Es geht hier nicht darum, mehr Wissen in den Geist hineinzugeben, sondern ihn mühelos und spontan werden zu lassen, den ersten Augenblick des Erlebens — noch bevor wir anfangen, die Eind
Trang 3Lama Ole Nydahl Die vier Grundübungen
Ngöndro – die ersten Schritte im Diamantweg-Buddhismus
Joy - Verlag
Hinweise für die Aussprache
Bei allen Sanskrit- und tibetischen Wörtern gilt:
Satz: Mathias Weitbrecht Druck: Wilhelm Uhl, Buch- und Offsetdruck GmbH, Bad Grönenbach
Bindung: Franz Kraus, Kermpten
ISBN 3-928554-32-8
Scanned 2003 by David Lehmann
Trang 4Inhalt
Vorwort 6
Einführung 7
Die vier grundlegenden Gedanken 14
Zufluchtnahme und Entwicklung des Erleuchtungsgeistes 18
Diamantgeist-Meditation 29
Mandala-Gaben 37
Geschichte der Kagyü-Linie 48
Meditation auf den Lama 65
Erklärungen zu den Namen der Buddha-Aspekte 87
Erklärung wichtiger Begriffe 89
Trang 5Der 16 Gyalwa Karmapa und Hannah und Lama Ole Nydahl in Kopenhagen 1976
Trang 6Vorwort
Bei jeder neuen Auflage eines Buches erfolgt natürlich ein Rückblick über die vergangenen Entwicklungen Diesmal entsteht vor allem grosse Freude darüber, dass in den letzten Jahren die Übertragung der Lehre Buddhas aus Tibet in den Westen so gut gelungen ist Die westlichen Schüler der Karmapa- und Shamarpa-Lamas haben es weitgehend geschafft, die Mittel von kulturbedingten Einengungen zu befreien und sie einer wachsenden Zahl von kritischen, selbständigen Menschen zur Verfügung zu stellen
Dieses Buch und die darin enthaltenen Meditationen sind vor allem für diejenigen gedacht, die eingehender mit ihrem Geist arbeiten wollen Die 100.000 Wiederholungen der Grundübungen entfernen Schleier aus unzähligen Lebenszeiten und säen neue nützliche Eindrücke in den Geist Wer mit dieser Praxis beginnen möchte, sollte sich von einem buddhistischen Lehrer zusätzlich mündliche Erklärungen und die Übertragung dafür geben lassen
Geniesst!
Eure Tomek, Caty, Hannah und Lama Ole
Trang 7Einführung
Die Grundübungen sind nicht hoch genug einzuschätzen, da sie genau mit den Dingen arbeiten, die uns täglich in Schwierigkeiten bringen und uns daran hindern, unsere Erleuchtungsnatur zu erleben und auszudrücken Das Haupthindernis dabei ist, dass der Geist an verschiedenen Eindrücken haftet, die sich ständig verändern Obwohl er zum Beispiel vorher nicht zornig war und es fünf Minuten später auch nicht mehr sein wird, hält der Geist seinen Zorn jetzt dennoch für wirklich, handelt danach und es entstehen für die Zukunft neue Leiden Diese ständige Bewegung
in einem unfreiwilligen Kreislauf ist unser gewohnter Zustand Wir haben nicht die Freiheit zu wählen, was wir gerne erleben wollen Der Buddha wünscht uns, stattdessen das zu erfahren, was seit anfangsloser Zeit in uns liegt: die offene, klare Unbegrenztheit unseres Geistes Dieser ist offen wie der Raum, ohne Form, Farbe oder Gewicht, leuchtend klar, voller Fähigkeiten und ohne jegliche Einschränkungen, das heisst, er weiss alles und er kann alles Sein wahres Wesen ist riesige Freude, aktives Mitgefühl und totale Unerschütterlichkeit
Damit wir dauerhaft einen Zustand erleben können, in dem keine Schwierigkeiten und kein Leid mehr auftreten, lehrte der Buddha verschiedene Mittel: Auf der äusseren Ebene erklärte er das Gesetz von Ursache und Wirkung, damit wir sicher sein können,
in Zukunft statt Leid Freude zu erleben Menschen mit mehr Kraft gab er die Belehrungen über Mitgefühl und Weisheit, und jenen, die spontanes Vertrauen in ihre Buddha-Natur hatten, offenbarte
er die besonderen Mittel, die auf absoluter Ebene arbeiten und uns zeitlose Wahrheit direkt erleben lassen
Das Wichtigste ist die Erkenntnis der Leerheit aller Dinge, die Erkenntnis, dass nichts dauerhaft existiert Alles entsteht durch bestimmte Bedingungen, ändert sich mit ihnen und löst sich wieder auf Aber nicht nur, wie wir die Dinge erleben, sondern auch, was wir erleben, hängt von unseren Geisteszuständen ab Die Erkenntnis der Leerheit aller Dinge kann auf eine richtige und auf eine falsche Weise erfahren werden: Falsch ist, wenn Leerheit
Trang 8als ein „Nichts" oder ein „schwarzes Loch" erscheint, während beim richtigen Verständnis ein Gefühl von Freiheit und unbegrenztem Raum entsteht
Um das zu erreichen, brauchen wir zwei Arten von Ansammlung: Erstens die Ansammlung von nützlichen Eindrücken im Speicherbewusstsein, von unerschütterlichen, kraftvollen Eindrücken, auf die wir immer zurückgreifen können Da wir noch längere Zeit an vergänglichen Eindrücken haften werden, ist es besser, sie sind angenehm Diese Ansammlung setzt sich fort, bis wir ein unerschütterliches Kapital von guten Eindrücken aufgebaut haben Dies gibt dem Geist Vertrauen und Lust in sich selbst hineinzuschauen
Die zweite Ansammlung ist der Aufbau von Weisheit Damit ist keine allgemeine weltliche Weisheit gemeint, wie wir sie zum Beispiel in der Schule oder auf der Universität vermittelt bekommen Es geht hier nicht darum, mehr Wissen in den Geist hineinzugeben, sondern ihn mühelos und spontan werden zu lassen, den ersten Augenblick des Erlebens — noch bevor wir anfangen, die Eindrücke in Systeme von Mögen und Nichtmögen aufzuteilen - unendlich auszudehnen und dadurch alles frisch und direkt zu erleben Dies macht uns fähig mühelos zu handeln Der Aufbau guter Eindrücke vermehrt spontane Einsicht und wir erkennen den Sinn nützlichen Handelns Innerer Reichtum, das Vermögen, die Dinge klar und ohne Filter zu sehen sowie die Fähigkeit, in dem zu ruhen, was da ist, greifen ineinander Genau dies alles bekommen wir durch die Vier Grundübungen
Der neunte Karmapa Wangchug Dorje lehrte diesen stufenweisen Weg, dessen Ergebnis das Grosse Siegel (Mahamudra), die höchste Erleuchtung ist „Chag Chen Ngöndro", der tibetische Name dieser Übungen, bedeutet „Vorbereitender Weg zur Mahamudra-Praxis", in der Erleuchtung die Grundlage, die Weg und das Ziel ist Wir lassen einen Aspekt der Erleuchtung als Form aus Licht und Energie im Geist entstehen, konzentrieren uns auf ihn, sagen sein Mantra und verschmelzen schliesslich zu einer Einheit mit ihm Durch diese Formen aus Energie und Licht geschieht schon alles in einem Reinen Land So kann sich unsere
Trang 9spontane Weisheit mehr und mehr entfalten Durch die Grundübungen entwickeln sich Stufen von Einsicht, die zur absoluten Weisheit des Grossen Siegels führen, der Erkenntnis der Natur aller Dinge, innen und aussen
Sinn der ersten Übung, der Zufluchtnahme mit Verbeugungen und dem Entwickeln des Erleuchtungsgeistes, ist es, unsere inneren Energiebahnen zu reinigen sowie Kraft und Vertrauen aufzubauen Sie ist eine sehr wirkungsvolle körperliche Übung und vermehrt vor allem die erste Art der Ansammlung
Durch die zweite Übung, die Diamantgeist-Meditation, baut man nicht nur viel Verdienst auf, sondern entwickelt ständig mehr Weisheit Auf relativer Ebene ist der Geist zwar noch weiterhin von schädlichen Eindrücken zu reinigen, aber die Momente der Verschmelzung, die Erlebnisse und Erfahrungen, die sich auch in Träumen ausdrücken, sind wirklicher Weisheit schon wesentlich näher Das Leben berührt einen noch immer sehr persönlich, aber die Augenblicke von Klarheit im Geist werden stärker
Mit dem dritten Teil der Grundübungen, den Mandala-Gaben, bauen wir Weisheit und positive Handlungen gleichermassen auf Wir lassen die Mandalas zunächst entstehen, lösen sie dann wieder auf und schenken dabei den Buddhas alles Schöne aus unzähligen Universen Wir erkennen, dass die Buddhas, denen wir etwas widmen, und unser eigenes inneres Wesen eins sind Die Verschmelzungsphase ist länger und die Einheit zwischen uns, die wir geben, den Mandalas, die gegeben werden, und den Buddhas, denen gegeben wird, tritt deutlich hervor Die letzte Übung, die Meditation auf den Lama, dient vor allem dem Aufbau von Weisheit Es ist eine Meditation auf unseren Lehrer Karmapa Ihr Kern ist die l6 Karmapa Meditation, der einige Anrufungen und kostbare Grosse Siegel Erklärungen vorausgehen
Auf der Grundlage der Reinigung durch die beiden ersten Übungen und des inneren Reichtums aus den Mandala-Gaben wird in der letzten Übung die zeitlose Verschmelzung von Körper, Rede und Geist unseres Lehrers, des Karmapa, mit uns selbst
Trang 10möglich Unsere Hingabe für ihn öffnet uns, wir empfangen seinen Segen und erleben höchste Weisheit
Wir können diese Ansammlung von nützlichen Eindrücken durch die gesamte Praxis hindurch verfolgen Zu Beginn liegt der Schwerpunkt auf Reinigung, Öffnung und nützlichen Handlungen Später dann gewinnt die Einswerdung mit dem Buddha-Geist mehr und mehr an Bedeutung Vertrauen wir unserer Buddha-Natur, ist es möglich, diesen inneren Diamanten durch die verschiedenen Praktiken vollkommen zu reinigen
Für diejenigen, die bisher nicht mit diesen Übungen gearbeitet haben und zum ersten Mal davon hören, mag dies alles ein wenig mechanisch klingen, aber das beste Mittel, um die Buddha-Natur immer mehr zu befreien, ist die Praxis der Wiederholungen Sogar die klügsten Gedanken, die uns jetzt sehr nützlich vorkommen, sind wie Luftblasen: Sie zerplatzen, wenn wir sterben Nur das, was zur festen Gewohnheit im Geist geworden ist, was unsere Ganzheit berührt, ist nicht allein im Leben eine wirkliche Hilfe Während des Sterbens werden die verschiedenen Erleuchtungsenergien wach, wir begegnen Buddhas, Yidams und Schützern, erkennen sie wieder und verschmelzen mit ihnen
So, wie unsere Störungen durch die Wiederholungen leidbringender Gewohnheiten und Einstellungen entstehen, so ist die Wiederholung befreiender Übungen das Gegenmittel Durch sie werden die Schleier, die das Erleben der Natur unseres Geistes verhindern, beseitigt, und Unerschütterlichkeit und Kraft kommen zum Vorschein Die Mahamudra-Vorbereitungen sind der erste Schritt auf diesem Weg zur Erleuchtung Die viermal 111.111 Wiederholungen zielen direkt auf das wahre Wesen unseres Geistes ab und durchschneiden alle Illusionen
Wenn wir, intellektuell sehr geschult, anfangen wollen zu meditieren, merken wir, dass unser Körper zwar an einer Stelle sitzt, unser Geist aber umherwandert oder dumpf wird Blosses Sitzen allein ist keine Meditation Deswegen wurden die beruhigenden Meditationen — Shine oder Shamata genannt — im ursprünglichen tibetischen Diamantweg-Buddhismus erst nach
Trang 11den Vier Grundübungen und nur in Ausnahmefällen auch gleichzeitig praktiziert
Im Diamantweg setzen wir unsere Ganzheit ein, das heisst Körper, Rede und Geist, und nicht nur unsere Vorstellungen Schweift der Geist ab, bleibt die Rede beim Mantra, und wenn auch hier die Konzentration nachlässt, hält wenigstens der Körper die Eindrücke der Praxis fest
Die Verbeugungen sind das Erste dieser ganzheitlichen Mittel Hier nehmen wir Zuflucht Es ist sehr wichtig zu sehen, dass wir während unseres ganzen bisherigen Lebens Zuflucht genommen haben, aber nur zu vergänglichen Dingen Nehmen wir zu Geld, Erfolg, Jugend, Schönheit oder anderem Zuflucht, stehen wir eines Tages mit verbrauchtem Kapital und ohne Zinsen da Nehmen wir aber Zuflucht zum zeitlosen Wesen unseres Geistes, dann haben wir etwas, das niemals vergehen kann, unendlich reich ist und sich immer neu gestaltet
Alle vier Übungen wurden vor 2500 Jahren von Buddha selbst gelehrt Wir finden sie als gesammeltes Werk erstmals ungefähr fünfhundert Jahre später an der Universität von Nalanda Als die Hochkultur des Buddhismus in Indien mitsamt ihren Klöstern und Meditationsstellen durch die Invasion der Moslems zwischen 800 und 1000 n Chr zerstört wurde, flohen diejenigen, die besondere tantrisch-buddhistische Praktiken kannten, über die Berge nach Tibet
Durch Handel und andere Kontakte nach Norden und Süden war dort bereits Einiges geschehen Teilweise hatte der Schamanismus der alten Bon-Religion den Erleuchtungs-gedanken schon aufgenommen, aber erst der berühmte Guru Rinpoche brachte um 740 die gesamte Lehre nach Tibet und Yeshe Tsogyal, seine Hauptgefährtin, bewahrte die Belehrungen Später zerstörte jedoch der König Langdarma fast alles; er setzte die alte schamanistische Bon-Religion wieder ein, die in hohem Masse ihre Kraft aus Tieropfern bezog Ausser den Termas, den
„verborgenen Schätzen", blieb von der „alten" Überlieferung der Lehren kaum etwas erhalten
Trang 12Die Erneuerung des Buddhismus geschah durch Marpa, den Übersetzer Zwischen 950 und 1000 reiste er dreimal nach Indien
Er verbrachte insgesamt ungefähr sechzehn Jahre dort und nahm die wichtigsten tantrischen Belehrungen nach Tibet mit Seitdem sind die Verbeugungen ein untrennbarer Bestandteil tibetisch-buddhistischer Kultur Es gibt Tibeter, die die Vier Grundübungen bis zu fünfundzwanzig Mal gemacht haben Durch das Erleben unzerstörbarer Erfahrungen strahlen sie eine besondere Kraft aus, die nichts zu beweisen braucht Sie sind unerschütterlich wie ein Fels in der Brandung Kalu Rinpoche nennt ein Beispiel, warum es vorteilhaft ist, die Mahamudra-Vorbereitungen öfter zu wiederholen: Ein Strumpf wird auch nicht sauber, wenn man ihn nur einmal ins Wasser taucht
Ich denke, dass wir im Westen einen Grossteil der Einsgerichtetheit, die durch diese Übungen entsteht, schon durch den Leistungsdruck in Schule und Universität entwickelt haben Wir besitzen eine bessere Konzentrationsfähigkeit als geistig Ungeübte und sind gegen die meisten Verlockungen geimpft, für die Menschen im Osten heute besonders anfällig sind Deshalb brauchen die meisten von uns sicherlich keine fünfundzwanzig Wiederholungen, aber einmal ist unerlässlich
Während der Grundübungen erkennen wir immer mehr die Grosse der Zuflucht Öffnen wir uns für den Segen des Lehrers, können wir mit unserem Geist arbeiten und sogar ein gutes Stück unseres Weges zur Erleuchtung „per Anhalter" zurücklegen Dies ist ein besonderes Merkmal der Karma Kagyü Linie Aufrechterhalten können wir diese Kraft jedoch nur durch unsere eigene Praxis Durch sie ändert sich unsere ganze Erlebniswelt Weil die Übungen weder leicht noch schnell abzuschliessen sind, kann der Wunsch entstehen, direkt auf den Geist zu meditieren Auch wenn es modern sein mag, das zu lehren: Ohne ausreichende Reinigung geht es nicht Schauen wir während einer Stunde Meditation einmal nach, wie lange der Erleber tatsächlich Klarheit und Freude erfährt, stellen wir fest, dass es höchstens einige Minuten sind Die meiste Zeit folgt er Gedanken und Gefühlen oder befindet sich in Vergangenheit oder Zukunft
Trang 13Am Anfang reicht es nicht, einfach nur zu „sitzen" Das Ziel unserer Praxis ist nicht ein „Samadhi der weissen Wand", bei dem wir äusserlich zwar meditieren, innerlich aber schlafen Es geht nicht darum, Gedanken zu töten oder den Geist einzufrieren; schliesslich wollen wir unseren innewohnenden Reichtum an Furchtlosigkeit, Freude und Mitgefühl entdecken Laut Kalu Rinpoche vermindert diese Art der blossen „Beruhigung" unsere Intelligenz und kann sogar zu einer Wiedergeburt als grosser Fisch führen
Die Praxis der Grundübungen führt nicht zu Schläfrigkeit, sondern macht unseren Geist zu einem Diamanten, der strahlt und leuchtet Der erlangte Zustand des klaren Bewusstseins ist die volle Entfaltung all unserer Möglichkeiten, und die Vorbereitung dazu ist die Reinigung von Körper, Rede und Geist
Trang 14Die vier grundlegenden Gedanken
Um uns für die Praxis zu motivieren, beginnen wir mit den Vier Grundlegenden Gedanken, die den Geist auf Buddhas Lehre (Dharma) richten:
Erstens machen wir uns bewusst, dass wir in diesem Leben die kostbare Möglichkeit haben, mit unserem Geist zu arbeiten, um Erleuchtung zu erlangen Sehr wenige Wesen haben das Karma, direkt mit befreienden Belehrungen in Verbindung zu kommen Je oberflächlicher die Lehren und je mehr sie auf den Zeitgeist zugeschnitten sind, desto mehr Zulauf haben sie Je höher aber die Belehrungen sind, je mehr sie nicht nur Worte und Begriffe, sondern auch die Zustände in uns tiefgreifend verändern, desto weniger Menschen interessieren sich dafür „Es gibt viel Eisen, aber wenig Gold" sagen die Tibeter und erklären das traditionellerweise so: Achtzehn Bedingungen müssen zusammentreffen, damit man einen so genannten Kostbaren Menschenkörper erhält, d h die Möglichkeit, bewusst den Weg zur Erleuchtung zum Besten Aller gehen zu können
Acht Ursachen halten uns von Buddhas Lehre ab, und zwar eine Wiedergeburt:
in den Höllenwelten (extreme Paranoiazustände, die wie alle bedingten Erfahrungen vergänglich sind),
in den Geisterwelten (Zustände extremer Anhaftung und Gier),
in den Tierwelten (Zustände von Faulheit und Verwirrung),
in den Götterwelten (Zustände, in denen es kein geistiges Streben gibt),
in Ländern ohne Buddhismus
mit falschen Ansichten,
in dunklen Zeitaltern, in denen kein Buddha erscheint und
mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die einem das Verstehen und Üben der Lehre unmöglich machen
Trang 15Hat man einen Menschenkörper ohne diese acht Hindernisse erlangt, sind weitere zehn Bedingungen nötig Fünf davon sind äussere Bedingungen:
trotz aller Schwierigkeiten liess sich ein Buddha in unserem Zeitalter gebären,
er gab Belehrungen
der Buddhismus wird weiterhin gelehrt,
er hat viele Anhänger, und
grosszügige Menschen unterstützen die Lehre Buddhas und diejenigen auf dem Weg
Die letzten fünf Bedingungen schaffen wir durch unser eigenes Karma Wir brauchen:
einen Körper, der frei von den vorhin erwähnten acht ungünstigen Umständen ist,
eine Geburt in einem Land, in dem der Buddhismus gelehrt wird,
Körper und Geist, die fähig sind, die Mittel voll zu nutzen,
Freiheit von Einflüssen, die zu falschen Ansichten verleiten und
tiefes Vertrauen zu Buddha, der Lehre und den Freunden auf dem Weg (den Bodhisattvas)
Erst wenn diese achtzehn Bedingungen zusammenkommen, können wir uns entwickeln
Zweitens denken wir über die Vergänglichkeit aller Dinge nach Wir wurden geboren und sterben irgendwann; dies ist sicher Doch den Zeitpunkt des Todes kennen wir nicht; wir erleben nur, wie die Zeit verrinnt Erkennen wir, dass das Einzige, was bleibt, was nicht stirbt und wieder vergeht, der offene, klare, unbegrenzte Raum unseres Erlebers ist, dann verstehen wir wirklich, dass dieses kostbare Leben jetzt genutzt werden muss, und dass es sinnlos ist, an vergänglichen Dingen zu haften
Trang 16Drittens denken wir über Karma, das Gesetz von Ursache und Wirkung, nach Was wir heute tun, denken und sagen, wird zu unserer Zukunft Wir können nicht frei wählen: Obwohl die Eindrücke im Geist sich ständig ändern, reissen sie uns dennoch mit Wir sehen also, wie ichbezogen unsere Wahrnehmung ist Geht es uns gut, ist die Welt schön, und alles hat Sinn; sind wir aber sauer oder fühlen wir uns schlecht, erscheint alles grau und hässlich Dabei verändert sich jedoch nicht die Welt, sondern die Einstellung unseres Geistes Die Erfahrung, dass es tatsächlich Mittel gibt, durch die wir bestimmen können, was geschieht, gibt uns immer mehr Raum im Geist Die Schleier, Erwartungen und das heranreifende Karma der einzelnen Wesen führen zu unterschiedlichen Erlebnisweisen Erst auf den höchsten Stufen der Verwirklichung hören wir auf, die Welt durch gefärbte Brillen
zu sehen
Viertens denken wir darüber nach, warum wir mit dem Geist arbeiten Dieses „Warum" betrachten wir am besten von zwei Seiten: Wenn wir das wohlgenährte Gewohnheitspferd unseres Geistes antreiben wollen, hilft ab und zu die Karotte vor der Nase und ab und zu die Peitsche im Rücken Die Karotte für unseren Geist ist das Wissen, dass Erleuchtung besser ist als alle Zustände, die wir bisher kennen, dass sie nicht bedingt ist und, einmal erreicht, nie mehr aufhört All die Wesen, die den Geist erleben, wie er ist, jenseits von allen Vorstellungen und Verwirrungen, erzählen, dass Erleuchtung höchste Freude ist Auch wenn wir selbst die Erleuchtung jetzt noch nicht erleben, vertrauen wir ihnen in der Weise, wie wir jemandem, der in Australien war und uns von Kängurus erzählt, glauben, ohne sie selbst je gesehen zu haben Werden wir aber schläfrig oder faul, ist die Peitsche nützlicher Sie ist die Einsicht, die uns zeigt, was geschieht, wenn wir die Natur des Geistes nicht erkennen Wir sind dann Krankheit, Alter, Tod, Verlust und Leiden hilflos ausgeliefert
Trang 17Karotte und Peitsche versinnbildlichen die vierte Überlegung: Erleuchtung ist zeitlose höchste Freude; wird sie nicht erreicht, bleiben wir dem Leiden weiterhin ausgeliefert Es gibt drei Arten von Leid:
Das Leiden am Leid
Viel Leidvolles kommt zusammen, und wir werden davon neurotisch
Das Leiden der Veränderung
Es ist eine feinere Form und entsteht durch die Vergänglichkeit aller Dinge Man glaubt, etwas zu gewinnen, verliert aber ständig
Das allesdurchdringende Leiden
Wir sind trotz aller Bemühungen nicht in der Lage zu erkennen, dass alles Bedingte zusammengesetzt ist Dadurch haben wir wenig Einfluss auf unser Leben Man denkt, man ist glücklich, aber im Vergleich zum Buddhazustand ist selbst das grösste Glück Leid
Nun beginnen wir mit der Praxis des Diamantweges, durch die jenseits aller Sentimentalität und Künstlichkeit alles auf eine Ebene höchster Reinheit und Freude gebracht wird Dies wird dargestellt durch den Zufluchtsbaum, Diamantgeist, jene, denen das Mandala geopfert wird und vor allem durch Karmapas Schwarze Krone Durch ständiges Verschmelzen mit diesen Aspekten verschwindet die Gewohnheit, zwischen innerer und äusserer Wahrheit zu unterscheiden Obwohl der Geist ohne Form, Farbe, Gewicht oder Geruch ist und sich von nirgendwoher betrachten kann, ist es dennoch möglich, seine vollkommenen Eigenschaften als die verschiedenen Buddhas zu erleben Dann brauchen wir nur noch natürlich zu sein Wenn endgültig klar wird, dass alle Wesen Glück erleben und Leid vermeiden wollen, arbeiten wir für sie, so gut wir können
Trang 18Zufluchtnahme und Entwicklung des
Erleuchtungsgeistes
Das Mittel, das vor allem auf den Körper wirkt, sind die Verbeugungen Der Geist konzentriert sich hier auf die Zuflucht: auf den Lama, der alles in sich vereint, den Buddha, die Lehre, die Freunde auf dem Weg (die Bodhisattvas), die Yidams und die Schützer Wir stellen uns auf ein Bild von der Zuflucht ein, und dadurch entstehen starke Rückkopplungserlebnisse Die Rede wiederholt die sechs Zeilen der Zuflucht, und der Körper macht die Verbeugungen, wodurch die drei Zentren geöffnet werden:
Um uns auf körperlicher Ebene zu öffnen, berühren wir mit gefalteten Händen den Kopf, da dort Gehirn, Nerven und Sinne sitzen Wir berühren Mund und Kehle, weil von dort Rede und Kommunikation ausgehen, und schliesslich berühren wir das Herz als das Zentrum für den Geist, weil Gefühle und innere Zustände dort erlebt werden
Wir öffnen so die drei Zentren und gleiten dann in voller Länge über den Boden nach vorn, während wir gleichzeitig die Zeilen der Zuflucht sprechen Wenn die Arme ausgestreckt sind, lassen wir die Hände sich leicht berühren In unserer Überlieferung werden die Verbeugungen gezählt, nicht die Anzahl der Zufluchtsformeln Während wir die Verbeugungen machen, konzentrieren wir uns entweder bei jeder Verbeugung auf einen Aspekt der Zuflucht und sagen die entsprechende Zeile; oder wir stellen uns alle Aspekte der Zuflucht gleichzeitig vor und sprechen die Zufluchtsformel unabhängig von den Verbeugungen
Trang 19Der Zufluchtsbaum
Trang 20Durch die ständigen Wiederholungen geschehen sehr wichtige Prozesse in uns Einerseits entsteht viel Hingabe und ein Gefühl von Geborgenheit und Nachhausekommen und wir verstehen, dass es die eigene Erleuchtungsnatur ist, vor der wir uns verbeugen Andererseits werden auf Körperebene die Energiebahnen gereinigt und Blockaden beseitigt Vor allem die Drogenexperimente, bei denen mit Energien gespielt wird, hinterlassen schwere Hindernisse Es entstehen spiritueller Stolz und verkehrte Anschauungen Reinigen wir unseren Geist von vielen Eindrücken, entstehen natürlich vorübergehende Schwierigkeiten: Der Körper schmerzt, störende Gefühle und Zweifel tauchen auf, aber es sind alte Erlebnisse, die dabei sind, ihre Kraft zu verlieren Wenn wir die Verbeugungen beendet haben, ist der Körper weniger ein Hindernis, mit dem wir uns ständig befassen müssen; vielmehr ist er nun ein angenehmes Werkzeug und ein nützlicher Diener des Geistes geworden Er macht weniger Ärger und bringt mehr Freude Wellen von Segen und Wärme und Zustände von innerem Reichtum werden erlebt und wir werden einfach dankbar
Es gibt dann noch ein unmögliches „Tier", mit dem wir es leicht zu tun bekommen: Es ist süss auf beiden Seiten, schwammig in der Mitte und unerträglich Es heisst „spiritueller Stolz" Das dicke süsse Ego vereinnahmt alles für den Eigengebrauch Es nimmt hier zwei Worte, die sich gut anhören, und dort zwei kleine Erlebnisse und mischt alles, wie es ihm gefällt; es stellt sich niemals einer Sache und ist nicht bereit, objektiv zu lernen Auch dagegen sind Verbeugungen ein effektives Mittel Zuerst glaubt das Ego noch an eine Ausdehnung seines „Gebietes" und denkt:
„Früher war ich klug und freundlich, jetzt bin ich auch noch spirituell." Aber die Verbeugungen unterwandern diese Einstellung und lassen, wenn wir ausdauernd sind, Hingabe und Offenheit entstehen Sie sind natürliche Ergebnisse und lassen nicht-bedingte Zustände von Zuversicht, Freude und Liebe im Geist entstehen
Durch diese Erfahrungen vertieft sich unser Vertrauen in die Lehre Buddhas Höchste Verwirklichung können wir jedoch nur erwarten, wenn wir zum Wohle aller Wesen Erleuchtung erlangen
Trang 21wollen Nur so bekommt alles im Leben Sinn und wir werden unterstützt durch die Wünsche aller Wesen
In Tibet machen sogar alte Damen die Verbeugungen, und wer meint, sie aus körperlichen Gründen nicht machen zu können, sollte wenigstens einige versuchen Nur wenn es der Körper wirklich nicht zulässt, beginnt man nach der vorbereitenden kleinen Zuflucht (10.000 Wiederholungen) sofort mit Diamantgeist Nachdem wir uns die Vier Grundlegenden Gedanken bewusst gemacht haben, fängt man mit der Meditation an:
Wir stehen auf einer schönen Wiese Unser Vater ist rechts von uns, unsere Mutter links, so, wie wir uns an sie erinnern Vor uns sind die, mit denen wir Schwierigkeiten haben und um uns herum alle Wesen, die wir kennen oder uns vorstellen können, unzählig viele und von jeder Art Alle schauen in dieselbe Richtung wie wir und wünschen mit uns ganz stark, einen Zustand jenseits von Leid und Verwirrung zu erreichen Vor uns ist ein schöner, strahlender, klarer See Sein Wasser ist kühl und angenehm, rein und wohlschmeckend
In seiner Mitte steht ein wunscherfüllender Baum, ein vibrierendes Feld von Energie, Licht und Schönheit Dort, wo sich der goldene Stamm in vier silberne Äste teilt, sitzt unser Lama Karmapa Er ist unser direkter Kontakt mit der Erleuchtung Er zeigt sich entweder
in seiner menschlichen Form mit der Schwarzen Krone oder als Diamanthalter, ein sitzender Buddha aus blauem Licht In seinen
am Herzen gekreuzten Händen hält er Dorje und Glocke Können wir Karmapas menschliche Form als „rein" sehen, so ist es nur ein kleiner Sprung dorthin, wo alles rein ist, und alle Erleuchtungseigenschaften werden ganz natürlich in uns entstehen Erleben wir ihn aber als normalen Menschen, als jemanden, der zu dick oder zu dünn ist, konzentrieren wir uns besser auf Diamanthalter Hier sind wir etwas weiter weg vom grenzenlosen Erlebnis der „Reinheit" Wichtig ist, zu verstehen, dass Diamanthalter Karmapas Geist und Karmapa sein Körper ist
„Auf den Lehrer zu meditieren, ist wie auf hunderttausend Buddhas zu meditieren", sagte Naropa vor 1000 Jahren In allen
Trang 22gutgehenden Kagyü-Zentren ist die Identifikation mit Karmapa die Hauptpraxis Karmapa ist der König der Yogis in Tibet, der erste bewusst wiedergeborene Lama und Leiter der wichtigsten Kagyü-Schulen Er hält die gesamte Übertragung und den ununterbrochenen Erleuchtungsstrom aller Buddhas
Um ihn herum befinden sich die Lamas der Linie; sie umfasst die grossen Meister Indiens und Tibets bis zum heutigen Tag Die verschiedenen Inkarnationen Karmapas füllen das mittlere Feld, zusammen mit all jenen, die seit 1193 zwischen den Karmapas die Überlieferung gehalten haben Ganz oben, in der Spitze des Baumes, ist nochmals Diamanthalter, die zeitlose Erleuchtung selbst
Buddha Shakyamuni zeigt sich hier in seiner tantrischen Form als Diamanthalter, Ursprung der Kagyü Übertragungslinie Sein Schmuck drückt die grosse Freude der Erleuchtung aus Die Glocke in seiner Hand steht für den weiblichen Aspekt, Buddhas Rede und Körper, den Raum und dessen intuitive Weisheit, während der Dorje die männliche Seite zeigt, Freude und Mitgefühl, geschickte Mittel und den Buddha-Geist
Unterhalb von Diamanthalter können zwei verschiedene Übertragungslinien dargestellt sein: Entweder wird die Überlieferung der „Sechs Lehren" gezeigt, dann erscheinen Tilopa, Naropa, Marpa, Milarepa, Gampopa und der erste Karmapa, Düsum Khyenpa Bei der Praxis der Verbeugungen jedoch nehmen wir Zuflucht zur Mahamudra-Übertragungslinie Sie beginnt mit den indischen Mahasiddhas Ratnamati, Saraha, Nagarjuna, Shavaripa und Maitripa und setzt sich über Marpa fort, der sowohl die „Sechs Lehren" als auch die Belehrungen zum Grossen Siegel von Indien nach Tibet brachte Auf ihn folgen wieder Milarepa, Gampopa und der erste Karmapa Von allen Lamas der Linie strahlt Segen auf uns, öffnet uns, beseitigt Hindernisse und Zweifel und gibt uns Vertrauen und Geborgenheit
Trang 23Verbeugungen
Für unsere Entwicklung gibt uns die Zuflucht nicht nur Segen, sondern auch direkte Inspiration Diese zeigt sich im Zufluchtsbaum als die Formen der Yidams, die sich auf dem Ast befinden, der zu uns zeigt „Yi" bedeutet Geist und „dam" Band
Es sind Manifestationen verschiedener Erleuchtungszustände, mit denen unser Geist eine direkte Verbindung hat Sie zeigen uns all unsere störenden Gefühle, sei es Hass, Begierde oder Verwirrung, auf einer erleuchteten Ebene In unseren Meditationen verschmelzen wir mit den Yidams und werden auf
Trang 24ihre reine Erlebnisebene gehoben Unsere alten, an alltägliche Körper- und Sinneserfahrungen gebundenen Gewohnheiten verschwinden immer mehr und der „Abfall" unserer störenden Gefühle wird zum Nährboden der Erleuchtung
Die Hauptyidams der Kagyü Linie sind Höchste Freude in Vereinigung, Diamantsau, Weisse Befreierin und Mächtiger Ozean in Vereinigung Der erste ist in stehender Vereinigung mit Diamantsau Er trägt ein Tigerfell um die Hüfte, ein Elefantenfell liegt über der Schulter, schaut halb zornvoll und drückt die strahlende überpersönliche Freude des Raumes aus
Die rote, weibliche, tanzende Form von Diamantsau zeigt die Offenheit, Durchsichtigkeit und spielerischen Eigenschaften des Geistes Die Vereinigung der beiden drückt die Untrennbarkeit von Raum und Freude aus
Der Ast, der von uns aus gesehen nach links zeigt, trägt die Buddhas Sie erscheinen auf verschiedenen Abbildungen in unterschiedlicher Anzahl Zehn Buddhas stehen für die Buddhas der zehn Richtungen: Das sind die vier Himmelsrichtungen, die vier Zwischenrichtungen sowie oben und unten Drei Buddhas symbolisieren die Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und werden mit schützender, lehrender und erdberührender Geste dargestellt Manchmal ist nur ein einziger Buddha abgebildet, der dann die Buddha-Essenz, der leuchtende, klare, unbegrenzte Zustand höchster Freude ist
Hinter dem Zufluchtsbaum zeigt ein Ast von uns weg, auf dem sich die Belehrungen befinden Sie führen uns zur Erleuchtung und erscheinen entweder in Form des Kangyur, der die mündlichen Belehrungen des Buddha enthält, oder in Form von drei Büchern, die die Lehren des Kleinen Weges, des Grossen Weges und des Diamantweges enthalten Erscheint nur ein Buch,
so enthält es die Essenz aller Belehrungen Wir können uns auch eine schöne, gelbe, weibliche Buddha-Form vorstellen, Befreiende Höchste Weisheit Sie hält die zwei mittleren Hände in Meditationsstellung, in der äusseren rechten Hand hält sie einen Diamant und in der äusseren linken das Buch der Weisheit
Trang 25Der Ast, welcher von uns aus gesehen nach rechts zeigt, trägt die Sangha, die Freunde auf dem Weg Er besteht aus den Bodhisattvas, den Buddha-Energien, die auf Grund ihrer Wünsche als Ausstrahlungen wiedergeboren werden, um den Wesen zu helfen Sie sind unsere Begleiter auf dem Weg Buddhas und Bodhisattvas einstufen zu wollen, hat nicht viel Sinn Sie sind erleuchtete Energien, die sich in unterschiedlicher Weise zeigen Stehen sie für das Ziel — den erleuchteten Geisteszustand —, sind sie Buddhas, begleiten sie uns auf dem Weg, sind sie Bodhisattvas
Der erste Bodhisattva ist Liebevolle Augen, die gesamte Liebe und das grosse Mitgefühl aller Buddhas Er erscheint in seiner zweiarmigen Form, mit Einweihungsvase und Lotosblüte, Neben ihm ist Weisheitsbuddha, die höchste verstandesmässige Weisheit der Buddhas Er ist orange, hält in der rechten Hand ein doppelschneidiges Schwert, mit dem er alle Unwissenheit durchtrennt, und in der linken eine Lotosblüte, auf der ein Buch liegt, das alle Weisheit enthält Der dritte Bodhisattva ist Diamant-in-der-Hand Er erscheint meist in seiner tiefblauen, kraftvollen Form mit Dorje und Kraft-Mudra Er trägt den Juwelenschmuck und zeigt die Energie der Erleuchtung Ab und zu sehen wir ihn auch in seiner friedvollen Form von hellblauer Farbe mit Dorje und Glocke Neben diesen drei Formen werden auch oft fünf weitere Mahabodhisattvas dargestellt, aber es genügtsich nur Liebevolle Augen vorzustellen
Diese Erleuchtungsenergien zeigen sich aber auch in den Aktivitäten unserer Freunde, die die Zentren aufbauen Sie haben Vertrauen, entwickeln ihren Geist zum Besten anderer und geben uns die Möglichkeit für Entwicklung Sie sind die buddhistische Gruppe und unsere unmittelbare Zuflucht
Unterhalb der Stelle, an der sich der goldene Stamm in vier silberne Äste teilt, bilden die Schützer ein vibrierendes, schwarzblaues, leuchtendes Kraftfeld Hier lodern Flammen auf, die Laute „Hung" und „Djo" erschallen, und Hauzähne blitzen; Kraft und Schutzfähigkeit kommen in grossen Wellen auf uns zu Die Schützer sind Buddhas, die sich zorn- und kraftvoll
Trang 26ausdrücken, um Hindernisse und Leiden von uns fernzuhalten Sie haben alle ein Weisheitsauge auf der Stirn, was sie von Dämonen und schädlichen Energien unterscheidet Der Hauptschützer unserer Linie ist der zweiarmige Schwarze Mantel Seine Energie ist so stark, dass man sie nicht direkt benennen kann, sondern mit ihren Attributen umschreibt Sein Kopf nimmt ein Drittel seiner gesamten Grösse ein Seine Augen sind blutunterlaufen, sein Mund ist aufgerissen und wir sehen seine grossen Hauzähne Seine Arme sind mächtig, er trägt Knochenornamente und in seiner rechten Hand hält er ein Haumesser, mit dem er alles Hinderliche und Kleinliche abschneidet Seine linke Hand hält die Schädelschale mit dem Lebensblut des Ego Mit seinen kraftvollen Beinen zertritt er die Formen von Anhaftung und Widerwillen Die Sonnenscheibe unter ihm bedeutet höchste erweckte Weisheit und die Flammen um ihn zeigen die Intensität seines Mitgefühls Er erscheint alleine oder auf einem Maultier sitzend, in Vereinigung mit Strahlende Göttin Mit ihm ist ein Gefolge anderer Schützer, wie der vierarmige und der sechsarmige Grosse Schwarze, Bester Diamant, Schützer der Reinen Länder und andere, die Körper und Rede schützen
Zu diesem Kraftfeld aus Licht und Energie der Erleuchtung nehmen wir Zuflucht, öffnen uns mit Körper, Rede und Geist und verbeugen uns Stellen wir uns dabei uns selbst in hundert- oder tausendfacher Form vor, verstärken wir den Eindruck in unserem Geist noch Das ständige Sich-Öffnen für die Erleuchtung legt ein festes Fundament für unsere künftige Praxis
Leicht sind die Verbeugungen nicht und das Ego findet viele Gründe dafür, sie gerade jetzt nicht zu machen Das einzig effektive Mittel dagegen ist die Macht der Gewohnheit
Nach den Verbeugungen setzen wir uns in den Meditationssitz Vor der gesamten Zuflucht nehmen wir uns fest vor, zum Besten aller Wesen schnell erleuchtet zu werden Danach gehen wir den weiteren Text durch Wir sind jetzt Buddhas Söhne und Töchter geworden und versprechen, den guten Stil der Familie zu wahren Die darauffolgenden, abschliessenden Wünsche erwecken in vollkommener Weise den Erleuchtungsgeist Die so genannten
Trang 27„Vier Unermesslichen" entwickeln grenzenlose Liebe, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut für alle Wesen
Gleichmut ist nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit, die auf einem falschen Verständnis des Geistes beruht: Besonders im Westen sehen wir den Geist bestenfalls als etwas Neutrales, oft jedoch als etwas gefährlich Unvollkommenes Mit dieser Einstellung werden wir gleichgültig oder erwarten ständig etwas Unangenehmes Deshalb müssen wir umdenken und verstehen, dass der Geist Liebe und Offenheit ist, dass er in vollkommener Weise alle Wesen umfasst
Mit dem letzten Satz des Textes löst sich der Zufluchtsbaum in Licht auf und verschmilzt mit uns und allen Wesen, ebenso wie Wasser in Wasser fliesst und untrennbar eins wird
Es gibt zwei verschiedene Arten der Auflösung Entweder löst sich der Zufluchtsbaum vom äusseren Rand bis zur Mitte hin in Licht auf, welches mit Karmapa als Diamanthalter verschmilzt Dann löst er sich in Licht auf und verschmilzt mit uns Oder aber der Zufluchtsbaum löst sich in umgekehrter Reihenfolge als beim Aufbau auf, das heisst die Schützer in die Bodhisattvas, diese in die Bücher, diese wiederum in die Buddhas, die Buddhas in die Yidams und diese schliesslich in die Lamas Die gesamte Linie verschmilzt dann mit Karmapa, der schliesslich als Regenbogenlicht in unser Herz kommt
In diesem Zustand verweilen wir für einige Zeit Wir ruhen im Geist und sind selbst zur Zuflucht geworden; unser Geist ist grenzenlos und jenseits von Hoffnung und Furcht Diese letzte Stufe macht noch einmal deutlich, dass die Verbeugungen mehr als reine Gymnastik sind Das Verschmelzen der Aspekte der Zuflucht mit uns macht sie zu einem Weg ins Grosse Siegel Dadurch verstehen wir allmählich, dass die letztendliche Zuflucht das wahre Wesen unseres Geistes ist
Dann widmen wir die guten Eindrücke, die durch die Praxis entstanden sind, allen Wesen, damit sie frei von Leiden werden und das Glück erleben, das niemals mehr vergehen kann, das Glück von der Erkenntnis der Natur des eigenen Geistes
Trang 28Gehen wir dann unseren alltäglichen Dingen nach, versuchen wir, das Gefühl von uns selbst als Zuflucht aufrechtzuerhalten Wir erleben alles um uns herum als Reines Land auf der höchstmöglichen Ebene, bis wir wieder Zeit für formale Praxis haben
Um den Inhalt zu verstehen, machen wir die Meditation in unserer Sprache, jedoch sollten wir hin und wieder den tibetischen Text lesen, da vor uns so viele Wesen in dieser Sprache praktiziert haben und sie deshalb Segen trägt Die sechs Zeilen der Zuflucht können entweder auf deutsch oder tibetisch gesprochen werden Manchmal lässt sich eine Unterbrechung während der Übung nicht vermeiden, sei es, dass wir zur Toilette müssen oder, dass das Telefon klingelt Sind diese Unterbrechungen nur kurz, so können wir dort weitermeditieren, wo wir aufgehört haben Dauern sie jedoch länger, so ist unsere Konzentration auf die Zuflucht unterbrochen und wir sollten von vorn beginnen Im Allgemeinen heisst es, dass das Sitzkissen warm bleiben sollte
Es gibt mehrere Möglichkeiten die Verbeugungen, die man 111.111 macht, zu zählen Am besten eignet sich sicherlich eine kleine Hand-Mala Sie besteht aus siebenundzwanzig Perlen und für jede Verbeugung zählen wir eine Perle Die Tibeter bevorzugten Steine oder Münzen und das Modernste sind kleine Zählwerke, wie sie für Verkehrszählungen verwendet werden Technische Neuerungen sind willkommen, solange keiner das Verbeugungsbrett erfindet, das sich selbst auf und nieder bewegt Wir sollten aber nach Möglichkeit unseren Körper vor überflüssigen Schwierigkeiten schützen Die Unterlage, auf der wir uns verbeugen, sollte glatt sein, Kissen sollten Knie und Bauch, Handschuhe oder Socken unsere Hände schützen Einige denken vielleicht, dass das Zählen die Konzentration und Hingabe stören würde, das ist jedoch nicht der Fall Es zeigt uns unbestechlich, wo wir stehen, und spornt uns zu mehr Leistung
an
Das waren die Verbeugungen, die vor allem die Reinigung des Körpers und den Aufbau von nützlichen Eindrücken bewirken
Trang 29In den drei unteren Tantra-Klassen, deren Übungen sich vor allem auf die Weisheit und das Potenzial der Erleuchtung konzentrieren, ist oft der Buddha Vairocana im Mittelpunkt des Mandalas Konzentrieren wir uns jedoch in der höchsten Tantra-Klasse auf die Energie und Kraft der Erleuchtung, dann ist Diamantgeist, der untrennbar von Diamanthalter ist, die zentrale Figur Er kann sich
in vielen verschiedenen Formen manifestieren: allein, in fünf oder
in hundert Ausstrahlungen, in allen fünf Weisheitsfarben, in Vereinigung, als Ausdruck grosser Freude wie Höchste Freude oder kraftvoll schützend wie Diamantdolch Ich kenne keinen Aspekt, der durch so viele Meditationen zu verwirklichen ist, deren letztendliches Ziel die Umwandlung der bedingten Welt in ein Reines Land ist Es ist vergleichbar mit einem Haus, das mehrere Eingänge hat: Gleichgültig, durch welche Tür man eintritt, das Haus bleibt dasselbe
Trang 30Diamantgeist
In der Meditation auf Diamantgeist als Teil der Grundübungen wird vor allem der Aspekt der grundlegenden Reinigung betont, und deshalb konzentrieren wir uns auf seine nichtvereinigte, friedliche Form Die Essenz der Meditation ist die Umwandlung von Hass, Zorn und Widerwillen in „spiegelgleiche Weisheit" Diamantgeist ist der aktive Aspekt des Buddha, der Unerschütterliche, der in den fünf Buddha-Familien diese Form der Weisheit ausdrückt Hass und Zorn sind die störendsten Gefühle und unser grösster Feind Begierde scheint sich wenigstens kurzfristig befriedigen zu lassen, aber Hass und Zorn verfärben das ganze Erleben, bringen schädliche Bedingungen zusammen und führen zu Angstzuständen, Unfällen oder
Trang 31Krankheiten Nach dem Tod verdichten sich dann diese Gefühle
zu Erlebnissen von unerträglicher Hitze oder Kälte Das Wichtigste für die Reinigung unseres Unterbewusstseins ist, diese Gefühle von Hass und Zorn zu beseitigen, sie durch die Diamantgeist-Meditation in einen spiegelgleichen, klaren Geisteszustand umzuwandeln
Während wir das Mantra sagen, kommt eine Vielzahl von Eindrücken hoch, vergleichbar mit einem zoologischen Garten, in dem wir den unglaublichsten Wesen begegnen können Die zu reinigenden Eindrücke sind längst vergessene Handlungen aus früheren Lebenszeiten Dass wir sie jetzt erleben, bedeutet, dass sie dabei sind sich aufzulösen, und wir können anfangen, uns über alles, was bei der Praxis hochkommt, zu freuen Es ist so wie bei einer völlig misslungenen Party, bei der die unmöglichen Gäste endlich gehen: Wir fühlen uns beim Abschied erleichert Wir lernen immer mehr diese Zustände als Befreiung zu erleben und bekommen das Gefühl uns frei im Raum bewegen zu können Die Welt verliert an Leid und Einengung und strahlt in ihrer Offenheit und Klarheit
Die Reinigungsprozesse können sich auch in unseren Träumen niederschlagen, in denen wir zum Beispiel mit schwarzen Riesen ringen, Milch trinken oder Tinte erbrechen Über die nützlichen Gefühle, die jetzt entstehen, können wir uns noch mehr freuen, denn Furchtlosigkeit, Freude und Mitgefühl drücken das zeitlose Wesen des Geistes aus Sie erscheinen umso klarer, je mehr Schleier wegfallen, denn der Geist ist reicher und liebevoller als alles, was wir uns vorstellen können
Die Praxis arbeitet mit mehreren Mitteln zugleich: Sowohl mit der Schwingung des hundertsilbigen Mantras, von dem jede Silbe eine reinigende Buddha-Energie herbeiruft, als auch mit der Konzentration auf Diamantgeist und den weissen Nektar, der uns durchströmt Dadurch ändert sich ganz allmählich das Körpergefühl, und neue Bewusstseinsprozesse werden erlebt Wie bei allen kraftvollen Diamantweg-Meditationen gibt es eine
Trang 32Entstehungs- und eine Vollendungsphase, die tiefe innere Wirkungen auf uns ausüben
Nach den Vier Grundlegenden Gedanken, der Zuflucht und dem Wunsch, Erleuchtung zum Besten aller Wesen zu erlangen, stellen wir uns für die Meditation auf Diamantgeist uns selbst in unserem normalen Körper vor Über unserem Kopf erscheint eine geöffnete weisse Lotosblüte Im Buddhismus ist sie das Symbol für Reinheit, denn obwohl sie im Schlamm verwurzelt ist und sich von ihm ernährt, öffnet sie sich an der Wasseroberfläche zu einer makellos reinen Blüte voller Schönheit Sie ist ein Sinnbild dafür, dass selbst die störendsten Gefühle zur Grundlage für unsere Erleuchtung werden können Indem wir sie umwandeln, kann etwas völlig Reines daraus entstehen In dieser geöffneten Lotosblüte oberhalb unseres Kopfes erscheint dann eine Mondscheibe Sie ist strahlend, kristallklar und symbolisiert die zeitlose Klarheit des Geistes Für die Tibeter ist der Mond etwas sehr Klares, denn sie kannten damals noch keine Luftverschmutzung, und in über viertausend Metern Höhe strahlt der Mond fast ebenso hell wie die Sonne
Lotosblüte und Mondscheibe bilden den Sitz für Diamantgeist, dessen strahlende Energieform schön und durchsichtig oberhalb unseres Kopfes erscheint Seine rechte Hand hält senkrecht einen goldenen Dorje am Herzen und seine linke eine silberne Glocke, deren Öffnung nach oben zeigt, an seine Hüfte Sein Kopf ist leicht zur Seite geneigt und er lächelt sanft Er trägt den Schmuck und die Seidengewänder, die die Vollkommenheit und Freude der Erleuchtung ausdrücken Ein Drittel des Haares trägt
er als Knoten auf dem Kopf, das übrige fällt frei über die Schultern Die fünffarbigen Seidenstoffe um die Hüften zeigen die tantrischen Fähigkeiten Er sitzt nicht im vollen Lotossitz, der absoluten Versenkung, sondern sein rechtes Bein ist leicht nach vorn gestreckt in der aktiven Stellung und er schaut in die gleiche Richtung wie wir Dies ist der kurze Aufbau für die tägliche Praxis
In einigen traditionellen Kommentaren ist ein ausführlicherer Aufbau beschrieben Haben wir jedoch völliges Vertrauen darin, dass Diamantgeist das Wesen des Raumes selbst ist, und dass
Trang 33er in dem Moment, in dem wir an ihn denken, wirklich da ist, dann können wir ihn auch in einem Augenblick entstehen lassen
Von Diamantgeist strahlt Licht zu allen Buddhas und Bodhisattvas aus allen Zeiten und Richtungen Wenn sein Licht sie berührt, werden sie selbst zu Formen von Diamantgeist Gross wie Berge und klein wie Staubkörner fallen sie aus allen Richtungen in Diamantgeist oberhalb unseres Kopfes und verschmelzen mit ihm; er ist jetzt die reinigende Essenz aller Buddhas
Dann wünschen wir ganz stark, gereinigt zu werden Diejenigen, die schon einige Zeit praktiziert haben, können hierfür den Originaltext machen, in dem man um die Reinigung aller gebrochenen Versprechen bittet Das bezieht sich auch auf solche, die uns nicht bewusst sind Wir sollten das möglichst intensiv wünschen, und zwar so, dass wir an unsere vergangenen schädlichen Handlungen denken und äussere, innere und geheime Ebenen miteinschliessen Wir können auch an alle Wesen denken, denen wir in all unseren Lebenszeiten geschadet haben und ihnen alles Gute wünschen
Durch die Kraft dieser Wünsche entsteht im Herzen von Diamantgeist, mitten im Körper, eine kleine Mondscheibe Auf ihr steht in der Mitte ein weisser Buchstabe Hung, so fein, wie mit einem Haar gemalt Je kleiner wir uns das vorstellen können, umso stärker wird die Vertiefung Es ist wichtig zu verstehen, dass Diamantgeist nicht mit unseren Augen gesehen wird, sondern mit der Klarheit unseres Geistes Der Begriff
„Visualisierung" ist irreführend bei einem Bewusstsein, das bei vielen von uns ohne „sichtbare" Bilder arbeitet Tatsächlich wäre
„Wissen" oder „Kennen" ein besseres Wort für diejenigen, die direkt durch Abstraktion erkennen, ohne dass Bilder im Geist entstehen Um den Buchstaben Hung herum steht, gegen den Uhrzeigersinn angeordnet, das hundertsilbige Mantra Wir stellen
es uns als offene Lichtspirale vor, die, vom Hung ausgehend, in zweieinhalb Windungen den Rand der Mondscheibe erreicht
Trang 34Die Mantm-Spirale im Herzen von Diamantgeist
Wenn wir anfangen, das Mantra zu wiederholen, erwacht die grenzenlose Liebe von Diamantgeist Die Mantra-Spirale beginnt sich im Uhrzeigersinn zu drehen, und aus dem zentralen Hung in der Mitte der Mondscheibe strömt strahlend weisser Nektar Dieser wird von der Spirale in alle Richtungen geschleudert und füllt Diamantgeist ganz auf Aus seiner rechten grossen Zehe strömt der weisse Nektar durch unseren Kopf in uns hinein und aussen an uns herab:
Om Bensa Sato Samaya / Manu Palaya / Bensa Sato
Tenopa / Titta Dri Do Me Bhawa / Suto Kayo Me Bhawa / Supo Kayo Me Bhawa / Anu Rakto Me Bhawa /
Sarwa Siddhi Memtra Yatsa / Sarwa Karma Sutsa Me /
Tsitam Shri Ya Kuru Hung / Haha Haha Ho Bhagawen / Sarwa Tathagata Bensa Ma Me Mündsa / Bensi Bhawa Maha
Samaya Sato Ah
Nun beginnt die Reinigung: Wir können sie uns vorstellen als eine riesige Waschanlage, in der alles Schädliche, was wir jemals getan, gesagt oder gedacht haben, als Tinte, Russ und Rauch aus uns herausgeschwemmt wird Aus den Poren der Haut, dem
Trang 35After und den Fusssohlen wird alles Dunkle und Klebrige herausgepresst und von dem Nektarstrom, der an uns herabfliesst, weggespült Verborgene Krankheiten verlassen uns als Blut und Eiter Wir können uns auch vorstellen, wie verletzende Worte sich in unserer Kehle auflösen und störende Eindrücke wie Kohlestücke aus unserem Herzen herausfallen Ständig fliesst der reinigende Nektar durch und über uns Unter uns öffnet sich die Erde und alles Schädliche fliesst dort hinein Wer glaubt, dass seine Störungen von äusseren Ursachen herrühren, kann sich diese als Dämonen vorstellen, die unter ihm sitzen und gierig Nektar und Negativität aufsaugen und damit glücklich davongehen So werden alle Schulden getilgt, die Verbindung wird aufgelöst und die Dämonen erhalten den Segen des Nektars Wer jedoch Leiden als das Ergebnis eigener Handlungen versteht, sollte einfach alles in die Erde fliessen und sich dort auflösen lassen
Während wir das hundertsilbige Mantra wiederholen, wandert unsere Aufmerksamkeit von der Form von Diamantgeist zu seinem liebevollen Gesicht, zu Dorje und Glocke, zur Mondscheibe mit Mantra-Spirale und Hung im Zentrum oder zum Nektarstrom, der durch uns hindurchfliesst, in die Erde hineinströmt und sich dort auflöst Unser Körper wird immer mehr
zu einer Form aus kristallklarem Licht
Es gibt vier Kräfte, die die Reinigung noch verstärken Sie sind alle enthalten in dem Wunsch sich von allem schädlichen Karma
der Entschluss, Schädliches nicht zu wiederholen, und
das Bestreben die gegenteiligen nützlichen Handlungen auszuführen
Trang 36Diese vier Kräfte werden in anderen Texten in verschiedener Reihenfolge aufgeführt, der Sinn ist jedoch der gleiche
Nachdem wir das lange Mantra so oft wiederholt haben, wie wir
es wünschen, machen wir jetzt das kurze Mantra „Om Bensa Sato Hung" Die Erde unter uns, die Poren unserer Haut und die Körperöffnungen schliessen sich wieder Wir erleben, wie wir nach und nach mit Nektar aufgefüllt werden wie ein Kristallgefäss,
in das Milch gegossen wird, bis der Nektar sogar oben an unserem Kopf austritt und Diamantgeists Fuss berührt Unser Körper ist strahlend und rein und wir verweilen in diesem Zustand Dann wünschen wir stark, dass wir wirklich von allem Schädlichen gereinigt sein mögen Diamantgeist lächelt und sagt: „Liebe Töchter und Söhne aus der guten Mahayana-Familie, alles Schädliche von euch und allen Wesen ist gereinigt Das verspreche ich euch." Dann löst er sich in Licht auf, strömt in uns hinein und wir werden untrennbar eins
Wir verweilen in der Einheit mit ihm Alles ist sein Reines Land, alle Wesen sind Diamantgeist in den fünf Weisheitsfarben, alle Laute sind sein Mantra und alle Gedanken seine Weisheit Diesen Zustand versuchen wir so gut wie möglich aufrechtzuerhalten, bis wir wieder Zeit für die formale Praxis haben Abschliessend verteilen wir das Verdienst, damit alle Wesen die Ebene von Diamantgeist erreichen können
Bei dieser zweiten Grundübung wiederholen wir das lange Mantra 111.111 mal Wir können es schnell sprechen, sollten jedoch sicher sein, dass dabei keine Silbe verlorengeht, da jede von ihnen eine Buddha-Familie aktiviert
Trang 37Mandala-Gaben
Die ersten beiden Übungen machen uns unsere Lage bewusst, öffnen uns für die Zuflucht und den Erleuchtungsgeist und reinigen Körper, Rede und Geist
Was geschieht, wenn unsere Ganzheit gereinigt ist? Es entsteht Raum, der bereit ist neue Eindrücke aufzunehmen Durch die Wiederholung der Mandala-Gaben füllen wir ihn jetzt mit innerem Reichtum Dieser bringt den geistigen Überschuss, der das Leben zur Freude macht und uns die Grundlage dafür gibt, den Wesen wirklich helfen zu können Erlauben wir uns ein Gefühl von Armut, glauben wir, alles für uns selbst zu brauchen, sind unsere Mittel bald erschöpft Entscheiden wir uns hingegen für einen reichen Geist, gehört uns bald die ganze Welt und alles ist im Überfluss vorhanden
Der Geist ist kein Ding Er ist grenzenloser Raum, und nichts, was wir hinzufügen, kann sein absolutes Wesen verändern Da er jedoch auf relativer Ebene an seinen Eindrücken, Projektionen und Ideen haftet, ist es so wichtig nützliche Inhalte hinzuzufügen Dies geschieht auch hier durch gezielte Arbeit mit Körper, Rede und Geist: Unser Geist konzentriert sich auf das Schönste und Kostbarste, was wir uns vorstellen können, und verschenkt es ohne Anhaftung Unsere Rede wiederholt die kurzen und langen Wünsche, während wir die sieben und siebenundreissig Reishäufchen auf die Mandala-Scheibe setzen und sie wieder wegwischen
Die Mandala-Gaben bringen uns sowohl glückbringende Eindrücke als auch Weisheit Das Erste geschieht durch die Konzentration auf riesigen Reichtum und das Zweite durch die Einsicht, dass Geber, Gabe und Empfänger Bestandteile derselben Ganzheit sind Geopfert werden zwei Welten: Bei den kleinen Mandalas schenken wir alles, was uns selbst bedeutungsvoll und kostbar erscheint, was wir selbst anziehend finden Bei den langen Siebenunddreissig-Punkte-Gaben ist es ein Universum nach der überlieferten indischen Tradition mit allen
Trang 38wunscherfüllenden Dingen, die ein Weltenherrscher besitzt Auch wenn uns das am Anfang sehr exotisch vorkommt und unser kritischer Verstand sich gegen die kulturfremden Symbole wehrt, können wir dennoch sicher sein, dadurch die erwünschten Ebenen des Geistes zu erreichen
Für diese Übung brauchen wir einige Dinge: weissen, polierten Reis (wenn möglich Langkornreis, der haltbarer ist als Rundkornreis), den wir mit Lebensmittelfarbe den Buddha-Familien entsprechend färben und dem wir kleine Halbedelsteine, bunte Glasperlen oder Muscheln beimischen können, wodurch unser Reis kostbarer wird Je schöner wir es nach unseren Möglichkeiten machen, desto mehr werden unsere Freude an dieser Praxis und das Verdienst wachsen Wir alle kennen das angenehme, reiche Gefühl, wenn wir am Strand den weichen Sand durch die Finger rieseln lassen oder als Bauer oder Goldgräber in früheren Existenzen mit offenen Händen in Korn oder Goldstaub gegriffen haben
Den Reis, den wir für die Mandalas verwenden, bewahren wir in einem grossen Tuch auf, das während der Meditation auf unserem Schoss liegt Da immer wieder Reis danebenfällt, fügen wir täglich etwas neuen hinzu Während der schon vorhandene Reis den Segen hält, bringt der neue Frische Bei dieser Praxis ist Sauberkeit sehr wichtig Als Hannah und ich diese Übung im Himalaya machten, war es üblich, ein Tuch vor den Mund zu binden, damit kein schlechter Atem die Gaben streifte Dies ist vielleicht im Westen nicht notwendig, aber wer Knoblauch und Zwiebel isst, sollte immer noch nach Cowboyart ein Tuch vor den Mund binden und vor der Praxis die Zähne putzen
Dann benötigen wir zwei Mandala-Scheiben Die kostbarere, grössere oder schönere von beiden verwenden wir für das Mandala, auf dem wir mit fünf Reishäufchen die Zuflucht darstellen Hierfür können wir zum Beispiel einen Silberteller verwenden, den wir vor uns auf den Altar stellen Besitzen wir nur eine Scheibe, stellen wir uns das Mandala nur vor Auf der zweiten Scheibe machen wir die eigentliche Übung Sie sollte nicht zu gross oder zu schwer sein, da wir sie, zusammen mit der
Trang 39Mala, die ganze Sitzung über in der linken Hand halten Normalerweise verwenden wir eine konvexe Scheibe mit ca fünfzehn Zentimeter Durchmesser und einem etwa vier Zentimeter breiten Rand Die meisten Scheiben kommen heute aus dem indischen Himalaya oder aus Nepal Wir halten die Mandala-Scheibe in der linken Hand und reinigen zuerst die Oberfläche, indem wir mit der Innenseite des rechten Handgelenks dreimal im und einmal gegen den Uhrzeigersinn am Rand der Scheibe entlangfahren Dabei sagen wir einmal das hundertsilbige Diamantgeist-Mantra und stellen uns vor, dass alle äusseren und inneren Unreinheiten und Schleier von uns und allen Wesen gereinigt werden Dann sagen wir das Mantra „Om Bensa Bhumi Ah Hung" und besprenkeln dabei die Scheibe mit Duftöl oder Safranwasser Das ist der Tau der Erleuchtung, der unser Speicherbewusstsein segnet
Buddha lehrte je nach dem Karma seiner Schüler verschiedene Sichtweisen des Universums Hier verwenden wir die des Abhidharma Da der Zustand des Grossen Siegels jenseits von Begriffen ist, ist es nicht so wichtig, welchem Aufbau wir folgen Wesentlich ist die Erfahrung, die wir mit unserem Geist machen Die Scheibe symbolisiert den ursprünglichen Geist, den goldenen Urgrund aller Dinge, bedeckt vom grenzenlosen Ozean und belebt vom Wind Wir sollten dies auf der höchstmöglichen Ebene sehen
Dann nehmen wir etwas Reis in die rechte Hand und ziehen damit, während wir das Mantra „Om Bensa Rekhe Ah Hung" sprechen, einen Kreis gegen den Uhrzeigersinn am Rand der Scheibe entlang Dies ist der Eisenwall, ein magnetisches Feld, welches das Universum zusammenhält Nun kommen wir zu den siebenunddreissig Zeichen des vollkommenen Universums, wie
es die Götter erleben Während wir den Text langsam lesen, setzen wir die entsprechenden siebenunddreissig Reishäufchen auf die Scheibe Viele kennen das schon von grösseren Ermächtigungen, bei denen vorher ein solches Mandala gemacht wird, wobei zusätzlich noch drei Ringe und eine Spitze ähnlich einem Edelstein benutzt werden, um es räumlich aufbauen zu können
Trang 40Die Wirkung der Geschenke reicht tiefer als die vergänglichen Werte wechselnder Kulturen Zeitlose Erfahrungen von Körper und Geist werden berührt, Bedürfnisse befriedigt, die Menschen
zu allen Zeiten und überall haben, und unsere tiefsten Fähigkeiten
zu innerem Reichtum werden erweckt
Was wir im Geist verschenken, ist Ausdruck einer zeitlosen Weisheit und führt zu Erlebnissen, die auch heute wirksam sind Haben wir dieses Vertrauen und lassen wir uns nicht von der Fremdartigkeit stören, wird die Praxis auf allen Ebenen erfolgreich Wir sollten nicht denken, das hier aufzubauende Universum sei die naive Weltvorstellung von Leuten, die noch nicht gereist sind und deshalb glauben, ihr lokaler Berg sei der Mittelpunkt des Universums Die „zentrale" Vorstellungsweise betrifft das innere Erlebnis
Im Raum erscheint so ein Weltsystem in Form eines Diskus, in der Mitte dick, nach aussen hin dünner werdend, in dessen Zentrum der Berg Meru, der Sitz der Götter und Halbgötter, steht
In der Nähe des äusseren Randes liegen die vier Haupt- und die acht Nebenkontinente Dort werden Wesen mit menschenähnlichem Karma wiedergeboren Zwischen dem zentralen Berg und dem Rand liegen sieben Bergketten und sieben Meere, die den Raum zwischen ihnen ausfüllen Das erste Reishäufchen, das wir in die Mitte der Scheibe setzen, repräsentiert den Berg Meru Hier leben die Wesen, die die drei Götterwelten erleben: den formlosen oder abstrakten Bereich, wo
es immer noch die Illusion eines „Ich" gibt, die Formzustände, wo vollkommene Schönheit erlebt wird, und die Bereiche, in denen Wünsche und Bedürfnisse spontan erfüllt werden, aber ständig neue entstehen Am Fusse des Berges leben die Halbgötter, die sich andauernd bekämpfen und sowohl untereinander als auch auf alle Götter neidisch sind Die vier Seiten des Berges bestehen aus Edelsteinen in vier Farben: Der Osten ist aus weissem Kristall, der Süden aus blauem Saphir, der Westen aus rotem Rubin und der Norden aus grünem Smaragd Sie strahlen ihr farbiges Licht aus, Seen und Kontinente spiegeln die Farben jeder Seite wider