Bündelung ergaben sich Leistungsvorteile, die in der späteren sozioökonomischen Entwick-lung weiter ausdifferenziert wurden Während der Industrialisierung erfolgte der Versuch, die
75 vgl Borchert, Margret, Leistungsdeterminanten, in: Wirtschafts-Lexikon Das Wissen der schaftslehre, Stuttgart (Schäffer-Poeschel) 2006, 3473-3476; vgl Locke, Edwin A./Latham, Gary P., Goal set-
Betriebswirt-ting A motivational technique that works, Englewood Cliffs N.J (Prentice-Hall) 1984, 54-56
76 vgl Sagebiel, Juliane/Vanhoefer, Edda, Es könnte auch anders sein Systemische Variationen der
Teambe-ratung, Heidelberg (Carl-Auer) 2006, 16-18
Trang 28Aufgabenverteilung zu perfektionieren Am Fließband konnte mit wissenschaftlicher
Unter-stützung des US-amerikanischen Ingenieurs und Arbeitswissenschaftlers Taylor (1856-1915)
durch Zerlegung der Gesamtaufgabe in eine Vielzahl kleiner monotoner Einzelaufgaben die Arbeitsleistung gesteigert werden Das Ziel des „Scientific Management“ bestand in der Stei-gerung der Arbeitsleistung durch Optimierung der Arbeitsprozesse Die Arbeiter wurden im Sinne der Maschinenmetapher als austauschbare Komponenten betrachtet und weniger als In-dividuen mit eigenen Werten und Erfahrungen Trotz der ausgefeilten Arbeitsabläufe konnten die Japaner in den 1970er-Jahren auf den westlichen Märkten zu ernst zu nehmenden Konkur-renten avancieren Eine Analyse der japanischen Produktionsweise ergab, dass abwechslungs-reiche Gruppenarbeit gegenüber der monotonen Fließbandarbeit zur Motivations- und Leis-tungssteigerung führte Daraufhin wurde in der westlichen Autoindustrie die japanische Teamorganisation imitiert í die Produktivität der Arbeitskräfte stieg erneut an.77
Als ein Team bezeichnen Sagebiel und Vanhoefer eine Gruppe von Menschen Das Team
wird hierarchisch mit einer Führung an seiner Spitze geführt Ein Team erfüllt bestimmte terien Es dient der Organisation zur Erfüllung eines bestimmten Zwecks Das Team wird in-nerhalb eines zeitlichen Rahmens gebildet, um Ziele und Aufgaben zu erfüllen Innerhalb des Teams existieren unterschiedliche Rollen und Kompetenzen.78 Kerr und Jermier vertreten die
Kri-Auffassung, dass fest vergebene aufgabenorientierte Führungsrollen und damit eine sche Steuerung kompetenter Aufgabenträger nicht notwendig sei, da der Rolleninhaber intrin-sische Motivation besitze, eng mit der Gesamtorganisation verbunden sei, unabhängig arbei-ten könne und eine professionelle Identität ausgebildet habe.79
hierarchi-In der Medienbrache wird meist im Rahmen von Unternehmensnetzwerken und genen Teams gearbeitet Bei einer Filmproduktion besteht dieses Team aus „[ ] selbständi-gen Schauspielern, Regisseuren, Technikern und Produzenten [ ]“80 Heinrich bezeichnet
77 vgl Wimmer, Rudolf, Das Team als besonderer Leistungsträger in komplexen Organisationen Zur
Renais-sance des Teamgedankens in der gegenwärtigen Umgestaltung von Organisationen, in: i.com/ADMIN/ASSETS/files/Team%20LeistTr_gerkomplOrg%20RW2.pdf, abgerufen am 07.01.2012, 2; vgl
http://osb-Sagebiel, Juliane/Vanhoefer, Edda, Es könnte auch anders sein Systemische Variationen der Teamberatung,
Heidelberg (Carl-Auer) 2006, 30
78 vgl Sagebiel, Juliane/Vanhoefer, Edda, Es könnte auch anders sein Systemische Variationen der tung, Heidelberg (Carl-Auer) 2006, 22; vgl Bales, Robert F./Slater, Philip E., Role differentiation in small deci- sion-making groups, in: Parson, Talcott/Bales, Robert F (Hrsg.), Family Socialization and interaction process,
Teambera-Glencoe-Illinois (Free Press) 1955, 296-299
79 vgl Kerr, Steven/Jermier, John M., Substitutes for leadership Their meaning an measurement, in:
Organiza-tional Behavior and Human Performance 22 (1978), 399
80 vgl Schumann, Matthias/Hess, Thomas, Grundfragen der Medienwirtschaft Eine betriebswirtschaftliche
Ein-führung, Berlin-Heidelberg-New York (Springer) 2 Aufl 2002, 245
Trang 29den Arbeitsprozess in Medienunternehmen als „arbeitsteilige Verbundproduktion“81 Bei der Herstellung von Medienprodukten arbeiten fachübergreifende oder autonome Teams zusam-men.82
In der Literatur heißt es, dass jedes Team eine Gruppe sei, jedoch nicht jede Gruppe ein Team.83 In Bezug auf eine genauere Abgrenzung eines Teams von einer Gruppe werden nun die Unterschiede detailliert erläutert
Die Zielsetzungen, die Interessen und der Zusammenhalt wirken in einem Team verbindlicher als in einer Gruppe In einem Team werden klare Ziele verfolgt, gemeinsame Interessen ge-teilt und die aufeinander abgestimmten Tätigkeiten als sinnvoll erachtet Innerhalb des Teams tragen die einzelnen Mitglieder entsprechend ihrer Kompetenzen Verantwortung für die zu erfüllenden Aufgaben Die Interaktionsdichte erweist sich in einem Team als höher denn in einer Gruppe Eine störungsfreie Kommunikation ist anzustreben, da sonst das Teamziel ge-fährdet würde Innerhalb des Teams sollten Konkurrenz- und Wettbewerbskämpfe unter-drückt werden, da diese Konflikte die Teamleistung behindern.84
Nach Heinrich wird in Redaktionen häufig in Teams zusammengearbeitet (z B
Programm-gruppe), um Synergieeffekte durch eine Vielzahl von Fertigkeiten und Fähigkeiten der nen Mitarbeiter zu nutzen.85
einzel-2.3.2 Leistungsanforderungen in Teamstrukturen
Während der Arbeit in einem Team wird von den Mitgliedern hohe Sozialkompetenz dert Dazu gehören ein hohes Konfliktlösungspotenzial, soziale Verantwortung, hohe Motiva-tion und Stressresistenz Ein Team erarbeitet Lösungen für komplexe Aufgaben Diese Auf-
gefor-81 vgl Heinrich, Jürgen, Medienökonomie Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt, Wiesbaden
(Westdeutscher Verlag) 2 Aufl 2001, 179
82 vgl Kals, Elisabeth, Arbeits- und Organisationspsychologie Workbook, Weinheim-Basel (PVU) 2006, 111; vgl Schneider, Bruno, Freie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in: Deutscher Journalisten-Verband e V
(Hrsg.), Von Beruf frei Der Ratgeber für freie Journalistinnen und Journalisten, Bonn (DJV) 2 Aufl 2001,
260-261
83 vgl König, Oliver/Schattenhofer Karl, Einführung in die Gruppendynamik, Heidelberg (Carl-Auer) 2 Aufl
2007, 18; vgl Behrenberg, Angelika/Fassnacht, Michael, Erwerb von Teamkompetenz in gruppendynamischen Weiterbildungen Ergebnisse einer Untersuchung zur Nachhaltigkeit gruppendynamischen Lernens, in: Velme-
rig, Carl Otto/Schattenhofer, Karl/Schrapper, Christian (Hrsg.), Teamarbeit Konzepte und Erfahrungen – eine
gruppendynamische Zwischenbilanz, Weinheim-München (Juventa) 2004, 75
84 vgl Wimmer, Rudolf, Das Team als besonderer Leistungsträger in komplexen Organisationen Zur
Renais-sance des Teamgedankens in der gegenwärtigen Umgestaltung von Organisationen, in: i.com/ADMIN/ASSETS/files/Team%20LeistTr_gerkomplOrg%20RW2.pdf, abgerufen am 07.01.2012, 19; vgl
http://osb-George Jennifer M./King, Eden B., Potential pitfalls of affect convergence in Teams Functions and dysfunctions
of group affective tone, in: Mannix, Elizabeth A./Neale, Margaret/Anderson, Cameron P (Hrsg.), Affect and
groups, Amsterdam etc (JAI) 2007, 106
85 vgl Heinrich, Jürgen, Medienökonomie Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt, Wiesbaden
(Westdeutscher Verlag) 2 Aufl 2001, 163
Trang 30gaben sind an zeitliche Fristen gebunden Der dadurch entstehende Zeitdruck ist durch nisationsgeschick zu lösen Ein Team wird gemäß den aufgabenrelevanten Kompetenzen zu-sammengestellt Der Kontext, in dem Teams arbeiten, ändert sich mit jeder Aufgabe Die Rahmenbedingungen sind flexibel Von den Individuen werden schnelle Anpassungsleistun-gen erwartet In einem Team wird schnell und zielorientiert gearbeitet.86
Orga-Im Printbereich erfülle der Chefredakteur, so Heinrich, innerhalb des Teams die Aufgabe der
Organisation von Journalisten Eine Redaktion stellt „[ ] selbstständig und objektorientiert die journalistische Produktion rechtzeitig und in vorbestimmter Menge sicher Die Kommuni-kation erfolgt überwiegend mündlich und ungebunden Für die Produktion existieren nur vage inhaltliche Rahmenbedingungen Spezifische Mitgliedsregeln sowie ethische Normen sind partiell Ersatz für nicht formulierbare detaillierte Handlungsanweisungen.“87
Im Hörfunk und Fernsehen werden audiovisuelle Produkte in Teamarbeit hergestellt Bevor die Dreharbeiten beginnen, wird auf Basis eines Drehbuchs die Planung der anfallenden Kos-ten und benötigten Ressourcen erarbeitet Innerhalb dieses Prozesses wird zwischen künstleri-schem Ehrgeiz und kalkulatorischer Realität abgewogen Bei einer Filmproduktion bestimmt der Produzent den Kontext (z B Anzahl der Drehtage, Dauer der Drehtage, Vorgabe von Ta-gespensen) der Dreharbeiten und erstellt den Drehplan Am Filmset kontrolliert und organi-siert der Regisseur í in strenger Hierarchie í die Filmcrew Da der Produktionsprozess nicht
ex ante geplant werden kann, basisiert der Drehplan auf Erfahrungswerten einzelner Personen, insbesondere des Produktionsleiters Am Set herrscht durch den fest vorgegebenen Drehplan hoher Zeit- und Kostendruck.88
2.4 Medienwirtschaft
Die Medienwirtschaft fasst alle Unternehmen zusammen, die bei der Erstellung eines dienproduktes oder Mediendienstleistung beteiligt sind „In diesem Sinne umfasst die Me-dienbranche alle Unternehmen, die sich mit dem Erzeugen, Bündeln und Distribuieren von In-formationen oder Unterhaltung beschäftigen und sich dafür eines Massenmediums bedie-
86 vgl Sagebiel, Juliane/Vanhoefer, Edda, Es könnte auch anders sein Systemische Variationen der tung, Heidelberg (Carl-Auer) 2006, 29; vgl König, Oliver/Schattenhofer Karl, Einführung in die Gruppendyna-
Teambera-mik, Heidelberg (Carl-Auer) 2 Aufl 2007, 18-19
87 vgl Heinrich, Jürgen, Medienökonomie Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt, Wiesbaden
(Westdeutscher Verlag) 2 Aufl 2001, 179
88 vgl Marrs, Kira, Zwischen Leidenschaft und Lohnarbeit Ein arbeitssoziologischer Blick hinter die Kulissen
von Film und Fernsehen, Berlin (Sigma) 2007, 101-108
Trang 31nen.“89 Ähnlich bezeichnet Heinrich Unternehmen der Medienbranche zugehörig, die
Infor-mationen zusammenstellen, vermarkten und vertreiben.90
2.4.1 Typen von Medienunternehmen
Die Medienunternehmen lassen sich in vier Hauptbereiche einteilen: Print (z B Zeitung, Zeitschriften), Rundfunk (z B Radio, Fernsehen), Speichermedien (z B CD, DVD) und Netze (z B Breitband, Schmalband) Diese vier Hauptbereiche lassen sich in Inhaltserzeu-gung, Inhaltsbündelung und Inhaltsdistribution weiter unterteilen Die Inhalte werden im Printbereich durch Autoren und Redakteure, im Rundfunk durch Künstler und Reporter, in den Speichermedien durch Künstler oder Autoren und für die Datennetze durch Contentpro-vider erzeugt Die Bündelung der Inhalte erfolgt im Printbereich durch Verlage, im Rund-funkbereich über Sender, bei den Speichermedien über Musikverlage und für die Datennetze durch Contentbroker Die Inhaltsdistribution wird im Printbereich durch Druckereien, Logis-tiker oder über den Handel vollzogen Im Rundfunkbereich erfolgt die Inhaltsdistribution über die Netzbetreiber, bei den Speichermedien durch Logistiker, den Handel und die Speicherme-dienhersteller Die Serviceprovider distribuieren die Inhalte über Datennetze.91
2.4.2 Besonderheiten von Medienunternehmen
Die Medienunternehmen sollten nach branchentypischen Besonderheiten analysiert werden,
da die Medienprodukte unter unsicheren und sich ständig verändernden Rahmenbedingungen entstehen Dazu zählen die Unternehmensumwelt/Medienmarkt (z B Rechtsvorschriften, In-formationsvielfalt), Organisationsstrukturen (z B dezentral, hierarchisch), Produktionspro-zesse (z B Kalkulation, Aufgabenvielfalt) und Personalanforderungen (z B Flexibilität, in-trinsische Motivation) Der Produktionsprozess ist geprägt durch hohen Termindruck, hohen Innovationsdruck, geringe Ähnlichkeit der Aufgaben und eine große Aufgabenvielfalt.92 Die Medienprodukte können auf zwei Märkten gleichzeitig angeboten werden í zum einen auf dem Werbemarkt und zum anderen auf dem Unterhaltungsmarkt Dieser doppelte Markt er-zeugt unterschiedliche Vor- und Nachteile Ein Vorteil besteht in der Nutzung von Verbund-
89 Schumann, Matthias/Hess, Thomas, Grundfragen der Medienwirtschaft Eine betriebswirtschaftliche
Einfüh-rung, Berlin-Heidelberg-New York (Springer) 2 Aufl 2002, 11
90 vgl Heinrich, Jürgen, Medienökonomie Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt, Wiesbaden
(Westdeutscher Verlag) 2 Aufl 2001, 170
91 vgl Schumann, Matthias/Hess, Thomas, Grundfragen der Medienwirtschaft Eine betriebswirtschaftliche
Ein-führung, Berlin-Heidelberg-New York (Springer) 2 Aufl 2002, 9
92 vgl Heinrich, Jürgen, Medienökonomie Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt, Wiesbaden (Westdeutscher Verlag) 2 Aufl 2001, 171; vgl Stein, Volker, Management Theory? Implications for Sustain- able Media Management, in: Scholz, Christian, Eisenbeis, Uwe (Ed.), Looking to the future of modern media
management, changes – challenges - oportunities, Lisboa (Media XXI) 2008, 149
Trang 32vorteilen („Economies of Scope“) Mithilfe der Massenmedien kann die Werbeindustrie ein anonymes Massenpublikum erreichen und die vorhandenen Marktbarrieren überwinden So kann neben dem redaktionellen Unterhaltungsgut auch Werbung vermarktet werden.93 Me-dienprodukte repräsentieren zugleich Kultur- und Wirtschaftsgüter Sie prägen innerhalb der Gesellschaft kulturelle Identitäten.94 Da Informationen innerhalb der Gesellschaft frei zirku-lieren, kann im Nachhinein der qualitative oder quantitative Wert einer Nachricht nur schwer einem Verursacher zugerechnet werden.95 Die Medienprodukte werden daher auch als quasi-öffentliche Güter bezeichnet Sie sind an eine öffentliche Meinung gebunden und zeichnen sich durch Nichtausschließbarkeit und Nicht-Rivalität im Konsum aus.96 Das Entgelt für ein Medienprodukt kann einem Verursacher nicht genau zugerechnet werden Konsumenten sind nicht immer bereit, für Informationen zu zahlen (z B Fernsehgebühren) Die Produktionskos-ten und die Nachfrage nach einem Medienprodukt sind nicht ex ante kalkulierbar Medien-märkte erweisen sich daher als instabil und unkontrollierbar.97 Die Qualität von Mediengütern schwankt und lässt sich nur schwer objektiv bewerten Die Nutzung eines Medienproduktes setzt Vertrauen voraus Der Konsument kann erst mit Verbrauch des Gutes feststellen, ob sei-
ne Erwartungen erfüllt wurden Demzufolge gründet sich der Medienkonsum auf Vertrauen und Glaubwürdigkeit Die Inhalte lassen sich zu unterschiedlichen Medienbündeln zusam-menfassen Sie können aus Unterhaltung, Information, Bildung und aus der Aufmerksamkeit für die Werbebotschaft bestehen.98 Die Erzeugung der Inhalte erfolgt durch Eigen- und Fremdanbieter, die ihre Kompetenzen in einem Produkt bündeln.99 Einen wichtigen Produkti-onsfaktor bildet die menschliche Arbeitsleistung, da sie nur begrenzt imitierbar und substitu-ierbar ist (z B Austausch eines Buchautors) Dagegen können im Bereich der Anwendungs-systeme und Distribution die Vorteile der industriellen Produktion ausgeschöpft werden100
(z B Grenzkosten tendieren gegen Null) Die Notwendigkeit eines Medienträgers begründet eine große Abhängigkeit von den technischen Entwicklungen (z B Verschleiß von Datenträ-
93 vgl ebd., 167
94 vgl Karmasin, Matthias/Winter, Carsten, Kontexte und Aufgabenfelder von Medienmanagement, in:
Karma-sin, Matthias/Winter, Carsten (Hrsg.), Grundlagen des Medienmanagements, München (Fink) 2 Aufl 2002, 31;
vgl Scholz, Christian, Medienmanagement – Herausforderung Notwendigkeit und ein Bezugsrahmen, in:
Scholz, Christian (Hrsg.), Handbuch Medienmanagement, Berlin, Heidelberg (Springer) 2006, 55-59
95 vgl Heinrich, Jürgen, Medienökonomie Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt, Wiesbaden
(Westdeutscher Verlag) 2 Aufl 2001, 95-96
96 vgl Karmasin, Matthias/Winter, Carsten, Kontexte und Aufgabenfelder von Medienmanagement, in:
Karma-sin, Matthias/Winter, Carsten (Hrsg.), Grundlagen des Medienmanagements, München (Fink) 2 Aufl 2002, 32
97 vgl ebd., 33; vgl Heinrich, Jürgen, Medienökonomie Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt,
Wiesbaden (Westdeutscher Verlag) 2 Aufl 2001, 71
98 vgl Heinrich, Jürgen, Medienökonomie Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt, Wiesbaden
(Westdeutscher Verlag) 2 Aufl 2001, 99-101
99 vgl Schumann, Matthias/Hess, Thomas, Grundfragen der Medienwirtschaft Eine betriebswirtschaftliche
Ein-führung, Berlin-Heidelberg-New York (Springer) 2 Aufl 2002, 10
100 vgl ebd., 82
Trang 33gern) Die technischen Entwicklungen führen zu Kannibalisierung durch illegale Kopien und gefährden den Umsatz von Medienunternehmen Die Lagerfähigkeit und der Informations-wert eines journalistischen Produktes bemisst sich an seiner Aktualität und dem physischen Verfall des Medienträgers.101 Die technischen Entwicklungen führen zu einer Beschleunigung der Herstellungs- und Distributionsprozesse Die Nicht-Rivalität von Inhalten und der damit einhergehende Wettbewerbsdruck erhöhen die Notwendigkeit der Schaffung effizienterer Strukturen und Produktionsprozesse.102 Die journalistische Arbeit orientiert sich verstärkt an präzisen Mengen- und Zeitvorgaben Der Großteil der Kosten entsteht bei der Erstellung des Originals („First-Copy-Cost-Effect“) Die Distributions- und Vervielfältigungskosten verrin-gern sich mit steigender Ausbringungsmenge („Fixkostendegression“).103 Die Medienproduk-
te können aufgrund ihrer Nicht-Rivalität im Konsum und unbegrenzter technischer tätsgrenzen (geringe variable Produktionskosten) auch mehrfach verwendet werden (z B Musiksampler).104 Die Arbeitsorganisation während des Produktionsprozesses ist geprägt durch Job Rotation (z B Wechsel eines Redakteurs), Job Enlargement (z B breiteres Aufga-benspektrum), Job Enrichement (z B mehr Entscheidungskompetenz) und autonome Ar-beitsgruppen.105 Die Vergütungssysteme gestalten sich sehr unterschiedlich Medienunter-nehmen beschäftigen fest angestellte Reporter und Künstler Daneben arbeiten Medienunter-nehmen auch mit Freiberuflern zusammen.106 Aufgrund der instabilen Medienmärkte besteht die Mehrzahl der Beschäftigungsverhältnisse aus befristeten Verträgen, Personalleasing, Free-lancern und Selbstständigen.107 Medienprodukte werden aufgrund ihrer Komplexität in Pro-jektarbeit hergestellt Durch unterschiedliche Netzwerke (z B Beschaffung, Herstellung, Vertrieb etc.) kann auf spezialisierte Fähigkeiten und Fertigkeiten der Beschäftigten zurück-gegriffen werden.108 Eine standardisierte Ausbildung zur Qualitätssicherung und Koordinati-
Kapazi-on in der journalistischen Arbeit fehlt Die praktische Ausbildung erfolgt meist „Kapazi-on the Job“ Viele nutzen die Möglichkeit, durch den Quereinstieg einen Job in der Medienbranche zu er-halten Dadurch erschöpft sich das Angebot an Arbeitskräften selten Die journalistische Qua-
101 vgl ebd., 71-72
102 vgl Nausner, Peter, Kontexte und Aufgabenfelder von Medienmanagement, in: Karmasin, Matthias/Winter,
Carsten (Hrsg.), Grundlagen des Medienmanagements, München (Fink) 2 Aufl 2002, 115
103 vgl Heinrich, Jürgen, Medienökonomie Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt, Wiesbaden
(Westdeutscher Verlag) 2 Aufl 2001, 96
104 vgl Schumann, Matthias/Hess, Thomas, Grundfragen der Medienwirtschaft Eine betriebswirtschaftliche
Ein-führung, Berlin-Heidelberg-New York (Springer) 2 Aufl 2002, 74-77
105 vgl ebd., 94
106 vgl ebd., 10
107 vgl ebd., 89-91
108 vgl Nausner, Peter, Kontexte und Aufgabenfelder von Medienmanagement, in: Karmasin, Matthias/Winter,
Carsten (Hrsg.), Grundlagen des Medienmanagements, München (Fink) 2 Aufl 2002, 117
Trang 34lität und ökonomische Effizienz werden durch die starke Individualethik (z B rung), Professionsethik und Institutionsethik gesichert.109
Wertorientie-Konfliktreich ist die Differenz zwischen ökonomischen (z B Gewinn, Marktanteil, anteil, Rentabilität, Marktbeherrschung) und publizistischen Werten Die hohe intrinsische Motivation (z B Freiheit, Unabhängigkeit, Leidenschaft) der Mitarbeiter befindet sich in ei-nem heftigen Konflikt mit den reell asymmetrisch existierenden Hierarchie-, Macht- und Au-toritätsbestrebungen innerhalb der Medienbranche.110 Im Vordergrund steht die Vermarktung, nicht das Kulturgut.111 Der Wettbewerbsdruck wird verstärkt durch die Konvergenztendenzen innerhalb der Informations-, Kommunikations- und Mediensektoren Weiterhin befindet sich die Inhaltserzeugung nicht mehr ausschließlich in der Hand von Medienunternehmen (z B Internet: My Video, YouTube).112 Die Mitarbeiter sind sich dieser Konkurrenz und Risiken bewusst In einer repräsentativen Umfrage von 2.400 Beschäftigten von ARD und ZDF zeigte
Kunden-Oberst-Hundt, dass vor allem der Quotendruck, verschärfter Programmwettbewerb von
66,5 % und Rationalisierungsmaßnahmen, interne Reorganisation, Outsourcing von 57,8 % kritisch beobachtet werden.113
2.4.3 Leistungen von Medienunternehmen
Schumann und Hess betonen, dass die Aufgabe von Medienunternehmen in der Erzeugung,
Bündelung und der Distribution von Inhalten besteht.114 Dabei werden beispielsweise von Verlagen und Sendern bestimmte Inhalte „[ ] selektiert, aufbereitet und zu überschaubaren Einheiten gebündelt [ ]“ Eine wichtige Dienstleistung von Medienunternehmen verkörpert die Kopplung der Werbebotschaft mit einem redaktionellen Inhalt Medienunternehmen un-terstützen die werbetreibende Industrie bei der Produktion und der Verbreitung ihrer Werbe-maßnahmen.115
Da Massenmedien die breite Öffentlichkeit erreichen, beeinflussen sie die Meinungsbildung innerhalb der Gesellschaft Die Leistungen von Medienunternehmen lassen sich in künstle-
109 vgl Heinrich, Jürgen, Medienökonomie Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt, Wiesbaden
(Westdeutscher Verlag) 2 Aufl 2001, 177-178
110 vgl Marrs, Kira, Zwischen Leidenschaft und Lohnarbeit Ein arbeitssoziologischer Blick hinter die Kulissen
von Film und Fernsehen, Berlin (Sigma) 2007, 177
111 vgl Maier, Matthias, Medienmanagement als strategisches Management, in: Karmasin, Matthias/Winter,
Carsten (Hrsg.), Grundlagen des Medienmanagements, München (Fink) 2 Aufl 2002, 65-66
112 vgl Nausner, Peter, Kontexte und Aufgabenfelder von Medienmanagement, in: Karmasin, Matthias/Winter,
Carsten (Hrsg.), Grundlagen des Medienmanagements, München (Fink) 2 Aufl 2002, 115-119
113 vgl Oberst-Hundt, Christina, Wer wir sind und wie wir arbeiten Ergebnisse der „Befragung zur Situation der
Beschäftigten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, Berlin (ver.di) 2002, 7, 20-21
114 vgl Schumann, Matthias/Hess, Thomas, Grundfragen der Medienwirtschaft Eine betriebswirtschaftliche
Ein-führung, Berlin-Heidelberg-New York (Springer) 2 Aufl 2002, 9
115 vgl ebd., 39-42
Trang 35risch-journalistische Produkte und ökonomische Produkte aufteilen Das journalistische Produkt (z B Nachricht) entsteht aus spezifischen Kompetenzen einer einzel-ner Person oder eines Teams Es wird nicht vorrangig erzeugt, um einen Gewinn zu erwirt-schaften Das ökonomische Produkt (z B DVD) besteht aus Komponenten des künstlerisch-journalistischen Produktes Mithilfe von Marktstrategien und abgestimmten Produktionspro-zessen sollen Nachfrager zu einem Erwerb des Produktes bewegt werden Das ökonomische Produkt soll die Wertschöpfung eines Unternehmens erhöhen (z B Gewinn, Steigerung der Aufmerksamkeit).116
künstlerisch-2.5 Systemtheorie
Die Theorie sozialer Systeme beschreibt die komplexen Vernetzungen und Strukturen halb der Gesellschaft Die Systemtheorie erhebt den Anspruch, zeitliche und räumliche Ent-wicklungen umfassend analysieren zu können Eine einheitliche Systemtheorie des Sozialen existiert nicht Vielmehr durchlief die Systemtheorie mehrere Entwicklungsschritte und wurde
inner-in unterschiedliche Ansätze aufgespalten, dessen Vertreter die Systemtheorie ganz schiedlich weiterentwickelten
unter-Parson entwarf eine strukturell-funktionale Systemtheorie Nach unter-Parson bilden Systeme
be-stimmte Funktionssysteme aus Die Funktionssysteme helfen dabei, Komplexität zu
reduzie-ren Parson untersuchte, welche Leistungen Systeme erbringen müssen, um ihre
Systemstruk-tur zu erhalten Wie eine spezifische SystemstrukSystemstruk-tur entsteht, kann die strukSystemstruk-turell-funktionale Systemtheorie nicht erklären, da eine Systemstruktur der einzelnen Funktionssysteme bereits vorausgesetzt wird.117
Der systemfunktionale Ansatz betrachtet soziale Systeme als anpassungsfähige,
zielorientier-te, komplexe Einheiten Die Systemstrukturen dienen der Stabilisierung von Systemprozessen und werden über die Kommunikation und die Verarbeitung von Informationen erzeugt Dieser Systemansatz erklärt unter Berücksichtigung dynamischer Umweltbedingungen, wie Struk-turveränderungen in Systemen entstehen Durch die Umweltanalyse eines Systems können die Bedingungen der strukturellen Anpassungsleistungen eines sozialen Systems abgeleitet wer-den.118
116 vgl Heinrich, Jürgen, Medienökonomie Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt, Wiesbaden
(Westdeutscher Verlag) 2 Aufl 2001, 17-18, 189-190
117 vgl Willke, Hellmut, Systemtheorie I, Grundlagen Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie ler Systeme, Stuttgart (Lucius & Lucius) 5 Aufl 1996, 5; vgl Parsons, Talcott, Social systems and the evolu-
sozia-tion of acsozia-tion theory, New York (Free Press) 1977, 179
118 vgl Willke, Hellmut, Systemtheorie I, Grundlagen Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie
sozia-ler Systeme, Stuttgart (Lucius & Lucius) 5 Aufl 1996, 6
Trang 36Luhmann, als ein Vertreter des funktional-strukturellen Ansatzes, analysierte die
Systemfunk-tionen einzelner Funktionssysteme (z B Rechtssystem, Mediensystem) Er betrachtet die Umwelt als Bedingung für die Existenz von Funktionssystemen.119 Mit Zunahme der Um-weltkomplexität durch Verdichtung und Vergrößerung der Gesellschaft differenzierten sich die Funktionssysteme in immer kleiner werdende Subsysteme.120 Die „System-Umwelt-Differenz“121 wird konstruiert durch die operativ sinnhafte Komplexitätsreduktion Mithilfe des funktional-strukturellen Ansatzes können komplexe Sachverhalte in der sozialen Gesell-schaft erfasst werden Neben der Analyse von Gleichgewichts- und Systemerhaltungsprozes-sen können ferner Wandlungsprozesse innerhalb der Gesellschaft und die Systembildung un-tersucht werden.122
Während im systemfunktionalen Ansatz die internen Selektionsprozesse im Vordergrund standen, analysierte der funktional-strukturelle Ansatz die Stabilisierungs- und Systembil-dungsprozesse Beide Ansätze berücksichtigen nur bedingt die evolutionären Aspekte der Entstehungsgeschichte von Systemen Diese Lücke füllte der funktional-genetische Ansatz aus Er erklärte die evolutionäre Genese von Systemen.123
Die selbstreferenzielle Systemtheorie konzentrierte sich auf die Erklärung komplexer
Interak-tionsprozesse zwischen psychischen und sozialen Systemen Mit der von den Biologen
Matu-rana und Varela formulierten „Theorie der Autopoiesis“ konnten die Wechselbeziehungen
zwischen unterschiedlichen Systemklassen (lebende und soziale Systeme) erforscht werden Weiterhin wurden Steuerungsmechanismen gefunden, die eine zielgerichtete Beeinflussung sozialer Akteure innerhalb unterschiedlicher Systemklassen ermöglichen.124
2.5.1 Theorie selbstreferentieller Systeme
Die Theorie der selbstreferentiellen Systeme beschreibt die Wechselbeziehungen zwischen unterschiedlichen Systemen und ihren Komponenten Es können die Systemgrenzen zwischen
119 vgl Luhmann, Niklas, Soziale Systeme Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main (Suhrkamp)
1984, 15-29
120 vgl Hejl, Peter M., Durkheim und das Thema der Selbstorganisation, Siegen (Lumis) 1988, 57
121 Als „System-Umwelt-Differenz“ wird die Außengrenze eines Systems bezeichnet Durch das Kopieren
(„re-entry“) der Außengrenze in ein System (Luhmann in Anlehnung an Spencer-Brown) werden Differenzierungen
erst möglich
122 vgl Willke, Hellmut, Systemtheorie I, Grundlagen Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie
sozia-ler Systeme, Stuttgart (Lucius & Lucius) 5 Aufl 1996, 7-8
123 vgl ebd., 8
124 vgl Maturan, Humberto R./Varela, Francisco J., Autopoiesis and cognition The realization of the living,
Dordrecht (Reidel) 1980, 118-123
Trang 37lebenden und sozialen Systeme, die unterschiedliche Systemdynamik sowie die kungen zwischen Subsystemen im Zeitablauf analysiert werden.125
Wechselwir-Als ein selbstreferentielles System bezeichnet Barthelmess einen Prozess, in dem die
System-einheiten durch ihre Eigendynamik auf sich selbst verweisen und somit immer wieder an sich selbst anschließen würden.126 Nach Luhmann verweisen soziale Systeme durch das Prozessie-
ren sinnhafter Kommunikation auf sich selbst Durch diese Operation stehen soziale Systeme
in Beziehung zu ihrer Umwelt und grenzen sich gleichzeitig von ihr ab.127
Das psychische System operiert nach Luhmann nicht durch Kommunikation, sondern auf der
Basis von Bewusstsein Das kognitive System besteht aus einem lernenden kognitiven wusstseinsnetzwerk Dieses enthält Bindungen und Schaltungen Dadurch kann das psychi-sche System durch kognitive Prozesse an das bewusste Selbst über sinnvolle Bedeutungszu-weisung anschließen.128
Be-Das soziale und das psychische System operieren getrennt voneinander Be-Das psychische tem ist jedoch energetisch (z B Sauerstoff) und materiell (z B Organsystem) vom biologi-schen System abhängig Über strukturelle Kopplungen verlaufen materielle (z B neuronales Netzwerk im Gehirn) und energetische (z B Wahrnehmen, Denken, Fühlen) Austauschpro-zesse Das psychische System ist ebenfalls von der Systemorganisation des lebenden Systems abhängig.129 Um kommunizieren zu können, bedarf es eines sinnlich wahrnehmenden Be-wusstseins Über „Sinn“ als vermittelnde Operation zwischen sozialem und psychischem Sys-tem gelingt die wechselseitige Interpenetration.130
Sys-Für Luhmann bedeuten psychisches und soziales System füreinander Umwelt Beide Systeme
operieren voneinander getrennt und selektieren aus ihrer Umwelt, was für sie sinnvoll scheint Somit besitzt kein System einen unmittelbaren Einfluss auf das andere System Über sinnvolle Selektionsoperationen verringern beide Systeme ihre äußere Umweltkomplexität und steigern zugleich ihre innere Systemkomplexität Der Mensch als Individuum sei nach
er-125 vgl Hejl, Peter M., Die Entwicklung der Organisation von Sozialsystemen und ihr Beitrag zum verhalten, in: Rusch, Gebhard/Schmidt, Siegfried J (Hrsg.), Konstruktivismus und Sozialtheorie, Frankfurt am
System-Main (Suhrkamp) 1994, 116
126 vgl Barthelmess, Manuel, Systemische Beratung Eine Einführung für psychosoziale Berufe,
Weinheim-Basel (Beltz) 2 Aufl 2001, 31
127 vgl Luhmann, Niklas, Soziale Systeme Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main (Suhrkamp)
1984, 31
128 vgl Barthelmess, Manuel, Systemische Beratung Eine Einführung für psychosoziale Berufe,
Weinheim-Basel (Beltz) 2 Aufl 2001, 64-65
129 vgl Rusch, Gebhard, Eine Kommunikationstheorie für kognitive Systeme Bausteine einer tischen Kommunikations- und Medienwissenschaft, in: Rusch, Gebhard (Hrsg.), Konstruktivismus in der Me-
konstruktivis-dien- und Kommunikationswissenschaft, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1999, 155
130 vgl Luhmann, Niklas, Soziale Systeme Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main (Suhrkamp)
1984, 357
Trang 38Luhmann ein Teilnehmer an Interaktionsbeziehungen in sozialen Systemen í und dies allein
über die Kommunikationsoperation Soziale Systeme würden nur aus Kommunikation und nicht aus Individuen bestehen.131 Der Mensch bestehe daher aus einem biologischen und ei-nem psychischen System, welche beide durch systemspezifische Operationen von ihrer Um-welt ausdifferenzieren, eigene Systemgrenzen bilden und an diesen Systemgrenzen Beziehun-gen132 zueinander herstellen würden.133
Luhmann untersuchte nicht Individuen, sondern die Gesellschaft sowie deren
Ausdifferenzie-rung in einzelne Funktionssysteme Er erforschte die Systemdynamik sich der Systeme.134 Die Selbstorganisation eines Systems bezeichnet den Prozess, in dem sich das
selbstorganisieren-System aus seinen eigenen Elementen produziert und reproduziert Der Biologe Maturana
be-schrieb diesen Prozess für lebende Systeme unter dem Begriff der „Autopoiesis“.135 Luhmann
übertrug die „Theorie der Autopoiesis“ auf nicht lebende Systeme.136
Um die Wechselwirkungen zwischen psychosozialen Systemen zu veranschaulichen, eignet
sich der konstruktivistische Entwurf einer Sozialtheorie von Hejl Er definiert handelnde
Indi-viduen als Komponenten eines Sozialsystems Diese Komponenten bilden über nen137 gemeinsame Realitäten aus; daraus leiten sie sinnvolle oder sinnlose Handlungspro-gramme ab.138 Hejl beschreibt soziale Systeme als „synreferentielle Systeme“.139 Durch den Ansatz der „synreferentiellen Systeme“ können Eigenschaften und Strukturen des sozialen Lernens mit dem biologischen Systemkonzept ergänzt werden.140 Weiterhin ist es möglich, die Systemdynamik zwischen sozialen und lebenden Systemen zu analysieren.141
134 vgl Sagebiel, Juliane/Vanhoefer, Edda, Es könnte auch anders sein Systemische Variationen der
Teambera-tung, Heidelberg (Carl-Auer) 2006, 61
135 vgl Maturan, Humberto R./Varela, Francisco J., Autopoiesis and cognition The realization of the living,
er-138 Hejl, Peter M., Management und Selbstregulierung, in: Hejl, Peter M./Stahl, Heinz K (Hrsg.), Management
und Wirklichkeit Das Konstruieren von Unternehmen, Märkten und Zukünften, Heidelberg (Carl-Auer) 2000,
113
139 vgl Hejl, Peter M., Konstruktion der sozialen Konstruktion Grundlinien einer konstruktivistischen theorie, in: Schmidt, Siegfried J (Hrsg.), Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt am Main
Sozial-(Suhrkamp) 1987, 327
140 vgl Hejl, Peter M., Management und Selbstregulierung, in: Hejl, Peter M./Stahl, Heinz K (Hrsg.),
Manage-ment und Wirklichkeit Das Konstruieren von Unternehmen, Märkten und Zukünften, Heidelberg (Carl-Auer)
2000, 112
141 vgl ebd., 116
Trang 392.5.2 Systembildung
Aus der Perspektive des radikalen Konstruktivismus können Menschen die Wirklichkeit nicht objektiv wahrnehmen Jedes Individuum konstruiert über seine kognitiven Strukturen eine ei-gene subjektive Wirklichkeit Der soziale Konstruktivismus beschreibt die Interaktionspro-zesse, mit deren Hilfe sich Individuen ihre eigene Wirklichkeitskonstruktion erschaffen.142
Lebende und soziale Systeme beeinflussen sich wechselseitig Aufgrund der zunehmenden Kontingenz143 spaltete sich das soziale Gesellschaftssystem in kleinere Funktionssysteme auf Dadurch konnte das Überleben der biologischen Systeme gesichert werden Die Funktions-systeme bieten Orientierung, verringern die Komplexität und erzeugen Sicherheit Erst auf diese Weise konnten die selbstreferentiellen Kapazitäten der Kognition wirksam werden (z B Schaffung neuer Produktionsformen, Dienstleistungen).144 „Menschen leben sozial aus
biologischen Gründen und können biologisch sein, weil sie sozial leben.“145 Die lebenden Systeme operieren auf physikalisch-chemischem Niveau Die Theorie der autopoietischen Systeme besagt, dass lebende Systeme „[ ] energetisch offen, aber funktional und informati-onell geschlossen [ ]“ operieren.146
Das sensomotorische Organ Ohr beispielsweise registriert energetische Schallwellen Im hirn werden diese Informationen durch Kognitionsprozesse mit bestimmten Gedanken, Emo-
Ge-tionen und Erinnerungen verknüpft Die Wahrnehmung bezeichnet Roth als „[ ]
Bedeutungs-zuweisung zu an sich bedeutungsfreien neuronalen Prozessen, ist Konstruktion und netration“147 Empfindungen entstehen demnach nicht durch die Sinnesorgane selbst, sondern durch die Verarbeitungsprozesse in sensorspezifischen Hirnregionen Ob eine Situation als Bedrohung wahrgenommen wird, hängt nicht von den äußeren Reizen ab, sondern wie diese Wahrnehmung über das kognitive System verarbeitet wird.148 Ein selbstreferentielles System
142 vgl Hejl, Peter M., Konstruktion der sozialen Konstruktion Grundlinien einer konstruktivistischen theorie, in: Schmidt, Siegfried J (Hrsg.), Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1987, 303; vgl LeDoux, Joseph E., Cognitive-emotional interaction in the brain, in: Cognition and
Sozial-Emotion 3 (1989), 267-268
143 vgl Willke, Helmut 1996, 264: Unter „Kontingenz“ wird die Möglichkeit bezeichnet, dass ein System in einer
bestimmten Situation auch unerwartete Erfahrungen machen kann Ein System kann niemals völlige sicherheit erlangen
Erwartungs-144 vgl Hejl, Peter M., Konstruktion der sozialen Konstruktion Grundlinien einer konstruktivistischen theorie, in: Schmidt, Siegfried J (Hrsg.), Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt am Main
Trang 40verändert die Zustände seiner Komponenten in operational geschlossener Weise.149 So weisen Neuronenverbindungen auf andere Neuronen, ein Gedanke auf einen anderen Gedan-ken, eine Emotion auf eine andere Emotion Diese selbstreferentielle Operationsweise ist die Ursache für den Konservatismus kognitiver Systeme Es werden Verhaltenszustände bevor-zugt, die sich in der Vergangenheit als erfolgreich erwiesen haben.150
ver-Das Gehirn als ein Subsystem eines lebenden Systems verkörpert ein geschlossenes ferentielles System Es lernt durch kognitive Selbstdifferenzierungsprozesse (z B Erfahrun-gen) und evolutionär ausdifferenzierte Wahrnehmungskapazitäten.151 Es ist jedoch kein selbsterhaltendes System, da es durch energetische strukturelle Kopplungen (z B Energie aus Zuckermolekülen) an das materielle biologische Organsystem gebunden ist.152
selbstre-Lebende Systeme sind dagegen selbsterhaltende Systeme Hejl definiert selbsterhaltende
Sys-teme als SysSys-teme, „[ ] in denen selbstorganisierende SysSys-teme sich selber in operativer schlossener Weise erzeugen“153 Selbsterhaltende Systeme sind nicht an die Lebensdauer ihrer Komponenten gebunden und grenzen sich über materielle Oberflächen von der Außenwelt ab (z B Haut).154 Das lebende System erzeugt sich durch seine Elemente selbst und kann sich daher selbst erhalten Der menschliche Körper als lebendes System ist ein selbsterhaltendes System, da es energetisch offen (z B Sauerstoff zum Atmen), aber funktional (z B Muskel-kontraktion) und informationell (z B Kognition) geschlossen operiert.155
(Pi-rapeutische Praxis, in: Psychotherapie 7 (2002), 281
152 vgl Hejl, Peter M., Konstruktion der sozialen Konstruktion Grundlinien einer konstruktivistischen theorie, in: Schmidt, Siegfried J (Hrsg.), Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt am Main